Lesereise (15): Leipzig. Ich will.
VON STEFAN PETERMANN - zuletzt aktualisiert: 29.10.2011 - 08:17Leipzig (RPO). Unser Autor Stefan Petermann geht mit seinem neuen Buch Ausschau halten nach Tigern auf Lesereise. Für uns schreibt er einen Tourblog.
Leipzig, Buchmesse, 15./16. März 2012
(Dieser Text wäre ohne „Wie soll ich schreiben?“ von Katharina Luger nicht entstanden.)
Ich will nach Leipzig auf die Buchmesse fahren.
Ich will dort Freunde treffen.
Ich will dort nicht aus „Ausschau halten aus Tigern“ lesen.
Aber ich will dort lesen.
Ich will ganz wichtig Kontakte knüpfen, ich will mein Netzwerk erweitern, ich will BusinessBusiness.
Ich will mit meiner Bahncard keine Bonuspunkte sammeln, mit denen ich mir nach hundert Fahrten ein Käsebrett Natur, einen Standby-Killer oder ein Linien-Laser Quigo bestellen kann.
Ich will den Kopf gegen die Scheibe lehnen, während im Sonnenuntergang die Chemiefabriken von Leuna an mir vorbeiziehen und dabei einen Einfall bekommen, der Grundlage wird für einen übernächsten Roman, aus dem ich auf fünf Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse 2014 lesen werde.
Ich will, dass niemals wesentlich mehr als 500.000 Menschen in Leipzig leben.
Ich will, dass das nächste sächsische Tatortteam mal nicht in Leipzig ermittelt.
Ich will jetzt ein Brötchen mit Mett.
Ich will ins Café Stein.
Ich will dort aus der iPhone-App snippy lesen.
Ich will Kopfhörer tragen und darüber die Stimme der Vorlesenden so hören, als würden die Vorlesenden direkt in meine Ohren flüstern.
Ich will die Lautstärke am Funkempfänger nicht auf zehn drehen.
Ich will mich für Technik begeistern.
Ich will über die Zukunft nachdenken.
Ich will mich für die Zukunft interessieren.
Ich will mich für die Zukunft begeistern.
Ich will ein „Futureboy“ sein.
Ich will, dass es immer Bücher zum Anfassen gibt.
Ich will aber auch alle Vorteile von digital.
Ich will, dass Leute nicht glauben, es gäbe ein Recht auf kostenlos.
Ich will nicht, dass jemand die Begriffe „Urheberrecht“ und „Verwertungsrecht“ in manipulativen Zusammenhängen benutzt.
Ich will, dass alle Menschen immer Zugang zu allen Formen von Geschichten und Informationen haben, ohne jede Einschränkung.
Ich will von etwas leben können.
Ich will, dass aus Bestehendem Neues geschaffen wird.
Ich will Remixe, Adaptionen, Mashups, Kollagen, ein Fortspinnen, ein Übernehmen, ein Weiterdenken.
Ich will keine Paragedichte.
Ich will nicht, dass Remixe, Adaptionen, Mashups, Kollagen, ein Fortspinnen, ein Übernehmen, ein Weiterdenken als Vorwand für „kostenlos“ benutzt.
Ich will endlich mal Antworten auf die dringenden Fragen des 21. Jahrhunderts.
Ich will eine Antwort, die alle Seiten zufriedenstellt.
Ich will etwas, dass es niemals geben wird.
Ich will während der MDR-Liveschalte die Liveschalte mit einer spektakulären, aber nicht unsympathischen Aktion stören.
Ich will eine Geschichte über das Gipfeltreffen in Heiligendamm vorlesen.
Ich will mir lieber etwas vorstellen, als es nacherzählen.
Ich will jedem Wort Gewicht beimessen, ohne dabei prätentiös zu klingen.
Ich will garantiert kein prätentiöser Literat sein, der seine Schrullen mit viel Sorgfalt kultiviert und darum eine Aura baut, von der er glaubt, sie wäre eigen, wobei sie maximal eigenartig ist, meistens jedoch nur borniert.
Ich will kein Entertainer sein, der performt.
Ich will niemandem genau das geben, was er erwartet.
Ich will gern wissen, was andere erwarten.
Ich will kurz vor Ende einer Langen Lesenacht keinen Eintritt mehr zahlen müssen.
Ich will mich nie daran gewöhnen, Rotwein zu trinken, der in kleinen Glaskaraffen gereicht wird.
Ich will, dass die Karl-Liebknecht-Straße mehrere zehn Kilometer lang ist, besonders spät in der Nacht.
Ich will mal nicht erst irgendwann am Mittag auf dem Buchmessegelände aufkreuzen.
Ich will endlich mal einen Text über die Buchmesse Leipzig schreiben, ohne über Cosplay zu schreiben.
Ich will diesmal kein Foto von der grünen Treppe machen.
Ich will unter keinen Umständen Martin Walser auf dem Blauen Sofa sehen.
Ich will keine Lederwaren auf der Buchmesse Leipzig kaufen können.
Ich will keine Hörbücher.
Ich will nicht nur bei den bekannten Namen stehenbleiben.
Ich will Nischen.
Aber nur manchmal.
Ich will eine weitere Diskussion über den Einbruch des Digitalen ins alltägliche Leben.
Ich will jede Menge Diagramme und Buzzwörter.
Ich will Mahner, Visionäre, Kulturpessimisten.
Ich will keine Krimis, besonders keine Regionalkrimis.
Ich will zu den Leuten draußen in der Sonne.
Ja, danke, ich will eine Probeexemplar der westfälischen Occupy-Zeitung Okkupierer.
Ich will ein Magnum Infinity Chocolate.
Ich will keinen frisch gepressten Orangensaft für fünf Euro.
Ich will noch immer die Juri-Gagarin-Tragetasche von der Buchmesse 2011.
Ich will jetzt ein Paar Ersatzfüße.
Ich will ins Theater Fact.
Ich will in einem Raum lesen, der mit Zeitungspapier tapeziert ist.
Ich will ein eigenes Mikrophon.
Ich will, dass der Tontechniker auf das Feedbackpfeifen reagiert.
Ich will einen Text über die Loveparade lesen.
Ich will „et“ statt „ampersand“ sagen.
Ich will lieber etwas nacherzählen, als mir etwas vorstellen.
Ich will mich nicht wundern, wenn in einem anderen Text an diesem Abend eine abwesende weibliche Figur den gleichen Namen wie eine abwesende weibliche Figur in meiner Geschichte trägt.
Ich will nach der Lesung schnell nach Lindenau.
Ich will nicht beim verspäteten Erscheinen, dass die Tür so entsetzlich aufmerksamkeitsheischend knarrt.
Ich will wissen, was ein Fichtekranz ist.
Ich will mir kein belegtes Brötchen aus dem Backstagebereich borgen.
Nein, ich will eigentlich noch nicht weiter.
Ich will kein Großraumtaxi fahren.
Ich will, dass die Discokugel sich dreht.
Ich will eine Nacht wie diese.
Ich will jetzt heim.
(Ich will nicht, dass der Titel dieses Textes mit Rammstein in Verbindung gebracht wird.)
Krefeld, Schule, 8. Februar
Ich glaube oft zu wissen, wie etwas ist. Und dann ist es ganz anders. Krefeld beispielsweise. Ich dachte: eine eher dreckige Stadt im Ruhrpott. Da sind mindestens zwei Annahmen falsch. Ersetze Ruhrpott mit Niederrhein und dreckig mit „zweit grünste Stadt der Bundesrepublik Deutschland“. Ansonsten statte ich sehr gern dem Petermannplatz einen Besuch ab und bestaune vor Fotoläden die penibel in deutsch und türkisch aufgeteilten Schaufenster.
In einer Buchhandlung wollen zwei kleine Mädchen ein Horrorbuch für Erwachsene erwerben. Ihre Mutter habe sie mit dem Auftrag losgeschickt, ihr zum Geburtstag ein Horrorbuch zu kaufen. Die Buchhändlerin hakt nach, klopft die Geschichte auf Ungereimtheiten ab und holt den Rat von Kolleginnen ein. Schließlich bittet sie um die Telefonnummer der Mutter. Der Vater nimmt ab und bestätigt die Angaben seiner Töchter. Daraufhin stellt die Händlerin vor dem Horrorbuchregal einige momentan stark nachgefragte Horrorbücher vor. Die Mädchen entscheiden sich für „Der Übergang“ und verlassen bald darauf zufrieden das Geschäft.
Außer Geschäften sind in Krefeld auch Schulen. In einer davon sitze ich. 8.50 Uhr, 2. Stunde. Das ist schon mal anders als das meiste, was ich die letzten Jahre gemacht habe. In einer Schule sitzen. Das war zwölf Jahre quasi meine Hauptbeschäftigung. Jemandem zuhören, der vorn steht und spricht, gelegentlich eigene Gedanken entwickeln und hauptsächlich nachvollziehen, welche Informationen relevant sind, für das Leben oder, besser noch, die nächste Kurzkontrolle.
Heute sind keine Informationen relevant. Außer der ausdrücklichen Aufforderung seitens der LehrerInnen: „Seien Sie ja nicht pädagogisch. Wir bügeln hinterher schon alles wieder aus.“ Eigentlich ist das super. Es gibt kein Lernziel, das ich erfüllen sollte, nicht einmal ein Wertegerüst, dem ich verpflichtet bin. Ich soll einfach eine Lesung halten. Als „junger“ Autor wurde ich angekündigt. Wobei jung natürlich mehr als relativ ist. Ich glaube kaum, dass ich aus der Sicht einer achten Klasse als jung gelte. Eher ganz im Gegenteil.
Überhaupt die achte Klasse. Oder die neunte. Oder erst recht die Zehnte. Was für Texte sind da angemessen? Nur weil Jugendliche oder Kinder in einer Geschichte auftauchen, bedeutet dies ja nicht unbedingt: Ist geeignet. „Springbreak Europe.“ Hier geht es um junge Erwachsene und sicherlich auch Themen, die nicht uninteressant für 8./9./10. Klassen sein könnten. Aber 8.50 Uhr am Morgen mit „Zieh, brüllen die Jungs, zieh“ zu beginnen, da würde ich die Aufgabe, nicht pädagogisch zu sein, sehr wahrscheinlich übererfüllen.
Glücklicherweise wurde „Der Zitronenfalter soll sein Maul halten“ verfilmt und ebenso glücklicherweise wurde dieser Film letztens im Unterricht gezeigt und ausführlich besprochen, teilweise sogar als Referendariatsprüfungsthema eingesetzt. Da ist schon klar, dass ich den Text dazu lese und auf die vielen Unterschiede zu sprechen kommen werde und auf jeden Fall aus der Wunderwelt des Filmemachens berichten kann. Außerdem wurden Fragen vorbereitet. Nur gegen die Frage „Wem gilt die Widmung in Ihrem Roman?“ hat sich der Klassenverband einstimmig entschieden, weil die Frage viel zu privat sei und mein Persönlichkeitsrecht verletzen würde.
Aber nichts wird verletzt. Nach einer überaus freundlichen Einleitung sehe ich mich gezwungen, auch einige Worte in die erwartungsvollen Gesichter zu sagen. Ich lerne schnell, dass sich eine Schullesung schon im Grundsätzlichen von anderen Lesungen unterscheidet. Bei anderen Lesungen ist die große Herausforderung das Ende. Ein „Danke“ am Ende genügt meistens nicht. Wenn nicht sofort ein Moderator einspringt oder Musik einsetzt, entstehen oft seltsame Leerräume, in die dann ungelenke Worte fallen, welche diesen Leerraum füllen sollen. In der Schule sind Enden ganz einfach. Irgendwann klingelt es. Dann ist Schluss. Super leicht verständlich. Hingegen die passenden Worte am Anfang finden … sagen wir mal so: nach den drei Schulstundenlesungen steht es 2:1 gegen mich.
Der Rest ist interessant. Eine Gruppe hat den Film schon gesehen, eine wird den Film noch sehen, eine wird nix machen, sondern einfach nur zuhören. Verschiedene Altersstufen, verschiedene Texte. Verschiedene Fragen. Die werden freiwillig gestellt. Manchmal nicht. Mal wird jemand aufgefordert, etwas zu dem Gehörten zu sagen. Das Wort „glaubwürdig“ fällt. Jemand anderes wird aufgefordert. Er sagt: „Ich fand den Text auch sehr glaubwürdig.“ Jemand drittes soll sich äußern. „Mir hat an dem Text gefallen, dass er glaubwürdig war.“ Ein Vierter soll seine Meinung abgegeben, wird aber ausdrücklich gebeten, dabei nicht „glaubwürdig“ zu verwenden. Er sagt, dass er den Text realistisch fand.
