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Herzrasen: Ernst muss sein

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 30.08.2008 - 00:01

Berlin (RPO). Der Hollywood-Star Will Ferrell hat sich noch nicht entschieden, ob er der ernste Komödiant oder der lustige Drama-Schauspieler sein möchte. Gut so. Im September läuft sein neuer

Film „Stiefbrüder” an, in dem er ein Muttersöhnchen spielt, das sich weigert, erwachsen zu werden.
Will Ferrell kann sehr viel, Schlagzeugspielen definitiv nicht.  Foto: 2008 Sony Pictures Releasing GmbH
Will Ferrell kann sehr viel, Schlagzeugspielen definitiv nicht. Foto: 2008 Sony Pictures Releasing GmbH

Eines Tages nahm der Schauspieler Will Ferrell das Telefon ab und erfuhr, dass er soeben gestorben war. Sein Publizist sagte ihm, eine Internetseite habe die Nachricht veröffentlicht, dass er beim Gleitschirmfliegen vom Wind erfasst worden und abgestürzt sei. Der Scherz hielt sich nicht lange. Wer sich ein wenig mit Will Ferrell beschäftigt, kann leicht auf die Idee kommen, Ferrell selbst habe die Nachricht in Umlauf gesetzt. Denn er hat sich zum Glück noch nicht entschieden, ob er lustig oder ernst sein möchte.

In Gesprächen sitzt er aufrecht, spricht ruhig und sachlich, guckt einen an mit seinen wahnsinnig kleinen Augen. Während er redet, gestikuliert er nur zurückhaltend. Es ist schwer sich vorzustellen, dass das der Will Ferrell ist, der 1995 zu Saturday Night Live kam und sich einen Namen machte, weil er einen Jeopardy-Moderator imitierte, US-Präsident George W. Bush und ein fiktives Mitglied der Rockband Blue Öyster Cult, bei der er die Kuhglocke spielte. Der in einigen seiner Filme nackt oder in Unterhosen herumrannte. Der in „Die Eisprinzen” einen sexsüchtigen Eiskunstläufer mimte.

Und der Will Ferrell, der in seinem Film „Stiefbrüder” (Start 11. September) den 39 Jahre alten Brennan darstellt, der noch bei seiner Mutter wohnt und sich auch so verhält. Als diese noch mal heiratet, bringt der Ehemann einen ebenso zurückgebliebenen Sohn mit. Sie werden Stiefbrüder, teilen sich ein Zimmer und treiben die Eltern mit kindischem Verhalten in den Wahnsinn. Sie vermöbeln sich vor dem Haus, furzen in Bewerbungsgesprächen und bauen sich Hochbetten, die sofort wieder einstürzen. Ferrell ist bekannt geworden, weil er in Filmen alberne Dinge tat, und er macht das noch immer. Doch im Gespräch mit unserer Zeitung sagt er: „Auch wenn es vulgäre Momente gibt, ist das niemals das Ziel.”

Will Ferrell teilt das Schicksal mit Komikern wie Adam Sandler und Jim Carrey. Weil sie komisch auftreten, werden sie niemals wirklich ernst genommen. Er hat das mal sehr theatralisch mit Jack Black und John C. Reilly bei den Oscarverleihungen besungen: „Ein Komiker bei den Oscarverleihungen ist der traurigste, bitterste, alkoholkranke Clown.” Dabei spielt Will Ferrell ernste oder traurige Geschichten häufig einfach nur sehr lustig.

Und so lässt sich sein aktueller Film „Stiefbrüder” auch ganz anders lesen: Es ist eine Geschichte darüber, wie Menschen Angst haben, erwachsen zu werden, weil sie dann etwas aufgeben müssen. „Verliere deinen Dinosaurier nicht”, sagt sein Stiefvater zu ihm, als Brennan endlich einen Job gefunden hat und zu seriös geworden ist. So wie sein Filmpartner sagt „Ich mache schöne Musik für eine traurige Welt”, ist „Stiefbrüder” ein schöner Film für eine traurige Welt. Ferrell erklärt: „Ich versuche, lustige Filme zu machen, aber gleichzeitig etwas darüber zu sagen, was gerade auf der Welt abläuft. Meine Filme haben immer subversive Elemente, aber die meisten Leute verstehen das nicht.”

