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Stefan Petermann Cover2 groß 2009
  Foto: Asphalt & Anders
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Herzensangelegenheiten: Wir verschenken Literatur

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 02.09.2009 - 00:01

Düsseldorf (RPO). Unser Autor Stefan Petermann veröffentlicht Mitte September seinen ersten Roman Der Schlaf und das Flüstern. Wir veröffentlichen exklusiv zwei Kapitel kostenlos.

 Foto: Asphalt & Anders
Foto: Asphalt & Anders

Was der Rest der Redaktion sich wünscht, wie nichts anderes auf der Welt, hat Stefan Petermann schon geschafft. Der Mann, der bei uns für den Teletest verantwortlich ist, bringt Mitte September seinen Debütroman Der Schlaf und das Flüstern im Verlag Asphalt & Anders heraus.

Worum geht's? Im Alter von fünf Jahren macht Pola eine erstaunliche Entdeckung: Sie kann die Zeit anhalten. Und in der Zeitlosigkeit Menschen und Dinge manipulieren. Als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, zieht sie zu ihrer Großmutter in den kleinen Ort Lange Sömme. Dort trifft sie auf Janek, der ebenso wie sie ein Waisenkind ist. Janek erfährt von ihrem Geheimnis und versucht, es zu seinem Vorteil zu nutzen.

Das ist Stefan Petermann. Er nimmt es gelassen, wenn wir ihn König Zauselbart nennen. Foto: Candy Welz

Wir veröffentlichen heute das erste Kapitel vorab - auch als pdf. In der nächsten Woche gibt es das zweite. Wem das so gut gefällt, der kann den ganzen Roman für 18,90 Euro kaufen. Im Internet, im Buchhandel oder auf der Website des Verlags.

Der Schlaf und das Flüstern - Kapitel 1

Im Gras lag ein Körper, zwischen salzweiß blühenden Kamillen. Die Arme geöffnet, die Beine gespreizt, das Gesicht, von einem kaum wahrnehmbaren Lächeln gezeichnet, dem Himmel zugewandt. Der Körper unberührt, die Kleidung unversehrt. Keine Knöpfe, die fehlten, kein Hosenbein, das gerissen war. Die Schnürsenkel der roten Stoffturnschuhe doppelt gebunden. Um den Hals ein buntes Tuch geschlungen, das dichte Haar von hölzernen Spangen gehalten. Neben dem Körper, auf einem dreibeinigen Metallgestell, ein Fernrohr. Das Objektiv auf einen unsichtbaren Punkt in den Wolkenbergen gerichtet. Vor dem Fernrohr ein alter Stuhl. Über die hellgrünen Rispengräser der Wiese, die an den Rändern sanft in ein Tal überging, trieb der Wind Wellen. Grillen zirpten, Fliegen verfingen sich in Spinnennetzen, Schmetterlinge landeten auf Kamillenblüten, um Nektar zu saugen.

Aus dem Gräsermeer erhob sich ein Arm und streckte sich langsam dem Himmel entgegen. Wie in Zeitlupe öffnete sich die zur Faust geballte Hand, bis der Handteller parallel zum Horizont stand. Bewegung kam in die Pflanzen. Sie schüttelten sich, raschelten aufgebracht und legten sich schließlich zur Seite. Das Gesicht eines Mannes in den mittleren Jahren tauchte auf. Es war ein Gesicht, das vor vielen Jahren Schönheit getragen hatte. Auch wenn noch immer tiefblaue Augen dicht beieinanderstanden, wenn neben den Nasenflügeln Überreste von Sommersprossen zu erkennen waren, wenn das halblange Haar zerzaust, aber nicht ungepflegt in die Stirn fiel, so fehlte dem Gesicht jegliche Spannung, jede Form von Energie, von Kraft. Man konnte so weit gehen zu sagen, dem Gesicht fehlte Leben.

