Vier Typen vom Land: Cool sein in der Provinz
VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 03.11.2006 - 15:15Auf dem Land (RP). Wo der Bus nur dreimal am Tag hält, wo mehr Kühe als Menschen leben, da wird das Lässigsein zum Problem. Doch wahre Helden scheren sich nicht darum, ob ihre Heimat groß oder klein ist. Sie tragen die Tristesse der Provinz nach einer Zeit der inneren Konflikte mit Fassung. Vier coole Typen vom Land.
Er hasste diesen Ort. Die einzige Verbindung in die Außenwelt hatte zwei Räder und klapperte. Bis in die Stadt der Verheißung fuhr er eine gute Dreiviertelstunde. Das Jugendzentrum wurde vom Messdienerleiter geführt, der gleichzeitig auch sein Fußballtrainer war. Zur Sonntagsmesse stellte ihn der Messdienerleiter oft auf. Zwei Stunden später, beim Fußball, saß er immer auf der Ersatzbank. Wenn es eine gerechte Welt gäbe, so dachte er damals, dann würde sie es verbieten, dass Messdienerleiter gleichzeitig Fußballtrainer sein dürfen. Mit 17 Jahren wurde er bekannt im Dorf. Nicht als Fußballer, auch nicht als Messdiener. Er gründete mit Silke und Mike die Band "The Coaches", die sich auf die Fahnen schrieb, die deutschsprachigen Rolling Stones zu werden. Das wiederum kam bei Steffi gut an, der es gefiel, einen Rockmusiker zum Freund zu haben. Er und Steffi kamen zusammen einen Monat später lösten sich "The Coaches" auf, weil er keine Zeit mehr zum Proben hatte. Steffi war ihm wichtiger. Er knutschte mit ihr am Rhein. Ihre kleine Provinz war wild und gut. Abends gingen sie immer ins Jugendzentrum und tanzten zur einzigen Kassette des Ladens. Frank Zander: "Hier kommt Kurt".
Als sie mit 14 zum ersten Mal mit dem Bus alleine in die Stadt fuhr, da zitterten ihre Knie. Was würde der Busfahrer zu ihr sagen? Wo würde sie Platz nehmen dürfen? Würde der Fahrer sie aufrufen, wenn sie "Am Fritz-Weyers-Ring" angekommen sind? Dreiundzwanzig Minuten später und drei Stationen nach "Am Fritz-Weyers-Ring" wusste sie: Der Busfahrer ruft keine Fahrgäste auf. Der lange Weg zu Fuß zurück in die Stadt war mühsam. Und sie träumte während des Laufens davon, in einer Welt zu leben, in der elektronische Stimmen in Straßenbahnen und Bussen die Haltestellen aufrufen.
Mit 23 lernte sie ihre Heimat lieben. Sie wusste immer noch, dass das Paradies höchstwahrscheinlich anders aussehen würde als dieser Ort, in dem alle 700 Einwohner sich einmal pro Woche beim Spazierengehen treffen. Aber sie begann dennoch eine Ausbildung bei den Stadtwerken zur Busfahrerin. Mädchen, die zum ersten Mal in ihren Bus der Linie 86 einstiegen, ließ sie immer vorne stehen und erkundigte sich sicherheitshalber mehrfach, ob sie "Am Fritz-Weyers-Ring" oder drei Stationen früher oder später aussteigen mussten. Dreimal pro Tag, wenn sie durch ihren kleinen Ort fuhr, war sie besonders glücklich und winkte den Spaziergängern zu. Nicht alle Haltestellen sagte sie an. Aber die Haltestelle "Am Fritz-Weyers-Ring" jedes Mal.
Coolness zwischen Gülle gewinnen
Immer, wenn der Bus das Ortsschild seines Dorfes passierte, lachten sie laut auf. Es störte ihn gewaltig. Sie lachten wegen des Geruches, der von den Kühen erzeugt wurde, von denen es in diesem gottverdammten Ort mehr gab als Einwohner. Sie lachten wegen der Gülle, die Bauern auf die Felder fuhren, weil dieses verdammte Gemüse eben Dünger benötigt, um groß zu werden. Es war nicht einfach, in einem Dorf an Coolness zu gewinnen, das fast das ganze Jahr nach Gülle riecht. Wenn es eine gerechte Welt gäbe, so dachte er sich, dann würde Kuhmist nach Davidoff riechen.
In der zehnten Klasse der wüste Sturm seiner Pubertät legte sich langsam zur Ruhe und machte Platz für die Coolness begann er, den Geruch von Gülle als sein Schicksal zu akzeptieren. Wenn die anderen im Bus wieder über den Gestank seines Dorfes lachten, sorgte er dafür, dass Klaus Meine noch lauter sang auf den Kopfhörern seines Walkmans. Der Frontmann der Scorpions, so hatte er gelesen, kam aus der Kleinstadt Langenhagen bei Hannover. Ein schöner Trost. Sein Freund Uwe, der statt Scorpions die Beatles mochte, entwickelte ein Faible für den Gestank. Uwe hatte von seinem Vater gehört, dass die Beatles ein Lied namens "Strawberry Fields Forever" gedichtet hatten. Und Erdbeeren müssten nun mal gedüngt werden, argumentierte Uwe. Die beiden schworen sich ewige Freundschaft.
Sie wollte von diesem Dorf nichts mehr wissen. Sie merkte, dass sie in diesen Popstar verliebt war, mit Haut und Haaren, wahrscheinlich für immer. Da offenbarte sich ihr die Kargheit ihrer Provinz. Die Jungen ihrer Klasse sahen aus wie Jungen in diesem Alter aussehen. Schuhe von Romika, Rollkragenpulli, und in der Pause redeten sie über Basketball oder davon, wie sie jemanden verhauen könnten. Ihr Popstar hingegen sang von den guten Dingen im Leben. Von Freedom, das, wie sie lange nicht wusste, eigentlich eher "Freiheit" als "Frieden" heißt. Doch wie sollte man jemanden verehren, von dessen Starschnitt man nur die Beine und einen Teil der Arme hat, weil der einzige Supermarkt "Tante Emma" hieß und Zeitschriften nur mit goldenen Blättern verkaufte?
Drei Jahre später merkte sie plötzlich, dass David Hasselhoff nur ein Fliegenschiss in der Geschichte von Popkultur war. Sie begann Bilder von ihrem Dorf zu malen. In den schönsten Farben. Sie organisierte eine Ausstellung. Ein Bild, es zeigte einen großen Baum vor einem kleinen Haus mit einer braunen Katze auf der Fensterbank, nannte sie "Freiheit". Von dem Jungen, der das Bild kaufte, hat sie heute einen kompletten Starschnitt auf ihrem Schreibtisch stehen. Sieben mal fünf Zentimeter, als Polaroid. Jens wohnt nur ein Haus weiter. Sie lieben sich, und sie wollen für immer hier bleiben.
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