Jemand bekommt einen Lachanfall, nachdem sie den Titel „Der Zitronenfalter soll sein Maul halten“ gehört hat. Jemand kritisiert die vielen Sprünge in „Außer Atmen.“ Aufmerksame und konzentrierte Gesichter, die sich verziehen, wenn ich von den toten Schmetterlingen berichte. Ein befreites Lachen, als von Carola Schachmanns gebrauchtem Kaugummi die Rede ist. Bei den Antworten Getuschel. Dabei habe ich keine Ahnung, ob das, was ich sage, überhaupt von Belang ist, ob nicht zu kompliziert, zu simpel, zu ausufernd, zu wenig erklärend, ob hauptsächlich nur zugehört wird, weil das Prinzip Schule ja maßgeblich auf Zuhören fußt.
Egal. Irgendwann sind zwei von drei Schulstundenlesungen geschafft. Ich lege eine Pause im Lehrerzimmer ein. Ein ehemals mystischer Ort vermutlich. Heute kann ich dort entspannen. Es gibt Gespräche über die Definition von einer Kurzgeschichte, über das Ende vom Zitronenfalterfilm, darüber, wie eine Problemlösung für Vincent aussehen könnte. Außerdem Ananas am Spieß. So eine Pause ist tückisch. Fühlt sie sich doch wie Feierabend an. Dabei ist noch nichts endgültig geschafft.
Der Abschluss des Tages gehört einer zehnten Klasse. Aus diesem Grund auch andere Texte. Retusche. Anschließend eine Diskussion über Schönheitsideale, ich argumentiere dabei leider pädagogischer als beabsichtigt. Jemand erzählt von Barbie und dass wenn Barbie ein echter Mensch wäre, in diesem Körper nicht alle Organe Platz fänden. Ich spreche von Fehlern, zu denen man stehen muss (siehe auch: der Anfang von Lesungen) und merke dabei, wie dies exakt das Thema von „Was ich liebe“ ist. Das wollte ich ja eigentlich nie mehr lesen. Zu heftig, zu kraftlos habe ich mich nach der ersten und einzigen Lesung gefühlt. Hier aber wird „Was ich liebe“ gewünscht.
Ich sage: „Die Geschichte beginnt harmlos, bleibt aber nicht so.“ So kommt es auch. Danach promptes Getuschel. Um sicher zu gehen fragt jemand nach, ob er das Ende auch richtig verstanden hat. Hat er. Erneutes Tuscheln. Aus dem Getuschel schälen sich Meinungen und Fragen, ein Vergleich zum Ende von „Das Parfüm“ wird gezogen, die zwingende Logik des 5-D-Sehens besprochen und die Frage beantwortet, weshalb Logik nicht alles sein kann. Das werden Mathelehrer nicht gern hören, aber ehrlich, von nichts bin ich gerade weiter entfernt als von Zahlen.
Dann ist 12:30 Uhr. Es klingelt. Vor der Tür wartet schon ungeduldig die Oberstufe, um den Raum belegen zu können. Zwei Bücher werden in die Schulbibliothek überführt. In der Eingangshalle werden Vorbereitungen für den Schulfasching getroffen, im Lehrerzimmer Diktate korrigiert. Übermorgen wird es Zeugnisse geben, ein neues Schulhalbjahr wird anbrechen.
Hamburg, Harburg, Uferbar, Kulturwerkstatt, 29., 30. Januar
Als ich losfahre, sind die Zahlen auf der Wetterkarte im Großraum Norden höher als die in der Landesmitte. Da denke ich noch: „Das ist ja ungewöhnlich, ansonsten ist es an der See so oft kälter als anderswo, das ist doch mal ein gutes Omen, da brauch ich die dicken Socken nicht extra einzupacken.“ Fünf Minuten später denke ich: „Sollte ich jemals über die Lesereise nach Hamburg schreiben, sollte ich keinesfalls darüber schreiben.“ Denn wer über Wetter schreibt, hat im Grunde genommen schon kapituliert.
In Hamburg angekommen kapituliert zuerst einmal mein Körper. Was ich bin, verfängt sich im Wind und das ist garantiert nicht poetisch gemeint. Der Westwind treibt den Geruch der Stadt in den Osten, weshalb die Stadtgebiete der Reichen auch im Westen liegen. Zudem verwandelt mich der Westwind prompt in ein Iglu, in dem eine Gefriertruhe offensteht. Kristalle bilden sich, Haar bricht, es sieht wunderschön aus und fühlt sich an wie die Amundsenexpedition, nur eben ohne Happy End. Da die Kälte bleibt und bleiben wird, beschließe ich, auf den beiden Lesungen dreimal Hager zu lesen, ein Vorhaben, welches ich später tatsächlich in die Tat umsetze.
Bis dahin vergeht Zeit. Momente passieren, mit unterschiedlichen Ereignissen. Im öffentlichen Nahverkehr wird meine Tageskarte auffällig oft auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft. Hier fällt auch der Satz „Mein Bruder ist so hässlich, der hat weniger als zweihundert Freunde auf Facebook.“ Ich sehe einen Kronleuchter aus Porzellanrosen. Und jemand trinkt Früchtetee mit Parmesan.
Am ersten Abend geht es nach Eimsbüttel. Dort befindet sich ein Restaurant mit offener Küche. Außerdem steht ein Klavier an der Wand. Das ist unverhältnismäßig ungünstig, denn das Klavier soll heute eine zentrale Rolle spielen, weil es bespielt werden soll. Von Katharina, die ich werweißwielange kenne. Werweißwieoft haben wir gesagt: „Das wäre doch was – eine macht Musik, einer liest.“ Werweißwieviele Gründe haben das bisher verhindert. Umso größer die Freude an diesem Neunundzwanzigsten. Also rollen wir das Klavier durch das Lokal, manövrieren es an flammkuchenessenden Gästen vorbei in eine der gegenüberliegenden Ecken. Eine PA wird aufgebaut und dazu ein Verstärker auf den Lesetisch gewuchtet. Idealerweise hat der Verstärker die Farbe meiner heutigen Bekleidung, die in diesem Ambiente keine halben Sachen macht. Trotzdem fühle ich mich noch maximal underdressed.
Später beginnen wir nahezu pünktlich. Ein Musikstück, ein Stück Text lautet der Plan für die nächsten beiden Stunden. Und interessant. Weil nur ein Mikro und dafür offene Küche, regele ich während der Lesung die Lautstärke nach. Mal so, mal leiser, gern mit mehr Höhen, die Bässe trotzdem drinnelassen. Multitasking als Herausforderung. Aber immerhin. Ton kommt, manchmal auch zum richtigen Zeitpunkt.
Manchmal aber auch komplett das Gegenteil. Reizhusten beispielsweise. Seit Wochen versuche ich, meinen Hals zu schützen und trage deshalb einen Schal. Ich lerne, dass ein Schal, getragen ohne Mantel oder Jacke, das Potenzial hat, einen in nullkommanix in einen Snob zu verwandeln. Außerdem trinke ich hauptsächlich Tee und wenn nicht, werfe ich Salbeibonbons ein. Trotzdem nachts schweißgebadet Albträume, in denen ich die Lesungen vorträume. In denen sage ich dann zwei Worte, bevor mich ein monumentaler Hustenanfall überkommt, mich in Krämpfen schüttelt und schließlich zu Boden wirft. Ratlos sitzen die Leute davor und weil ich mich während des Reizhustensvorfalls nicht erklären kann, wächst ihre Ratlosigkeit mit jeder Minute. Nicht unbedingt das, wofür man an einem Sonntagabend auf den Tatort verzichtet.
Die Wirklichkeit ist natürlich meistens anders, aber damit nicht unbedingt angenehmer. Ein hartnäckiger Hustenreiz löst sich nur durch ein Räuspern oder, wahrscheinlicher noch, durch Abhusten. Was sich im Alltag einigermaßen unauffällig bewerkstelligen lässt, ist auf Lesungen, bei denen jedes Wort zählt, ein garantierter Stimmungskiller. Gerade bei Texten wie dem Hidden Text. Glücklicherweise haben wir für solche Fälle einen Plan B in petto: sollte aus dem Abhusten ein Dauerhusten werden, klopfe ich dreimal aufs Klavier. Daraufhin wird Katharina augenblicklich mit einem Lied einspringen. Während ich also den Hidden Text lese und versuche, das Räuspern nicht die Schwelle zum Abhusten überschreiten zu lassen, denke ich: „Eigentlich wäre es fast schöner für mich, heute mal nicht zu lesen und stattdessen nur der Musik zuhören zu können.“
Vierundzwanzig Stunden später gibt es keine Musik. Dafür jedoch Irritationen. Ist das jetzt Hafencity oder Harburg? Irgendwie liegt auch hier alles am Wasser und ist aus Glas und hoch. Am Binnenhafen in der Kulturwerkstatt probt eine Theatergruppe, der ich heute den Raum wegnehme. Im Raum stehen viele Stühle, die – um das Ende vorweg zu nehmen – nicht alle besetzt sein werden. Klar, draußen sind mittlerweile dreißig Grad unter Null. Wer irgendwo ist, bleibt auch da. Ich rücke den Lesetisch mit der „Ein Kran für Harburg“-Tasse näher an die besetzten Stühle heran und lese, was wenig überrascht, Hager. Seltsame Winterwunderwelt. Ab und an trinke ich Salbeitee, ab und an mache ich launige Bemerkungen und ab und an lese ich weniger launige Texte. Was aber okay ist, weil es genau aufgrund dieser Texte später zu Gesprächen kommt. Das Wort „Mob“ fällt und damit bin ich schon mehr als zufrieden.
Ich werde gefragt, ob ich nochmal für kleine Waschbären müsste. Auf Speckfettbrote werden geröstete Zwiebeln gestreut. Essbare Goldtaler liegen aus, und wenn jemand von uns Inflation heißen würde, könnte man mit gutem Gewissen sagen: Inflation frisst das Geld auf. Der Verleger schreibt eine Widmung in Ausschau halten nach Tigern – Ich finde, er sollte das zukünftig beruflich machen. Kein monumentaler Hustenanfall wirft mich zu Boden. Stattdessen gehen wir nach draußen. Die Temperatur ist um weitere zwanzig Grad gefallen. Wir laufen fünf Meter und ich denke: „Ist ja interessant. Ich spüre meine Füße nicht. Und meine Hände auch nicht. Überhaupt meinen Körper nicht mehr. Wie wunderbar.“ Alles wird warm und weich und friedlich. In der Ferne leuchten Lichter auf, möglicherweise eine der Hafencitys, möglicherweise ein Kronleuchter aus Porzellanrosen.
Frankfurt, Buchmesse, 13. Oktober
Die Buchmesse beginnt in diesem Jahr an einem Montag im Thüringer Wirtschaftsministerium. Unten im Foyer sind in einer Glasvitrine verschiedene Bücher aufgestellt. Da steht Sarah Wagenknecht neben dem Ratgeber Gelassen bleiben und einem mehrere hundert Seiten dicken Bericht über die Kreativwirtschaft in Thüringen. Wegen letzterem bin ich hier. Ich wohne in Thüringen, bin ab und an kreativ und stehe damit prototypisch für einen wichtigen Standortfaktor des Freistaates. Um diesen Standortfaktor hinaus in die Welt zu tragen, wird seit kurzem Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die darüber informiert, was Thüringen alles ist – Erbauer der Brooklyn Bridge, Unterstützer von Raumfahrtmissionen, Eva Padberg. Als Teil dieser Kampagne sponsert das Wirtschaftsministerium einen blauen Stand auf der Buchmesse, auf dem sich Verlage präsentieren, und zudem gelesen wird.
Und da jeder, der schreibt, auf der Messe hauptsächlich als Ich-AG unterwegs ist, befinde ich mich nun auf einer Pressekonferenz, der den blauen Buchmessestand bekannt machen soll. Vor mir sitzen Journalisten, neben mir der Wirtschaftsminister und im Nacken die Furcht, ich könnte mich vereinnahmen lassen. Weil: Politik heißt immer Vereinnahmung. Da sollte ich besser nicht vollkommen kritiklos auf Tischen tanzen und Journalisten in die Ohren säuseln, dass dieser Stand die beste Sache der Welt ist und zugleich die Welt retten wird und mich bedingungslos hinter jede Aussagen stelle, die das untermauert.