Müde blickte der Mann sich um. Er hatte sich aufgesetzt, vom Wind getrieben trommelten Gräser gegen seine Brust. Er fuhr durch seine Haare, doch nicht um sie zu ordnen. Unscharf nahm er die Umgebung wahr. Sah auf die Wiese, wie sie ruhig und friedlich dalag. Nur Sonnenstrahlen, Wolkenfetzen und ein Fernrohr. Janek tastete seinen schmalen Körper ab. Er schien unverletzt. Vorsichtig streckte er sich. Von seiner Brust glitten die Gräser ab. Sein Blick verschob sich. Noch bevor er zum Stehen kam, wurde ihm schwindelig. Die Beine gaben nach und er taumelte, ohne das Gleichgewicht halten zu können, stürzte zurück ins Grün. Benommen blieb er liegen. Verlor das Bewusstsein, für ein, zwei Minuten. Öffnete die Augen, blinzelte in den Himmel. Bemühte sich, nicht in die Sonne zu schauen. Schillernde Trapeze formten sich, tanzten wie aufgescheuchte Mückenschwärme vor seinen Augen. Janek drehte sich zur Seite. Kühl umfingen ihn die Gräser.

Die Wiese fiel ins Tal hinab. Dort begann das Dorf. Wie hinter einem Vorhang versteckt lag es. Nur ein dumpfes Flimmern von Geräuschen war zu hören, nichts Eindeutiges, nichts, das auf die unmittelbare Anwesenheit von Menschen hindeutete. Allein stand Janek auf dem Plateau, tat vorsichtig seine ersten Schritte. Immer noch fühlte er sich schwach. Er wusste nicht, wie er hierher geraten war. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte, wonach er suchen musste. Vielleicht hundert Meter von ihm entfernt war das Gras niedergedrückt. Taumelnd umkreiste Janek die Stelle, entfernte sich davon und stolperte wieder näher, bis er sie schließlich erreichte. Eine Erinnerung, mehr die Ahnung einer Erinnerung, durchzuckte ihn, viel zu schnell, um sie halten zu können. Er hielt inne. Dann sah er.

Im Gras lagen zwei Körper. Die Gesichter waren unkenntlich. Einzig an den unterschiedlichen Staturen war zu sehen, dass einer ein Mann, der andere eine Frau gewesen sein musste. Sie lagen übereinander, alles andere als friedlich. Die Arme und Beine waren ineinander verdreht. Blut strömte aus den Körpern, tropfte auf Kamillenblumen. Der Tod musste sie eben ereilt haben, vor wenigen Minuten nur. Gestorben lagen sie zwischen den Gräsern. Janek betrachtete die Körper. Er stand, die Sonne in seinem Rü­cken, und warf einen Schatten über den Mann und die Frau. Er kannte beide, das wusste er, er musste beide kennen, doch er konnte sich nicht erinnern. Er schlug sich gegen den Kopf. Gegen das Vergessen. Etwas Feuchtes an seinem Fuß. Das Blut sammelte sich in einer Lache. Er trat einen Schritt zurück, einen zweiten. Schon entschwanden die Körper seinem Blick. Vielleicht würde er sich später erinnern.

Unablässig blies Wind. In der Ferne das Rauschen des Dorfes. In den Augenwinkeln sah Janek etwas glänzen. Er lief, stolperte darauf zu. Die Gräser raschelten, wenn er sie niedertrat. Manchmal blieb er stehen und hielt sich benommen den Kopf. Das Glitzern änderte seine Stärke. Janek erreichte das Fernrohr. Doch als er ankam, fesselte nicht mehr das Fernrohr seine Aufmerksamkeit. Er betrachtete nicht die silberne Ummantelung, die, obwohl an vielen Stellen zerschrammt, gepflegt wirkte. Er drückte nicht sein Auge an das Okular, um zu sehen, worauf das Fernrohr gerichtet war. Auch die orangefarbenen Luftkissen, die von dieser Stelle aus sichtbar waren, interessierten ihn nicht. Stattdessen setzte sich Janek erschrocken, erstaunt und fassungslos zugleich auf den Holzstuhl neben dem Fernrohr. Und als er saß und sah, kam die Erinnerung wieder. Im Gras lag ein Körper, und Janek kannte diesen Körper.

