Interview: Der Bruce Springsteen von Niedersachsen
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 25.08.2011 - 19:00 Düsseldorf (RPO). Thees Uhlmann ist Sänger und Gitarrist der Band Tomte, am Freitag veröffentlicht er sein Solo-Album, das so heißt wie er selbst. Der Weg dorthin war weit und begann mit Tennisschlägern auf dem Schulfest. Unser Autor hat mit dem 37-Jährigen gesprochen.
Irgendwann während des Interviews werde ich den Satz sagen: „Das Kind will Schuhe.“ Nur, dass du das schon mal weißt.
Thees Uhlmann Okay.
Im Oktober 2008 sagte Cherno Jobatey im ZDF-Morgenmagazin „Leg los, Kollege!“ und dann hast du einen Song deiner Band Tomte gespielt. Das bedeutete für mich: An Thees Uhlmann kommt man nun nicht mehr so einfach vorbei.
Ausrufezeichen. Ich bin auf dem Dorf großgeworden, und da gab es nur zwei Gruppen: Entweder die Leute haben Musik gehört oder die Leute haben keine Musik gehört. Wir haben früher Rockmusik gehört. Das bedeutete aber auch, dass wir alles gehört haben, von Leonard Cohen bis zu japanischem Grindcore. Das hat mir die Geisteshaltung bewahrt: Hey, die vom ZDF haben freundlich angefragt, ob ich vorbeikommen will. Und wenn mich jemand fragt, ob ich das machen will, dann mache ich das. Man sollte die Sachen bis auf Drogen zumindest einmal machen, um zu wissen, wie das ist. Ich bin auch nicht arrogant genug, um zu sagen: Ey, das ist das Morgenmagazin.
Ist doch super, wenn einen sogar das Morgenmagazin nicht mehr ignorieren kann.
Klar. Und außerdem habe ich meine GEZ-Gebühren wieder raus, weil ich mit einem öffentlich-rechtlichen Phaeton zuhause abgeholt wurde und so „Guten Morgen, Herr Uhlmann“... „Morgen“. Und ich habe mich gefragt: Wenn das kein Taxi ist, steige ich dann eigentlich vorne oder hinten ein?
Und wo bist du eingestiegen?
Vorne. Wenn ich bezahle, steige ich hinten ein, wenn ich nicht bezahle, vorne.
Rock am Ring, Juni 2011. Du stehst auf der Bühne, und hinter dir ein riesiges Banner, auf dem ebenso riesig ein Bild von dir zu sehen ist und auf dem dein Name steht. Auch nicht schlecht.
Das stimmt. Es ist lustig, wenn ich auf den Kontoauszug schaue und sehe „Thees-Uhlmann-Giro-Konto“ und dann „Thees-Uhlmann-Banner“. Als das Banner eintraf, haben wir es auf der Straße ausgerollt, um zu sehen, wie groß das ist. Ich bin dort größer als in echt.
Der Weg bis zum eigenen Banner war weit und er beginnt in einer niedersächsischen Kleinstadt namens Hemmoor. Auf deinem Album singst du den Satz „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.“ Wie viel Dorf ist noch in dir?
Ich mache überhaupt keine großstädtische Musik. Bruce Springsteen kommt ja auch nicht aus Manhattan, sondern aus Amerikas Nordniedersachsen. Ich wollte zwar immer in die Städte und bin auch wahnsinnig gerne in Städten, aber ich habe eben die ersten 20 Jahre meines Lebens in Hemmoor verbracht und bin da erst nach dem Zivildienst weggezogen. Ich bin kein Hipster. Ich habe die Strokes erst mit der dritten Platte gehört. Ich lasse mich gerne auf Menschen ein, weil man auf dem Dorf froh ist, wenn man mal Menschen trifft. In der Stadt ist alles voll mit Menschen. So viele Menschen, dass man sich aus dem Weg gehen muss. Ich bin gerne in Berlin und Hamburg, aber ich finde es in Hemmoor toll. Ich fahre mit meiner Tochter oft dorthin, um meine Mutter zu besuchen.