Aber es ist auch schön zu lesen und absolut nicht selbstverständlich, dafür nach Frankfurt eingeladen zu werden. Genau deshalb wäge ich meine Worte sorgsam ab, um ein möglichst differenziertes Bild zu zeichnen, welches weder die eigene Unabhängigkeit noch die Freude verschweigt. Als der Minister die Radiomikrofone zu meinem Platz hebt, spreche ich von den bisherigen Erfahrungen auf Buchmessen, zitiere dabei aus dem Lesetagebuch, welches damit wieder einmal seinen praktischen Nutzen unter Beweis stellt. Danach sind alle Fragen beantwortet, weshalb die Journalisten nur dem Minister noch weitere Fragen stellen.
Drei Tage später findet das auf der Pressekonferenz angekündigte Ereignis statt. Buchmesse, kennt man ja. Bücher, die in Büchern untergehen. Mittwoch bis Freitag ist Fachbesuchertag und damit sind da lauter autarke Autoren-Lektoren-Verlagsmitarbeiter-Buchhändler-undsoweiter-Sonnensysteme, die ständig miteinander kollidieren und explodieren. Aus diesen Explosionen entsteht die Energie, welche den Buchmarkt in der nächsten Zeit gewaltig aufmischen wird. Hier verspricht jeder Gang die Aussicht auf eine glänzende Zukunft. Am Ende jedes Gangs kosten zwei kleine Kugeln Mövenpickeis drei Euro. Jemand stellt das diesjährige China-wird-uns-bald-den-Schneid-abkaufen-Sachbuch vor und es wird gefragt, ob Demokratie wirklich die optimale Ergänzung für die Wirtschaft sei und dass Wachstumsraten von-bis-zu uns nicht längst zu denken geben sollten und was wir lernen können, nein müssen, um im globalen Wettbewerb … Leader … Just-in-Time … flexibel … Schwellen … Gefahr … Gefahr … Apokalypse. Im Publikum wird wissend genickt. Entsprechend geängstigt ist das beliebteste Messeaccessoires ein I Love My Job-Anstecker, der je nach Gesprächspartner ironisch oder strategisch verwendet wird. Besonderen Zulauf findet der Stand, an dem zu jeder vollen Stunde ein Mitglied der Piratenpartei ausgepeitscht wird. Zur halben Stunde fragt ein Diplom-Psychologe in lilafarbenem Hemd „Willst du normal sein oder glücklich?“ und ist mit dieser Frage natürlich goldrichtig an einem Ort wie diesem.
Wem das zu viele Worte sind, der lässt sich einen Gang weiter Rhythmen vorklatschen und klatscht nach Aufforderung mit oder stampft auf. Hunderte Fachbesucher schauen gespannt zu, wie sich Sarah Wiener viele Minuten vor einem küchengroßen Mielelogo von etwa zwanzig Fotografen ablichten lässt und dazu Eier in Objektive hält. Bei Charlotte Roche füllt sich das ARD-Forum nahezu komplett, anschließend bei John von Düffel leert es sich um dreiviertel. Dabei erzählt er von seinen Terroristeneltern, die wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof aussahen, was in den 70er Jahren ab und an zu Komplikationen führte.
Um 14 Uhr löse ich schließlich am Thüringenstand die Versprechungen von der Pressekonferenz ein. Die Couch ist sahneweiß und konserviert Gesäßabdrücke sekundenlang, oft auch dauerhafter. Manchmal bleiben Menschen länger am Stand stehen, manchmal gehen sie weiter, die üblichen Fluktuationsraten bei Messelesungen eben, die nichts aussagen außer: die Kekse an diesem Stand sind nicht mit Schokolade überzogen, aber ich habe jetzt Appetit auf Schokoladenkekse und suche deshalb nach Ständen mit Schokoladenkeksen und verlasse diesen Stand, an dem gerade gelesen wird. Am Ende meiner dreißig Minuten habe ich dreimal „Assisprech“ in einem Satz gesagt. Vielleicht schaut Julian Nida-Rümelin, der nach mir auf der sahneweißen Couch Platz nehmen wird, aus diesem Grund so vorwurfsvoll.
Zwei Stunden später bei den unabhängigen Verlagen denke ich an Sätze aus diesem Lesetagebuch und dass wenn Fachbesucher Sonnensysteme sind, dann sind die „normalen“ Messebesucher Kometen und das hier gerade eher ein schwarzes Loch und es aus diesem Grund durchaus legitim sein dürfte, anstatt etwas Krawalligem lieber Schwarz vor Augen zu lesen. Danach fühle ich mich wie vierzehn oder vierundachtzig und weiß genau, wovon mein nächster Roman handeln wird: von der Lesung auf der Leseinsel. Dreißig Minuten, die ulysseslike detailiert in kleinstmöglichen Einheiten dokumentiert werden und in jeder Sekunde werde ich das komplette Sein beschreiben und somit ein fünfteiliges Mammutwerk schaffen, gegen das sich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wie eine oberflächliche Nichtigkeit ausnimmt.
Danach greift eine allgemeine Feierabendstimmung um sich. Für die anwesenden Fachbesucher werden an Ständen Schweinskeulen gereicht und Kölsch und mit Prosecco wird auf Island/DDR-Familienromane/Sebastian Fitzek angestoßen. Kurzzeitig gibt es den Ehrgeiz herauszufinden, wann die Sicherheitsleute einen spätestens aus der Halle werfen. Aber bei Ehrgeiz versus brennende Fußsohlen gewinnt diesmal der Fuß.
Köln, Microsoft, Cafè Duddel, 9. September, mit The Mount St. Helen Duet
Spannend ist die Frage, wie oft man eigentlich originell sein kann. Und ich meine keine Originalität, die „ansonsten“ mit „weiterhin“ ersetzt und deshalb schon zufrieden die Hände hinter dem Nacken verschränkt, sondern Worte, die mich selbst beim Schreiben überraschen und die vielleicht mal etwas vollkommen Neues probieren. Wobei es vollkommen neu natürlich längst nicht mehr geben kann. Aber es würde schon genügen, auf ein vertrautes System mit Insektenaugen zu schauen und allein dadurch das vertraute System bestenfalls gehörig zu erschüttern. Außerdem wäre es durch Abweichungen von sattsam Bekanntem auch für Andere interessanter, sich ein weiteres Mal in die zu oft schon ausgeleuchete Troposphäre von Lesereisen zu begeben.
Das vertraute System heißt in diesem Fall: in einen Zug setzen, am Lesungsort ankommen, den Lesungsort erkunden, Lesen, nach dem Lesen reden, übernachten, in einen Zug setzen und den Lesungsort verlassen. Und weil unterwegs viel passieren kann, und ich ahne, dass öfters Triebwagen von Zügen ausfallen können, bin ich üblicherweise gern drei vier fünf Stunden vor Lesungsbeginn am Lesungsort. Das ist ein Luxus an Sicherheit, den ich mir selbstverständlich leiste.
Doch Luxus ist keine Selbstverständlichkeit mehr und so bestehe ich diesmal nur auf ein Sicherheitszeitfenster von zwei Stunden. Zwei Stunden, die sollten genügen, um vom Hauptbahnhof Köln zum Rheinauhafen zu gelangen. Dann stoppt der IC in Rüsselsheim, weil der Triebwagen defekt ist und ein neuer Triebwagen angekoppelt werden muss. Eine gute Stunde vergeht im Rüsselsheimer Regen. Das ist einerseits gewinnbringend, weil sich damit die Möglichkeit ergibt, endlich einmal in aller Ruhe das erste Album von Gisbert zu Knyphausen zu hören. Über den unfreiwilligen Aufenthalt bin ich mindestens so glücklich wie die Raucher, die aus den Zugabteilen strömen und die gute Stunde das tun, was sie während der Fahrt nur auf der Zugtoilette tun können.
Weniger glücklich ist die Tatsache, dass eine Lesung ansteht und gleich darauf eine zweite und es deshalb nicht vollkommen unwichtig wäre, einigermaßen innerhalb der vereinbarten Zeit zu erscheinen. Das gelingt am besten, in dem man die Zeiger der Armbanduhr zurückdreht. Um das vertraute System an dieser Stelle aufzubrechen, wechsle ich kurzzeitig in einen anderen Modus. Da standen wir, mit dem Amp auf der Sackkarre, den Gitarren und dem Effektgerätebrett in den Händen und den Rucksäcken voll mit Büchern auf den Rücken vor der Microsoft Dependence Köln. Wer Glas mochte, musste dieses Gebäude vergöttern. Wir scrollten uns durch das Klingelmenü und aktivierten den Microsoft-Klingelton, woraufhin uns ohne weitere Nachfragen die Tür geöffnet wurde. Ein Fahrstuhl, in dem ein Plakat mit unseren Namen klebte, brachte uns rasch ins oberste Stockwerk. Dort wurden wir schon sehnsüchtig erwartet und deshalb überschwänglich begrüßt.
Schnell verschafften wir uns einen Überblick. Neben sahneweißen Couchen und futuristischen Halbschalensesseln standen auf schmalen Beistelltisch Orchideen in länglichen Vasen. Lampen beugten sich über Bonsais, ein Beamer warf unsere Namen überlebensgroß an die Wand. Steckdosen waren geschickt im Boden verborgen. In den Toiletten wiesen Piktogramme mit detaillierten Handlungsanweisungen auf die korrekte Hygiene nach dem Benutzen der sanitären Einrichtungen hin: Hier wurden Hände nicht gewaschen, sondern desinfiziert. Loungen dieser Art erinnerten mich stets an die The Korova Milk Bar aus „Clockwork Orange“: das klinische Weiß aller Einrichtungsgegenstände strahlte eine absolute Beherrschbarkeit der Umstände aus. Dabei würde schon ein einziger Blutstropfen auf dem Weiß das Gegenteil bezeugen.
Aber wir waren nicht gekommen, um Ärger zu machen. Also bauten wir auf und zogen später hinaus auf die Dachterrasse. Von dort bot sich uns ein vorzüglicher Blick auf die Metropole am Rhein. Wir sahen den Dom und die Neue Mitte und mussten feststellen, dass der Ort hier große Ähnlichkeit mit Hamburg Hafencity aufwies: Glasgebäude in Form von überdimensionierten Buchstaben, Kräne, die diese Gebäude hochzogen, und in den Kanälen ankerten zahlreiche Yachten – das war mehr als ein Versprechen auf eine glorreiche Zukunft, das war die glorreiche Zukunft.
Kurz nach 18 Uhr fand ich mich am Podest ein. Der lilafarbene Hocker knarrte, sobald ich mich bewegte. Ich beschloss, mich im Verlauf der nächsten fünfundvierzig Minuten nicht zu bewegen. Neben mir überprüfte das The Mount St. Helen Duet ein letztes Mal die Stimmung ihrer Instrumente. Ich warf einige auflockernde Worte in die Runde und legte unverzüglich mit Hager los, jemand, der auch aus einer weißen Welt stammte, in dieser allerdings für alle Zeiten konserviert war. Kaum hatte ich den finalen Satz vom Podest aus zur Lounge geschickt, drehte Andy die Lautstärkeregler seines Effektgerätes auf und Toby zupfte die Saiten, um „Celebration overdose“ zu beginnen, ein Lied, das ich damals auf unserem ersten gemeinsamen Zusammenspiel lieben gelernt hatte und das mir immer noch eine veritable Gänsehaut bescherte.
Es ist wunderbar, dachte ich, Musik und Lesen, Lesen und Musik, gerade wenn The Mount St. Helen Duet diese Musik spielen. Schwingungen breiteten sich in der Lounge aus, Fenster klirrten sanft und Orchideen erblühten, was sie üblicherweise nur alle fünf Jahre taten. Aber, das waren unsere fünf Jahre, das war unsere Zeit. Nichts könnte perfekter hierher passen als Retusche, dachte ich weiterhin und erzählte von Bildarbeitungssoftware und überlegte, ob ich das Wort Adobe in der Microsoftlounge sagen dürfte und dachte ansonsten, dass unsere Funktion ja darin besteht, einen Moment der Unvernunft zu diesen Orten zu tragen, dass wir rot sein müssen in diesen weißen Räumen.
Dann drängte die Zeit, ein letztes Mal erklommen wir die Dachterrasse und warfen von top einen view über die Stadt. Ein Securitymann orderte uns ein Taxi herbei. Es spielte Axel F., brachte uns jedoch trotzdem ohne weitere Zwischenfälle in einen anderen Teil von Köln, da, wo jeder zweite Satz war: „Alles klar, Kollege?“ Und da wechselte ich auch zurück in den bekannten Modus und verwies auf die erste Lesung im Café Duddel vor zwei Jahren und die Stühle, die wir rückten und die Setliste, die wir ausarbeiteten und den monumentalen Lachanfall, dem ich nur um Haaresbreite entging (und der für alle Beteiligten keine angenehme Erfahrung gewesen wäre), den Hidden Tracks und all den anderen Dingen, die vielleicht nicht originell beschrieben werden können, weil sie nur in dem Augenblick, in dem sie passieren, außergewöhnlich sind.
