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Fundgrube Rhein: Fluss der einsamen Schuhe

VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 18.02.2008 - 14:08

Düsseldorf (RP). Ein dunkler Lederschuh, mit zehn kleinen Ösen. Traurig und verlassen sieht er aus. In ihm befindet sich etwas Sand. Der Rhein hat an ihm genagt, irgendwann spülte ihn der reißende Strom an ein Ufer. Dort blieb er liegen, wochenlang, monatelang, vielleicht jahrelang.

In Höhe des Rheinkilometers 468 fand ein Mann namens Dieter Seibel im September 2005 den Lederlatschen, nordwestlich vom Heegstücksee bei Biebesheim. Er ließ den Schuh liegen, drückte aber auf den Auslöser seiner Kamera und stellte das Bild ins Internet zu vielen anderen Schuhen, die sich bereits auf der Seite rheinschuh.de befanden. Rund 100 Mal wurde das Bild namens „10 kleine Ringlein“ seitdem besichtigt.

Dass der Mensch ein Jäger und Sammler ist, wissen wir seit der Steinzeit. In Ergänzung dieser Talente hat sich der moderne Mensch die Leidenschaft des Archivierens, Sortierens und Dokumentierens angeeignet.

Er packt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, ins Museum oder in den Setzkasten: Schweine aus Porzellan, Poster von Bob Dylan, Eintrittskarten von tschechischen Billardturnieren oder Autogramme von Roy Black.Eine ganz verrückte Sammlerspezies hat sich im Internet gefunden. Dort gibt es Menschen, die Bilder von Schuhen aus dem Rhein ausstellen.

Das Beispiel rheinschuh.de zeigt: Wenn die Idee gut ist und die Welt Bereitschaft zeigt, kann aus jedem noch so kleinen Spleen eine Erfolgsgeschichte werden.

Es war Silke Kowalewski aus Bonn-Beuel, die die Idee mit dem Schuhmuseum hatte. Sie ging eines Sonntagnachmittags im Jahr 2003 mit ihrem Mann Normen spazieren, fotografierte aus einer komischen Laune heraus ein Schuh-Stillleben am Rhein und stellte das Bild aus einer weiteren Laune heraus ins Netz: ein Herrenhalbschuh, schlicht, grau und formschön.

Dass sie damit die Kuratorin eines der beklopptesten Museen in Deutschland werden würde, konnte sie da noch nicht ahnen. Rund 400 Menschen hat sie aber seitdem auf die Idee gebracht, Rheinschuhe zu fotografieren.

Täglich wandern neue Schuhe ins Netz. Turnschuhe, Lederschuhe, Handschuhe und Gummistiefel. Silke Kowalewski sagt: „Manchmal sind auch High Heels dabei. Da fragt man sich natürlich, wie solche Stiefel vom Fuß der Besitzerin plötzlich im Rhein landen.“ Ganz sicher ist es der menschliche Sammeltrieb, der die Schuhfotografen motiviert; vielleicht ist es die Faszination des Unbekannten?

„Für mich ist es immer noch ein Rätsel, wie so viele Schuhe am Rhein liegen können. Manche kommen von Schiffen, andere von Strandpartys. Wenn es gut läuft, entdecke ich auf einem Teilstück von drei Stromkilometern schon mal 25 Schuhe.“ Das höchste der Gefühle sei, wenn sie ein Paar Schuhe ausfindig macht, das an verschiedenen Stellen vom Rhein angespült wurde - eine Art Schuhmemory in freier Natur.

Über alle entdeckten Schuhe führt sie sorgsam Statistik: 657 der auf der Seite verzeichneten Exemplare sind erkennbar rechte Latschen, 552 linke, dazu kommen 88 linke und 83rechte Handschuhe.

Das Museum wartet mit noch mehr Informationen auf: Die Internetseite zeigt zudem nach Stromkilometern geordnet, wo die meisten Schuhe gefunden wurden. Die Kilometer 462 bis 469 bei Gernsheim sind mit 250 Exemplaren eine fundstarke Region.

Schuhstark ist auch das Ufer zwischen Xanten und Bislich am Niederrhein in Höhe der Stromkilometer 824 bis 825, wo schon 50 Paar Schuhe gefunden wurden. Die meisten Schuhe aber werden dort abfotografiert, wo Silke und Normen Kowalewski zu Hause sind. In Bonn-Beuel, in Höhe der Stromkilometer 651 bis 653. Fast 500 Paar Schuhe.

Aus der Statistik wird außerdem ersichtlich, dass schwimmende Schuhe einen Rechtsdrall haben. 1184 Schuhe wurden rechtsrheinisch gefunden, nur 199 landeten links des Rheins.

Auffällig ist außerdem die hohe Zahl von weggeworfenen Männerschuhen. 530 deutlich erkennbare Männerschuhe sind registriert, aber nur 242 Frauenschuhe; womit wohl endgültig geklärt wäre, warum Frauenschuhschränke so groß und Männerschuhregale so klein sind. Wenn Silke Kowalewski keine Frau wäre, dann hätte sie diesen Witz wahrscheinlich selbst gebracht.


 
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