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Herzrasen
Kaminer, der Vorzeigerusse
Herzrasen: Kaminer, der Vorzeigerusse
Wladimir Kaminer – der Mann hinter der Russendisko. FOTO: Elina Wittnebel
Düsseldorf. Das neue Buch von Wladimir Kaminer, „Onkel Wanja kommt“, handelt von seinem Onkel, der vor seinem Ableben die Welt sehen will. Zumindest Europa. Unsere Autorin hat ihn getroffen. Von Luba Goldberg

Vor zehn Jahren, als ich nach Deutschland kam, las ich in einer aus Russland mitgenommenen Zeitschrift über Wladimir Kaminer, der angeblich die Mode für alles Russische nach Deutschland eingeführt hat. „Die Russen kommen“ – sollen wir Menschen wie ihm zu verdanken haben. Der Journalist dieser russischen Zeitschrift war begeistert von Kaminer, der ein Disko mitten in Berlin führte und Radiosendungen moderierte, der seine Bücher auf Deutsch verfasste, die so populär waren, dass jeder sie im Supermarkt kaufen konnte. Er schwärmte von Kaminers Kreativität, Produktivität und Direktheit. Er fühlte die „Kraft des Urchaos“, die von ihm ausging. Kaminer trank mit ihm Schnäpse, lachte in Bass, teilte mit ihm seine Zigaretten und erzählte in langen wasserfallartigen Monologen, dass er keine Zeit hat, seine Bücher ins Russische zu übersetzen, und überhaupt würde ihn das nicht interessieren. Seine Bücher wären schon in so viele Sprachen übersetzt, dass er schon längst aufgehört hätte, das zu verfolgen. Er hätte gemerkt, dass er als Schriftsteller hier in Deutschland keinen interessiert, wenn er die Lesungen nicht auf Deutsch hält, deshalb fing er damit an, auf Deutsch zu lesen. Im Cafe Burger würde er die Lesungen und die Russendisko machen, in der Schönhauser Allee wohnen und darüber schreiben, was er sieht, über die Realität, wie er sie sieht, einfach Geschichten erzählen.

Ich war frisch eingereist, kannte noch kein Deutsch und hatte keinen Plan, was ich nach der Schule aus meinem Leben mache. Diese Geschichte von Kaminer und seinem Erfolg in diesem noch fremden Land machte großen Eindruck auf mich. Ich habe mir vorgenommen, ihn irgendwann mal unbedingt kennenzulernen und zu fragen, wie er ein russischer Bestsellerautor in Deutschland geworden ist. Auf dem Gymnasium lernte ich Deutsch und las irgendwann auch das erste Buch von Kaminer, „Russendisko“. Es hatte kurze Geschichten, geschrieben in einfachen kurzen Sätzen, sie waren leicht zu lesen. Was ich vom Inhalt denken sollte, da war ich mir nicht sicher. Es kam mir vor wie die Alltagsgeschichten von meinen Nachbarn in der Notwohnung für Ausländer in Solingen, wo ich die ersten zwei Monate verbrachte. Ich habe zu der Zeit noch nicht verstanden, was daran besonders sein soll. Ich hoffte, es zu verstehen, wenn ich besser Deutsch kann und Kaminer persönlich kennenlerne.

Letzte Woche kam Wladimir Kaminer mit seinem neuen Buch „Onkel Wanja kommt“ nach Düsseldorf und ich bekam diese Möglichkeit. Ich kriegte seine Handynummer raus und rief ihn einen Tag vorher an. Er rief zurück und verabredete sich mit mir zu einem Interview nach der Lesung.

Die Lesung in der Mayerschen auf der Kö war voll. Die Karten kosteten zwölf Euro pro Stück. Es saßen hauptsächlich deutsche Pärchen und Frauen in ihren Fünfzigern da, es gab aber auch Russen. Kaminer trat auf die Bühne und fing sofort an, Witze zu machen. Das Publikum fing sofort an, zu lachen. Als ob es auf einen Signal gewartet hätte. Kaminer sprach mit einem harten „typisch russischen“ Akzent, den ich schon lange nicht mehr gehört habe. Wegen dieses Akzents konnte ich mich nicht auf den Inhalt konzentrieren. Zwei russische Freunde saßen neben mir. Einer hat hin und wieder gelacht, die Andere nicht einmal. Ich konnte auch nichts Witziges verstehen. Die zehn Jahre in Deutschland haben mir also nichts gebracht. Ich verstand den Humor nicht. Die platzende, quietschende und überschäumende Freude der älteren Damen dagegen war nicht zu überhören. Sie explodierten vor Lachen nach beinah jedem Satz, den Kaminer in scheinbar gewohnter Manier von sich gab.

