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Pharrell Williams
Der König der Beat-Bastler
Pharrell Williams: Der König der Beat-Bastler
Der Mann ist 40, sieht aber aus wie 20. Drogen und Alkohol rührt er offensichtlich nicht oder höchst selten an. FOTO: dpa
Das Jahr 2013 leistet sich gleich zwei Sommerhits, und an beiden ist ein Mann maßgeblich beteiligt: Pharrell Williams (40) belegt mit "Blurred Lines" und "Get Lucky" die Spitzenplätze der Charts. Es ist ein weiterer Höhepunkt in einer der beeindruckendsten Produzenten-Karrieren der jüngeren Geschichte. Von Gesa Evers

Der Song hat keinen Vorlauf, kein betuliches Intro, er baut sich nicht allmählich auf, er ist sofort da: "Get Lucky", die großartige Single vom französischen Elektro-Pop-Duo Daft Punk, basiert auf einem lässigen, wie ein Boot im sanften Wellengang schwingenden Gitarren-Riff, und bezieht seine Wucht gerade aus seiner Einfachheit. Es ist kein Großraum-Disko-Beschaller aus der Kirmestechno-Schmiede des David Guetta, der in den vergangenen Jahren zumeist das inoffizielle Rennen um den Hit des Sommers machte.

Es ist eine Hommage an den Funk der 70er, ein Lied, das man im Auto auf dem Weg zum Strand oder Baggersee hört, das nach Urlaub klingt, nach Leichtigkeit, weniger nach verschwitzten Nächten im "Ballermann". Es hat dem Sommerhit seinen Stil zurückgegeben, und das liegt vor allem an dem Mann, der "Get Lucky" mit seiner Falsettstimme veredelt: Pharrell Williams.

Es ist kein Name, der in der breiten Öffentlichkeit einen derartigen Donnerhall hat wie der anderer Produzenten-Größen wie Jay-Z oder eben David Guetta, aber er hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten große Stars gemacht und noch größere Stars vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahrt. Ohne ihn gäbe es den gefeierten Solokünstler Justin Timberlake heute nicht, der dank Pharrell den Sprung vom Boyband-Bubi zum preisgekrönten R'n'B-Künstler schaffte.

Keine dramatische Ghetto-Kindheit

Pharrell produzierte Timberlakes erstes Soloalbum "Justified", er verpasste seinen ersten Hits "Like I Love You" oder "Senorita" ihre charmante Ruppigkeit. Britney Spears erlöste er mit dem schwül-schmierigen "I'm A Slave For You" und dem clubtauglichen "Boys" aus der Nettes-kleines-Mädchen-Hölle. Er tat das zusammen mit seinem Partner Chad Hugo, den er als Kind in einer Klasse für Hochbegabte kennenlernte und mit dem er das Produzenten-Duo "The Neptunes", und, gemeinsam mit dem Sänger Shay, die Band "N.E.R.D." gründete.

Pharrell Williams hat keine dramatische Ghetto-Kindheit vorzuweisen, er stammt aus Virginia Beach, sein Vater war Handwerker, die Mutter Lehrerin. Er ging zur Schule, lernte einen Typen kennen, der genauso vor Kreativität und Liebe zur Musik strotze wie er und begann, mit ihm Beats zu entwickeln. Nach ein paar Jahren sprach sich ihr Talent herum, sie durften das Debütalbum der aufstrebenden Sängerin Kelis produzieren. Das Werk hieß "Kaleidoskop" und brachte "The Neptunes" 1999 den Durchbruch.

Danach standen sie alle Schlange, Timberlake, Spears, Snoop Dogg, Beyoncé, Jay-Z, Nelly oder Madonna. Obwohl die Künstler wechselten, war der typische "Neptunes"-Sound stets unverkennbar. Ein Hip-Hop-Beat, eigenwillige und dennoch chartstaugliche Syntheziser-Samples, die immer wieder von Pharrells Sprechgesang oder seinen hohen Tönen begleitet wurden, die an den jungen Michael Jackson erinnern.

Still, fast schüchtern

Ihr erstes eigenes Album veröffentlichten "The Neptunes" im Jahr 2003, schon zuvor hatten sie mit der Band "N.E.R.D." eigene Songs auf den Markt gebracht. Die Single "Frontin'" war der erste große Hit der beiden, im Vordergrund aber stand Pharrell, der den Song singt und auch im Video prominent auftaucht. Obwohl er schon damals, vor zehn Jahren, dick im Geschäft war, verzichtete er auf die üblichen Macho-Posen. Er umgab sich zwar mit schönen Frauen, aber er warf nicht mit Dollarscheinen um sich und ließ sich nicht in Zeitlupe dabei filmen, wie er aus einem Lamborghini aussteigt.

Es ist diese demonstrative Unlust am Posen, die Pharrell – abgesehen von seinem Gespür für hittaugliche Beats – von seinen Kollegen abhebt. Zwar versteckt er seinen Reichtum nicht, schließlich ist der Mann Amerikaner. Er legt Wert auf Schmuck, Designerklamotten (die er auch selbst verkauft) und Kunst. Aber er tut das nicht laut, nicht effektheischend, überhaupt ist er ein stiller, fast schüchterner Mensch. In Interviews muss man sich konzentrieren, um ihn zu verstehen, so leise spricht er. "Gebt ihm mal einer ein besseres Mikrofon", steht unter einem Youtube-Video, das ihn im Gespräch zeigt.

Der Moderator gibt sich alle Mühe, seinen Gast zu vergöttern, der sagt nur: "Credit ist to be given, not to be taken." Angesprochen auf den Erfolg von "Get Lucky" sagt Pharrell, dass ihn der Erfolg überrascht habe. "Ich dachte schon, dass es gut ankommen würde. Aber ich dachte nicht, dass es so viele Rekorde brechen würde. Das hatte ich nicht erwartet." Sein Credo ist simpel. "Mich inspiriert grundsätzlich das, was fehlt. Das heißt nicht, dass dabei immer ein großartiger Song herauskommt. Aber er muss sich anders anfühlen als das, was es schon gibt."

In der Regel sind seine Songs großartig, das gilt auch für den zweiten Hit, mit dem er gerade die Charts dominiert. "Blurred Lines", den er zusammen mit Robin Thicke und T.I. produzierte, ist verspielter als "Get Lucky" und deutlich versauter. Fast am besten an dem fröhlichen Liedchen zwischen Hip Hop und Pop ist aber das Video, in dem Pharrell und seine Kollegen vor einer weißen Wand abspacken und deutlich zeigen, dass sie sich nicht die Spur ernst nehmen. Selbstironie ist eine Tugend, die im eitlen Rap-Geschäft eher selten anzutreffen ist.

Pharrell Williams, der zwar 40 ist, aber aussieht wie 20, ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall für die Musikindustrie. Wenn es einer schafft, die von David Guetta verbrochene Autoscooterisierung des Pop aufzuhalten, dann er. "Get Lucky" und "Blurred Lines" sind schon mal ein hervorragender Anfang.

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