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Interview Stefan Reichmann
"Ein Festival braucht eine Dramaturgie"

Interview Stefan Reichmann: "Ein Festival braucht eine Dramaturgie"
Die Zuschauer auf dem Haldern Festival neigen dazu, jeder Band eine Chance zu geben. FOTO: Endermann, Andreas
Wie stellt ein Veranstalter eigentlich sein Festival zusammen? Wir sprachen mit Stefan Reichmann, dem Macher des Haldern Pop Festivals, über die Bedeutung großer Namen, Gagen und Ideen beim Joggen. Von Sebastian Dalkowski

Stand am Tag nach Haldern 2013 schon irgendein Künstler für 2014 fest?

Stefan Reichmann Ein einziger, aber der hat dann doch noch absagen müssen. Normalerweise planen wir nicht so weit im Voraus. Viele Veranstalter machen das aber mittlerweile, weil die Headliner den Kartenverkauf antreiben sollen.

Wann fangt Ihr an, über Künstler nachzudenken, die auf dem nächsten Festival spielen sollen?

Das ist ganz merkwürdig. Wenn das Festival gerade vorbei ist, braucht es einige Zeit, bis man wieder hungrig ist. Ich war im Mai auf einem Festival in Toronto, und unser Booking war gerade komplett abgeschlossen. Da merkte ich, dass mir die Neugierde fehlte. Im Januar bin ich agiler, wenn ich mir Bands auf dem Eurosonic Festival in Groningen ansehe.

Wann wirst du wieder hungrig?

Im September fange ich wieder an, Musik zu hören und herumzugucken. Dann stellen wir uns die Frage: Wie könnte das Festival überhaupt aussehen? Was könnten größere Namen sein? Was kleinere? Und mir schwirrte schon immer das Thema im Kopf "Jung und alt – Energie und Erfahrung". So ein Typ wie Neil Young, der hat noch Energie, aber auch eine unfassbare Erfahrung. Es gibt schließlich viele, die ein Wahnsinnsrepertoire haben, aber keine Energie mehr. Doch Neil Young können wir nicht bezahlen und bei Patti Smith ist es ähnlich wie bei Young, historisches Repertoire und faszinierende Energie.

Die schon 2003 in Haldern gespielt hat.

Aber sie ist eine Frau, die mit 67 Jahren noch was zu sagen hat und keine Kopie ihrer selbst geworden ist.

Und dann habt Ihr Euch bei weiteren Bandbuchungen daran orientiert, dass sie zu Patti Smith passen?

Ja, da achtet man drauf. Es war klar, dass Patti Smith nicht zum Schluss spielen wird. Die möchte in ihrem Alter nicht erst um halb zwei von der Bühne gehen. Dann kam mir der Gedanke, Connan Mockasin das Festival so psychedelisch auf der Hauptbühne beenden zu lassen. Der hat 2013 ein großartiges Konzert in Haldern gespielt. Aber dann brauchten wir noch jemanden zwischen Patti Smith und Connan Mockasin. Eine richtige Band wäre schwierig geworden, da fiel mir Bernhoft ein.

Ein norwegischer Jazzsänger.

Der wird in Deutschland immer ein wenig unterschätzt, obwohl er so eine großartige Stimme hat. Der kann auch alleine die große Bühne bespielen. Ob es funktioniert, kann ich dir noch nicht sagen. Dann setzten wir noch Conor Oberst vor Patti Smith, die beide schon 2003 auf dem Festival gespielt haben, und damit war der Samstag klar. Aber es braucht auch Bands, auf die sich alle einigen können, Konsens stiftend, süßlich und wohlig. Ein Festival ist wie ein gutes Lied, eine Geschichte im Fluss und wiederkehrende Refrains für das Gemeinschaftsgefühl. Und deshalb treten eben auch so Gruppen wie Augustines auf. Wenn die Leute diese Konsensmomente genießen, sind sie auch bereit, danach ins Spiegelzelt zu gehen und sich eine experimentelle Band wie Wintergatan anzusehen. Hätten wir Patti Smith nicht bekommen, hätte das Line-Up durchaus ganz anders ausfallen können.