Hamburg, 20. Juli, BeLaMi, 21. Juli, Zwischenraum
Es wäre schön, wenn jeder Text über eine Lesung nicht nur von der Lesung erzählt, sondern durch ein übergeordnetes Thema persönliche Erlebnisse für Außenstehende anhand eines roten Fadens greifbar macht. Das Thema könnte banal erscheinen (eine allgemeine Betrachtung von unterschiedlichen Wegen, Bühnen zu betreten), vermeintlich tiefschürfend (Kapitalismuskritik), vermeintlich unterhaltsam (kulinarische Abweichungen von Herkömmlichem) oder auch ein abstraktes Gedankenkonstrukt. Für Hamburg entscheide ich mich für das Gedankenkonstrukt. Ich entscheide mich für zu viel.
Letztens war ich auf einem Musikfestival. Von nachmittags vier Uhr bis zum Morgengrauen lief Musik. Drei Tage lang. Auf der Hinfahrt im Auto lief Musik. Im Supermarkt, wo man Toastbrot kauft und Kekse ohne Schokolade, lief Musik. Musik lief die Wochen vor dem Festival, weil ich gern einige der Bands, die auf dem Festival spielten, kennenlernen wollte. Musik läuft, wenn ich einen Text über eine neue CD schreibe oder unbekannte Bands für die Musikseite einer Zeitung empfehle. Es läuft Musik, wenn ich Zug fahre. Genau genommen läuft immer Musik und das ist eigentlich großartig.
Nur dachte ich nach dem Musikfestival: Ich möchte jetzt gern erst einmal keine Musik mehr hören. Denn es schien, als hätte ich alle Möglichkeiten gehört, zwölf Töne miteinander zu kombinieren, alle Presets von Drum Machines gehört, alle Modulationen von Stimmen, alle Gitarrenläufe und natürlich alle Versuche, so wie Joy Division zu klingen. Es schien, als würde mich momentan jede Art von Musik kalt lassen. Deshalb nahm ich mir nach dem Festival vor, in nächster Zeit kaum Musik zu hören und so durch Verknappung Verlangen neu zu entfachen.
Ich frage mich, ob das mit Vorlesen auch passieren kann. Ich vermute ja. Einmal den Satz „Die Schwerkraft wirkt“ zu viel gelesen, einmal bei „Springbreak Europe“ zu oft die Handfläche zum High Five gehoben, einmal zu viel über Krakau gesprochen - und die Unbekümmertheit wäre für alle Zeit verschwunden. Auch wenn es sechsundzwanzig Buchstaben und etwa sieben Milliarden Menschen gibt, müssen doch irgendwann alle Kombinationen von allen Buchstaben, gesprochen vor allen Menschen, durchprobiert sein.
In Hamburg bin ich das fünfte Mal zu einer Lesung. Das ist quasi fast schon Rekord und keinesfalls die Wiederholung des Immergleichen. HafenCity zum Beispiel wächst in jeder Sekunde, in den Himmel hinein, ins Meer hinaus. Ein seltsamer Ort, der von vielem zu viel hat und von einigem gar nichts. Zwischen Eiskugeln für 2.90 Euro, über Schultern gehängten beigen Jacketjacken und Chill-Out-Areas für Kreuzfahrtschiffpassagiere ist da dieses ungute Gefühl, dass der Kapitalismus niemals scheitern könnte. Die Menschen, die zwischen den Glasbauten mit Eigentumswohnungen flanieren, wirken in dieser Umgebung so fehl am Platz wie Menschen in animierten Filmen mit Tieren. Heute bin ich einer von ihnen. Dabei hätte ich woanders sein können in dem Moment, in dem ich diese Beobachtungen mache. Bin ich aber nicht.
Bin ich aber doch. Zumindest am Tag zuvor. In einem Biergarten in einem Vorort von Hamburg, der etwa doppelt so groß ist wie Weimar. Im Biergarten steht ein Baugerüst und weil so ein Baugerüst kein ästhetischer Zugewinn ist, wurde das Baugerüst dekoriert und so zur Lesebühne deklariert. Bastmatten und grüne Auslegeware erzeugen eine karibische Atmosphäre, im Wind hängt schlaff die Deutschlandfahne und man sitzt an Tischen unter Wein, um Bier zu trinken. Eine improvisierte Treppe aus bunten Kisten führt zur Bühne hinauf.
Noch niemals habe ich in einem Biergarten gelesen und mache daraus kein Geheimnis. Was weiß ich, welche Anforderungen ein solcher Ort an Texte stellt? Fast wünschte ich, ich würde die Kistentreppe hinaufstolpern, dann hätte ich schon mal einen Einstiegsgag, oder in diesem Fall, einen Aufstiegsgag. Also nicht nur lesen, sondern gern auch das Eis mit Kalauern brechen.
Das Eis wird schließlich während „Hager“ von zwei Damen in der ersten Reihe gebrochen. Sie beugen sich über Heftchen, schlagen Seiten um, stecken die Köpfe zusammen und reden. Reden ist natürlich okay. Reden ist oft, gerade bei Lesungen, auch eine Frage der Lautstärke und Menge. Und Lachen? Kann während einer Lesung zu viel gelacht werden?
Lachen ist eine hörbare Reaktion, die man beim Lesen oft auf den eigenen Text bezieht. Wenn allerdings immer gelacht wird, auch wenn der Satz oder Abschnitt vielleicht nicht die Spur einer Pointe enthält, dann könnte ich auch den Lebenslauf von Hubertus Heil lesen oder einen Essay von Roger Köppel über die Notwendigkeit, Druck zu machen. Das würde vermutlich ebenso viele Lacher bei den beiden Damen in der ersten Reihe produzieren. Deshalb lese ich den Satz „Die Schwerkraft wirkt“, als würde ich ihn zum ersten Mal lesen und die beiden Damen in der ersten Reihe lachen darüber. So sind wir drei irgendwie zufrieden.
Dann geht ein Bauarbeiterhelm herum und die einzige geistige Anstrengung, die ich an diesem Abend noch leisten muss, ist die Klärung der Frage, ob ein guter Burger richtigerweise mit Messer und Gabel gegessen werden sollte oder in die Hand genommen werden muss.
Tags darauf Eimsbüttel. Da ist ein Café und zwei Eingänge weiter eine Videothek, die alle Filme von Ulrich Seidl vorrätig hat und zudem tausend weitere Filme, von denen bestimmt 999 zu den eigenen Lieblingsfilmen zählen. Im mittleren Eingang ist dazwischen und deshalb ist dort der Zwischenraum. Im Zwischenraum finden seit kurzem Lesungen statt und je länger ich mich hier aufhalte und unterhalte, desto mehr hoffe ich, dass von diesem Ort aus eines Tages ein Imperium errichtet wird, weil hier drei Dingen sehr viel Zeit und Herz eingeräumt werden, von denen es niemals zu viel geben kann: Kino. Buch. Und natürlich Musik.
Und weil das so ist, möchte ich gern Geschichten lesen, die ich bisher noch nie oder viel zu selten gelesen habe. „Hundefutterpferde“ ist ein solcher Text. Schräg gegenüber des Zwischenraums ist eine Roßschlachterei, die auch ein Mittagsmenü anbietet. Oder „Retusche.“ Im Café sind dezent zerfetzte Sofas und auch wenn keine Plakate von 50er Jahre Science-Fiction-Filmen an den Wänden hängen, dann zumindest doch von „Einer flog übers Kuckucksnest.“ Bei „Sie haben jetzt Kinder“ klappern die Kinoklappstühle kaum, selbst als ich die Adriaküste nach Deutschland verlege, springt niemand empört auf. Am Ende möchte ich mich gern für zwei Wochen oder länger im Zwischenraum einschließen, um einen Bruchteil der 999 Filme noch einmal zu schauen. Weil es zu viel bei den wichtigen Dingen vermutlich niemals geben kann. Und deshalb geht es im September weiter – und das kommt möglicherweise überraschend – mit einer Lesung in Hamburg.
Köln, 8. Juli, 1Live
Wenn man nicht täglich in Millionenstädten ist, kann es einen überfordern, wenn man dann doch mal wieder eine Millionenstadt besucht. Das liegt auch an den Dienstleistern. Es gibt einfach zu viele. Verlässt man zum Beispiel den Kölner Hauptbahnhof, ist da ein Mann, der Luftballons zu Tieren knotet. Dafür will er Geld. Eine Straßenmusikerin vor dem Media Markt spielt Gitarre und will dafür Geld. Ein fliegender Händler verkauft Schmuck und will dafür Geld. Eine Limbotanzgruppe tanzt unter einer brennenden Stange hindurch und will dafür Geld. Italienische Kellner versuchen einen in ein italienisches Restaurant zu locken, um dort Geld einzufordern. Nur die sieben Männer vor der Kölner Philharmonie wollen kein Geld. Sie wollen verhindern, dass man den Platz vor der Kölner Philharmonie betritt. Die Schritte würden Schwingungen erzeugen und so Proben in der Philharmonie stören. Deshalb scheuchen sie, ganz kostenfrei, einfach nur fort.
Im Februar des vergangenen Jahres war es hier kalt und Karneval. Ansonsten könnte ich die gleichen Worte wie damals benutzen, um die Lesung bei 1Live Klubbing zu beschreiben. Das wäre natürlich viel zu bequem und außerdem die Unwahrheit. Denn nichts fühlt sich an wie immer, immer ändert sich etwas und diese Änderungen zu bemerken, könnte eine der Herausforderungen des Abends sein. Das fängt schon damit an, dass diesmal keine Enten über das Eis auf dem Mediaparkteich schlittern, sondern eine Touristengruppe dort Tretboot fährt. Auch der Platz vor dem 1Live-Gebäude ist angenehm belebt, hauptsächlich mit Menschen. Vielleicht weil im Cinedom nebenan bald die Vorführung von „Der Zoowärter“ mit Kevin James beginnt, ein Film, in dem sprechende Tiere lustige Kommentare zu Kevin James Liebesleben geben, was man allerdings nicht mit dem zwei Wochen zuvor angelaufenen „Mr. Poppers Pinguine“ verwechseln sollte, in dem sprechende Pinguine lustige Kommentare zu Jim Carreys Liebesleben geben. Nein, der Platz ist belebt, weil es ein lauer Sommerabend ist, einer von der Sorte, zu denen man Glühwürmchen dazu erfinden würde, um sie in Romanen angemessen beschreiben zu wollen.
Das Konzept von 1Live ist ja: etwa fünftausend Menschen sorgen sich im Vorfeld um die Sendung, lesen das Buch, führen Vorgespräche, haken nach, stellen Fragen, kümmern sich. Dann findet man sich am Abend im Haus 5 ein, sitzt in der gläsernen VIP-Lounge, geht fünfzehn Minuten vor Lesungsbeginn in ein Radiostudio, um einige Fragen zu Harry Potter beantworten, versteckt sich mit einer Redakteurin hinter einer geschlossenen Tür, hört, wie der Moderator nette Worte zum Buch sagt, sieht die Redakteurin Zeichen geben und dann betritt man den 1Live-Salon, schaut in freundliche Gesichter, nimmt Platz, beantwortet Fragen und liest Textstellen, während der DJ zwischendurch Musik auflegt. Im Ganzen betrachtet ist das purer Luxus und so gilt es sich auch zu verhalten.
Vier Stellen aus vier Texten lese ich. Das ist, als hätte man eine Erdbeertorte und würde nur die Erdbeeren essen, aber den Pudding und den Mürbeteigboden und auch die Gelatine verschmähen. Erdbeeren sind lecker, aber eben etwas anderes als eine Erdbeertorte. Interessant wird es bei „Heute lernen wir Tschüss zu sagen.“ Kurz zuvor im Gespräch habe ich noch behauptet, man könnte auch im Schrecklichen das Versöhnende finden und dass manche Geschichten etwas Furchtbares erzählen, aber einen trotzdem mit einem euphorischem Gefühl entlassen. Das ist bei „Tschüss“ leider genau umgekehrt. Vielleicht wird deshalb die ersten anderthalb Seiten so viel wie selten gelacht, ein sehr angenehmes kollektives Lachen. Eigentlich sollte ich das auskosten. Dabei weiß ich, wie der Schein trügt und wie bald die fünf Wörter kommen, die alles auf den Kopf stellen und einen aus der leichten Stimmung reißen, brutal und unerwartet. Ich rase also auf diese Stelle zu und weiß, was gleich passieren wird und lese dennoch weiter. Danach wird nicht mehr gelacht. Das ist gut, das ist fast noch besser. Denn jedes Lachen wäre nun ein Schlag ins Gesicht des namenlosen Erzählers.
