Lindbergs Weltgeschichten (18): Die beste Schlagzeugerin der Welt
zuletzt aktualisiert: 04.02.2011 - 00:16Berlin (RPO). Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal berichtet er allerdings aus seiner Gegenwart über seine große Rock’n’Roll-Liebe.
2060
Ich sitze in meinem Gartenhäuschen und heule. Ich heule, weil ich mich an eine traurige Sache erinnere. Das wiederum hat damit zu tun, dass ich vorhin in meinen alten Rolling-Stone-Ausgaben geblättert habe. Der Rolling Stone war ein Musikmagazin zu einer Zeit, als die Leute sich noch nicht völlig dem Internet unterworfen hatten. Heute gibt es ja nur noch Nischen-Musikmagazine für Posaune und Querflöte und solche Dinge. Aber doch nicht für Rockmusik.
Auf jeden Fall blätterte ich in den alten Ausgaben und stieß auf einen Artikel vom Februar 2011. Der handelte davon, dass sich die White Stripes aufgelöst hatten, eine amerikanische Bluesrock-Band, die aus einem Mann und einer Frau bestand. Er Gesang und Gitarre, sie Schlagzeug. Warum sie sich auflösten, das hielten sie lange geheim. Erst Jahre später gestanden sie, dass sie es leid waren, die Band zu sein, deren Song „Seven Nation Army“ in jedem verdammten Fußballstadion dieser Welt gesungen wurde. Wie der Mann hieß, habe ich vergessen, die Frau aber, das war Meg White. Als ich den Artikel las, erinnerte ich mich daran, wie sehr ich in sie verliebt war, die so zärtlich Schlagzeug spielte, als würde ein Katzenbaby darauf liegen. Die Sticks schienen in ihren Händen so groß zu sein wie Billiardstöcke und sie trommelte immer sehr beiläufig, fast so, als lerne sie gerade erst zu spielen. Wenn ich einen Traum hatte, der kein Albtraum war, kam sicher Meg White vor.
Paul kommt ins Gartenhäuschen. Ich habe schon mal von Paul erzählt. Er ist mein Nachbar, er war mal ein Kinderstar, stürzte dann ab, landete im Dschungelcamp, nahm dort eine Geisel und kam ins Gefängnis. Seit ein paar Wochen ist er wieder frei. Er ist jetzt 68 und nicht übel. Wenn er sich langweilt, kommt er in mein Gartenhaus. Das ist mir manchmal Recht, heute aber nicht. Er soll meine Tränen nicht sehen.
„Lindberg, warum weinst du?“
„Ich weine doch gar nicht.“
„Ich glaube kaum, dass du aus den Augen schwitzt. Was ist los?“
Ich hielt ihm den Artikel hin.
„Ich erinnere mich dunkel“, sagte er, „aber kein Grund zu weinen.“
„Es geht nicht um die Trennung, es geht um das, was zwischen Meg und mir war.“
„Es lief was zwischen dir und Meg White?“
„Na ja, so irgendwie.“
„Lindberg, komm zum Punkt.“
Also erzählte ich.
Meine Verehrung für Meg White dauerte schon recht lange an, als die Band endlich ein Konzert in meiner Nähe spielte. Ich hatte mich dazu entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und Meg näher zu kommen. Dazu kaufte ich mir eine Packung rot-weißer Bonbons, das waren die Farben der Band. Bei einem Bonbon riss ich das Bonbonpapier auf und steckte einen Zettel mit meiner E-Mail-Adresse hinein und der Aufforderung an Meg, mir zu schreiben, weil ich sie so „totally sweet and cool“ fände. Dann verschloss ich das Papier wieder mit einem Stück Tesafilm.
„Du warst schon ein wenig durchgeknallt, oder?“ fragte Paul.
