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Herzrasen
Was vom Ratinger Hof übrig blieb
Ratinger Hof: Ein Bildband über die besten Zeiten
Ratinger Hof: Ein Bildband über die besten Zeiten FOTO: Ralf Zeigermann
Düsseldorf (RPO). Unser Autor hat sich immer gewundert, weshalb ein oller Punkclub namens „Ratinger Hof“ auch zig Jahre nach seinem Ende noch so einen legendären Ruf genießt. Drei Begegnungen mit Protagonisten der Zeit später war er deutlich schlauer. Von Christian Herrendorf

Sie werden alle wieder da sein. Wenn am 22. Januar im Haus der Jugend ein Gedenkkonzert für den Sänger Joe Strummer gespielt wird, steht der Gitarrist für ein paar Songs auf der Bühne, bringt der Fotograf seine Bilder mit, und steht der Macher in der letzten Reihe und erklärt, welche Konzerte man in den kommenden Wochen auf keinen Fall verpassen sollte.

Wie alles begann Jürgen Krause lebt in der westfälischen Provinz, in Kamen, als er 1977 zum ersten Mal vom Ratinger Hof hört. Er abonniert englische Musikmagazine, und das klingt vielversprechend, was da über diese neue Musikrichtung namens Punk zu lesen ist. Der Kamener bestellt ein paar Singles und dann auch das erste deutsche Fanmagazin, „The Ostrich“. In mehreren Texten taucht der Ratinger Hof auf. Krause fährt auf Verdacht nach Düsseldorf, sucht nach dem Club und findet einen Ort, der sein Leben verändert. Während in anderen Läden mal ein, zwei Punk-Songs gespielt werden, läuft die Musik dort den ganzen Abend. Krause tanzt wüst, bis er schweißüberströmt um 1 Uhr den Laden verlassen muss. Der Ratinger Hof besitzt keine Konzession für die Nacht.

Krause fährt nun jede Woche. Nachmittags geht er Platten kaufen im „Rock on“, dann ab in den Hof. Irgendwann wird ihm die Tour zu anstrengend, die Kontakte in der Heimat lösen sich sowieso, also schmeißt er seinen Job hin und zieht nach Düsseldorf. Mit Krause und um ihn herum entsteht die Szene: die Mitglieder der ersten Bands, die Studenten und Dozenten der Kunstakademie, die Neugierigen. Krause ist von allem etwas. Er legt Platten auf, wenn die Stamm-DJs frei haben, er kauft sich einen Bass, weil er spielen will, verliert aber bald die Geduld, er organisiert Konzerte. Mal Low Budget, mal No Budget, ein paar Plakate, fünf, sechs Mark Eintritt und Übernachtungsmöglichkeiten für die Musiker. Krause verliert viel Geld dabei. Er lädt nur die Bands ein, die er selbst gut findet, für viele kommt das oft zu früh.

Richard Gleim arbeitet im mittleren Management eines Gartenbauunternehmens, als er in die Punkszene gerät. Ein Freund nimmt ihn mit zu einem Festival nach Frankfurt, Gleim hat seine Kamera dabei und fotografiert die „neuen Wilden“. Die Abzüge schickt er dem Veranstalter, erwartet nichts und erhält Bestellungen, Bestellungen, Bestellungen. Das reicht Gleim, um den ungeliebten Job zu kündigen und in der Szene als Fotograf anzufangen, obwohl er lange Haare hat, einen Bart trägt und schon 38 Jahre alt ist.

Der erste Besuch im Ratinger Hof frustriert Gleim dennoch schwer. Alle benehmen sich sehr sehr cool und lehnen alle ab, die sie nicht kennen. Erst als Gleim eine Kamera für einen Film sucht, lernt er die ersten anderen Stammgäste kennen. „Plötzlich gehörte ich zu denen, die was machen. Da sah der Ratinger Hof ganz anders aus. Das waren alles Macher, die redeten nicht viel, die machten einfach.“ Der Ratinger Hof ist der Treffpunkt für alle, die gerade etwas machen. Oder zumindest so tun: Irgendeiner erzählt immer, er habe gerade eine Band gegründet, und geht mit wenig Übung und kaum mehr als der Behauptung auf die Bühne, um nachzuweisen, dass er was macht.

Richard Gleim nennt sich ar/gee gleim und ist der, der die Fotos macht. Einen Karton voller Abzüge stellt er auf die Theke im Ratinger Hof, bestellt ein Bier und gibt sich sehr gelassen. „Was hast Du denn da?“ – „Och, nur so Bilder.“ – „Darf ich mal gucken?“ – „Wenn Du meinst.“ – „Was kosten die denn?“ – „Willst Du wirklich dafür bezahlen?“

Michael Clauss stößt erst spät zu den anderen. 1980 steigt er bei der Band KFC ein, deren Sänger Tommi Stumpf schmeißt ihn aber schon bald wieder raus. Zusammen mit dem ebenfalls gefeuerten Tobias Brink versucht er eine neue Band zu gründen, nur einen Sänger finden die beiden lange nicht. Irgendeiner legt immer ein Veto ein, bis Brink schließlich seine Freundin Andrea Mothes nominiert.

