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Tour de France
Letzte Runde
Tour de France: Letzte Runde
Einer der schönsten Tage in seiner Karriere: Jens Voigt fährt ein Rennen im gelben Trikot. Zweimal erfüllte er sich diesen Traum. FOTO: dpa
Düsseldorf. Jens Voigt weigert sich noch immer, auf seinen Körper zu hören. Mit fast 42 Jahren hat er am Samstag seine 16. Tour de France begonnen. Es ist seine letzte. Wahrscheinlich. Von Sebastian Dalkowski

Zum Beispiel der 20. Juli 2010. Ein weiterer Tag, an dem Jens Voigt zum Helden wird. Nur anders.

16. Etappe der Tour de France. Von Bagnères-de-Luchon nach Pau. 199,5 Kilometer. Pyrenäen. Voigt hat die Strecke im Kopf. Vier lange und steile Anstiege muss er mit seinen 39 Jahren hoch. Der erste gleich zu Beginn. 11 Kilometer. Steigung 7,4 Prozent im Durchschnitt. Vorne fahren sie wie die Irren. Voigt verliert den Anschluss. Auf der Abfahrt will er den Rückstand wieder aufholen. Runter mit 80 Sachen. Plötzlich ein Knall. Sein Vorderreifen. Voigt denkt noch: Das wird wehtun. Dann tut es auch schon weh. Was willst du auch machen, wenn dir bei 80 Stundenkilometern der Reifen platzt? Du fliegst einfach auf die Fresse.

Schmerzen, nichts als Schmerzen.

Voigt rappelt sich vom Asphalt auf, greift nach seinem Fahrrad. Merde. Der Rahmen ist gebrochen. Das Vorderrad auch. Auf der Straße sieht er eine Blutlache. Das Blut fließt aus einem Loch in seinem linken Ellbogen über den Unterarm und die Hand. Voigt denkt: Was für ein billiger Horrorfilm. Fahrer und Autos rasen an ihm vorbei. Über Funk fordert er von seinem Team ein neues Fahrrad an. Gerade schlecht. Der erste Wagen ist auf dem Weg zum zweiten Anstieg, der andere fährt hinter seinem Teamkollegen Andy Schleck. Der trägt das Gelbe Trikot. Ein Krankenwagen hält. Der Doktor steigt aus und fragt, ob alles in Ordnung ist. Voigt hätte ihn nun darauf hinweisen können, dass er die Straße vollblutet und überall Schmerzen hat und außerdem sein Fahrrad Schrott ist. Aber er sagt: "Ja, ich bin in Ordnung."

Besser als gar kein Rad

Der Doktor untersucht ihn, verbindet seinen Ellbogen und sein Knie. Mittlerweile sind alle Fahrer an ihm vorbei. Der Besenwagen hat gestoppt. Der Besenwagen sammelt die ein, die aufgeben. Der Fahrer fragt Voigt, ob er einsteigen will. Voigt will nicht. Er hat schon im Vorjahr wegen eines Sturzes aufgeben müssen. Ein Fahrrad wäre jetzt nicht schlecht. Ein neutraler Servicewagen hat es dabei. Ein schönes, gelbes Fahrrad, das nur einen Nachteil hat: Es ist für Kinder. Vor dem Start sollte der Nachwuchs damit für den Radsport begeistert werden. Jens Voigt ist 1,90 Meter. Er greift sich das Rad, zieht die Sattelstange so weit heraus wie möglich und steigt auf. Immer noch viel zu niedrig. Er fährt los. In die Pedale treten kann er auf der Abfahrt vergessen. Bei dieser hohen Geschwindigkeit ist das Kettenblatt des Kinderrades viel zu klein, um noch zusätzlich Tempo zu machen. Also hockt er sich so aerodynamisch wie möglich aufs Rad und rollt. Erst im Flachen kann er wieder treten.

Nach 20 Kilometern stoppt ihn ein Polizist. Er hält das Ersatzrad, das Voigts Team für ihn dagelassen hat. Endlich. Mit dem neuen Rad geht es gleich den nächsten Berg hoch. 12,3 Kilometer. Steigung 7,4 Prozent. Er darf jetzt nicht nachlassen. Es reicht nicht, wenn er einfach irgendwann ins Ziel kommt, er muss im Zeitlimit bleiben. Sonst braucht er am nächsten Tag gar nicht mehr aufs Rad steigen.

Voigt holt die ersten Fahrer ein, die weit hinter der Spitze zurückhängen. Nächster Anstieg. 17,1 Kilometer, Steigung 7,3 Prozent. Er holt weitere Fahrer ein. Letzter Anstieg. 29,2 Kilometer, 4,2 Prozent. Voigt überwindet auch den. Auf der Abfahrt lässt ihn eine Gruppe in den Windschatten. Zusammen erreichen sie das Gruppetto, jene Gruppe der Abgehängten, die sich zusammenschließt, um gemeinsam rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Wer dort landet, gehört normalerweise zu den Verlierern des Rennens. An diesem Tag aber ist Voigt ein Gewinner. Er erreicht das Ziel rechtzeitig und fährt die Tour zu Ende.

Puh.

Es ist nicht so, dass Jens Voigt der einzige Wahnsinnige ist, der an der Tour de France teilnimmt. Jeder Teilnehmer ist wahnsinnig. Jens Voigt ist nur noch viel wahnsinniger. Der König der Ausreißer, König der Schmerzen, König der Qual. Die Webseite www.jensvoigtfacts.com sammelt Sprüche über Voigt, die so ähnlich funktionieren wie die über Chuck Norris. Einer geht so: "If Jens Voigt was a country, his principle exports would be pain, suffering, and agony."