Es klingt so, als würdest du das Festival wie ein Mixtape zusammenstellen. Es geht nicht um den einzelnen Song beziehungsweise Künstler.

Es geht um die Stimmung, die dadurch transportiert wird. Ein Line-Up braucht eine Dramaturgie. Es funktioniert allerdings nicht immer. Da gab es einige Rohrkrepierer.

Was aber auch heißt, dass die bekanntesten Bands nicht unbedingt zu den besten Uhrzeiten spielen. Ich erinnere mich an die norwegische Band Kaizers Orchestra, die, obwohl recht unbekannt, gegen acht Uhr abends spielte.

Da kam zum tragen, dass ich die Band schon mal live gesehen hatte und wusste, wie das Publikum reagiert. Die sollte so eine Art Ventil sein, damit die Leute mal aus sich rausgehen konnten. Und bei einigen unbekannten Bands ist das einfach gewollt, dass sie zur besten Uhrzeit spielen. Nichts gegen Two Door Cinema Club, die haben Energie und Rhythmus, aber schaffen nicht so eine spannungsgeladene Situation. Dafür braucht es Musiker wie Loney, Dear.

Interessieren Euch prominente Namen überhaupt?

Es wäre nicht okay, den Leuten ein Programm vorzusetzen, das ohne irgendeinen Namen auskommt. Dann würden wir der Eitelkeit anheimfallen, dass wir wirklich buchen können, wen wir wollen. Es braucht den Mix. Die unbekannten Bands profitieren von den bekannten.

Bekommen die Musiker diesen Anspruch mit?

Die finden es gut, wenn sich ein Veranstalter beim Programm Gedanken macht. Wenn ich mit denen darüber rede, bin ich überrascht, wie schnell es dann klappt. Die Künstler untereinander schätzen sich. Die sind froh, auf demselben Festival zu spielen. Die erkennen es an, dass auch kleinere Namen auf der großen Bühne spielen, weil die Dramaturgie wichtiger ist.

Wen sprecht Ihr eigentlich an, wenn Ihr einen Musiker buchen wollt?

Das sind die Promoter, die in Deutschland sitzen. Die verkaufen sozusagen die Konzerte in einem Land. Darüber ist der Agent, der Kontakt zu den Promotoren in den jeweiligen Ländern und zum Manager des Künstlers hat. Die guten Agenten haben dafür gesorgt, dass der richtige Künstler zur richtigen Zeit auf unserem Festival gespielt hat. Und natürlich pflegen wir solche Beziehungen. Wenn mir bestimmte Agenten etwas anbieten, dann höre ich da immer rein.

Hörst du dir nur Musik an, die dir jemand empfiehlt, oder gehst du selbst noch auf die Suche?

Ich gehe auch selbst auf die Suche. Da verfolge ich häufiger Querverweise. Heute habe ich jemanden für einen Auftritt in der Haldern Pop Bar gebucht, der denselben Produzenten hat wie Drake. Wichtig ist, dass ich die Musik selbst gut finde, sonst spielt die Band nicht auf dem Festival. Was ich überhaupt nicht mehr mache, ist, Musikzeitungen zu lesen.

Gibt es diese Momente noch, in denen du eine Band zum ersten Mal hörst und denkst "Die muss unbedingt auf dem nächsten Festival spielen"?

Die gibt es noch immer. In diesem Jahr war das zum Beispiel Big Sixes. Da war ich hin und weg. Weil die mehrstimmig gesungen haben und komisch aussahen. Dabei hatten die nur ein echt schlechtes Demo geschickt. Ich finde es immer mutig, wenn Leute richtig singen. Viele verstellen ja ihre Stimmen, weil sie sich nicht trauen.

Ihr werdet mit Bandanfragen vermutlich überschüttet.

Klar, aber es sind auch eben viele Bands auf der Straße und die wollen auch alle spielen. Die wollen ja auch alle auf dem South by Southwest spielen.

Ein Festival in Texas. Aber da treten auch alle auf.