Exakt 23.58 Uhr ende ich mit „Springbreak Europe.“ Gerade im Radio sind Punktlandungen gern gesehen. Ein DJ-Set läutet die Nacht zum Samstag ein, man steht auf dem Balkon, von dem aus man tausende Menschen erblicken kann, die atemlos Radiogeräte an ihre Ohren drücken, um keine Sekunde 1Live zu verpassen. Vielleicht sehe ich das, vielleicht denke ich auch über das Gespräch nach und rekapituliere dabei jedes ausgesprochene Wort. Gespräche sind sowieso seltsam, gerade wenn man nur die Stimmen hört und gar nicht mal die Hand sieht, die sich verlegen am Kopf kratzt oder die Augen, welche sich einen Wimpernschlag zu lang schließen oder die Haare, die ins Gesicht fallen und dort erst einmal bleiben, anstatt weggestrichen zu werden. Denn die Worte in einem Gespräch könnten oftmals als steinerne Monumente erscheinen, an denen es nichts zu rütteln gibt. Dabei geschieht das meiste ja spontan und ist oft auch eine Reaktion auf zuvor gesagte Worte.
Wenn beispielsweise in der Buchankündigung in Bezug auf den Titel berechtigterweise das Wort „Safari“ fällt und ich das zwischenspeichere und einige Antworten später auch das Wort „Safari“ verwende, das allerdings weniger als konkrete Aussage meine, sondern vielmehr als Kommentar zur Ankündigung und in der nächsten Frage deshalb die „Safari“ aufgegriffen wird und ich dann eigentlich nicht im Geringsten weiß, was eine Safari ist und was sie mit dem Buch tun haben könnte, und deshalb irgendetwas sage, weil die Pause, die ich zum notwendigen Überlegen benötigen würde, gerade im Radio nicht minutenlang andauern darf, dann ist das spontan und kein Monument. Deshalb möchte ich gern im Anschluss zu bestimmten Stellen Fußnoten hinzufügen, vielleicht anstatt über die Glufkehochzeit über das Veronikameer berichten, möchte gern die Aussage „Im Buch kommen kaum popkulturelle Anspielungen vor“ ergänzen und auch würde ich Wiederholungen streichen und dafür aufregende Dinge über den Rausch oder Moldawien erzählen. Doch da flattern zauberhafte Glühwürmchen auf den 1Livebalkon, Enten kapern die Tretboote auf dem Mediaparkteich und ich denke, ein sehr brauchbares Merkmal des Medium Radio ist, dass sich alles irgendwie auch versendet.
Zwickau, 30. Juni, Volxküche
Die Frage ist ja auch, wie sich Gruppen definieren. Durch Äußerlichkeiten zum Beispiel. Bunte Haare, ein Anarchie-A auf der Lederjacke, vielleicht mit Hund. Das muss alternativ, möglicherweise sogar Punk sein. Und wenn zum Beispiel ein Verein ein Gebäude finden will, in dem sich alternative Jugendliche treffen könnten, kann es durchaus passieren, dass dieser Verein für Außenstehende als verantwortlich für alle alternativ ausschauende Jugendliche der Stadt wahrgenommen wird, auch die, die bunte Haare haben und ein Anarchie-A auf der Lederjacke tragen. Und wenn alternative Jugendliche vor dem sanierten Rathaus sitzen und manche zum Beispiel gegen das Rathaus urinieren, dann ist das irgendwie auch so, als hätte der Verein gegen das Rathaus uriniert. Und wenn der Verein gerade mit dem Rathaus in Verhandlungen über ein Gebäude für alternative Jugendliche steht, dann kann es sein, dass plötzlich die Frage wichtig wird, wer wo wie dazugehört und wie sich Gruppenzugehörigkeit definiert und was der Verein zu seiner Verteidigung zu sagen hat.
Solche Fragen werden vom Verein jeden Donnerstag in der Volxküche diskutiert. Und seltsam. Direkt nebenan ist das Gasometer, ein Ort mit Bühne, auf der wir zwischen 1998 und 2007 schon mehrmals standen, da allerdings mit Instrumenten in den Händen. Heute ist in unseren Händen Papier und die Bühne ein Café, ein alternatives Jugendcafé, mit den üblichen Zubehör alternativer Jugendcafés – Billardtisch, Kicker, eine Möglichkeit, in aller Ruhe youtube-Videos anschauen zu können und eine Modelleisenbahn.
Vor dem Gebäude, da wo Rauchen erlaubt ist, findet vor der Lesung das Plenum statt. Die Stimmung ist gedrückt, weil aufgrund einer nicht vom Verein verschuldeten Aktion möglicherweise viel von dem auf dem Spiel steht, was sich der Verein über Jahre hinweg aufgebaut hat. Heute ist das letzte Treffen vor der Sommerpause; was danach kommt, ist unklar und so gibt es viele Ansichten, die alle besprochen werden müssen.
Außerdem gibt es Hunger. Deshalb findet nach dem Plenum stets ein gemeinsames Essen statt. Jemand kocht und jemand stellt Teller auf den Tisch und jemand bringt dampfende Schüsseln mit Nudeln und Spinat und alle schieben die Stühle zusammen und nehmen Platz. Üblicherweise wird nach der Mahlzeit noch etwas geboten – Liedermacher, Themenabende, Kinofilme. Heute sind wir das etwas. Martin und ich. Martin kenne ich schon mein halbes Leben. Ein halbes Leben lang haben wir zusammen Musik gemacht. Wenn es von jedem guten Augenblick ein Foto gäbe und man diese Fotos aneinanderlegen würde, würde das bis zur Sonne reichen. Vielleicht auch zurück.
Wir essen nicht von den Spinatnudeln, weil wir von den beiden wichtigsten Regeln für eine ästhetisch einwandfreie Lesung wissen: A – kein Wasser mit Kohlensäure trinken und B – keinen Spinat essen, solange man noch Zähne hat. Vielmehr braucht es nicht für eine gute Lesung. Ein großartiger Text ist meistens ganz hilfreich, aber da muss sich Martin sowieso die wenigsten Sorgen von allen machen. Dann sind die Spinatnudelnschüsseln leergeschaufelt und die Raucherpause ist zweimal verlängert. Man hängt mit vollem Magen auf den Couchen oder ist gleich am Tisch blieben. So auch wir. An der Frontseite zwei Stühle. Das ist in etwa so, als würde man in einer WG-Küche sitzen und nach dem Essen nicht miteinander sprechen, sondern einer sagt: „Ich würde euch jetzt einfach mal etwas vorlesen.“ Da wüsste ich gern, welche Texte dazu passen könnten.
Vielleicht ja „Heiligendamm.“ „Heiligendamm“ gehört nicht zum Buch, aber möglicherweise zu diesem Ort, weil es von zivilem Ungehorsam erzählt und einer Revolution, die aus einem bestimmten Grund doch nicht stattfindet. Der Grund heißt Liebe. Und da „Heiligendamm“ nicht zum Buch gehört, halte ich Blätter in der Hand, was sich ungewohnt anfühlt, so, als wäre der Text noch nicht fertig. Dabei ist er das seit ziemlich genau vier Jahren. Ich lese also. Währenddessen klingeln Handys oder jemand hievt sich von der Couch hoch und geht zu jemandem am Tisch und flüstert in Ohren oder andere betreten das Café oder verlassen das Café. Eine Menge Geräusche, meine Stimme und danach Martins Stimme sind einige davon.
Und weil das weniger eine Lese- als eine Gesprächssituation ist, erzählt man einfach mehr. Martin von der Arge und Doom und den Schreien von Henry Rollins und natürlich den Feuerwehrhelmen auf den Bürgersteigen von Dresden. Es kommt zu Reaktionen, Fragen auch und dann löst sich die Tischrunde schon auf bzw. man sitzt zusammen und redet weiter. Wissen über die Ausbildungscamps der Clown Army wird ausgetauscht und wie sich Bedarfsgemeinschaften für das Sozialgericht definieren. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes. Man könnte Stunden darüber reden, aber da ist das Plenum, das gemeinsame Essen, das Lesen schon beendet. Zu unseren Füßen bellt ein Hund, cherry-flavored Zigaretten mit weinroten Filtern werden verteilt und aus der offenen Bibliothek werden estnische Kinderbücher mitgenommen.
Freiburg, 24. Juni, Zwischen/Miete
Eigentlich sollte dieser Text mit der Frage beginnen, was eine Lesung ausmacht, deren Wirkung vergleichbar ist mit der Einnahme etwa einer Tonne Omega-3-Lachsölkapseln. Ob dazu allein die 30/60/90 Minuten Lesezeit gehören oder vielmehr auch: Anfahrt, der erste Eindruck einer bisher unerschlossenen Stadt, vielleicht zufällig aufgeschnappte Dialogfetzen in der Straßenbahn, die Begrüßung durch die Gastgeber, die eigens bestellten vegetarischen Pizzen, die Gespräche vor, während, nach dem Lesen, überhaupt die Situation nach dem Lesen, der Weg zurück in die Unterkunft, die Unterkunft, die Gedanken, die in den Sekunden vor dem Wegdämmern in den Kopf schießen.
Stattdessen beginnt dieser Text mit der Erde. Die Erde von oben, vom Weltall aus gesehen, das Foto hat jeder schon gesehen, auch wenn kaum jemand dort gewesen sein kann. Trotzdem das bekannteste Bild der Welt. Tritt man ein wenig zurück, ist das nur ein einigermaßen heller Punkt im Schwarz, so aber sind Meere zu erkennen und Landmassen und dazwischen Wolken, Rauch möglicherweise oder Regen und Unwetter. Taucht man in diese Wolken ein und geht tiefer, verschwinden die Meere und grüne Flächen beherrschen das Bild und irgendwann füllen Häuserdächer und Kirchenturmspitzen und feine Linien, die von Menschenhand geschaffene Wasserläufe darstellen könnten, das Auge. Das ist Freiburg im Breisgau, 220.000 Einwohner, die Hälfte davon sind Studenten, die andere Hälfte Kinder, die einander mit Spielzeugmähdreschern jagen.
Der Flug setzt sich fort. Straßen, auf denen sich Autos bewegen, verschwinden, stattdessen sind die Wege hier nur für die Unmengen an Fahrrädern gebaut. Anstatt Parkplätzen liegen Grünspangen wie Handtücher zwischen den Plusenergiehäusern. Das ist Vauban. Hühner picken an Ökostromtankstellen die zu Boden gefallenen Körner von Körnerbrötchen weg, vor dem Blockheizkraftwerk hängen gelbe Plakate mit der roten Antiatomkraftsonne. In jedes Objekt hier ist das Wort „nachhaltig“ eingefräst. Das muss der Ort sein, vor dem Wolfgang Clement die größte Angst hat.
Vor einem ehemaligen französischen Kasernengebäude, das heute Wohnhaus für Studenten ist, liegen grüne Flyer unter Briefkästen und im Gang werden dunkelgrüne Bücher mit einem Fernglas auf dem Umschlag verkauft. Da ist eine Lesung. In einer Wohngemeinschaft. Das ist kein Zufall, sondern eine Tradition. Die zwischen/miete. In der Küche steht Bier bereit, dazu ein gewaltiger Fruchtkorb, und Laugenstangen sind mit Butter beschmiert. In einem anderen Zimmer wirft ein Beamer den Buchtrailer und „Zitronenfalter, Halt´s Maul“ an die Wand. Im Flur ist ein Stuhl und auf dem Stuhl sitze ich.
Näher als in meinen Kopf kann ich nicht heranzoomen. Dort werden gerade die Informationen verarbeitet, welche die Fotorezeptoren auffangen. Denn es ist so: in der Wohngemeinschaft sind gut 90 Menschen versammelt. Sie hocken in der Küche, im Buchtrailerzimmer, in zwei anderen Räumen und vor allem auch im Flur. Drehe ich meine linke Fußspitze nur um wenige Grad, berühre ich schon jemanden. Es ist also voll, so voll, dass jede weitere Besucherin keinen Platz mehr fände. Die Vielzahl der Informationen bringen meinen Kopf kurzzeitig an den Rand einer Explosion, und um Energie abzulassen, wird mein Mund bewegt und sagt etwas wie „überwältigendes Bild, dass sich hier bietet, jeder sollte auf diesem Stuhl sitzen und sich das mal anschauen.“ Mein rechtes Bein zittert dabei leicht, aber das gibt sich im Lauf der nächsten dreieinhalb Geschichten.