Doch nicht, dass dieser Körper leblos war, bestürzte ihn. Es war der Körper selbst. Da war die ledrige, verbrauchte Haut, in die sich Falten wie Furchen gegraben hatten. Da waren handgroße Altersflecken, die Ränder ausgefranst. Da war das Haar. Schlohweiß und dicht und lang fiel es über die schmalen Schultern der Frau, von hölzernen Spangen kaum gehalten. Das Haar hing ihr über das Gesicht, über die Lippen. Schorf an den Mundwinkeln. Die Augen offen, glasig blau, fast durchscheinend. Es war nicht der leblose Körper, der Janek ängstigte. Es war das Alter. Erst nach vielen Minuten fand er die Kraft, sich zu der Frau hinabzubeugen. Neben ihr sank er auf die Knie. Er wollte sie berühren, weil er dachte, dass nur eine Berührung sie wirklich machte. Doch er fürchtete sich vor ihr, wie sie regungslos dalag, um Jahrzehnte gealtert. Über einer abgewetzten Jeans trug sie das Kleid einer jungen Frau. Blumen waren auf den dünnen Stoff gestickt. Ein Träger hatte sich von ihrer Schulter gelöst. Auf den Wangen eine Schicht Rouge, auf den Lippen Lippenstift. Die Konturen ihrer Augen waren dunkel nachgezeichnet. Auf den Lidern Pulverkrümel. Vorsichtig legte Janek eine Hand auf ihren Arm. Der Körper war warm. Janek wusste, sie konnte nicht tot sein. Er schob die andere Hand unter ihren Kopf und hob ihn sanft an. Die Haut an ihrem fleckigen, alten Hals spannte sich. Schwach roch er den leichten Duft eines Parfüms, das sie hinter ihre Ohrläppchen aufgetragen hatte.

„Pola“, flüsterte Janek, und er wusste, sie würde ihn nicht wahrnehmen.
Er betrachtete ihr Gesicht, so wie er es vor vielen Jahren zuletzt getan hatte. Es war ihm vertraut und fremd zugleich. Schmal war es und eingefallen und über den Stellen, die früher unergründlich geschimmert hatten, schlotterte Haut. Doch das Alter hatte ihr keinen Schaden zugefügt. Auf eine kaum greifbare Weise hatte es ihr Wesen preisgegeben und in ihr Gesicht gezeichnet. Janek fuhr mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers über ihre Stirn, über ihre Nase, ihre Wange, bis er schließlich ihre Lippen fand. Er strich über sie. Doch sie schwiegen, zitterten nicht. Und wie Janek Pola in seinen Armen hielt, fühlte er sich bedeutend. Auch wenn er länger darüber nachdenken würde, so fiele ihm kein besseres Wort dafür ein. Es hatte etwas zu bedeuten, dass er so neben ihr kniete. Es machte ihn bedeutend. Etwas war zu ihm zurückgekehrt. Er war angekommen. Das war kein Ende. Sondern ein Anfang.

