Herzrasen: Der blöde Fänger im Roggen
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 26.01.2010 - 00:01Düsseldorf (RPO). Seit Jahrzehnten ziehen junge Menschen ihre ganzen Weisheiten aus einem Buch, in dem ein Teenager gelangweilt durch New York rennt. Warum bloß?

Junge Menschen lesen heute nicht mehr in der Bibel. Ihre Lebensweisheiten ziehen sie aus einem Buch, das so schmal ist wie eine Scheibe Toastbrot. Auf dem Cover steht Der Fänger im Roggen. Wer jung ist und eine Umhängetasche trägt, kann nicht sagen: „Ich habe noch nie von diesem Buch gehört.“ Er müsste im Germanistik-Proseminar ab sofort alleine sitzen.
Der Erfolg, der dem Roman von Jerome David Salinger noch immer zuteil wird, ist mit seinem literarischen Wert nicht zu erklären. Der Leser begleitet den 16-jährigen Schulversager Holden Caulfield dabei, wie dieser drei Tage durch New York zieht, mit einer Prostituierten spricht, sich überlegt, wo die Enten im Winter hinkommen und Erwachsene scheinheilig findet. Weil Salinger am Ende des Romans merkt, dass nichts, aber wirklich gar nichts passiert ist, klatscht er noch ein Ende dran, das Holden zu einem verantwortlichen Erwachsenen werden lässt. Erst Bret Easton Ellis sollte mit Unter Null einen Roman mit ähnlichem Kultstatus und ähnlicher Handlungsarmut schaffen.
Für den Erfolg des Romans sind vor allem zwei Gruppen verantwortlich. Zum einen jene, die auf keinen Fall ihre Karriere in der hippen Werbeagentur oder dem gemäßigt alternativen Monatsmagazin aufs Spiel setzen wollen und ihren Master-Abschluss in Literaturwissenschaft erst recht nicht. Niemals würden sie einfach alles abbrechen, sie fühlen sich auch niemals ziellos, höchstens, wenn sie sich beim Starbucks für einen Kaffee entscheiden müssen. Sie wissen, was sie wollen. Weil das aber ein uncooler Zustand für sie ist, lässt sie Der Fänger im Roggen für eine Weile glauben, dass sie doch ein wenig Holden Caulfield sind.
Die andere Hälfte liest den Roman als Entschuldigung dafür, dass sie morgens nicht aus dem Bett kommt und für die Hausarbeit noch immer nicht in der Bibliothek war. „Ich kann das einfach nicht, das ist alles so falsch. Diese Welt mit ihren Konventionen und Regeln ist mir zutiefst zuwider.“ So verklären sie ihre Faulheit als Protest gegen die Bigotterie der anderen.
J.D. Salinger hat sich nach seinem Erfolg in die Einöde zurückgezogen und vertreibt seitdem schlechtgelaunt Journalisten von seinem Grundstück. Taucht einer seiner ergebenen Fans auf, lacht er vermutlich nur.
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