Im Schlachthof nimmt die Band namens Nichts in nur fünf Wochen ihr Demo auf, das unter dem Titel „Made in Eile“ erscheint. Das Lied „Radio“ macht sie zügig populär, Nichts verkauft bis Ende 1981 knapp 50 000 Tonträger. Der Ruhm wächst mit „Licht aus“ und „Tango 2000“, zerbricht aber am Dilemma der Band: Einerseits kann sie als Teil der Neuen Deutschen Welle und mit Geschichten in der Bravo viel Geld verdienen, andererseits wollen die Musiker ihre Ideale aus dem Ratinger Hof nicht aufgeben. Im Sommer 1982 verlässt Clauss die Band.

Wie es nach dem Hof weiterging Ar/gee gleim bringt mit seinen Fotos und dank Magazin-Aufträgen mit kreditwilligen Banken 15 000 Mark zusammen und produziert ein Buch im Selbstverlag: „Guter Abzug“. Vom letzten Geld kopiert er 100 Zettel und verschickt sie, um das Buch anzukündigen. Dann bricht der Wahnsinn los. Die Sendung „Rockpalast“ bespricht das Buch fünf Minuten lang, danach klingelt das Telefon durch. Buchund Plattenläden wollen den Bildband verkaufen, Kunstbuchhandlungen interessieren sich, schließlich wird „Guter Abzug“ auf der Documenta in Kassel präsentiert.

Gleim erfährt für kurze Zeit, was es heißt, berühmt zu sein. Er kann keine Party mehr besuchen, ohne in eine Wolke von Lobeshymnen gehüllt zu sein. „Wenn man alle paar Tage hört, wie großartig man ist, dann kann man irgendwann gar nicht mehr anders, als das zu glauben.“ Gleim aber will, dass das aufhört, er will wieder machen. Er gründet eine Agentur, um gute Musiker für gute Veranstaltungen zu vermitteln. Ein schöner Gedanke, aber der falsche, denn Qualität ist nicht gefragt, wenn es um Unterhaltung geht. So soll Gleim ein Orchester auf der grünen Wiese spielen lassen, obwohl es dort keine Schallmuschel gibt und egal ist, welches Wetter herrscht. Gleim arbeitet hart, aber er quält sich. Als die Düsseldorfer Kunsthalle 2002 Aufnahmen von ihm in der Ausstellung „Zurück zum Beton“ zeigt, kehrt er endgültig zu seinen Fotos zurück.

Jürgen Krause merkt nicht, dass es mit dem Punk zu Ende geht. „Für mich hat das nie aufgehört. Punk ist immer das, was mir am meisten bedeutet.“ Der Kamener zieht diese Einstellung durch. Als er hört, dass im Plattenladen der Ratinger-Hof- Chefin Carmen Knoebel ein Job frei wird, kündigt er seine gut bezahlte Arbeit und verkauft LPs. „Das war meine Bestimmung.“ Später übernimmt Krause den Laden und baut ihn zum betretbaren Fanmagazin mit wandelndem Lexikon um. Die Fans erhalten neben Platten auch alle Informationen, die sie zu nahenden Veröffentlichungen, so ähnlich klingenden Bands und anstehenden Konzerten benötigen.

Verkaufen und Empfehlen bestimmen lange Krauses Leben. Zwischenzeitlich besitzt er mehrere tausend Punk-Platten, wird Wochenende für Wochenende als DJ Jay Kay gebucht und eröffnet einen neuen Laden, „Hitsville“. Damit zieht er ein paarmal um, bis er ihn schließlich verkaufen muss.

Für Michael Clauss geht es nach dem Ende von Nichts noch weiter nach oben. Er gründet Belfegore, spielt düstere, härtere Musik, findet Fans in England, tritt in Rom auf und zieht nach New York. Dort wird das Video zur Single „All That I Wanted“ zum Clip des Jahres gewählt. Clauss ist noch nicht 25, als sein Kontostand sechsstellig wird.

Lange geht das nicht gut. 1985 löst Clauss auch Belfegore auf, danach ist er lange auf der Suche nach einem Sinn. Der kommt mit einem Brief, der gar nicht an ihn gerichtet ist. Der Nachbar, für den er bestimmt war, ist nicht mehr aufzutreiben, also öffnet Clauss den Umschlag, den eine Heilpraktikerschule verschickt hat. „Bing, da war meine Eingebung.“

Alle, die Clauss aus dem Ratinger Hof kennen, erklären ihn für verrückt, der Gitarrist lernt den Beruf trotzdem. Und heiratet eine Bürgerliche. Und eröffnet schließlich am Carlsplatz eine Praxis, obwohl er einem Kumpel gerade sein letztes Geld geliehen hat. Clauss glaubt, er könne ohne Musik leben.