Schließlich sprang er auf. Polas Körper fiel nach hinten, und für einen Moment schien es, als würde sie wie Glas zerspringen. Doch sie drückte nur Gräser tiefer in den Boden, die längst niedergedrückt waren. Janek stand in der Wiese. Bis eben hatte Pola noch friedlich gewirkt. Das würde sich ändern. Janek sah sie kommen. Die Männer in weißer Schutzkleidung, mit den Atemschutzmasken, die ihre Gesichter bedeckten. Mit gedämpften Stimmen würden sie sich Anweisungen geben und einen Pavillon errichten, unter dem sie ihre Gerätschaften aufbauen konnten. In dichten Reihen würden sie die Wiese durchschreiten, würden Staubkörner in kleine Plastikbeutel füllen, würden die starren Körper mit weißen Planen bedecken, würden mit geübten Bewegungen Informationen in ihre tragbaren Computer tippen. Um den Ort wäre dann rotweiß gestreiftes Absperrband gezogen, hinter dem sich die Bewohner des Dorfes sammeln würden. Leise würde das Wispern ihrer geflüsterten Annahmen über die Wiese flattern, würden Blicke fragen und Hände gestikulieren. Die jungen Polizisten aus dem Ort würden an das Absperrband treten und abwehrend die Hände heben, gerade so, als dürften sie nichts sagen. Krankenwagen kämen, und Sanitäter würden verschiedene Tode erkennen. Fotoapparate würden sich auf die Ferne scharf stellen, Hubschrauber das Gelände abmessen. Sie würden kommen, vielleicht in der nächsten Stunde schon. Ein alter Bauer, der mit seinem Traktor zum Feld fuhr, würde das Fernrohr bemerken. Kinder, die im nahegelegenen Wald spielten, würden über die Körper stolpern. Es würde Anrufe geben, Aufregung. Unweigerlich würden sie kommen und würden alles von der Wiese nehmen. Sie durften ihn nicht finden. Durften Pola nicht finden.

Janek lief zu den anderen Körpern, lief zurück zu Pola. Wieder und wieder, bis sich ein Pfad in der Wiese abzeichnete. Er musste Pola fortbringen. Ins Dorf konnte er sie nicht tragen. Das war ausgeschlossen. Sie würden ihn entdecken, bevor der Abend anbrach. Doch im Dorf stand sein Auto. Er starrte auf den Waldrand, hinab ins Tal, in die Ferne. Niemand war zu sehen, alles schien ruhig. Also rannte er ins Dorf, so schnell er konnte.

Als Janek zurückkehrte, sah er ihn schon von Weitem. Über die Wiese ging ein alter Mann. Langsam, in ruhiger Bewegung. Noch hatte er Pola nicht erreicht. Das Fernrohr hatte offenbar seine Aufmerksamkeit erregt. Janek beschleunigte den Wagen. Vielleicht würde es ihm gelingen, den Mann abzufangen, bevor er die Körper erreichte. Abrupt lenkte er in die Gräser. Der Alte blickte auf und setzte seinen Weg ungerührt fort. Nur noch wenige Meter trennten ihn vom Fernrohr, als er plötzlich innehielt. Vermutlich hatte er die Körper entdeckt. Janek trat auf die Bremse. Er sprang aus dem Wagen und hastete auf den Mann zu. Und je näher er ihm kam, desto größer wurde die Gewissheit, dass er den Mann kannte. Janek rannte. Der alte Mann brach zusammen. Er fiel nach vorn. Ohne die Hände zum Schutz zu benutzen, stürzte er ins Gras. Jetzt konnte Janek ihn nicht mehr sehen. Nur das Fernrohr und die Wiese.

Der Alte weinte nicht. Bewegungslos verharrte er zwischen den Kamillenblüten, so wie Janek vor vielen Minuten. Sein Gesicht in den Boden gepresst. Keuchend erreichte Janek ihn. Der alte Mann lag still. Janek stützte die Hände auf die Oberschenkel und atmete schnell. Er griff nach dem Alten. Packte ihn an der Schulter und drehte ihn unsanft auf den Rücken. Erde und Gräserpollen klebten im Gesicht des alten Mannes. Die Augen weit aufgerissen.

