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Herzrasen
Keine Macht den Brötchen

Düsseldorf (RPO). Viele Menschen essen nur, was gerade noch im Ofen lag. Ein Abgesang auf ein  Lebensmittel, das die Welt so dringend braucht wie die Schweinepest. Von Sebastian Dalkowski

Lebensmittel gehören zu den wenigen Dingen, die den Menschen von Geburt bis Tod zuverlässig glücklich machen. Auf der Suche nach diesem Glück hat er allerdings rätselhafte Rituale entwickelt, das betrifft besonders sein Verhältnis zum Brötchen.

Kommt der Brötchenkäufer mit seiner Beute nach Hause, ruft er, noch bevor er Schlüssel und Mantel abgelegt hat: "Ich hab Brötchen mitgebracht." Und fügt dann hinzu: "Sie sind noch warm." Mit Betonung auf ‘noch'. In seinen Ohren klingt das so überzeugend wie "Ich hab Brötchen mitgebracht. Sie sind aus Gold."

Deshalb erwartet er, dass die anderen Familienmitglieder aus der Dusche springen, ihre Lieblingsserie verpassen und den Telefonhörer auflegen – alles, um das Gefühl zu genießen, in ein warmes Brötchen zu beißen. Das belegen die Kenner nicht mit Wurst, sondern bestreichen es mit Butter und Marmelade. In ein warmes Brötchen beißen sie auch sehr langsam, als genießen sie einen Wein, kauen andächtig, schlucken und sagen dann "Es geht doch nichts über ein warmes Brötchen."

Es ist ihnen egal, dass das Brötchen zu jenen Lebensmitteln gehört, die sowohl kalt als auch warm schmecken. Es besteht also kein Grund, die Brötchen unbedingt im warmen Zustand zu verspeisen. Niemals aber würden sie für Pommes oder Suppe solch einen Wirbel veranstalten, obwohl die doch kalt überhaupt nicht schmecken.

Es ist nicht der Geschmack, der den Anhänger warmer Brötchen antreibt. Zunächst einmal scheinen sie ernsthaft überzeugt zu sein, dass warm ein seltener Zustand für ein Brötchen ist – ganz so, als kämen diese üblicherweise gefroren aus dem Backofen. Was sie mindestens ebenso antreibt, ist der Gedanke, dass ein warmes Brötchen näher am Ursprung ist. Wer ein warmes Brötchen isst, der sieht noch vor sich, wie der Bäcker schwitzend in der Backstube steht und dieses Brötchen backt, ja der Esser steht noch mit in der Backstube. Es ist noch nicht das seelenlose Industrieprodukt, zu dem aus augenblicklich wird, sobald es kalt ist.

Diesem Mythos huldigen sie genauso wie dem Mythos des frischgepressten Orangensafts, der in ihren Augen bereits nach einer Stunde alle Qualität eingebüßt hat, weil sie glauben, die Vitamine hätten sich längst aus dem Staub gemacht. Wer einen interessanten Gesichtsausdruck sehen möchte, kippt diesen Menschen versehentlich frischgepressten Orangensaft über das warme Brötchen.

 
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