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About a Boy: Mörderisches Griechenland

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 01.08.2008 - 00:01

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist entdeckt, dass es nicht nur eine Agentur für Arbeit, sondern auch für Grenzschutz gibt. Die erfindet Grenzschutzoperationen, die nach antiken Mördern und schrecklichen Ungeheuern benannt sind.

"War das nicht oberkomisch?" "Nein."  Foto: RPO
"War das nicht oberkomisch?" "Nein." Foto: RPO

Es gibt zwei Probleme auf dieser Welt: das Internet und Putzmittel.

Aus Langeweile gucke ich mir manchmal Dokumente auf der Homepage des Bundestages an. Dort stieß ich auf ein lustiges Frage- und Antwortspiel zwischen einigen Abgeordneten und der Bundesregierung. Die Grünen-Politiker Josef Philip Winkler, Omid Nouripour und Silke Stokar von Neuforn hatten 38 Fragen zur Teilnahme Deutschlands an Grenzschutzoperationen der EU-Grenzschutzagentur Frontex gestellt.

Frontex ging im Mai 2005 an den Start. Kritiker sagen, sie soll die Europäische Union vor Migranten abschotten, der Rest der Bevölkerung hat noch nie von ihr gehört. Die Grünen nennen auch die Namen der Operationen. Vor allem die griechische Mythologie hat es den Leuten der Frontex angetan.

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Sebastian wartet auf Post unter Sebastiand@rp-online.de.

Herakles war der Sohn des Zeus und ein jähzorniger Bursche, der als Kind seinen Musiklehrer mit der Leier erschlug, weil dieser ihn zu Unrecht getadelt hatte. Später tötete er im Wahnsinn seine Frau und seine Kinder. Wenn ich einer Organisation einen Gefallen tun möchte, die im Verdacht steht, Flüchtlinge nicht ordnungsgemäß zu behandeln, dann benenne ich eine ihrer Operationen nach einem cholerischen Mehrfachmörder. Auch die Operation Poseidon trägt einen sinnvollen Namen. Poseidon war dafür bekannt, bei schlechter Laune mit seinem Dreizack für Erdbeben und Überschwemmungen zu sorgen.

Die Hydra war ein neunköpfiges Ungeheuer, dem zwei Köpfe nachwuchsen, sobald man ihm einen abschlug. Außerdem war Hydra auch der Name für die Bombardierung der britischen Luftwaffe auf die deutsche Heeresversuchsanstalt Peenemünde im Zweiten Weltkrieg 1943. Da macht die Überfahrt von Afrika nach Europa gleich doppelt soviel Spaß. Ich konnte nicht glauben, dass die Frontex-Leute so unsensibel waren.

An einem Sonntagabend hatte ich das Gefühl, das Wochenende nicht genutzt zu haben, also putzte ich das Bad. Das Bad war klein, mein Vorrat an Putzmitteln groß. Die Etiketten wiesen auf sparsame Dosierung hin, ich hielt das für übertrieben. Nach der Arbeit war ich minutenlang verwirrt. Vielleicht hatte ich das Putzmittel getrunken.

Ich denke, die Frontex-Jungs saßen beim Brainstorming, um sich Namen für die Operationen auszudenken. Niemandem fiel etwas ein, also sagte der Chef: Denkt mal zuhause drüber nach. Nur hatte sich der Großteil der Namensausdenker-Truppe für den Feierabend vorgenommen, das Bad zu putzen. Wer danach einen Blick ins Mythologie-Lexikon warf, verwechselte leicht die guten mit den nicht so guten Sagengestalten.

Es geht noch weiter. Die Bundesregierung antwortet auf die 38 Fragen. Die häufigsten Antworten sind „Siehe Antwort zu Frage 1“, „Es wird auf die Antwort zu Frage 7“ verwiesen, einmal fasst die Regierung die Antwort auf die Fragen 14 bis 19 einfach zusammen: „Siehe Antwort zu Frage 13“. In der Antwort zu Frage 13 steht, dass der Bundesregierung keine Erkenntnisse vorliegen.

Ich habe zunächst gedacht, dass die Bundesregierung keine Lust hatte, auf so viele Fragen zu antworten. „Och ne, nicht schon wieder Silke Stokar von Neuforn, diese Berufs-Populistin.“ Ich dachte an Putzmittel, aber Mitglieder der Bundesregierung müssen nicht selbst putzen. Dann las ich einen Artikel in dem US-Magazin Atlantic Monthly, der sich mit der Frage beschäftigte, ob das Internet uns blöd mache. Dort schreibt der Journalist Nicholas Carr, dass das Internet dafür sorge, dass wir nur noch kurze Texte lesen könnten und das vielleicht unser Gehirn veränderte.

Als also Silke Stokar von Neuforn und Konsorten ihre Endlos-Fragen vorlegten, war die Bundesregierung wegen Dauer-Googlens wahrscheinlich nicht mehr fähig, so viel Text auf einmal zu lesen. Also dachte sie sich drei Antworten aus und setzte sie nach dem Zufallsprinzip ein. Oder sie formulierte die Frage einfach in eine Antwort um. Frage: „Wie werden deutsche Beamtinnen und Beamte auf ihre Einsätze im Rahmen von Frontex vorbereitet?“ Antwort: „Die Vorbereitung der Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei auf gemeinsame Einsatzmaßnahmen erfolgt im Rahmen einsatzbezogener Einweisungen.“ Die Bundesregierung war also unschuldig an ihren Antworten. Mehr war nicht möglich.

Silke Stokar von Neuforn hat auf ihrer Homepage das „von Neuforn“ weggelassen. Das ist so billig.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.


 
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