„Großvater“, setzte Janek an. Dann brach er ab.
Janek wischte die Erde aus Großvaters Gesicht. Die Berührung brachte ihn wieder zu Bewusstsein.
„Einar ist ...“, begann Janek leise.
Großvater starrte ihn an.
„Was machst du hier draußen?“, fragte er.
Seine Augen verengten sich, musterten ihn misstrauisch.
„Was ist das für ein Fernrohr?“, fragte er weiter. Seine Stimme war scharf.
„Nnnichts“, stotterte Janek, „nur ein Fernrohr.“
Großvater erhob sich. Schwankend kam er auf die Beine. Janek versuchte ihn zu halten, doch Großvater wischte ihn wie eine lästige Fliege von sich. Lief los. Nur langsam kam er voran. Jeder Schritt schien ihm Schmerzen zu bereiten. Doch unbeirrt steuerte er sein Ziel an. Janek blieb im Gras liegen, wusste, dass das Unvermeidliche nicht zu verhindern war. Erst als Großvater erneut aufschrie, bewegte er sich wieder.
„Wieso ist sie alt?“, schrie Großvater.
„Wieso ist sie unverletzt?“, schrie Großvater.
„Was hast du getan?“, schrie Großvater.
Anstatt seine Unschuld zu beteuern, griff Janek nach Großvaters Hand.
„Wir dürfen nichts sagen.“
Großvater schaute ihn grimmig an.
„Was hast du getan?“
Janeks Stimme überschlug sich.
„Pola ist nicht tot. Sie lebt.“
Janek drückte die Hand, stärker als es notwendig schien. Großvater überlegte. Er blickte auf den Körper im Gras, auf Janek, dann wieder auf Pola.
„Es ist ihre Schuld“, brüllte er, „sie hat ihn umgebracht. Sie war es.“

Sein Schreien schwoll an. Er löste sich aus Janeks Griff und beugte sich zu Pola hinab, begann sie zu schütteln. Immer lauter schrie er, einzelne Wörter waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Aus ihm brach, was sich seit vielen Jahren aufgestaut hatte. Großvater hob die Hand, schlug Pola ins Gesicht. Ein roter Abdruck blieb. Janek warf sich auf Großvater, versuchte sich zwischen Pola und den Alten zu schieben. Er riss Großvater zurück. Der Alte schrie auf, versuchte sich zu drehen. Sein Knie stieß in Polas Bauch. Pola war so still, als gäbe es nichts, was sie in ihrer Ruhe stören könnte. Großvater zerriss einen Träger ihres Kleides. Janeks Hand krallte sich in Großvaters Gesicht. Der schrie, kreischte, bis Janek den Druck weiter verstärkte. Großvaters Stimme verstummte. Er begann hektisch zu atmen. Janek schob sein Knie zwischen Großvaters Beine und presste den Körper gegen den Alten, um so dessen Bewegungen kontrollieren zu können. Großvaters Arme erschlafften. Er ließ von Pola ab. Doch Janek drückte zu, immer weiter zu. Großvaters Zähne gruben sich in seine Hand, doch Janek ignorierte den Schmerz, presste, drückte, quetschte den Alten, bis die Zähne nicht mehr länger bissen. Dann sank Großvater in die Wiese, das Gesicht feuerfarben angelaufen. Keuchend fiel Janek neben ihn. Nur sein Atmen war zu hören. Und der Wind. Großvater lag so starr wie Pola, so starr wie die beiden anderen Körper. Janek wusste nicht, warum er zugedrückt hatte. Ob er es getan hatte, um Großvater von Pola wegzureißen. Oder ihn zum Schweigen zu bringen. Ob er es getan hatte, weil er Pola verleumdet hatte. Er wusste es nicht. Er wollte es nicht wissen.

