kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast

About a Boy: Wählt die Partei der Besserverdienenden

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 23.09.2011 - 13:22

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist denkt darüber nach, wie die FDP wieder stärker werden kann als die NPD. Außerdem äußert er sich nicht zum Deutschlandbesuch des Papstes.

So, 3,8 Sekunden die Hände geschüttelt, mehr ist nicht drin bei Pflegestufe 1.  Foto: dpa, dpa
So, 3,8 Sekunden die Hände geschüttelt, mehr ist nicht drin bei Pflegestufe 1. Foto: dpa, dpa

Ich sitze im Zug und lese die Rückseite einer Brötchentüte¹. Auf der steht das Rezept für das so genannte Franzosenbrot: 1 Sack Weizenmehl, 37 Liter Wasser, 2 Pfund Salz, anderthalb Pfund Hefe. Während ich noch überlege, wie nützlich es für den Kunden ist, ein Rezept für die Großbäckerei abzudrucken, fällt mir ein, dass das wichtigste Thema der Woche ja etwas ganz anderes ist: der Untergang der FDP. Das Wort „Niedergang“ reicht nicht mehr aus.

Ich sorge mich um die FDP. Aufrichtig. Ernsthaft. Wenn ich zu Philipp Rösler gehe und ihm sage „Philipp, deine Partei ist am Boden“, dann sagt er in bestem Politik-Sprech: Wir stehen vor großen Herausforderungen. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus war die Partei nicht die dritte Kraft, nicht die vierte Kraft, nein, sie war mit 1,8 Prozent die siebte Kraft, noch hinter der der Piratenpartei² und der NPD. Das muss aufhören. Ich möchte in keinem Land leben, in dem es mehr Nazis gibt als Neoliberale. Klar, gerne würde ich in einem Land leben, in dem es weder Nazis noch Neoliberale gibt, aber wenn ich die Wahl habe, sage ich: Kommt doch rein, meine Freunde der Großkapitalisten. Man kann den Neoliberalen ja vieles vorwerfen, aber Nazis sind sie ja gerade nicht. Bloß geldgeil.

Deshalb arbeite ich daran, die FDP wieder über die Drei-Prozent-Marke zu bringen, es müssen ja nicht gleich fünf sein. Außerdem macht es keinen Spaß, auf jemanden einzutreten, der am Boden liegt, wie ein alter Mann in seinem Erbrochenen. Ich muss die FDP erst wieder aufbauen, bevor ich wieder auf sie eindresche. Die heutige Kolumne ist deshalb zu 100 Prozent frei von FDP-Häme.

Die Frage ist: Woher soll die FDP ihre Stimmen bekommen? So es nicht wieder zu einer Wirtschaftskrise kommt und diese die FDP auf 15 Prozent jagt – weil die Leute merkwürdigerweise denen in der Krise am meisten zutrauen, deren Ideen für ihre Krise verantwortlich sind – fallen einem zuerst CDU, Grüne und SPD ein. Aber mit diesen richtigen Parteien sollte sich die FDP besser nicht anlegen, das ist eine andere Liga, sondern sich Parteien suchen, denen sie ebenbürtig ist.

Zum Beispiel die Tierschutzpartei, die in Berlin 1,4 Prozent erreichte. Wer jetzt fragt, was denn die FDP mit Tierschutz zu tun hat, dem sage ich: Ist doch egal. Die zwei Prozent, die die FDP noch hat, wird sie kaum unterbieten. Wen das Programm jetzt noch nicht davongejagt hat, den würde es auch nicht stören, wenn sich die Parteioberen einmal monatlich blau anmalten und um den Blocksberg tanzten.

Die 1,4 Prozent der Tierschutzpartei kann sich die FDP also mühelos schnappen. Ganz nach dem Motto „Die Partei für den tierfreundlichen Kapitalismus“. Dann ist es nicht damit getan, dass sich die Partei für Trinknäpfe in Banken und Versicherungen einsetzt. Wenn, dann richtig. Tiere sollten Konten führen dürfen, sie sollten das Recht haben, Versicherungen abzuschließen, ja sie sollten Unternehmen leiten dürfen, so sie denn ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Da muss man pragmatisch sein. In einem Satz: Tiere sollten an den Segnungen der Marktwirtschaft voll und ganz partizipieren und nicht mit „Hunde verboten“-Schildern draußen gehalten werden. Unpopuläre Forderungen wie die Liberalisierung der Tierheime (Wer nach drei Monaten immer noch keinen neuen Besitzer gefunden hat, wird an der Raststätte ausgesetzt), sollte die Partei hingegen erst später stellen.

Um dann den Sprung in die Parlamente zu schaffen, müsste sie nur noch mit der Deutschen Kommunistischen Partei, der Partei für Soziale Gleichheit und der Ökologisch-demokratischen Partei ein Bündnis eingehen. Dann ist die Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr unüberwindbar. Und ich kann sie endlich wieder vermöbeln.

-----------------------------------------------------------------------------------------

¹ Ehre, wem Ehre gebührt. Die Brötchentüte stammt von der Bäckerei Lechtermann („Ihr Meisterbäcker“) und ich habe sie zu dem belegten Käsebrötchen dazubekommen, das ich am Bielefelder Bahnhof kaufte. Eine gar nicht mal so lustige oder originelle Theorie besagt, dass Bielefeld nicht existiert. Bielefeld existiert. Die Frage ist nur: wozu? Als ich kurz aus dem Hinterausgang des Bahnhofs ins Freie trat, begrüßte mich dort ein Schild mit der Aufschrift „Boulevard Bielefeld“. Auf der linken Seite lief Wasser eine Stahlwand hinunter. Möglicherweise war es eine Art Kunstwerk. Die Stahlwand war zu großen Teilen verrostet.

² Fortan wird die Piratenpartei in dieser Kolumne keine Rolle mehr spielen, denn Berlin ist Wlan-Hausen, der Rest Deutschlands ist dies nicht. Die Partei wird außerhalb Berlins auf Jahre hin keine große Rolle spielen. Auch wenn die Sascha Lobos und Thomas Knüwers dieser Republik mich nun dafür ausschimpfen werden, dass ich das digitale Zeitalter verpenne und ich sei ja so 1.0 – was nicht stimmt, ich habe ein Facebook-Account und einen Internetanschluss – aber nur weil ich den ganzen Tag esse, wähle ich ja auch nicht die Partei, die am meisten Ahnung von Essen hat.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.


Anzeige:

Top-Services