Nach eineinhalb Geschichten klopft es an der Tür. Weil drinnen auf jeden Fall besser ist als draußen, wird Platz geschaffen, wo längst kein Platz mehr ist. Es wird auf Kissen gesessen, auf dem Boden, an der Wand gelehnt, an Nachbarinnen, die Beine untergeschlagen, angezogen, im Schneidersitz. Jedes Rutschen ist zu hören, jedes Ansetzen der Bierflasche ebenfalls. Ich weiß nicht, ob das bequem sein kann, ob es nicht auch nett wäre, wenn Blut durch Körperteile fließt. So biete ich nach „Vor dem Fenster“ an, sich kurz strecken zu können, wobei „strecken“ aufgrund der Enge unmöglich ist. Vielleicht ist dies der Grund für das folgende Missverständnis, weil plötzlich aufgestanden wird und die sorgsam verteilte Masse in Unordnung gerät und das fragile Konstrukt plötzlich in sich zusammenzufallen droht. Ich tue, was man in solchen Situationen immer macht und verspreche Freibier für alle. Das ist eine unwahre Behauptung und sorgt kurzzeitig für mehr Aufregung. Aber letztlich klärt sich die Lage zur Zufriedenheit aller und ich lese „Springbreak Europe“, einen Text auf den ich später glücklicherweise unterschiedliche Resonanz erhalte.
Danach werden im großen Kreis Fragen gestellt, und ich lese abschließend den Buchtrailertext und dann sind sechzig Minuten schon um und die erste Welle spült mich hinaus in den Gang, wo ich die nächsten beiden Stunden aus freien Stücken bleibe. Jetzt müsste man an die Synapsen heranzoomen, um all das aufgeregte und aufgewühlte Flirren zwischen ihnen zu erahnen, man müsste in die Blutbahnen hineinschauen, um dort Endorphin fließen zu sehen und man müsste so nah wie möglich die Ohren an das glückliche Schnattern aller Nervenzellen legen.
Aber, da geht es schon zurück. Der Blick schwebt aus dem Körper heraus auf das ehemalige Kasernengebäude, von da über das Vaubanviertel, das Bild zeigt Freiburg und verliert sich in den Wolken und sieht schließlich die Erde, Meere und Landmassen und auf einer Landmasse leuchten gut neunzig Lichtpunkte, von denen in dieser Nacht ich einer bin.
München, 12. Juni, Café Gap
In München: bei Dallmayr Edelkrebse schauen, dicken Spargel aus Schrobenhausen schauen, die erfolgreichste McDonalds-Filiale der Welt schauen, beim Manufactum den schlauesten Rechenaffen aus Blech schauen, mit japanischen Touristengruppen die eingeschlossenen Maßkrüge im Hofbräuhaus schauen, in der Michaelskirche die Beichtzeiten notieren (hauptsächlich von 17.00 – 18.00 Uhr, oft in deutscher, englischer und italienischer Sprache), in der BMW-Welt ein klassisches Klavierkonzert zu Ehren eines individuellen Fahrzeugs hören, vor der Olympiahalle die T-Shirts der Elton-John-Konzertbesucher schauen, vom Trümmerberg München schauen, über das Strickliesel spotten, zuschauen, wie Treemover Bäume ausgraben, überall nach Plakaten von Der Regler schauen (Er ist der Regler. Er kann alles regeln.), am Eisbach die Surfer schauen, mit dem Bugatti in die Maximilianstraße, Handtaschen für tausend Euro schauen, Schmuck für hunderttausend Euro schauen, Sicherheitspersonal schauen, im Applestore blaue Shirts schauen, Fanschals mit Thomas Müller schauen, die freundlichen Spiele schauen und „freundlich“ mit anderen Adjektiven ersetzen, am Fischbrunnen den Fisch schauen, auf dem Viktualienmarkt keinen Salatstand schauen, im Hardrockcafe ein Top von Christina Stürmer schauen, im Münchener Englischen Garten am Chinesischen Turm sitzen, in den Zeitungskästen einen brennenden Zeppelin schauen, am Museum einen roten Ai Weiwei schauen, am Professor-Huber-Platz den Sandstrand der Urbanauten schauen und vor allem all die verhangenen Fassaden schauen.
Dazwischen: Lesen. Durch Kleinistanbul ins Café Gap zum Speak&Spin. Zwanzig Uhr ist Lesungsbeginn und Zwanzig Uhr Fünf sind Leute da, Leute außer den Veranstaltern. Die sind gerade auf der Suche nach einem Schlüssel, denn ein Schlüssel passt zu einer Kellertür, denn im Keller steht eine Anlage und mit dieser Anlage könnte man Stimmen verstärken. Noch ist nicht klar, ob das klappt, weshalb es durchaus wahrscheinlich scheint, später ins Café die Geschichten einfach hineinzusprechen bzw. dann eben brüllen. Das wäre nicht vollkommen undenkbar, aber anders wäre schöner.
Später klappt anders. Ein Mikrophon wird aufgebaut und Michael Stavarič wird angekündigt und außerdem mein Buch „Der Zitronenfalter soll sein Maul halten.“ Daraus lese ich zwei Geschichten in der zweiten Runde. Der Grund dafür ist einfach: in einer Vorunterhaltung habe ich die Texte als „Naja, eher lustig“ beschrieben. Ich weiß nicht mehr, ob mir diese Umschreibung leicht über die Lippen kam. Wahrscheinlich nicht. In den letzten Tagen habe ich Gespräche über die Geschichten geführt und ein einigermaßen extremes Gefälle zwischen meiner und der Außenwahrnehmung entdeckt. Im Sinne von: was mir tragisch erscheint und was andere als besonders tragisch empfinden und ob die Geschichten ein permanenter Schlag in die Magengrube sind (oder, wie es in einer Rezension heißt: „die Schmerzpunkte der Realität“). Ich persönlich finde ja, eher nicht immer, denn Tragik ist ja auch eine Frage des Standpunkts und des Beschreibens. Aber ich habe gelernt, dass es dazu unterschiedliche Ansichten gibt und das Wort „lustig“ habe ich in den Gesprächen über die Geschichten kein einziges Mal gehört. Weil ich aber „Naja, eher lustig“ gesagt habe und „lustige“ Texte bestenfalls etwas weniger Konzentration benötigen und die Konzentration später eventuell nachlässt, lese ich später gern an zweiter Stelle.
Lesen bedeutet heute im Stehen zu lesen. Das ist das Gegenteil vom Standard und wirft einige interessante Fragen auf. Die wichtigste ist die, wie man am besten stehen sollte. Also ästhetisch stehen sollte. Klar ist, dass eine Hand das Buch halten muss. Die andere Hand hingegen hat, nun, freie Hand. Ich könnte sie hinter dem Rücken verbergen. Dadurch würde ich wie Hager ausschauen. Ich könnte sie lässig in die Seite stemmen. Damit würde ich wie ein elitärer Snob ausschauen. Ich könnte sie um das Mikrophon legen. So würde ich wie etwas ausschauen, was ich niemals war und sein werde: ein Slammer. Ich könnte die Hand in die Hosentasche stecken. Damit würden die Hosentaschen ausbeulen, meine Hand würde schwitzen und ausschauen würde es wohl ein wenig zu entspannt. Ich könnte mit der Hand Textstellen pantomimisch darstellen und damit an den Sänger von Turbostaat erinnern. Eine Menge Optionen, die meine Hand im Verlauf der dreißig Minuten alle irgendwann einmal wahrnimmt.
So lenkt meine Hand mich ab, mal bewusst, mal subtil und so lese ich mal bewusster, mal subtiler. Währenddessen werden Fotos gemacht und teilweise augenblicklich ins Internet zur freien Verfügung gestellt. Davon erfahre ich glücklicherweise erst später, denn Multitasking ist etwas, zu dem man immer fähig sein sollte. Außer bei Beschäftigungen, bei denen man alles auf eine Karte setzen muss. Lesen ist eine solche Beschäftigung. Schließlich regelt sich alles von selbst. Die Rhabarberschorle ist einigermaßen ausgetrunken, meine Hände verschwinden in der Münchener Nacht und es geht zurück, vorbei am Regler, der eigentlich Vertrauen einflößen sollte, weil er der Regler ist und alles regeln kann. Wenn es nicht diesen verhängnisvollen Zusatz gäbe: Er ist der Regler. Er kann alles regeln. Nur seine Vergangenheit nicht.
Gera, 27. Mai, JVA
Es gibt einen Ort, über den man eine Menge wissen könnte: aus Filmen, aus Zeitungsberichten, Dokumentationen, TV-Beiträgen, Büchern. Alle haben dabei ein eigenes Interesse an diesem Ort. Manche wollen eine spannende Geschichte erzählen, andere einem Teil der Wirklichkeit näherkommen oder haben eine klare politische Mission und wieder andere nutzen diesen Ort, um spekulativ auf kleinste gemeinsame Nenner zu zielen. Deshalb ist es unmöglich, diesen Ort zu kennen. Man müsste schon dahin reisen, um ihn beschreiben zu können. Wie könnte man diesen Ort beschreiben, wenn man nur zwei Stunden dort ist?
Angenommen, dieser Ort wäre ein Gefängnis. Eine Justizvollzugsanstalt in einem Gebäude, das vor vielen Jahren eine Brauerei war, bis die sowjetische Militäradministration beschloss, ein Gefängnis daraus zu machen. Das Gefängnis liegt in der Stadt mit den vielen Einbahnstraßen, gar nicht mal so weit von Stadtzentrum und Rathaus entfernt. Natürlich gibt es hohe Mauern, die zudem noch mit NATO-Stacheldraht gesichert sind. Bevor man eintreten kann, müssen Handy und Klapptaschenmesser in einem Schließfach eingelagert werden. Das Besucherkärtchen gibt es im Austausch gegen den Personalausweis. Der Körper wird nach Metallgegenständen gescannt, Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht. Deshalb liegt es ja im Schließfach.
Danach geht es die Brauereigänge entlang. Im Besucherraum weist ein Plakat auf ein Indianerfest für die Kinder von Häftlingen hin. Auf dem Hof stehen zwei gepanzerte Busse. Jede Tür öffnet sich erst, wenn alle anderen geschlossen sind. Das hauptsächliche Geräusch hier sind also Gittertüren, die ins Schloss fallen. Permanent, unentwegt dieser Klang. Die Gänge sind einigermaßen hell und nur selten endlos. Einer der Gänge endet in einem Raum. Ein Fernseher steht dort und ein Billardtisch ist an die Wand gerückt.
Die Sätze, die man sonst meistens zu Beginn sagt, fallen diesmal weg. Weil es egal ist, wann das Buch erschien. Es macht keinen Sinn, auf einen Büchertisch hinzuweisen. Es ist uninteressant zu erzählen, woher ich komme. Und freue ich mich wirklich, heute hier lesen zu können? Ich habe nicht „Hurra, Hurra, endlich geht’s los“ geschrien, als ich gefragt wurde, ob ich in einem Gefängnis lesen würde. Fünf Autoren lesen in sieben Einrichtungen, ein Projekt, ein Testlauf, aus dem mehr entstehen kann oder auch nichts. Keine Ahnung, ob und was die anderen Vier geschrien haben. Ich brauchte eine Nacht und einen Tag für die Entscheidung. Es gab gute Gründe dagegen und welche dafür. Letztlich ist „Das habe ich noch nie getan“ meistens ein ziemlich guter Grund.
Und klar waren da diese Bilder. Dokumentarfilme, Zeitungs-Dossiers, Boulevardschlagzeilen, „Die Verurteilten“ oder „Der Unbeugsame.“ Lauter Bilder, die alle stimmen müssen und doch nichts mehr bedeuten ab dem Moment, in dem man vorn sitzt und beginnt zu lesen. Hager, denke ich, wäre ein guter Einstieg. Ein bisschen skurril, ein bisschen tragisch und am Ende eine Pointe. Es wäre sogar okay, wenn jemand lacht. Die Stühle, auf denen alle sitzen, sind hart. Manche sitzen sehr breitbeinig da, die Arme untergeschlagen, andere legen den Kopf auf den Tisch, andere drücken ihre Rücken steif durch, einer stöhnt hin und wieder auf. Es gibt da kein durchgehendes Muster, von allem ist etwas dabei – Aufmerksamkeit, Flüstern, Abschweifen, Herumrucken. Eine Lesung wie jede andere.