Janek musste schnell handeln. Großvater hatte geschrien. Vielleicht hatte jemand sein Gebrüll gehört. Jede Sekunde, die er länger in der Hasenheide verbrachte, vergrößerte die Gefahr, entdeckt zu werden. Er untersuchte Pola. Ein Träger ihres Kleides war gerissen. Auf ihrer Wange glänzte dunkelrot der Abdruck von Großvaters Hand. Auf ihrem Arm war eine Prellung zu erkennen. Doch sie schien unverletzt. Und immer noch lag sie unbewegt da. Er musste sie zum Wagen schaffen. Janek griff unter Polas Körper. Er legte ihren Arm um seinen Hals und stand auf. Sofort begann er zu schwitzen. Pola wog nicht viel. Doch war sie groß, und ihre Beine schleiften auf dem Boden. Nur langsam kam er voran. Immer wieder musste er innehalten und einmal legte er sie ins Gras ab, weil er sie nicht mehr halten konnte. Und wenn er ging und sein Gesicht dem ihren nahe war, da schien kein Jahr vergangen. Endlich erreichte Janek den Wagen. Er öffnete die Tür und legte sie auf den Rücksitz. Er musste ihre Beine unter den Beifahrersitz schieben, damit sie Platz fand. Einen letzten Blick warf er auf die Hasenheide, auf das Dorf, bevor er den Motor startete.

Den Rest des Tages und die folgende Nacht fuhr Janek. Es gab kein Ziel für ihn, keinen Punkt, den er erreichen wollte. Er fuhr, den Blick starr auf den Asphalt vor ihm gerichtet. Er hatte sich für die kleinen Straßen entschieden, auch wenn er auf dem Weg durch die Dörfer nicht so schnell vorankommen würde. Pola lag auf der Rückbank, noch immer in der Haltung, in die Janek sie vor vielen Stunden gelegt hatte. Die Beine seltsam ineinandergeschlagen, über dem Körper eine Decke. Oft drehte sich Janek zu ihr um, wollte sich vergewissern, dass sie noch schlief. Wenn er nichts sah, parkte er am Seitenstreifen, um zu ihr auf die Rückbank zu klettern, ihre Lippen zu beobachten. Jedes noch so geringe Anzeichen einer Bewegung hätte ihn dazu veranlasst, die Reise zu beenden. Vielleicht war dies sein Ziel: Das Zittern ihrer Lippen zu sehen.

Als es Morgen wurde und schließlich Tag, übermannte ihn Müdigkeit. Er zwang sich weiter zu fahren, doch als er in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn steuerte und nur das wütende Hupen eines entgegenkommenden Autos ihn aus dem Dämmern riss, entschloss sich Janek, eine Pause einzulegen. Er fuhr auf einen Feldweg und legte sich zu Pola. Oft schreckte er aus einem unruhigen Schlaf hoch und schaute auf die alte Frau neben ihm. Am Nachmittag setzte er den Weg fort. Bald überquerte er eine zweite Grenze. Vorsichtig näherte er sich den Übergängen, doch Polizis­ten winkten ihn uninteressiert vorbei, warfen keinen Blick auf die Rückbank, in die Augen des Fahrers. Janek wusste nicht, ob er getötet hatte. Regungslos hatte Großvater im Gras gelegen. Regungslos, ohne Atmung, mit gerötetem Hals, mit Speichel am Mund. Er musste nicht gestorben sein; sein Leben war eine Möglichkeit, die nicht ausgeschlossen werden konnte. Doch Großvaters Schicksal spielte keine Rolle. Sicher waren die Spuren, die die Reifen im Gras hinterlassen hatten, längst ausgewertet. Bestimmt lief schon eine Fahndung nach Janek, bestimmt war sein Bild an alle zuständigen Behörden geschickt worden. Wonach sie suchten? Nach einem zwei-, vielleicht dreifachen Mörder. Nach einem Entführer. Im Dorf würde man sich der alten Geschichten erinnern. Wie er früher war. Was er getan hatte. Dass alles kein gutes Ende nehmen konnte. Es war Abend, als er die dritte Grenze überquerte.

