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About a Boy: Nu Metal – wir waren ja so wütend

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 16.12.2011 - 10:27

Um die Jahrtausendwende hielten wir die Mischung aus Metal und Rap für die Zukunft. Aus unerfindlichen Gründen existieren die wichtigsten Vertreter des Genres noch immer. Gerade haben die Urväter Korn ein neues Album veröffentlicht – leider. Zeit, den Nu-Metal endgültig zu beerdigen.

Korn – die Band ohne Friseur. Foto: Foto: Label
Korn – die Band ohne Friseur. Foto: Foto: Label

Es wäre niemals so weit gekommen, wenn wir damals auf diesen Typen aus North Carolina gehört hätten. Der ironische Popmusiker Ben Folds veröffentlichte im Jahr 2001 den Song „Rockin’ The Suburbs“ und machte sich darin über unsere weiße, wütende Mittelschichtmusik lustig, indem er unsere Perspektive einnahm:

„Ya'll don't know what it's like // being male, middle class and white // it gets me real pissed off and it makes me wanna say fuck“

Doch wir kannten den Song nicht, wir hörten ja bloß unsere weiße wütende Musik, die wir auch Nu Metal nannten und die wir so ehrlich fanden wie sonst nur uns selbst. Damals hätten wir auf „Rockin’ The Suburbs“ bloß erwidert: „Der versteht ja so nicht, worum es uns geht.“ Heute verstehen wir es selbst nicht mehr. Das zehnte Album der Nu-Metal-Erfinder Korn ist soeben erschienen und es ist furchtbar, richtig richtig furchtbar, und wir versuchen zu begreifen, warum wir uns damals, um die Jahrtausendwende, über diese Musik definierten. Warum wir damals nicht sahen, dass die Musik so wirkte wie Filme aus den 80ern, die im Jahr 2050 spielen.

Wir wohnten in Neubaugebieten

Auf jeden Fall waren wir wütend. Wir waren verdammt wütend. Dabei ging es uns gut. Wir wohnten in Vorstädten. Wir wohnten in Neubaugebieten. Wir mussten uns keine Sorgen machen, weil unsere Eltern mindestens durchschnittlich verdienten. Wir hatten einen Bildungshintergrund. Später würden wir studieren. Unsere Freunde waren genauso wie wir. Aber das reichte uns nicht. Das langweilte uns. Wir hatten kein Problem, das war unser Problem. Also beschlossen wir, wütend zu sein. Vorsichtshalber mal auf alles. Auf die Eltern. Auf die Regeln. Auf die Heuchelei. Auf die Medien. Auf die Gesellschaft. Vor allem auf die Gesellschaft. Sie zwang uns, so zu sein, wie wir nicht sein wollten. Alle sagten uns: „Ihr müsst euch anpassen.“ Aber wir wollten uns nicht anpassen.

Da war dieser Typ, mit verfilzten langen Haaren, der hatte eine Band, die hieß Korn. Und die Musik, die sie spielten, diese Mischung aus Metal und Rap, drückte genau das aus, was wir dachten und fühlten. Er sang von Mobbing in der Schule, Depressionen, Selbstmordgedanken, über das Gefühl, anders zu sein. „Throw your hate at me with all your might! Hit me cause I'm strange. Hit me!“ Uns ging es doch genauso. Wir, die Ausgegrenzten. Wir waren anders als die anderen und wurden dafür schief angeguckt. Und das machte uns – genau: wütend.

Es kamen mehr von diesen Bands. Limp Bizkit, Deftones, Papa Roach, P.O.D., System Of A Down lieferten den Soundtrack zu unserer Wut und erklärten uns, dass wir im Grunde völlig normal waren. Die Band Slipknot brachte es für uns auf den Punkt und sang „People = shit“. Platte um Platte erschien, wir hörten uns alles tapfer an, wir glaubten an diesen Sound. So klang die Zukunft. Wir trugen schwarze Kapuzenpullover und zerschlissene Jeans. Wir verachteten Popmusik, wir verachteten das Millionenheer an Teenagern, das Britney Spears oder Christina Aguilera verehrte.

Wir übersahen, dass sich auch mit unserer Musik Millionenumsätze erzielen ließen, wir also so allein gar nicht sein konnten. Wir übersahen auch, dass unsere Helden von Korn in dem Video zur Single „Y'all Want A Single“ auf die großen Plattenfirmen schimpften, obwohl sie selbst bei einer großen Plattenfirma waren. Und wir glaubten ihnen, dass die Plattenfirma das Musikvideo hatte verändern wollen, die Band sich aber geweigert hatte. Denn unsere Musiker waren die Aufrechten. Verlogen waren nur die anderen.

Wir interessierten uns plötzlich für die Beatles

Doch dann passierte etwas – unsere Wut verschwand. Wir hatten Freundinnen. Wir machten Abitur. Wir gingen studieren. Wir belegten Seminare. Wir hatten Jobs bei Versicherungen und Banken. Wir merkten, dass die Welt es doch grundsätzlich nicht böse mit uns meinte. Dass nicht alles, was wir für verlogen hielten, auch verlogen war. Wir kauften bei Peek & Cloppenburg Hemden und Hosen. Wir hörten Musik mit Melodien. Wir interessierten uns plötzlich für die Beatles und Tom Waits. Manche sogar für Coldplay.

Als kürzlich das neue Korn-Album erschien, waren wir überrascht. Dass diese Band noch genug Platten für eine Chartplatzierung verkauft. Dass es diese Band überhaupt noch gibt. Es gibt diese Bands sogar alle noch, auch wenn das Genre keine Bedeutung mehr hat. Limp Bizkit verkaufen bloß keine Platten mehr, Papa Roach („Last Resort“) auch nicht, obwohl sie so tapfer versuchen, nicht mehr nach Nu Metal zu klingen, sondern bloß nach schrottiger Rockmusik, Linkin Park verkaufen tatsächlich noch immer Millionen von Alben, aber nicht mit Nu-Metal, sondern mit leicht computerisierter Pathospopmusik. Nicht einmal das unsägliche One-Hit-Wonder „Staind“ („It's Been A While“) hatte den Anstand, sich aufzulösen.

Und dann ist da noch Korn. Sänger Jonathan Davies ist nun 40. Er trägt noch immer lange verfilzte Haare. Auf dem neuen Album singt er Songs mit Titeln wie „Kill Mercy Within“, „Bleeding Out“ und „Narcissistic Cannibal“. Im letztgenannten Stück lautet eine Zeile: „Sometimes, I hate the life, I made. Everything's wrong every time.“ Er hat Millionen verdient. Er ist genau so wenig wütend wie wir, aber wir haben nicht den Fehler gemacht und unser Geschäftsmodell darauf aufgebaut.

Quelle: seeg

 
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