Wann stand der kleine Thees zum ersten Mal vorm Spiegel und hat Playback gesungen?
Dazu zwei Geschichten: 1. Meine Mutter behauptet heute immer noch, dass ich mit fünf Jahren gesagt habe, ich würde gerne Showmaster werden. Ein Beruf, den es ja heute gar nicht mehr gibt. 2. Beim ersten Schulfest auf dem Gymnasium in der siebten Klasse haben wir uns Tennisschläger genommen, mit einem Pappcarton abgeklebt und mit ausgeliehen Lederjacken die Scorpions nachgemacht.
Wie hast du entdeckt, dass Musik magisch ist?
Erster wichtiger Moment: Zwei Monate, bevor wir die Scorpions nachgemacht haben, war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal bei Verwandten in der Nähe von Philadelphia. Dort sind wir in den Film „Rhea M - Es begann ohne Warnung“ von Stephen King gegangen, zu dem AC/DC „Who Made Who“ geschrieben hatten. Ich fragte meinen Bruder „Ey, was ist das für Musik?“. Er: „Ich glaub, das ist AC/DC, und Karsten Scholz hat eine Platte davon, die bringe ich dir mit.“ Zweiter wichtiger Moment: Nachdem wir Tomte gegründet und unsere ersten Auftritte auf dem Land gespielt hatten, durften wir in der Roten Flora in Hamburg auf einem kleinen Punkfestival spielen. Das war wow. Aber es hat vier Jahre gebraucht, bis ich gesagt habe: Ja, das mache ich jetzt. Auch wenn es niemanden interessiert.
Du hast mal gesagt „Ich hab einfach immer nur weiter Thees Uhlmann durchgezogen“. Wann hast du damit angefangen?
Die Band Tomte hat ihre Ursprünge in der Punkszene, mit autonomen Jugendzentren. Das erste Mal, dass wir in einem richtigen Klub gespielt haben, standen da Punks vor der Bühne. Wir haben damals aber schon viel sanftere Musik gespielt, und die Punks haben gerufen „Boah, ist das scheiße, spiel mal schneller“. Dann habe ich angefangen zu reden, bis die anderen ihre Instrumente gestimmt haben, was teilweise sehr lange gedauert hat, weil wir echt billige Gitarren hatten. Und ich habe geredet und gesagt „Das ist so und so und das ist so und so“. Das war der Anfang vom Thees-Uhlmann-Ding durchziehen. Also die Aufmerksamkeit des Publikums zu binden und es davon zu überzeugen, dass es doch ganz gut ist. Die Angst vorm alleine gelassen werden.
Du formulierst in deinen Songs Sätze, die Leben retten können. Hast du selbst schon solche Sätze gehört, die...
… mein Leben zumindest geprägt haben? Das würde ich noch anders formulieren. Ich hatte immer Fragen an mein Leben: Kann mir jemand erklären, warum das so und so ist? Ich habe immer Rock’n’Roll gefragt und Rock’n’Roll hat mir immer eine Antwort gegeben. Das ist pathetisch, aber so ist das. Ich habe Fragen gehabt, und die Bright Eyes haben mir die beantwortet. Ich habe Fragen gehabt, und Kanye West hat mir die beantwortet. Ich habe Fragen gehabt, und Albert Hammond hat gesagt „I gave it up for music and the Free electric band.” Danke, Albert.
Du hast mit 18 Jahren angefangen, deutsche Texte zu schreiben. Was war dein Antrieb?
Das waren die Boxhamsters, eine Punkband aus Gießen. Ich weiß noch ganz genau: Ich war damals von Hemmoor mit dem Zug zu meiner damaligen Freundin nach Otterndorf unterwegs und habe die Boxhamsters gehört. Am Anfang habe ich die Musik überhaupt nicht geschnallt, bis ich gemerkt habe, was für wundervoller Gitarrenrock das ist. Und dann das lyrische Talent des Sängers Martin Coburger: „Durch die Nacht fällt etwas Schnee, gerade das tut mir so weh, halt mich fest, bleib dicht bei mir!“ Das geht nicht doller, und weil ich dieses Dolle immer gesucht habe, habe ich angefangen, deutsch zu singen.
