Herzrasen: Die C-Promi-Industrie
VON GESA EVERS - zuletzt aktualisiert: 16.02.2012 - 10:32Düsseldorf (RPO). Sie werden belächelt und verspottet, doch ohne sie liefe wenig im deutschen Fernsehen: C-Promis bilden das Fundament, auf dem etwa RTL seine Marktführerschaft aufbaut. Für Shows wie das Dschungelcamp oder das bald startende „Let's Dance“ werden sie sogar eigens herangezüchtet.
Es gibt einen Grund, warum Late-Night-Shows in Deutschland nicht funktionieren. Es liegt nicht daran, dass es an charismatischen Gastgebern mangelt. Anke Engelke, die im Jahr 2004 mit dem Format fürchterlich scheiterte, ist die lustigste Frau im deutschen Fernsehen. Und auch Harald Schmidt spielt, wenn er denn mal Lust hat, als Satiriker in einer eigenen Liga.
Es liegt daran, dass die Shows vor allem von den Stargästen leben. Und davon gibt es in den USA, dem Mutterland der Late-Night-Shows, sehr viele, und in Deutschland sehr wenige. Harald Schmidt spottete vor Jahren selbst darüber, dass er sich mangels Alternativen mit „Viva-Schlampen“ herumschlagen muss.
Mit diesem Überhang an Irgendwie-Prominenten muss das deutsche Fernsehen leben. Und es ist nur konsequent, dass es Shows rund um diese nach Aufmerksamkeit gierenden Gestalten entwickelt. Sie eignen sich zwar nicht zum Bewundern wie ein locker und klug drauflos plaudernder Tom Hanks bei David Letterman, aber wenigstens zum Auslachen. Das klingt zynisch, aber das ist nun mal ein Wesenszug des Mediums Fernsehen.
Mitleid ist allerdings nicht angebracht, weil die C-Promis wissen, worauf sie sich einlassen. Sie nehmen den Spott in Kauf, um präsent zu sein. Das ist ihr einziges Ziel, ihr einziges Kapital. Sie können in der Regel nichts wirklich, sind also keine „Leistungsprominenten“, wie es im Soziologen-Deutsch heißt, und brauchen Airtime, um im Geschäft zu bleiben.
Einige konnten mal was
Es gibt drei Kategorien von C-Prominenten: Die Ex-Stars, die gezüchteten Stars und die Star-Begleiter, wobei bei diesen auch häufig die Vorsilbe „Ex“ zutrifft. Alle drei Typen finden sich in der neuen Staffel der erfolgreichen RTL-Show „Let's Dance“, die am 12. März beginnt. Model Rebecca Mir zum Beispiel ist ein gezüchteter Star, hochgezogen in der letzten Staffel von „Germany's Next Topmodel“, bei der sie Platz zwei belegte. Ardian Bujupi fischte der Sender aus dem schier unerschöpflichen Pool der Ex-Kandidaten von „Deutschland sucht den Superstar“.
Die Moderatorin Sylvie van der Vaart ist ein klarer Fall von Star-Begleiter. Erst wurde ihr Mann, der niederländische Fußballnationalspieler Raphael van der Vaart, in Deutschland bekannt, weil er für den Hamburger Sportverein spielte, dann sie. Dank Modelmaßen, knapper Kleidchen und zuckersüßem Frau-Antje-Charme ist sie bei RTL nicht mehr wegzudenken. Sie sitzt in der Jury des Straßenfegers „Das Supertalent“ und darf bei „Let's Dance“ die hüftschwingenden Semi-Prominenten ansagen.
Zur dritten Kategorie zählen Schauspieler Patrick Bach oder Ex-Sportler Lars Riedel. Bach war in den 80er- und 90er-Jahren mal ein gefragter Schauspieler („Anna“, „Nicht von schlechten Eltern“), Riedel war Olympiasieger und fünffacher Weltmeister im Diskuswerfen. Die beiden dürfen von sich behaupten, etwas zu können, auch wenn sie nie ganz vorn im Rampenlicht standen.
Verona ist die Mutter aller C-Promis
Die Wege zum C-Promi sind also unterschiedlich, doch wenn sie zusammen im Dschungelcamp, auf der „Alm“, beim „Perfekten Promi-Dinner“, in diversen Sport-Enterainment-Shows von Stefan Raab oder auf der Couch von Oliver Geißen in der „Chart-Show“ landen, dann wissen sie: Wir sind die Has-Beens, die zweite Garde, aber wir sind noch wer, sonst wären wir nicht im Fernsehen.
Immerhin gibt es C-Promis, die seit etlichen Jahren im Geschäft sind. Die Mutter aller C-Promis ist natürlich Verona Pooth, ehemals Feldbusch, die ihre Karriere darauf aufbaute, vier Wochen mit Dieter Bohlen verheiratet gewesen zu sein. Sie hörte einfach nicht mehr auf, überall zu sein, wo Kameras waren. Am Anfang wurde sie verlacht, doch allmählich mussten selbst die schärfsten Kritiker entgeistert feststellen, dass sie richtig Geld damit machte, die dümmliche Verona zu sein. Werbeverträge, TV-Shows, Modekollektionen – die Frau machte aus einem Sprachfehler, einer guten Figur und überbordendem Geltungsdrang Millionen. Lediglich die Pleite ihres Gatten Franjo warf sie im Society-Ranking etwas zurück. So richtig hat sie sich noch nicht davon erholt, die Frau eines Versagers zu sein.
Andere zehren bis heute davon, mal in einer erfolgreichen Band mitgespielt zu haben. Joey Kelly, Ex-Sänger der „Kelly Family“, ist gefühlte 20 Mal pro Jahr bei „Markus Lanz“ eingeladen, um von seinen Marathonläufen zu berichten, und macht bei jeder, wirklich jeder Show von Stefan Raab mit, von Wok-WM bis Turmspringen. Seine Schwester Maite Kelly gewann im vergangenen Jahr „Let's Dance“ und darf nun dort in der Jury sitzen. Nicht nur Sender, selbst Shows züchten sich ihre eigenen C-Prominenten.
Man kann es schade finden, dass wir keine erfolgreichen Late-Night-Shows und dafür ein Dutzend C-Promi-Shows haben. Aber jedes Land bekommt das Fernsehen, das es verdient.
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