„Ich hielt das ganze für sehr vernünftig. Wie bitte sollte ich sonst an sie herankommen? Anrufen? Klingeln? Na klar.“
„Trotzdem. Wie ging es dann weiter?“
„Na ja, ich ging mit meiner besten Freundin zu dem Konzert und als ich Meg auf der Bühne Schlagzeug spielen sah, hielt ich das Gefühl in meinem Bauch kaum aus.“
„Das Bonbonpapier, Lindberg.“
Ich ließ einige Zeit verstreichen, verliebte mich sekündlich dreimal in Meg und versuchte, näher an die Bühne zu kommen. Leider war der Platz vor der Bühne voll mit Verehrern von Meg, die nicht daran dachten, mich durchzulassen. Ich kämpfte weiter und dann – ich war noch knapp 20 Meter von Meg entfernt – warf ich das Bonbon Richtung Bühne. Ich sah nicht, ob es dort auch landete, doch ich glaubte daran, dass das Schicksal schon dafür sorgen würde.
Trotzdem war ich sehr überrascht, als ich drei Tage später eine E-Mail bekam. „Hi Lindberg, thanks for your kind words, I hope you enjoyed the concert. Meg.“ Und wie ich das enjoyt hatte und ich konnte mich kaum einkriegen vor Freude darüber, dass meine große Liebe tatsächlich mein Bonbon vom Boden geklaubt, meinen Zettel gelesen und mir geantwortet hatte.
„Als ob die Mail wirklich von Meg kam.“
„Es war aber doch ihre E-Mail-Adresse und sie klang doch so süß.“
„Die Geschichte hat doch einen Haken.“
„Lass mich doch einfach weiter erzählen.“
Wenige Stunden, nachdem ich Meg geantwortet hatte, bekam ich schon wieder Post von ihr. In den nächsten Tagen entwickelte sich zwischen uns ein reger E-Mail-Verkehr. Wir sprachen über Rockmusik, was wir mit unserem Leben anfangen wollten, welche Eissorte die beste ist. Manchmal schrieb sie „Lindberg, you’re so sweet“ und solche Dinge. Diese E-Mails druckte ich mir aus und klebte sie an die Wand neben meinem Bett.
„Du bist doch komplett bescheuert, Lindberg.“
„Wer von uns hat denn im Dschungelcamp eine Geisel genommen?“
„Grummel.“
Dann sprang mein Herz fast über – Meg hatte vorgeschlagen, dass wir mal telefonieren sollten. Sie sei neugierig, wie sich meine Stimme anhöre. Ich gab ihr meine Nummer und zwei Minuten später klingelte mein Telefon.
„Und es meldete sich ein grunzender, fetter Mann?“
„Nein, es meldete sich Meg.“
„Ach komm.“
„Dir darf man auch nichts erzählen.“
Die Wahrheit war, dass ich tatsächlich Megs Stimme am anderen Ende der Leitung hörte und das warf mich aus der Bahn.
„Hi, Lindberg.“
„Hi… Meg… is… that… really… you?“
„Of course, Lindberg.“
Wir telefonierten vier Stunden. Mein miserables Englisch verzauberte sie. Und am nächsten Tag wieder und dann auch und dann auch. Wenn ich die Augen schloss, sah ich nur Meg.
Und es kam der Tag, an dem sie sagte: „Lindberg, I want to meet you.“
Denn es war so, dass sie für Gespräche mit der Plattenfirma in Deutschland war und ein paar Tage lange bleiben wollte, um mich zu treffen. Mein Herz schlug wie eine Kirchturmglocke auf Speed, als ich an dem vereinbarten Treffpunkt auf sie wartete.
„Und dann kam Meg?“
„Dann kam meine beste Freundin.“
„Ich wusste es.“
„Sie hatte sich die ganze Zeit für Meg ausgegeben, ihr Englisch war brillant. Sie hatte ja von dem Bonbon gewusst, das ich präpariert hatte. Das war vermutlich niemals auf der Bühne gelandet und vom Publikum zertrampelt worden.“
„Du musst deine Freundin gehasst haben.“
„Das kam später. Aber erst tat ich etwas anderes.“
„Was denn?“
„Ich schloss die Augen und gab ihr einen Kuss. Das wollte ich mir nicht nehmen lassen.“
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