Wie hast du die Zweifel überwunden, dass es das richtige ist, was du machst?
Da ist dieser Typ aus Nordniedersachsen, der mit seiner Band die fixe Idee hat, von Musik zu leben und Rockstar zu werden, ohne jemanden zu fragen. Koste es, was es wolle. Wir sind die härtesten, wir sind am längsten auf, wir schreiben die meisten E-Mails, wir haben den abgedrehtesten Humor. Wir ziehen das jetzt kompromisslos durch. Wir gründen unsere eigene Plattenfirma. Wir schreiben die schrägsten Newsletter. Lustigerweise hat das geklappt. Alles, wovon ich geträumt habe, habe ich erreicht. Ich habe vor 30000 Leuten gespielt, ich habe mit meiner Lieblingsband zusammen Musik gemacht. Wir hatten immer die Angst, dass das nicht klappt, dass wir doch noch ne Ausbildung machen, dass die Leute nicht mehr da sind, dass uns doch alle doof finden. Aber diese Angst habe ich nicht mehr. Wenn Leute sagen „Ey, Tomte ist echt nervig“, denke ich: „Was wollt Ihr von mir? Ist doch total egal“. Aus dieser Geisteshaltung heraus ist mein Solo-Album entstanden.
Bist du mit dieser Platte der Tröster der Nation geworden?
Ich habe mich in Berlin mit Freunden unterhalten. Die sind 35, haben einen tollen Job, gute Familie, haben also genau das erreicht, was die Eltern wollten. Und dann sagen die „Es ist alles okay, aber ich will nach Hause.“ Die Leute suchen irgendwas, und wissen nicht mal, was sie suchen. Dann treffe ich zehn Leute, die so was sagen, dann fange ich an darüber nachzudenken, dann fällt einem der Satz ein „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Irgendwas zieht diese Fische dorthin zurück, wo sie geboren wurden. Das muss dann gesungen werden. Wenn das Leute tröstet, ist das eine große Ehre für mich.
Ich komme auf Rock am Ring 2011 zurück. Vor dem letzten Lied machst du noch eine Ansage und bist völlig heiser. Das ist für mich ein Zeichen von „Alles geben“. Wie lange kannst du das durchziehen?
Dass ich heiser war, hing einfach damit zusammen, dass ich wahnsinnig aufgeregt war. So wie noch nie in meinem ganzen Leben. Wenn ich aufgeregt bin, zieht sich bei mir der Magen zusammen, und das Herz wird ganz klein und der Hals auch.
Aber auch da hast du Thees Uhlmann durchgezogen, ohne Kompromisse. Aber, das Kind will Schuhe. Dein Kind will Schuhe. Wo sind also die Grenzen von Thees Uhlmann durchziehen?
Die Grenzen sind da, wo meine Tochter sagt, ich möchte nicht mehr, dass du das machst. Du bist zu häufig weg. Das hat sie bisher noch nicht gesagt. Leute arbeiten auf Bohrinseln, das ist ein hartes Leben. Die fahren drei Monate weg, und das Kind ist schon in der Pubertät, wenn sie zurückkommen. Ich mag ja diese Härte auch: Sonntags bei Rock im Park zu spielen und montags auf dem Spielplatz zu stehen. Das Kind ist zu mir gekommen, wie ein Song mich erwählt hat, ihn zu spielen.
Welchen Rat würde Thees Uhlmann von 2011 dem Thees Uhlmann von 1980, 1. Schultag, geben?
Take no shit from anyone.
Und jetzt für den kleinen Thees auf Deutsch.
Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder.
Und jetzt in cool.
Verlass dich auf deine Gefühle, junger Jedi.