Dass sie das nicht ist, merke ich daran, dass ich mir besondere Gedanken mache. Zum Beispiel während des Lesens von Glufke. Dort steht das Wort „Ausbruch.“ Oder der Satz „Jeder kann an jedem beliebigen Tag in den Zug nach Samarkand steigen und dort meinetwegen ein neues Leben beginnen.“ Ich denke „Nein, das kann eben nicht jeder“ und quasi als vorauseilender Gehorsam verschlucke ich dann Wort und Zeile. So wie Steven Spielberg in der digitalen Neufassung von E.T. Waffen durch Walkie-Talkies ersetzt hat. Das ist nicht gerade das, was man Mut nennt und weil ich mich so nicht leiden kann, betone ich zwei Seiten später das Wort „Ausbruchsfantasie“ extra deutlich.
Natürlich ist es seltsam, überhaupt solche Gedanken zu haben. Ein Wort ist kein wissenschaftlicher Fakt. Wenn ich glaube, andere könnten in ein Wort mein Wort hineindeuten, muss ich mich irren. Es ist sowieso oft besser, es darauf ankommen zu lassen. Denn niemand ist nur einer. Nur weil jemand an diesem Ort ist, heißt das nicht automatisch, dass man ihn darauf reduzieren kann. Vielleicht hat jemand vom Grímsvötn auf Island gehört und mag keine Flugzeuge. Da legt dieser natürlich eine ganz eigene Bedeutung in „Ausbruchsfantasie“ hinein.
Wie auch immer. Ich lese Heute lernen wir Tschüss zu sagen und merke beim ersten Abschnitt eine Unruhe. Vielleicht zu viele Kinderperspektiven, vielleicht einmal zu oft „Miez“ gesagt. Trotzdem denke ich, das muss so sein. Ein Text über den Umgang mit Schuld. Die Fragerunde beginnt ohne den üblichen Tanz, wer zuerst spricht und dafür mit einer sehr dankbaren Erkundigung nach dem Titel. Direkt darauf folgt ein Gespräch über die Zielgruppen der Geschichten und über eine Metapher in Hager. Ich höre gegenteilige Ansichten, aber im Ganzen ist das alles einigermaßen entspannt, weshalb ich beschließe, Schweineholger zu lesen.
Wahrscheinlich ist das nicht die beste Idee. Andererseits: wann bekomme ich wieder die Möglichkeit dazu? Direkt am Anfang fragt auch jemand Schweineholger nach und nickt dann wissend (fast möchte ich schreiben „feixend“) zu seinem Nachbarn. Ich lese also den Text, vielleicht etwas schneller als sonst. Danach ist gar nicht mal solange Pause, denn der jemand von vor drei Zeilen will wissen, was der Schweineholger eigentlich schlimmes gemacht hat. Ich denke, eigentlich ist das eindeutig. Und weil das eigentlich nicht das Thema der Geschichte ist, berichte ich lieber von den Gründen, welche den Text zu entstehen ließen. Es kommt zu Meinungsäußerungen. Das ist gut. Reaktionen sind gut, denke ich.
Was sagt man am Ende? Dass man sich gefreut hat, hier gewesen zu sein, dass alle erschienen sind? Natürlich sagt man das. Es geht die Gänge zurück, Türen öffnen sich, nachdem sich Türen geschlossen haben, man tauscht das Besucherkärtchen gegen den Personalausweis ein, holt das Handy aus dem Schließfach und steht schließlich draußen vor der Brauerei und draußen vor den Mauern mit dem Stacheldraht, nahe des Zentrums der Stadt mit den Einbahnstraßen. Zwei Stunden an einem Ort und trotzdem nach wie vor nicht in der Lage, diesen Ort zu beschreiben.
Erfurt, 6. April, Peckham‘s
Es ist Frühling. Du bist in Erfurt, im Peckham’s, du trinkst einen Erdbeersaft und hörst einer Lesung zu. Ich sitze vor dir und lese aus meinem neuen Buch. Es heißt „Der Schlaf und das Flüstern.“ Angenommen, du würdest genau jetzt einen Moment lang die Augen schließen. Wenn du sie wieder öffnest, wäre noch immer Frühling, du wärst weiterhin im Peckham’s in Erfurt und ich würde für dich aus meinem Buch lesen. Aber ein Jahr wäre vergangen und deshalb hieße dieses Buch nun „Ausschau halten nach Tigern.“
Was hätte sich ansonsten in diesem Jahr geändert? Es sind nun andere Parteien, die sich besonders stark für den Atomausstieg machen. Nicht mehr Bayern München ist die erfolgreichste deutsche Mannschaft in einem europäischen Fußballwettbewerb. Und zwar würde selbstverständlich Thomas Gottschalk „Wetten, dass …?“ moderieren, aber eben nur zweimal noch. Ein Jahr, im Normalfall 365 Tage und jeder hätte seinen Teil dazu beigetragen, dass sich Gewissheiten aufgelöst haben, Horizonte verschoben und dir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde, und das, worauf du heute stehst, im Grunde genommen Treibsand ist, der dich beim nächsten Schritt schon in die Tiefe ziehen könnte. Das also ist die Gegenwart und alles, was du gegen sie in der Hand hast, ist ein verwirrendes Spiel mit der Zeit.
Angenommen, du hast bis hierhin gelesen und angenommen, du bist weiterhin auf der Lesung im Peckham’s. Vielleicht bist du zuvor durch Erfurt gelaufen, hast dich in den Gässchen verirrt, bist am ersten öffentlichen Fledermausdetektor Deutschlands vorbeigekommen, hast in die Schaufenster geblickt, die Massagebücher für Katzen anboten, die Plakate gesehen, die zu Botoxpartys einluden, hast auf dem Domplatz den Schaustellern zugesehen, wie sie den Altstadtfrühling aufgebaut haben, der in wenigen Tagen die Stadt wieder mit dem Geruch von Zuckerwatte und den Geräuschen der Karussells überziehen wird, der Domplatz, der in wenigen Monaten mit hunderttausenden Menschen gefüllt sein wird, die dann größtenteils zum Papst aufblicken werden. Nur wenige Meter von diesem zukünftig heiligen Platz sitzt du und vor dir auf dem Tisch steht das dampfende Tiger-Spezial, eine Mango-Möhren-Suppe mit wahlweise Hühnchen oder Ziegenkäse. Das Tiger-Spezial zu einer Lesung, in der kein einziger Tiger auftauchen wird. Und dennoch hat die Bedienung mit viel Liebe zum Detail einen Tigerkopf auf eine Schiefertafel gezeichnet.
Und es fängt an, wie es oft beginnt: man ist sich noch nicht ganz sicher, ob das etwas werden kann. Neben dir brummt ein Kühlschrank, der deinen Erdbeersaft bis eben noch kühl hielt. Von den Pflastersteinwegen läuten Fahrradklingeln. Der Mann in der letzten Reihe ist zehn Minuten nach acht Uhr gegangen, lange bevor die Lesung begann. Die AustauschstudentInnen halten ihre Übersetzungscomputer bereit. Jemand sagt etwas in ein Mikrophon, einige unwichtige, einleitende Sätze, die immer gesagt werden müssen, damit es nicht sofort losgeht, damit man sich aneinander gewöhnen kann, so eben, wie du in eiskaltem Ostseewasser badest: Schritt für Schritt gehst du hinein, Stück für Stück benetzt du deine Haut mit Wasser, um dann mit einem Mal unterzutauchen. Dein Kopf unter dem Brackwasserspiegel.
Endlich fühlt sich die Umgebung an, als würdest du dazugehören. Eine erste Geschichte wird gelesen und danach eine zweite. Du ahnst nicht, dass dies nicht so geplant war, dass die zweite Geschichte eigentlich an dritter Stelle stehen sollte, während die zweite Geschichte die vierte wird und die vierte deshalb an die dritte Stelle rückt und das spontan entschieden wird und das für dich keine Rolle spielt, weil „es-war-so-geplant“ ist meistens das Gegenteil von „so-ist-es-gekommen.“ Vielleicht hast du nach der zweiten Geschichte Interesse, mehr über die Band Turbostaat in Erfahrung zu bringen, vielleicht schaust im Anschluss an diese Lesung wieder einmal „Fight Club“, vielleicht arbeitest du in einem Copyshop und findest das alles übertrieben.
In der Pause redest du. Es sind Menschen da, das ist ja quasi immer die Grundbedingung einer Lesung. Menschen. Vor Dingen zu lesen wäre nur der halbe Spaß. Du orderst einen tiefen Teller Tiger-Spezial nach, weil das wirklich lecker ist. Und schließlich – kaum hast du ausgelöffelt und die wichtigsten Gespräche zu Ende gebracht – verstummt erneut das Kühlschrankbrummen und zwei weitere Geschichten werden vorgelesen. Bei der letzten überlegst du vielleicht, ob diese nicht besser an zweiter Stelle aufgehoben wäre, weil die bestimmt nicht zum wohlfühlen gedacht ist, gerade für alle, die Kätzchen mögen und sagen wir mal, Menschen. Als der Text eine Meinung über Fotohandybesitzer äußert, denkst du an den Anfang der Lesung zurück, als seltsamerweise etliche Fotohandys in die Luft gehalten wurden und die ebene Bühne mit dem gemütlichen Sessel fotografierten. Und du überlegst, ob so der Text ein Kommentar zu dieser Situation macht und ob das nur Zufall ist. Am Ende stellst du fest, wie wichtig die Enden von Lesungen sind. Sie können entweder sanft wieder zurück in den Normalzustand führen, oder wie hier, einfach passieren und dann ist plötzlich Schluss und bevor das jemand bemerkt hat, entsteht eine Minute der Leere.
Danach aber setzt Musik ein und der Abend ist wahlweise vorbei oder fängt gerade erst an. Das liegt an jedem selbst. Du könntest die Augen schließen und wärst damit zurück in deiner Gegenwart, zu einer Zeit, als dieses Buch nur ein Gedanke war und kein Bestandteil eines Jahres, welches sich die beiden Einsen erst noch verdienen muss.
Hamburg, 1. April, Jupilinde/Gängeviertel
Schnitzelalarm / und du genießt das / und dir gefällt das / und du brauchst das / du Schatzstadt
Am Morgen dieses Tages blinkt in einem Radiostudio in Erfurt eine Leuchte auf. Denn draußen vor der Tür wird geklingelt. Draußen vor der Tür stehe ich und kurz darauf vor einem Mikrophon und sage einige Sätze, die sich bald versenden. Vor exakt einem Jahr gab es eine nahezu identische Situation. Nur das Buch war ein anderes. Seitdem hat sich nicht alles, aber einiges geändert. So macht mittlerweile die Gentrifizierung auch vor Erfurt nicht Halt. Ich erfahre, dass ein sicheres Zeichen einer beginnenden Gentrifizierung das Bauen von Komplexen ist, die ein „Höfe“ im Namen tragen. Vor dem Radio hier wird gerade das Fundament für die Schottenhöfe gelegt.
Wenige Stunden später im Zug nach Hamburg. Auf Feldern ruhen Schwäne und ich gehe einer der Lieblingsbeschäftigungen von Zugreisenden nach: Zugreisende anhand ihrer Lektüre zu beurteilen. Die Frau neben mir liest „Solar“ von Ian McEwan. Sie erhält eine relative hohe Punktzahl auf der nach oben offenen Sympathieskala. Begünstigt wird dieser Umstand, dass auch ich momentan „Solar“ von Ian McEwan lese. Bis Hannover also reisen wir beide gemeinsam einmal zu Arktis und zurück und erfahren Wissenswertes über das Beard-Einstein-Theorem und die Photosynthese.
In Hamburg ist es dann wie in Erfurt, nur dass man sofort auf die Gentrifizierung zu sprechen kommt. Das Gängeviertel zum Beispiel. Interessante politische Entscheidungen haben nahe des Axel-Springer-Platzes dazu geführt, dass hier Jupi auf Vernissage, Brahms auf Kupferdiebe trifft und damit das schafft, was Architekten zwar in Modellen von sündhaft teuren Gebäudekomplexen einplanen können, in der Umsetzung aber immer nur von anderen erbracht werden kann: Leben. So wächst in der Jupilinde eine bezaubernde Bibliothek heran, in der „Troposphere“ neben „Tom Sawyer“ und „Der Schlaf und das Flüstern“ neben einer schwarzweißen Ausgabe der Neuen Revue von 1971 steht. Im Laufe des Abends werden Aktionen wie die Anti-Vattenfall-Lesetage erklärt, die in naher Zukunft die originalen Vattenfall-Lesetage ersetzen sollen. Über diese Gegenveranstaltung würden einheimische Medien gern berichten, dürften aber nicht, da Vattenfall ein zu großer Sponsor dieser einheimischen Medien wäre. Es gibt eine Menge dieser Geschichten, auch vom 48-Stunden-Lesemarathon oder die Theorie, nach der die persönliche Aufmerksamkeitsspanne exakt das Alter umgerechnet in Minuten beträgt.