Was vom Ratinger Hof übrig blieb Wer Jürgen Krause heute trifft, kann eine Menge gute Geschichten hören. Wie AC/DC ihr erstes Konzert in Europa gespielt haben, wie er die Gruppe Crass zu ihrem einzigen Konzert außerhalb Englands überredet hat. Der Kamener trägt seine Liebe gut sichtbar, die Namen seiner Lieblingsbands stehen meist auf seinen T-Shirts oder Kapuzenpullovern. Was früher der Plattenladen war, ist heute das Internet. Auf seiner Facebook-Seite stehen Links zu guten Videos, in seinen Mails an Freunde empfiehlt er die besten Konzerte des nächsten Monats. Dort wiederum hört er oft „Danke für den Tipp“. „Ich tanze da aber nicht mehr an vorderster Stelle, ich gebe den Stehgeiger in der letzten Reihe“, sagt der 54-Jährige.

Kein gutes Alter, um arbeitslos zu sein, Krause hat erst mehrere Jahre nach „Hitsville“ wieder einen Job gefunden. Er arbeitet im Gebrauchthandel eines Wohlfahrtsverbands. Zwischen alten Möbeln, Geschirr und Büchern dritter Hand hat Krause eine kleine Musikecke aufgebaut.

Michael Clauss sitzt im karierten Pullover, wohl gebräunt hinter einem ehrwürdigen Schreibtisch in seiner Praxis. „Zu glauben, ich käme ohne Musik aus, war ein Fehler“, sagt er. „Ich bin gitarrensüchtig, ich muss spielen. Meine Nachbarn können das zu ihrem Bedauern bestätigen.“ Das Jahr 2009 bringt die Wende. Clauss wird mit Nichts zu einem Festival nach Österreich eingeladen. Das Problem: Es gibt keine Band mehr. Instrumentalisten findet er schnell, nur wieder keine Sängerin – bis er Sabine Kohlmetz trifft, die ihm erklärt, die alten Nichts-Lieder singe sie so runter.

Nach dem Auftritt in Österreich gehen die Musiker ins Studio. Die Arbeit beginnt in aller Regel mit einem Riff von Clauss. Die anderen steigen ein, nach einer Viertelstunde ist ein Lied aufgenommen. Bei den ersten Konzerten merkt der Gitarrist, dass die Tage des Ratinger Hofs weit hinter ihm liegen. Er spielt immer noch so schnell, hart, trocken wie früher, aber es fordert ihn viel mehr. „Damals war ich nur Musik, heute muss ich auch an meine Familie und meine Praxis denken. Es dauert ein bisschen, bis sich die Kraft der Musik in Bewegung gesetzt hat“, sagt der 51-Jährige. Im Februar geht die Band wieder auf Tournee, mit einigen nahen und einem fernen Ziel: „Ich will noch einmal im Ratinger Hof auftreten.“

Mit dem heute 69-jährigen Richard Gleim durch die Stadt zu laufen, gerät bisweilen anstrengend. Ständig bleibt er stehen und sagt „Guck mal“. Was er sieht und fotografiert, erscheint wenig später im Internet. Auf seiner Seite ist Gleim sehr fleißig, über und unter seinen Bildern stehen oft lange Texte. Wenn Gleim sich über die Rheinbahn ärgert, ruft er dort an, die Erklärungen, die er erhält, stehen dann auch im Netz. „Es ist ein schönes Gefühl, Rentner zu sein“, sagt er. „Es fühlt sich genauso an wie der Punk – nur die Zeiten sind andere.“

Der Ratinger Hof bessert dabei die Rente auf. Mindestens einmal im Monat meldet sich ein Buchverlag oder ein Magazin und beginnt einen Satz mit „Hast Du nicht Bilder von…“. Gleim hat. Toten-Hosen- Sänger Campino als 17-Jähriger mit Brille, der junge Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. Eine zweite Auflage von „Guter Abzug“ hat er sich dennoch verkniffen. Im Internet wird das Buch inzwischen für gut 200 Euro gehandelt.

Manchmal kommt Gleim bei seinen Spaziergängen an der Stelle vorbei, an der früher der Ratinger Hof stand. Der Club, der dort heute ist, öffnet mittwochs, freitags und samstags abends. Wenn Gleim vorbeiläuft, ist die Tür geschlossen. „Der Ratinger Hof hatte immer auf“, sagt er. Ein paar Ecken weiter begegnet Gleim jungen Leuten mit Neonfrisuren, Hunden und der Frage nach etwas Kleingeld. „Hippies“, sagt er.

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