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Florian Lukas: Hauptsache Nebenrolle

VON BARBARA GROFE UND CHR. HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 03.11.2006 - 16:03

(RP). Florian Lukas hat schon mit Daniel Brühl, Matthias Schweighöfer und Jürgen Vogel gedreht und sich stets brillant behauptet. Jetzt wird es Zeit für große Rollen aber nur, wenn er nicht zu "Wetten, dass...?!" muss.

Weit und tief ist der Himmel über München, als Florian Lukas vom Hotel zum Café "GAP" läuft. Er schiebt schon mal die Bierdeckel zurecht, als die Kellnerin Getränke bringt, stellt seinen Aschenbecher ans Ende des Tisches, spielt mit seiner Zigarettenschachtel und fährt sich immer wieder durch die Haare. Interviews sind nicht seine Sache, sie machen Florian Lukas nervös. Er guckt und guckt mit großen, braunen Augen. Sie wirken müde, und der Versuch, die Müdigkeit wegzuwischen, geht schief. Sein Gesicht wird nur rot.

So schüchtern, so nervös, so rot im Gesichtwar Florian Lukas früher ständig. Die Eltern glaubten, Klavierspielen würde helfen, er fand diese Idee nur blöd. Im Gegenzug erlaubten sie ihm, Hörspiele aufzunehmen und Theater zu spielen. Seine privatpersönliche Therapie. "Sonst wäre ich vermutlich bei der Sparkasse gelandet. Ohne Aufstiegschancen." Statt Vorstadtschalter folgen auf Abi und Zivildienst weitere Touren mit der Theatergruppe und Gastverträge am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater. Er lernt viel, auch dass er das nicht sein Leben lang machen will. Er will in einem Film mitspielen. Deshalb denkt er gar nicht erst nach, als er das Angebot bekommt, in "Ex" mitzuspielen, obwohl er dafür die Schauspielschule verlassen muss. Er weiß, dass er damit einen Fuß in der Tür hat.

Durch den Schlamm robben, mit dem Panzer fahren, Schießen üben so sehen Lukas' Tage im Moment und für sieben Wochen aus. In Lenggries bei München dreht er "Stube 54", eine Komödie über die Bundeswehr. Klingt klamaukig, der 33-Jährige hat sich den Film aber gezielt ausgesucht. Er mag Regisseur Granz Henman, Kameramann Gernot Roll und die Produktionsfirma. "Tolle Leute sind eine gute Chance, einen guten Film zu machen, die Rolle ist zweitrangig." Florian Lukas spielt oft Figuren, die nicht im Rampenlicht stehen, die nicht darauf ausgelegt sind, ihn cool, witzig oder irgendwie besonders erscheinen zu lassen. Im Film "Absolute Giganten" gibt es den lustigen Dicken (Antoine Momot junior) und den traurigen Schönen (Frank Giering). Florian Lukas spielt nur den zappeligen, blondierten Rico, und er spielt sie alle an die Wand. In der Geschichte um die letzte Nacht dreier Freunde, von denen einer die anderen am nächsten Morgen für immer verlässt, erscheint er laut, überdreht, manchmal auch peinlich. Zugleich hängt er so sehr an dem flüchtenden Freund, dass die Figur eine Tiefe gewinnt, die keine traurigen Augen braucht. Die so präsent ist, dass die Nebenrolle zur Hauptsache wird.

Figuren, deren Stärke in ihrer Angreifbarkeit liegt 

In der Vorbereitung auf "Absolute Giganten" darf der Schauspieler zum ersten Mal lauter Sachen machen, die er immer schon machen wollte. Beim Weltmeister im Tischkicker lernt er Torwarttore schießen, bei McDonalds Burger braten und bei Dendemann rappen. Man nimmt ihm den Rico deshalb genauso ab wie den Rettungswagenfahrer in "Kammerflimmern" oder den Satellitentechniker in "Good Bye, Lenin". Florian Lukas ist kein Sozialtourist, er kennt die Lebenswelten seiner Figuren auch unter der Oberfläche. Und fürchtet dennoch, diese nur anzukratzen. Indem er seine Figuren angreifbar macht, macht er sie so stark.

Bis Lukas begreift, was Rico und der Film mit den Zuschauern gemacht haben, vergehen drei Jahre. Im Kino läuft "Absolute Giganten" mau, auf DVD avanciert er nach einiger Zeit plötzlich zum Lieblingsfilm auf Lebenszeit. Bei "Good Bye, Lenin" merkt Lukas schon am ersten Abend, dass der Film den zweiten großen Schritt bedeutet. Ein Mordsaufwand für die Premiere, nach dem Startwochenende errechnen Experten Zuschauerzahlen von mehr als sechs Millionen. Und auch wenn die Aufmerksamkeit Daniel Brühl und Katrin Sass gehört, ohne Florian Lukas hätte der Film nicht funktioniert.

In "Keine Lieder über Liebe" spielt sich Lukas sogar an Jürgen Vogel vorbei. In der Pseudodokumentation, die ohne festes Drehbuch entsteht, ist Florian Lukas der Filmer Tobias Hansen. Der verzweifelt spürt, dass sein Bruder und seine Freundin etwas miteinander gehabt haben, der die Antwort fürchtet und dem man ansieht, dass er nicht fähig sein wird, sich auch nur von einem der beiden richtig zu trennen. All das fühlt er so heftig, dass es dem Zuschauer körperlich weh tut.

Trotz der brillanten Auftritte, trotz der neuen Angebote bleibt bei jeder Rolle die Angst, dass das jetzt das Ende ist. Das letzte Drehbuch, der letzte Film, das Ende der Karriere. "Es hat sich so viel ergeben. Vielleicht ergibt sich irgendwann etwas völlig anderes." Moment. Er wollte doch immer in einem Film mitspielen. Und jetzt davon wegkommen? "Ein Schauspieler ist wie ein Junkie. Er führt ein schönes Leben, wenn er arbeitet."

Aber da ist eben auch das ewige Warten. Auf neue Bücher, auf die nächste Szene. "Ich habe das Gefühl, ich vertrödel Zeit. Ich will mich nicht beschweren, es ist ein geiler Beruf, aber mein Lebenstraum ist es nicht."

Es gibt keinen Lebenstraum. Florian Lukas sucht und sucht. Er sucht nach etwas, das länger als die Dreharbeiten eines Films hält.


 
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