Genau, 1500 Bands. Aber die Leute wollen auf einem Festival auch eine gewisse Entscheidungsfähigkeit fühlen. Bei uns sind es in diesem Jahr 50 Bands.

Fast 60. Mehr sollten es vielleicht nicht werden.

Kalkuliert waren 48, dann kommen noch ein paar Künstler dazu. Auf dem eigentlichen Festivalgelände haben wir das Programm etwas zurückgefahren, dafür sind mehr Konzerte in der Kirche.

Eine Art Headliner für die, die ihn kennen, ist Mark Kozelek alias Sun Kil Moon. Der spielt quasi nie in Deutschland, auch in diesem Jahr nicht. Wie habt Ihr ihn dazu bewegt, eine Ausnahme zu machen?

Der stand immer auf unserer Wunschliste. Dieses Jahr haben wir ihn nicht gefragt, wir wussten aber: Es kommt ein neues Album und er kommt nach Europa. Dann ging es unfassbar schnell. So schnell, dass ich mich gefragt habe, ob der Kozelek überhaupt dabei ist. Das hing aber auch damit zusammen, dass wir früh bereit waren, eine entsprechende Gage zu zahlen. Ich glaube aber nicht, dass er Haldern kennt. Er hat vielleicht gesehen, wer hier noch spielt und wer hier gespielt hat. Ich nehme mal an, dass sein Agent ihm das nahegelegt hat.

Ihr macht das schon seit 30 Jahren. Beschreib mal Eure Philosophie, wenn es ums Line-Up geht.

Uns war früh klar, dass wir das Festival nicht größer lassen werden wollen, als es jetzt ist. Deshalb war auch früh klar, dass wir nicht auf die großen Namen setzen können. Wir haben ein Budget und damit müssen wir eine Eigendynamik schaffen, bei der Künstler sagen: Da möchte ich auch mal gerne spielen. Und wir wollen nicht bloß die Bands buchen, die gerade auf Tour sind. Denn die spielen dann auch auf den anderen Festivals.

Lassen sich Bands mit dem Mythos Haldern locken?

Es kommt auf jeden Fall oft vor, dass Künstler an ihre Manager herantreten und sagen, dass sie in Haldern spielen wollen. Aber nicht, weil wir so nette Kerle sind, sondern weil sie mit den anderen Musikern spielen wollen. Musiker finden ganz andere Musiker gut als der normale Hörer. Die empfehlen das Festival untereinander. Das hilft uns sehr.

Bewerben sich Bands noch so richtig bei euch?

Häufig. Auch ganz blauäugige Sachen. Rock-Coverbands aus Süddeutschland. Ich will das gar nicht bewerten, aber da ist offensichtlich, dass sie sich nicht mit unserem Programm beschäftigt haben. Zum Glück bekommen wir keine CDs mehr zugeschickt.

Wenn Ihr Bands bucht, die sonst nirgendwo spielen, wird es sicher auch schnell teurer.

Das kommt drauf an. Wenn wir Mark Kozelek ein zu geringes Angebot gemacht hätten, dann hätten wir ihn sicher verärgert und ihn nie mehr fragen brauchen.

Dem bietet man also lieber zu viel als zu wenig?

Zu viel auch nicht. Wir wollen ja kein Geld verlieren. Aber er war auch ein wichtiger Baustein fürs Festival. Er hat eine unfassbare Historie und ist für die Tiefe des Festivals total wichtig.

In welchem Bereich bewegen sich die Gagen, die Ihr zahlt?

In den seltensten Fällen ist es weniger als ein vierstelliger Betrag. Es hängt auch von so vielen Faktoren ab: Wird die Band eingeflogen? Übernimmt die Plattenfirma einen Teil der Kosten, weil sie will, dass die hier spielen? Ich verrate dir nicht unser Budget, aber wir geben relativ gut Geld aus.

Der größte Name ist nicht immer der teuerste?

Der größte Name ist nicht immer der teuerste.

