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About a Boy: Seine Hand in ihrer

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 04.07.2008 - 00:01

Düsseldorf (RPO). Unser Kolumnist plündert die Erfahrungen seiner Freunde aus und erzählt davon, wie Hände sich nicht fanden. Ein bisschen betroffen macht das schon.

"Gib mal deine Hand." "Schneid dir erstmal deine verdammten Nägel."  Foto: AP
"Gib mal deine Hand." "Schneid dir erstmal deine verdammten Nägel." Foto: AP

Es sind dann eigentlich nur noch zwei oder drei Zentimeter von seiner Hand zu ihrer Hand. Aber es ist wie diese Sache in Mathe, die man nie so richtig verstanden hat, wenn man eine Zahl wieder und wieder durch zwei teilt und der Null immer näher kommt, sie aber nie erreicht, weil jedes Mal eine neue Stelle hinter dem Komma auftaucht.

Und wenn SIE dann ihre Hand bewegt, dann natürlich weg und zwar weit und zwar gefühlte zehn Meter und dann macht sich seine Hand erneut auf den Weg. Seit Jahren schon, Milliarden von Kilometern.

Er denkt: Hört das denn nie auf?
Er denkt: Nur einmal… nur ein einziges Mal.

Das ist die Taktik: Seine Hand liegt so plaziert, dass es nicht aufdringlich aussieht, aber doch nah genug, dass SIE danach greifen kann. Das tut SIE natürlich nie, da hilft es auch nicht, den Abstand zu verkürzen. Eine ruhende Hand bedeutet nicht viel, wenn SIE nicht weiß, warum sie da liegt.

Er erinnert sich: An ein Kino. An eine Stadtparkwiese. An eine Couch. Er erinnert sich: An ein Mädchen, das nichts ahnte. An ein Mädchen, das nichts ahnte und nicht wollte. An ein Mädchen, das nichts ahnte und nicht wusste, was sie wollte. Und immer war zwei Zentimeter vorher Schluss. Der Versuch, ihre Hand „zufällig“ zu berühren, scheiterte, außerdem hätte SIE zufällig nicht in Anführungsstrichen gedacht. Die Hand zwei Stunden in der Schale mit den Erdnüssen liegen zu lassen, sah albern aus. Irgendwann stand dann einer auf und das war meistens er.

Er sieht: Christina Ricci greift nach der Hand von Vincent Gallo, als sie in einem Hotelbett liegen (Der Film Buffalo 66).
Er liest: „Dann nahm Jed meine Hand und wir saßen, ohne ein Wort zu reden eng beeinander auf dem Felsen vor der Höhle — es müssen Stunden gewesen sein — bis der Himmel vor uns schließlich heller wurde und wir sahen, wie die Sonne langsam aufging über dem Rand unserer brandneuen Welt“ (Der Roman Der Tag, an dem die Welt untergeht).
Er hört: Your Hand In Mine (ein Instrumentalstück der amerikanischen Postrockband Explosions In The Sky) und so hat er sich das immer vorgestellt.

Die Hand ist nicht der Anfang von körperlicher Nähe, sie weist nicht auf die Dinge hin, die später im Bett passieren. Die Hand ist ein Körperteil, aber in diesem einen Moment wächst sie über sich hinaus. Die Hand sagt: „Wir bleiben erstmal zusammen.“

Einmal hat es sogar funktioniert, aber SIE hat ihm nichts bedeutet. Es war die Zeit, die von den Menschen Karneval genannt wird. Sie waren nicht betrunken, aber der Vorteil an Karneval ist ja, dass man auch nicht-betrunken alles machen darf. Sie liefen danach ein bisschen zusammen, ein paar Hundert Meter. Dann ging sie nach Hause und dann ging er nach Hause. Sie haben sich nie wieder gesehen. Die Hand hat geschwiegen.

Er hat Hardware. Er hat Software. Er hat an jeder Hand siebenundzwanzig Knochen und sechsunddreißig Muskeln, Sehnen, Blutgefäße und Nerven. Er hat vier Herzkammern. Daran kann es nicht liegen.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

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Sebastian wartet auf Post unter Sebastiand@rp-online.de.


 
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