Doch weitere Tage sollten vergehen. Niemanden schien es zu interessieren, wohin er fuhr. Wenn Polizeiwagen hinter ihm plötzlich das Martinshorn einschalteten, galt das nicht ihm. Pola ließ er nur allein im Wagen zurück, wenn er in Raststätten Wasser holte und Benzin tankte. Einmal geriet er in einen Stau. Doch er stieg nicht aus, sondern harrte viele Stunden ruhig schwitzend aus. Es wurde heißer, je weiter er in die Fremde vordrang. Die Landschaft veränderte sich und mit ihr die Geräusche. Motoren brummten sanfter, ein anderer Belag, über den die Reifen rollten. Öfter Hupen. Das Radio spielte Musik mit akustischen Gitarren und hohen Stimmen. Die Luft schmeckte bald salziger, webte Blütenduft hinein. Und immer der Blick zu Pola. Manchmal, wenn er die nötigen Halte machte, legte Janek sich zu ihr, strich über ihre Haut, verdrehte das dichte, weiße Haar zu Zöpfen, zog ihr Kleid straff. Der Duft ihres Parfüms war längst verschwunden.

Schließlich, es war an einem Nachmittag, endete die Reise. Janek blickte zu Pola und sah keine Veränderung an ihr und als er sich nach wenigen Minuten erneut umdrehte, da erkannte er, wie über ihre Lippen ein Schaudern lief, das Frösteln, das er so gut kannte. Darauf hatte er gewartet. Die Reise war zu Ende. Janek hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, wenn es soweit war. Er wusste, dass ihm nur wenig Zeit zum Handeln blieb. Und doch wurde er seltsam ruhig in diesem Augenblick. Gefasst blickte er in die Landschaft, sah ein bewaldetes Tal zu seinen Füßen. In weiter Ferne ein Meer. Er verließ die befes­tigte Straße und bog in den Wald ein. Ein Schlagbaum versperrte den Weg, doch gelang es ihm, den Wagen daran vorbei zu manövrieren. Eine Schneise lag vor ihm, teilte den Wald in zwei Seiten. Ein paar Kilometer später kam ihm ein Auto entgegen. Es gehörte dem Förster, der wissen wollte, wie Janek an dem Schlagbaum vorbeigekommen war. Der Förster und Janek sprachen unterschiedliche Sprachen. So fiel es ihnen schwer, einander zu verstehen. Der Förster forderte Janek auf, ihm zu folgen. Janek gehorchte und wartete an der nächsten Gabelung, bis sein Auto in der Ferne verschwunden war. Dann kehrte er auf den ursprünglich eingeschlagenen Weg zurück.

Nach etwa einer Stunde fand er eine Stelle, nahe der Krümmung eines Flusses. Hier war niemand mehr, nur Bäume, nur Blätterwerk, das matt glänzend in der Nachmittagssonne schaukelte und Janek tiefer in den Wald winkte. Der Weg verlor sich zwischen den Bäumen, war bald nicht mehr auszumachen. Seine Schritte sanken im Moos ein, modriges Wasser drang in die Schuhe, als er die schmale Lichtung erkundete. Er fuhr den Wagen in den Wald und vergewisserte sich, dass dieser vom Weg aus nicht zu sehen war. Auf das feuchte Gras legte Janek eine Decke. Diesmal kostete es ihn kaum Kraft, Pola aus dem Wagen zu heben und zur Lichtung zu tragen. Ruhig hielt er ihren Körper, der von den vielen Stunden im heißen Inneren des Wagens mit Wärme geladen war. Immer wieder fiel sein Blick auf ihre fröstelnden Lippen. Einzelne Wörter drangen zu ihm durch, nichts, was schon Sinn ergab, doch Janek wusste, dass er sie verstehen würde, wenn es soweit war. Vorsichtig legte er Pola auf der Decke ab. Strich Haare aus ihrem Gesicht, drückte sanft ihre Hand.

Nahe bei ihnen rauschte Wasser, Wind strich durch Baumwipfel. Janek schmiegte seinen Kopf an Polas Brust, sodass sein Ohr ihre Lippen berührte. Kein Atmen hörte er, nur erste, kaum wahrnehmbare Worte. Und während Janek zu flüstern begann, still und leise, zitterten Polas Lippen. Und wenn sie schwieg, dann fuhr er fort und ihre Geschichten wurden eins, an vielen Stellen.
Das erste Anzeichen eines Bruches.


 
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