Haldern ist bekannt dafür, große Namen zu buchen, bevor sie berühmt werden. Ist das Eure einzige Chance?

Das ist unsere einzige Chance. Sam Smith haben wir schon im Oktober gebucht. Wir haben dem Management das Konzept vorgeschlagen, erst halbakustisch in der Kirche zu spielen und am Freitag auf der Hauptbühne. Das hat sie überzeugt.

Es kommt mir so vor, als habe es eine Zeit gegeben, da habt Ihr eher auf große Namen gesetzt. 2005 haben Franz Ferdinand und Mando Diao bei euch gespielt, 2001 Travis und Muse.

Und trotzdem war das Festival 2001 nicht ausverkauft. Das letzte Festival, das nicht ausverkauft war. 2002 war früh ausverkauft, weil Belle & Sebastian ihr erstes Konzert seit acht oder neun Jahren in Deutschland gespielt haben. Es gibt einen langen Briefwechsel zwischen dem Manager und mir, also richtig per Brief, nicht handschriftlich, aber per Schreibmaschine. Ein ewiges Hin und Her. Belle & Sebastian waren der Grund, warum wir 2002 in den Verkehrsnachrichten waren. Man sollte den Raum Haldern umfahren. Die Autos stauten sich bis nach Rees. Damit hatte niemand gerechnet. Da haben Leute aus Japan Karten besorgt. Vielleicht ist der Haldern-Hype nur wegen Belle & Sebastian entstanden.

Es haben aber auch Bands hier gespielt, nachdem sie ihren Zenit überschritten hatten. Wir sind Helden haben sehr spät bei Euch gespielt.

Die hätten wir damals nicht bezahlen können. Ganz früher haben sie uns auch nicht so interessiert.

Kettcar sind sogar erst 2013 in Haldern aufgetreten.

Die Band hat sich allerdings eine Zeitlang auch auf jedem Festival verdingt. Wir wollen eben besonders und interessant sein mit den Mitteln, die wir haben. Unser Spielfeld ist klein.

Aber warum dann Kettcar 2013?

Die haben auch einfach zur richtigen Uhrzeit auf dem Festival gespielt. Das hat so eine gewisse süßliche Zufriedenheit über den Platz gegossen. Und ehrlicherweise haben sich einige bei uns auch sehr darüber gefreut, dass sie hier spielen.

Können Festivalveranstalter auch Romantiker sein?

Ich glaube, wir sind große Romantiker. Uns haben die großen Genesis-Momente geprägt aus den 70ern und 80ern. Dieser totale Pathos. Und dann hörte man eben wieder Frank Zappa zur Abwechslung. Ich habe auch viele Festivaldideen beim Joggen entwickelt. Da hatte ich plötzlich diese Bilder im Kopf.

Haldern ist ein eher ruhiges Festival. In diesem Jahr habt Ihr aber die Fat White Family eingeladen, aktuell Englands wildeste Rockband. Ist das ein bewusster Kontrast?

Dieses Zügellose hat mich begeistert. Wenn wir uns Haldern als Entsorgungssystem vorstellen, müsste man an gewissen Punkten auch Pumpen einsetzen, weil das Gefälle nicht mehr da ist. Wo zu viel Plus ist, muss ein Minus hin, damit alles in Bewegung bleibt.

Euer Festival ist eines der wenigen, das am Samstag endet und nicht am Sonntag. Warum eigentlich?

Der Sonntag ist unser Tag fürs Team, den wollten wir uns bewahren. Da räumen wir ein bisschen auf, grillen abends, erzählen uns Geschichten. Der Sonntag ist unantastbar.

Dafür habt Ihr das Festival auf den Donnerstag ausgedehnt.

Weil wir dieses Spiegelzelt wollten. Und der Donnerstag war dann als eine Art Gruß aus der Küche gedacht.

Würdet Ihr einer Band absagen, wenn sie zu einer bestimmten Uhrzeit nicht kann?

Ja. Ein Toni Kroos oder ein Philipp Lahm können auf vielen Positionen spielen, aber Miroslav Klose ist nur auf einer Position richtig gut.

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