Jupp testet die Welt
Diese Woche: Schütze sein
Das Brauchtum ist so deutsch wie die Autobahn oder Gemütlichkeit. Da sich in Holzbüttgen, im Norden des Kreis Neuss, bereits zwei Autobahnen kreuzen, ist es die Gemütlichkeit, an der von den Einheimischen gefeilt wird. Hier gilt der Schützenverein als Muster für das gemütliche Beisammensein.
Doch dafür ist zunächst eine Uniform nötig. Die gibt es im Verleih von Franz Rütten.
"Oh jeh! Ganz genau in Ihrer Größe haben wir nichts", lautet der erste Satz auf meinem Schmusekurs mit dem bis dato bewusst vermiedenen Schützentum.
Ein Hinderungsgrund ist das aber nicht. So stehe ich schon wenig später mit Uniform im Garten des Gesellschaftskönigs.
Etwas zu kurz sind die Ärmel tatsächlich. Das seltsame Gefühl, überhaupt ein solches Sakko zu tragen, überwiegt allerdings.
Erste Gruß-Übungen gehen ganz furchtbar in die (zu weite) Hose!
Aber mit ernster Mine fällt das sicher gar nicht weiter auf.
Jetzt wird es ernst: Die Jungs rücken an.
Die Gesellschaft Scheibenschützen Holzbüttgen grüßt ihren König Stephan Seeger.
Ihm zu Ehren wird ein Maien in den Vorgarten gestellt.
Nach den Formalitäten folgt der Marschbefehl. Auf dieser Karte sind alle Termine vermerkt. Zudem dient sie zur Identifikation. Auf der Rückseite kann der Spieß (eine Art Aufpasser) mögliche Strafen vermerken.
König Stephan hat zum ersten Bier geladen. Wenn die Monarchen rufen, darf der Pöbel natürlich nicht ablehnen.
Ähm, es folgte übrigens der Nachsatz: "Bedien dich, Junge!"
Zum Einstimmen gehört das gemeinsame Essen. Die Kompanie trifft sich beim König und geht frisch gestärkt zum Schützenzug.
Aber vorher lasse ich mir den Wagen erklären. Damit auch bei längeren Wartezeiten keine Langeweile entsteht, hat die Kompanie einen Wagen mit Getränkehaltern, großer Musikanlage und vielen kleinen Gimmicks (Thermometer, Barometer, etc.) gebaut.
Vorn posiert übrigens das Maskottchen.
Dann ertönt der Befehl zum Antreten. Jetzt wird es ernst!
Alle Mann stehen in einer Reihe und der Spieß überprüft die Vollständigkeit der Uniformen. Hierzu gehören auch schwarze Socken und ein weißes Stofftaschentuch.
König Stephan gibt letzte Tipps, wie der Spieß gewisse Mängel nicht sofort erkennt.
Frisch überprüft geht es ans Werk. Der etwa zwei Kilometer lange Weg zum Kirmesplatz steht an.
Unterwegs wird noch eine kurze Pause am Feldlager eingelegt.
Hier stehen die Vorräte der Kompanie. Außerdem wird der Musikwagen geparkt. Der ist beim Zug verboten.
Endlich: Wir haben den Kirmesplatz erreicht. Gleich geht es rund...
Zunächst steht aber noch die feierliche Verleihung der Scheibenschützen-Nadel an.
Gleich danach geht es aber los. Ob sich die Aufstellung nach Größe oder Kompetenz richtet, weiß ich nicht. Jedenfalls ist mein Platz hinten links.
Vorne läuft Chef Uwe. Gleich dahinter folgt der König.
Von ganz hinten überwacht der Spieß (gelbes Schulterband) das Geschehen.
Das mit dem Gleichschritt ist so eine Sache. Die Jungs haben damit keinerlei Probleme. Mir, ich bin der mit den längsten Beinen und zudem vermutlich der einzige Zivi in der Runde, fällt es dagegen schwer.
Aber auch hier hilft im Zweifelsfall ein ernster Gesichtsausdruck.
Nach einem kurzen Zwischenstopp am Ehrenmal gibt es eine erste Manöverkritik. Uwe ist zufrieden mit mir, der Spieß hat dagegen seine Argusaugen unter Beweis gestellt...
...ein vorsichtiges Gähnen bei der Parade kostet mich einen Straf-Euro.
Dann geht es weiter. Die Sonne brennt und mein Hemdkragen ist inzwischen klatschnass.
Nach einer kurzen Messe dauert es weitere zähe Minuten in der prallen Sonne, bis der Schützenkönig die Parade abnimmt.
Georg II. und Königin Martina betreten den Platz. Sie sind von der feierlichen Stimmung sichtlich gerührt.
Die Kompanien präsentieren ihre Waffen. Dann folgt der Zapfenstreich.
Dabei ist Haltung gefragt.
Die bringt ein promptes Lob von König Stephan ein. Das versprochene Bier hab ich mir jetzt auch irgendwie verdient.
Wieder geht es zurück in die Formation.
Inzwischen qualmen die Füße und das Sakko ist komplett angeschwitzt, aber eine Hürde wartet noch.
Die Majestäten nehmen am Straßenrand einen letzten Gruß ab. Dafür wird der Hut nach links und der Blick nach rechts gerichtet - natürlich im Gleichschritt.
Dann kreisen die Gedanken bereits um den gemütlichen Teil des Tages.
Der ist nur noch wenige Meter entfernt.
...und Fliege beiseite. Was dann im Zelt passiert, bleibt auch im Zelt.
Den gesamten Abend bekomme ich ohnehin nichtt mehr zusammen. Die Ausbeute des Tages sind drei Sommersprossen auf der Nase, zwei Blasen am linken Fuß und ein gehöriger Brummschädel.
Ich brauche ein bisschen Pause. In diesem Sinne, rühren und bis nächste Woche...