Nach der Lesung unterschrieb Herr Kaminer schnell einige Exemplare seines neuen Buches und ich gab ihm die Hand: „Hallo, ich bin Luba Goldberg. Wir hatten einen Interviewtermin.“ Er strahlte vertraut, genauso wie auf seinen Pressefotos, und sagte: „Oh, hallo, freut mich. Lassen Sie uns ins dafür ins Hotel gehen.“ Einer von meinen Freunden verdrückte sich nach diesen Worten, die andere Freundin kam mit, um ein Porträt zu schießen und mir Gesellschaft zu leisten. Danach sahen wir, wie die Mitarbeiterin der Mayerschen dem Herrn Kaminer vier Fünfziger-Scheine in die Hand drückte. Er bedankte sich, nahm seine Plastiktüte mit, und wir gingen raus.

Kaum dass wir im Restaurant des Steigenberger Hotels, wo Kaminer übernachtete, waren, fing der Klavierspieler an, „russische“ Musik zu spielen: erst „Moskauer Nächte“, dann was aus dem „Schwanensee“. Bestimmt, weil er Kaminer sofort erkannt hatte. Wir setzten uns in die weichen beigen Sessel. Kaminer flirtete mit dem Kellner – „Leben die Austern noch?“ – in seiner Art, die in ganz Deutschland so sympathisch rüberkommt, und bestellte für sich drei Austern, Dreierlei von Fois Gras und dazu ein Glas Sekt. Meine Freundin und ich fühlten uns verlegen. Wir waren nicht darauf vorbereitet, in einem teuren Hotel zu dinieren. Dem Kaminer beim Essen zuzusehen, auf nüchternen Magen, fanden wir auch unhöflich. Wir bestellten uns je ein Glas Wein.

Kaminer aß, wir guckten. Wir sprachen Deutsch, manchmal Russisch. Beim Russisch bestand er darauf, dass ich die Aufnahme stoppe. Hin und wieder drückte er selbst „Stopp“ auf meinem Handy, mit dem ich aufnahm. Es war auffällig, dass, wenn er auf Russisch sprach, seine Rede viel spontaner war, und wenn auf Deutsch, dann wie antrainiert in Tausenden von Interviews, die er bestimmt schon gegeben hat. Auf Russisch war das quasi „kein Interview“, deshalb viel interessanter. Er verriet uns zum Beispiel, dass er dieses Jahr die Handelskammer bei einer jährlichen Veranstaltung moderierte, die dieses Jahr „Zauberhaftes Russland“ hieß, was er sehr lustig mit einem verzogenen Gesicht ausgesprochen hat. Mir fiel ein, dass „Der Spiegel“ ihn als „Berufsrussen“ bezeichnet hat. Das heißt, er muss für alle in Deutschland lebenden Russen herhalten. Und dabei sympathisch rüberkommen, so wie man Russen gerne hätte. Ein bestimmter Generalkonsul soll dahin in einer unsauberen Ausgehuniform gekommen sein und eine Rede in der besten Tradition von Leonid Brezhnev gehalten haben. Leider wollte Kaminer an dieser Stelle das Thema wechseln, wir hätten gerne mehr davon gehört. Ich fragte, ob er sich noch an das Interview für die russische Zeitschrift erinnern konnte, in der ich von ihm erfahren habe. Ich zuckte die Zeitschrift aus meiner Handtasche und wollte sie ihm zeigen. Er wirkte irritiert und meinte, dass er bestimmt nicht irgendwelche Interviews mit sich selbst lesen würde.

Er rügte den Film generell, was daraus seit den Zeiten von Fellini und Bunuel geworden sein soll, besonders den deutschen Film, wo das Ergebnis hauptsächlich davon abhängt, dass es sehr vielen sehr verschiedenen Menschen gefällt, die ihn finanzieren, sodass am Ende nichts von der ursprünglichen Idee bleibt. Als ich ihn fragte, was er von der Verfilmung von „Russendisko“, seinem ersten Bestseller, hält, sagte er auch, dass er so gemacht ist, um eine maximal Menschenmasse zu erreichen, um den Menschen in der Filmbranche Arbeitsplätze zu schaffen, damit sie ihre Familien versorgen können. Er hatte keine Macht, weder über den Prozess noch über das Ergebnis, weil die Filmrechte vom Anfang an dem Verlag gehörten. Er meinte aber, dass idealerweise das Buch nicht verfilmbar sei, weil es aus vielen kleinen Episoden besteht, die sein reales Leben schildern, und für den Film sei das reale Leben viel zu langweilig, darum musste es im Film überspitzt werden. Insgesamt sei er aber froh, durch den Film könnten seine Russendisko und seine Bücher mehr Aufmerksamkeit gewinnen. Als ob er das nötig hätte.