Das gilt auch für andere Filme. Er rennt nicht einfach betrunken und nackt über die Straße. Er rennt alleine, die anderen Partygäste lachen über ihn. Nur er merkt das nicht. Er erlebt einen bitteren Absturz nach dem anderen. Und er zeigt soviel Herz, dass es noch für einen zweiten Planeten reicht.

Ohnehin hat er schon in Filmen gespielt, die keine Komödien waren. Der bekannteste ist „Schräger als Fiktion”. Der Protagonist versucht, sein Leben bis ins kleinste Detail zu kontrollieren, und erfährt, dass er die Hauptfigur im Roman einer Schriftstellerin ist. Als ihm klar wird, dass er sein Schicksal nicht selbst in der Hand hat, beginnt er endlich das Leben zu leben, das er immer führen wollte. In einer Nebenrolle in „Winter Passing” ist er der in sich gekehrte, gläubige Rockgitarrist, der einem heruntergekommenen Schriftsteller den Haushalt schmeißt. Als dessen Tochter einzieht, beginnt sein Herz zu schlagen. Das höchste seiner Gefühle ist, ihr vorsichtig übers Haar zu streichen.

Will Ferrell ist aber auch nicht der lustige Komiker mit dem ernsten Innenleben. Er ist, wie er in einem Film sagt, nichts anderes als eine menschliche Zwiebel. Er hat nicht nur die Fähigkeit, ernste Sachen lustig zu sagen, sondern auch lustige Sachen ernst. Dann verzieht er keine Miene. Mit Dave Grohl von den Foo Fighters sang er mal ein Liebeslied auf der Bühne und zog die Schmachtnummer bis zum Ende ernsthaft durch. Bei einem Fernsehauftritt in der satirischen Nachrichtensendung „The Daily Show” zeigte der Moderator Jon Stewart ein Bild von Will Ferrells Waden, die ihm merkwürdig dünn erschienen. Dieser erklärte, dass er als Kind für ein paar Wochen Kinderlähmung gehabt habe. Er nahm diese Behauptung während des ganzen Auftrittes nicht zurück.

Und kaum hat man ihn für seinen subtilen Humor gelobt, da entdeckt man ein Video, in dem der Schauspieler auf einem Elektro-Rollstuhl über eine Bühne fährt, ein T-Shirt mit Bikini-Aufdruck trägt und Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Es ist nicht einfach, Will Ferrell zu packen. Er ist ein lustiger Mensch mit einem ernsten Kern, in dem vielleicht ein kleiner lustiger Kern steckt. Vielleicht ist er auch ein ernster Mensch mit einem lustigen Kern, in dem ein ernster Kern steckt. Was er im tiefsten Inneren ist, verbirgt er erfolgreich. Er engagiert sich für Umweltschutz und eine vernünftige Klimapolitik, spielt aber in einem Sketch das Mitglied eines „Green Teams”, das gnadenlos Umweltsünder verfolgt und verprügelt. Will Ferrell hat es nicht faustdick hinter den Ohren, sondern faustdick im Kopf. So weiß niemand, der ihm gegenübersitzt, ob er nun wirklich ernst ist oder in ihm wieder der größte Unsinn herumspukt. Denn selten gibt er mit seinem Gesicht oder einem Lachen Hinweise. Eigentlich hat er abseits des Filmsets gar keine Gesichtsausdrücke.

Während seines Deutschlandbesuchs kriegt er es hin, bei einem Viva-Interview mit Collien Fernandes und vorhersehbaren Fragen nicht das Gesicht zu verziehen. Am Ende bleibt er auch gegenüber Sarah Connor charmant und nimmt ihre neue Platte mit nach Hause. Der Mann hat den merkwürdigsten Humor der Welt oder ist einfach nur sehr, sehr höflich.

Sein Privatleben hält er vor den Medien versteckt. Er hat eine schwedische Frau, zwei Kinder und will George Bush nicht treffen. Viel mehr gibt es über ihn nicht zu erfahren, in den Klatschspalten steht er nie. Nur so viel erzählt Will Ferrell: Er hat die Nachricht von seinem eigenen Ableben nicht selbst in die Welt gesetzt. Er sagt: „Das war wahrscheinlich die seltsamste Sache, die ich je in meiner Karriere erlebt habe.” Er rief sogleich seine Familie an und sagte, dass er nicht tot sei. Er fand es nicht lustig. Diesmal wirklich nicht.


 
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