Dabei ist an diesem Abend auch Jan Drees. Der klebt ein Mikrophon auf einen Koffer, streicht mit dem Schlagzeugbesen darüber und klopft auf die Oberfläche und erzeugt damit Geräusche, die so nie von einem Koffer zu erwarten wären. Zusätzlich ist eine Gitarre im Spiel, vor die etwa zehn Effektgeräte geschaltet sind, die zwischen den Texten zum Einsatz kommen. Zwei mal fünfundvierzig Minuten vergehen in der Jupilinde. Auf Facebook gab es zwölf Besuchszusagen. Also rechne ich optimistisch mit mindestens sechs Besuchern. Die Differenz zwischen virtueller und realer Welt könnte kaum größer sein. Am Ende sitzen die Menschen auf Treppenstufen und stolpern während der Lesung in dem angenehm mit Büchern und Manifesten vollgepackten Raum und murmeln erstaunt: „Krass.“
Krass ist ja ein Wort, das immer geht. Auch in der zweiten Geschichte, die ich heute lese. „Springbreak Europe.“ Der Titel macht keinen Hehl daraus, dass Alkohol und Enthemmung die zentralen Rollen spielen. Dies versucht die Geschichte mit viel Liebe zum obszönen Detail zu beschreiben, Details, die keine Fragen offenlassen und gern mit Eindeutigkeiten arbeiten. Es wird viel gelacht, was großartig ist, und je länger das Lesen andauert, desto mehr wächst das Lachen an. Das ist nach wie vor super, weil es ja auch beabsichtigt ist. Und gleichzeitig ist da so ein Unwohlsein, weil die Dinge, die beschrieben werden, lustig sind und gleichzeitig furchtbar traurig in ihrer trostlosen Ekstase. Es müsste ein Geräusch geben, welches sich sowohl an der skurrilen Situation erfreut als auch Entsetzen über die Umstände ausdrückt. Irgendwie schizophren, weshalb ich beginne, einzelne Wörter zu vernuscheln und Pointen zu versemmeln und gleichzeitig darauf bedacht bin, so viel wie möglich an Reaktionen mitzunehmen. Dafür kann der Text nichts, die Zuhörer schon gar nicht, weshalb ich allein die Schuld an meinem Unwohlsein trage, das sich später in Gesprächen glücklicherweise einigermaßen auflöst, auch weil ich bemerke, dass es weniger darum geht, die Geschichten nur vorzulesen, als vielmehr zu schauen, was sie eigentlich für Auswirkungen haben. Außerdem – und das ist nicht vollkommen unwichtig – erfahre ich den Unterschied zwischen Astra und Alster.
Vor den Gesprächen danach steht jedoch zuerst das Ende der Lesung. Da bin ich schon/noch irgendwie überfordert von den Reaktionen und vor allem dem Wunsch nach einer Zugabe. Ich druckse also herum und Jan springt dankenswerterweise mit einer Improvisation in die Bresche und ich gehe währenddessen in Gedanken hektisch alle ungelesenen Geschichten durch, um doch noch auf die Schnelle einen Abschnitt zu finden, den man aus dem Kontext reißen und der somit einen entsprechenden Abschluss für diesen Abend bilden könnte. Vielleicht die Stelle mit dem Moleskineblock? Oder den Absatz aus „Vor dem Fenster“, in dem ich die Boxhamsters und Die Sterne zitiere? Das würde passen, denke ich und erinnere mich an einen Ausschnitt aus der Dokumentation über die Band, in der sie nach einem Konzert hinter der Bühne unschlüssig beieinander stehend beratschlagen, ob sie noch eine Zugabe spielen sollten, während das Publikum trunken vor Glück „Wir finden schon nach Hause, so oder so“ singt. Da würde sich ein Kreis schließen, bereits am zweiten Leseort, das wäre Rekord, denke ich und schweife weiterhin geistig ab. Dann ist der Moment auch schon vorbei und wir sitzen in Erikas Eck und könnten Wiener Schnitzel so groß wie Kontinente essen. Pommes Frites mit Bratkartoffeln an Schlachterplatte, während draußen Menschen in braunen Kapuzenpullovern einen Abstieg nach einem Plastikbecherweitwurf betrauern. Ich wüsste keinen besseren Zeitpunkt für einen Schnitzelalarm.
Leipzig, 17. bis 20. März 2011, Buchmesse
Gewissermaßen ist das ein Anfang. Und außerdem geht es weiter. Ein neues Buch, die bekannten Orte. Leipzig, die Moritzbastei, die Lange Lesenacht, 50 Lesungen, etliche zur gleichen Zeit. Da könnte ich schreiben, was ich vor einem Jahr schon geschrieben habe. Dann sitze ich aber im Backstageraum vor einem gigantischen Spiegel mit Glühbirnen am Rahmen, ein Spiegel, wie er in Filmen über das Showbiz immer eine große Rolle spielt. Hier spielt das Nichtrauchergebot eine noch größere Rolle, weshalb etwa ein Viertel des Spiegels von einem entsprechenden Verbotsschild bedeckt ist. Vor dem Spiegel stehen Moderator und Autor und rauchen. Das ist keine Geste des Aufbegehrens, sondern es sind, naja, einfach zwei Menschen, die vor dem Gang auf die Bühne noch einmal rauchen.
Stunden zuvor hatte Tino Hanekamp in der Veranstaltungstonne einen Schuss aus einer Pistole abgefeuert. Der Klang von Platzpatronen wurde Minuten später noch von den Steinwänden zurückgeworfen. Danach traf ich K. fünf Minuten vor ihrer Lesung. Sie sagte etwas wie „Es ist sehr heiß hier“, was stimmte, weil es in der Ratstonne geradezu unerträglich heiß war. Ich hätte nicken oder „Ja“ sagen oder ihr viel Erfolg wünschen können. Stattdessen allerdings antwortete ich, aus Gründen, die in diesem Moment, aber auch später nicht mehr nachvollziehbar waren: „Dann lies doch einfach schneller.“ Das war interessant, weil überhaupt kein logischer Zusammenhang zwischen der Lesegeschwindigkeit und der Raumtemperatur existiert. Und wieso sollte man jemanden auffordern, schneller zu lesen, fünf Minuten vor Beginn der Lesung? In der nächsten Stunde jedenfalls, jedesmal, wenn K. das Tempo auch nur minimal anzog, traf mich das schlechte Gewissen hart. Fast wünschte ich mir vor meiner Lesung eine Retourkutsche, etwas wie „Iss doch fix noch Spinat, auf dass die Blätter zwischen deinen Zähnen hängenbleiben“ oder „Kipp doch das Mineralwasser über dein Buch“ oder „Beleidige doch das Publikum grob“, eine Form von Ratschlag eben, die man vernünftigerweise niemandem erteilt.
Dann sitze ich aber gegen halb zwölf ratschlagslos am Tisch und lese „Außer Atmen.“ Und damit beginnt die faszinierende Geschichte von der Lesereise zu Ausschau halten nach Tigern. Sechzehn Erzählungen, die in den nächsten Monaten durch das Land getragen werden, quasi mein Gegenentwurf zum Moratorium. Ein Motiv, das sich durch alle Texte darüber ziehen wird, ist das Einschätzen der Umstände und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, welche Erzählung für diesen Ort und diese Zeit die perfekte ist. Und weil ich ja nicht weiß, ob ansonsten noch interessante Begebenheiten zu beschreiben sein werden, gebe ich diesen Trumpf nicht schon heute aus der Hand und schreibe auch nicht darüber, ob ich denke, dass „Außer Atmen“ die perfekte Erzählung für die Veranstaltungstonne eine halbe Stunde vor Mitternacht gewesen sein könnte. Stattdessen verwerte ich anschließend Getränkemarken sinnvoll.
Einen Tag später ist es fast Rock´n´Roll. Zumindest aber Indiefolk. Zwei Lesungen im Abstand von nur einer Stunde. Deshalb hetzt gegen acht Uhr am Abend ein Auto durch Leipzig. Ideal wäre ein harmloser Unfall, Blechschaden und Nasenbluten und dann zu Fuß bis ins Theater Fact, um mit letzter Kraft die Tür zum Lesesaal aufzustoßen und zu rufen: „Ich habe es für die Literatur getan.“ Die Realität ist – und das ist wirklich ungewöhnlich für 2011 – weitaus unspektakulärer. Was ja nicht unbedingt von Nachteil sein muss. Zum ersten Mal lese ich „Schweineholger“, was mich schon im Vorfeld aufgewühlt hat, weil es ja nicht so ist, dass es Schweineholger irgendjemandem einfach machen würde. Mit Standpunkten zum Beispiel. Jedenfalls kommt es deshalb danach zu Gesprächen und das wünscht man sich ja eigentlich immer: Gespräche über Geschichten. Im späteren Verlauf des Abends … aber auch das ist ein Trumpf und soll diesmal kein Thema sein. Nur soviel: Irgendwann taucht in der alten Post der Sänger einer beliebten deutschsprachigen Band auf, der zugleich Autor einer sehr bekannten Buchtrilogie ist, und irritiert mit seiner überdimensionalen Brille, die größer ist als alle Brillen aller im Verlagswesen Beschäftigten zusammengenommen.
So eine Buchmessewoche ist natürlich nicht komplett ohne Buchmesse. Ohne vertraute Bestandteile wie: am blauen Sofa feststellen, dass die interessanten Gäste gerade vor zwanzig Minuten das blaue Sofa verlassen haben oder erst in zwei Stunden Platz nehmen werden. In zwei Stunden aber ist man gerade in Halle 3 und schaut zu, wie Papier geschöpft wird. Und kann sich nicht zwischen Magnum Mandel und Magnum Cocoa entscheiden. Oder möchte unbedingt sehr gern in Besitz einer dieser fantastischen Juri-Gagarin-Tragetasche gelangen. Und bekommt ein Schokoladenherz in die Hand gedrückt. Und ist im Nur-Flug-Modus und schiebt sich halb euphorisch, halb apathisch durch Gänge bzw. lässt sich schieben. Oder schaut, ob Japan thematisiert wird. Und muss dafür die Cosplayer besuchen. Dort hängen die weißen Flaggen mit dem roten Punkt und da stehen die Spendentöpfe. Außerdem ist ja so gut wie jedes Kostüm sowieso schon Statement für Japan. Außer vielleicht dem Black Swan.
Um die Mittagszeit schließlich die Leseinsel der Jungen Verlage. Eine Doppellesung, mit entsprechendem Intro und futuristischen Stühlen, die überraschenderweise äußerst bequem sind. Im Vergleich zur Buchmesselesung in Frankfurt bleibt die große Publikumsfluktuation aus, d.h. man kann sich beim Lesen auf einzelne Menschen konzentrieren, die freundlicherweise auch sitzenbleiben. Deshalb ist die Irritation gering. Auch freundlich, dass mir K. fünf Minuten vor Lesung nicht zuflüstert „Lies doch einfach mal schneller.“ Dafür jedoch wird die nächste halbe Stunde von einer Videokamera festgehalten, für das Internet, dieses unbestechliche Werkzeug des Bösen, das alle Fehler für alle Zeiten unbarmherzig konserviert. Deshalb wäre es gut, so wenig Fehler wie möglich zu machen und aus diesem Vorsatz erwachsen mehr Fehler als gewohnt. Nicht unbedingt optimal, auch wenn später mehrmals der Satz fällt: „Das war doch okay. Und bestimmt dachten alle, du hättest den Text zum ersten Mal gelesen.“ Trost sieht anders aus.
Bevor ich Leipzig verlasse, passiert das größte Kompliment, das die Buchmesse einem machen kann: Ausschau halten nach Tigern wird vom Stand geklaut. Eben noch lag es in Plastik eingeschlagen auf dem Tisch und in der nächsten Sekunde schon hat es sich ein interessierter Messebesucher unter den Nagel gerissen. Ein perfekter Abschluss könnte nicht anders aussehen. Im Zug sitzen Stunden später die Maids und Krieger, Elfen und Steampunker auf reservierten Plätzen und klicken sich durch die Speicherkarten ihrer Digitalkameras. Während sie in bequeme Jogginghosen schlüpfen, spiegelt sich mein Gesicht in der Scheibe des ICs. Und seltsam: es erscheint mir fremd. Weil ich im Laufe der letzten Tage unerklärlicherweise Martin-Walser-Augenbrauen bekommen habe.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