In der Literatur werden laut Kaminer bald nur zwei Kategorien von Autoren bleiben: die Clowns, die unterhaltende Geschichten erzählen, wie er einer ist, und die Drehbuchautoren, die „diese ganzen Vorlagen schreiben für Serien und diese ganze ,Kunst' in Anführungszeichen, für dieses ,Mul-ti-me-di-a-le'. Sie sind durch ihren Beruf dazu gezwungen zu schreiben, was irgendwelchen Leuten gefallen soll, die gar nicht lesen, nur damit diese Projekte damit Geld machen können. Die Arbeit eines Clowns ist auf einer ehrlicheren Basis aufgebaut, nicht so wie heute in dieser Buchhandlung. Normalerweise gehe ich in einen Club, wir machen 50/50 von der Kasse. Menschen, die kommen, sind die die etwas wissen wollen. Und alle verdienen dabei. Der Club verdient, der Zuhörer und der Autor. Man schafft Arbeitsplätze…“

„Was verdient denn der Zuhörer?“ frage ich.

„Kenntnisse über das Leben.“

„Achso. Denken Sie, dass die Deutschen Ihren Akzent mögen?“

„Ich glaube nicht, Lubov, dass es am Akzent liegt.“ sagt er finster.

„Vielleicht haben Sie gemerkt, dass Ihre Formulierungen manchmal ungewöhnlich für das deutsche Ohr sind. Es wirkt auf mich so, als ob sie die russischen nehmen und sie wortwörtlich ins Deutsche übersetzt hätten. Das klingt unabsichtlich charmant.“

„Was, das mit dem Akzent?“ weicht er mir aus.

„Nein, ich bin schon weiter.“

„Dass das Leben traurig ist?“

„Nein.“

„Dann habe ich Sie nicht verstanden. Das ist ein merkwürdiges Interview, Lubov.“

„Kann schon sein.“

„Irgendwann habe ich jedenfalls auch für die Rheinische Post geschrieben. Das ist eine katholische Zeitung. Auf jeden Fall eine religiöse, eine der letzten wichtigen religiösen Zeitungen.“

„Worüber haben Sie geschrieben?“

„Ich weiss es nicht mehr, aber Religion ist für mich ein wichtiges Thema und so haben wir uns gefunden.“

„Wie sieht Ihr Tag normalerweise aus?“

„Ich mache das, was mir gefällt. Das heißt, ich lese viel, ich rede mit Menschen, ich trinke Wein, esse irgendwelche tollen Sachen, höre Musik, gehe spazieren, mache Sport. Eben das, was mir gefällt.“

„Wann schreiben Sie denn Ihre Bestseller?“

„Ich versuche mich immer zu zähmen, dass ich nicht zu viel schreibe. Ich schreibe vielleicht einmal die Woche ein paar Stunden, dann ist eine Geschichte schon fertig. Man muss gar nicht viel schreiben, um etwas fertigzubringen in diesem Bereich. Man muss einen Gedanken zu Ende denken können. Man kann aus einer These, einer Vermutung, einem Gefühl, einem Gedanken eine Geschichte machen. Es ist schwierig, weil man viel erleben muss, um einen Gedanken zu Ende zu denken. Ich habe sehr viele Gedanken nicht zu Ende gedacht. Es bleiben immer irgendwelche Stücke liegen.“

„Haben Sie Tipps für aufstrebende Autoren?“

„Nachdenken, beobachten, verstehen. Wir sind alle Kinder dieser Welt, in deren Geschichte man sich finden muss. Man muss verstehen, warum man zum Beispiel für eine Zeitung wie die Rheinische Post arbeitet oder warum man einen Roman schreiben will. Wenn man das begreift, ist das die richtige Voraussetzung. Sie dürfen der deutschen Literaturkritik keine Beachtung schenken, weil die deutsche Literaturkritik ziemlich oberflächlich ist. Die Kritiker schreiben viel mehr über die Nase, die Haare, die Manieren eines Autors, als über den Inhalt seiner Bücher. Dabei werden die Bücher gar nicht wegen der guten Kritiken gekauft“

„Weshalb dann?“

„Ich kaufe ein Buch auf eine Empfehlung von Freunden, oder von einem anderen Autor, den ich schätze.“

Wir bedanken uns, zahlen selbst unseren Wein und verabschieden uns von Kaminer. Er kommentiert, dass er ja nichts besonders Kluges gesagt hat und verspricht, dieses eine Interview ausnahmsweise zu lesen.

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