kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Benjamin Lebert: Das verkantete Genie

VON CHRISTIAN HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 26.01.2008 - 12:03

Als 17-Jähriger haben wohlwollende Kritiker und der Arbeitgeber seines Vaters Benjamin Lebert zum Bestseller-Autor gemacht. Als 24-Jähriger versucht er immer noch, mit dem Herzrasen klar zu kommen.

Hamburg (RPO). Die Traubensaftschorle ist das Detmold unter den Kaltgetränken. Heißt komisch, ist komisch. Benjamin Lebert bestellt Traubensaftschorle. Mit einer Stimme wie Schaumstoff, in einem Hemd, das Kevin Kuranyi für ihn ausgesucht zu haben scheint. Offen bis mitten ins Brusthaar, mit eingebauter Halterung für die Sonnenbrille. Wenn er sitzt und bestellt, weiß Benjamin Lebert, dass er zu den wenigen Typen zählt, denen Kellnerinnen nicht aus beruflicher Pflicht ein Lächeln schenken. Selbst wenn sie Traubensaftschorle bestellen. Wenn er aber geht und steht, fürchten seine Augen das Mitleid, weil er in kurzen schnellen Bewegungen gegen die Lähmung seiner linken Körperhälfte läuft.

Benjamin Lebert lächelt deutlich mehr als sein gerade erschienener Roman „Kannst Du“ vermuten lässt. Während die Figuren in seinem Debüt „Crazy“ nur Internat, Erwachsenwerden und alle Erwachsengewordenen, die nicht in Nacktbars arbeiten, zum Kotzen finden, leben Tim, Tanja und die anderen aus „Kannst Du“ extrabitter. Selbstmord, Ehebruch, Sucht nach Puffbesuchen - es scheint wahrlich wenig Sonne auf den 266 Seiten, deren Happy End darin besteht, dass die Figuren nichts miteinander zu tun haben. Lebert, der Nihilist also? Der 24-Jährige antwortet mit einem dieser Sätze, die nur Menschen mit solch einer Wattestimme sagen dürfen. „Je weiter du dich von zu Hause entfernst, desto näher bist du schon wieder dran.“ Es ist noch Hoffnung da, aber nicht jetzt.

Bevor Benjamin Lebert nur die dunklen Stunden zählte, ging er nicht zur Schule. „Vorher konnte ich wunderbar in Phantasiewelten tauchen, aber das geht nicht, wenn du irgendwelche mathematischen Beweise lernen sollst.“ Benni wehrt sich nach Kräften. Ist hundsmies in der Schule, spricht mal vorsichtshalber auf keinen seiner fünf Schulwechsel an. Mit elf geht es endgültig ab in die Phantasiewelten, Benni beginnt zu schreiben.

Vater Andreas begründet wenig später die passende Rettung: „Jetzt“, das Jugendmagazin der „Süddeutschen“. Benni schreibt dafür ein bisschen aus seinem Leben. Und sich ein bisschen aus seinem Leben heraus. Kerstin Gleba, Lektorin bei „Kiepenheuer & Witsch“, schlägt ihm vor, ein abendfüllendes Programm zu versuchen. Benni schreibt eine Art Tagebuch über das Leben im Internat und nennt es „Crazy“. Elke Heidenreich, Chef-Rezensentin der Republik, sieht darin mehr als einen handelsüblichen Jugendroman und feiert ihn ohne Rücksicht auf Verluste. Der Arbeitgeber von Bennis Vater feiert mächtig mit, räumt in seinem Magazin acht Seiten frei, um Auszüge vorabzudrucken. Zack, schon sind die ersten 30000 Romane weg.

„Das ist, als ob du in einen Sturm fährst. Ich hatte keine Sekunde, um aufgeregt zu sein. Denn der Sturm kam plötzlich.“ Das einzige, was Benni kapiert, ist, dass er nun einen guten Grund hat, die Schule zu verlassen. Er quittiert den Dienst ohne Abschluss nach der neunten Klasse. Er beginnt, in die Länder zu reisen, in denen die Menschen eine der 33 Sprachen sprechen, in die „Crazy“ übersetzt wurde.

Mit 17 sitzt Benni in New York in der University for Creative Writing und soll vor deutlich älteren Studenten dozieren, wie es ihnen gelingt, ein „Crazy“ samt dem Crazy-Erfolg hinzulegen. Benni schlägt einen Austausch vor. Er erzählt, was er wie getan hat, und die Studenten berichten, wie sie ihre Geschichten angehen. Benni mag zum Beispiel keinen festen schriftstellerischen Alltag, kein Thomas-Mann-mäßiges Morgens-um-neun-an-den-Schreibtisch-Setzen und Loslegen. „Schreiben ist bei mir wie ein epileptischer Anfall.“

Benni fährt in dieser Zeit regelmäßig zu Literaturmessen, meist im Rudel mit altgedienten Repräsentanten des deutschen Schriftstellertums. Benni ist immer der Jüngste, fühlt sich immer verloren. „Ich habe dann mit den Tieren gesprochen, die andere dabei hatten.“

Mit 21 veröffentlicht der Haustier-Flüsterer den kurzen Roman „Der Vogel ist ein Rabe“ und bringt erstmals den Gedanken auf, dass die wohlwollenden Mitmenschen ihm keinen Gefallen getan haben, als sie ihn mit 17 so nach vorne brachten. So wie die autobiografischen Züge der Hauptfigur abstrakter werden, so entfernt sich Benjamin von seinem Ton. Extra-Bitterkeit ersetzt die Melancholie, Krampf den Kampf.

Mit „Kannst Du“ wird es nicht besser. Protagonist Tim ist ein erfolgreicher Roman-Debütant, der Vorträge über Kreatives Schreiben hält, über Literaturmessen tingelt und verzweifelt versucht, etwas Neues zu verfassen. 60-jährigen Schriftstellern, die übers Schriftstellerdasein schreiben, hätten die Kritiker vielleicht verziehen, über Benjamin Lebert aber fallen sie her.

Auf dem Rücken seines nächsten Buchs wird wieder „der Autor von Crazy“ stehen, so wie Boris Becker immer der 17-jährige Wimbledon-Sieger blieb. „Das ist schon in Ordnung. Das wird sich erst ändern, wenn ich ein noch erfolgreicheres Buch schreibe. Und das, das wird wohl noch eine Weile dauern.“ Wichtig sei nur, dass er schreibe, sagt er. „Denn Leben ohne Schreiben heißt Sterben.“

Oh.


 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Top-Services