Debüt in der dunkelsten Zeit

Der größte Wahnsinn ist vielleicht der, dass er auch in diesem Jahr mitfährt. Am Samstag hat er seine 16. Tour de France in Angriff genommen, nur zwei waren häufiger dabei. Er ist der älteste Fahrer im Feld. Im September wird der Berliner 42. Noch mal 3400 Kilometer. 21 Etappen. Zweimal an einem Tag L'Alpe d'Huez hoch. Es ist schließlich die 100. Ausgabe der Tour. Die letzte Etappe bei Sonnenuntergang auf dem Champs-Élysées. Noch mal der völlige Wahnsinn.

Es war einmal 1998. Voigt nimmt zum ersten Mal an der Tour de France teil. Es ist das Jahr des Festina-Skandals. Es ist das Jahr, in dem der Radsport zum ersten Mal am Abgrund steht. Es folgen die Jahre, in denen regelmäßig neue Dopingsünder enthüllt werden, ARD und ZDF aus der Berichterstattung aussteigen. Man sich bei jedem Sieger fragt, ob er sauber ist. Jens Voigt ist einer der letzten Verbliebenen aus dieser dunkelsten Ära der Tour de France. Es überrascht deshalb nicht, dass auch er sich bis heute gegen Vorwürfe verteidigen muss, gedopt zu haben. Hat er nicht, sagt er immer wieder. Zuletzt sehr ausführlich für die Website Bicyling.com. "Our sport is better and cleaner than it was ever before. This is something I am totally convinced of", schreibt er außerdem. Daraufhin sagt Tyler Hamilton, ein Dopingsünder, dass er davon überzeugt sei, auch Voigt habe gedopt. Beweise hat er dafür allerdings nicht. Tatsache ist nur: Voigt fuhr im Team von Bjarne Riis, der selbst Doping eingestanden hat. Er fuhr auch für den früheren Chef von Lance Armstrong, Johan Bruyneel. Voigt ist einer von jenen, die viel zu sympathisch wirken für einen, der dopt. Dasselbe aber hat man auch über Erik Zabel gedacht. Bevor er gestand. "Wenn ich eine Chance hätte, die Zweifler zu überzeugen, dann würde ich sogar eine elektronische Fußfessel tragen", sagte Voigt kürzlich im Interview mit der Taz. Man wird ihm wohl nur glauben, wenn er Doping einräumt.

2001 macht Voigt zum ersten Mal richtig auf sich aufmerksam. Nicht durch eine positive Dopingprobe, sondern durch Leistung. Nach der 7. Etappe trägt er das Gelbe Trikot, nach einem erfolgreichen Ausreißversuch, bei dem er zweiter wird. Die 16. Etappe gewinnt er sogar. Natürlich als Ausreißer. Das wird sein Markenzeichen. Voigt begreift schnell, dass dies seine einzige Chance ist zu siegen. Eine dreiwöchige Rundfahrt wird er nie gewinnen, weil er durch seine Größe zu viel Gewicht in den Bergen mitschleppt. Er ist zwar ein sehr guter Zeitfahrer, aber eben nicht absolute Weltspitze. Ein Sprinter ist er auch nicht. Aber er hat die Fähigkeit, mehr aus seinem Körper herauszuholen, als in ihm steckt. "Shut up, legs" ist einer seiner Sprüche, die für seine Fähigkeit stehen, mit dem Verstand seinen Körper zu Dingen zu zwingen, zu denen er eigentlich nicht mehr in der Lage ist. Wille und Energie, davon hat Voigt mehr als genug. Deshalb haben ihm seine Eltern als Kind überhaupt erst geraten, sich einen Sport zu suchen. Damals in Mecklenburg-Vorpommern. Besser abreagieren als Ärger einhandeln. Die Rolle des Ausreißers passt deshalb perfekt. Fahren, bis es nicht mehr geht.

Wen stören schon Rippenbrüche?

Und so sehen ihn die Zuschauer am Straßenrand und vor dem Fernseher jedes Jahr ausreißen. Meistens erfolglos. Das ist das Schicksal eines Ausreißers. Doch wenn es klappt, steht er für einen Tag im Mittelpunkt. 2003 muss Voigt zum ersten Mal die Tour vorzeitig beenden. Magen-Darm-Beschwerden. 2005 gelingt Voigt das, was Ullrich nie gelingen wird: Durch einen dritten Platz nimmt er Armstrong das gelbe Trikot ab, doch zwei Tage später ist er durch ein Fieber so geschwächt, dass er aus dem Zeitlimit fällt und von der Tour ausgeschlossen wird. 2006 gewinnt Voigt seine zweite Etappe bei der Tour de France. Zusammen mit drei weiteren Ausreißern hat er sich eine halbe Stunde Vorsprung herausgefahren. Einen Kilometer vor dem Ziel ist er mit einem Spanier alleine, der als der bessere Sprinter gilt. Trotzdem gewinnt Voigt. Der Wille. Die Energie.

Doch es gibt nicht nur Voigt, den Ausreißer, sondern auch Voigt, den Unzerstörbaren. 2009 stürzt er auf der 16. Etappe bei Tempo 80 auf einer Abfahrt. Er bricht sich das Jochbein und den Kiefer. Er ist mehrere Minuten bewusstlos. Die Bilder sind FSK 18. Als ihn das ZDF drei Tage später im Krankenhaus besucht, sieht sein Gesicht aus, als sei er in eine Kneipenschlägerei geraten. "Es ist nichts, was mich jetzt wirklich umbringt", sagt er. 48 Tage nach dem Sturz fährt er sein nächstes Rennen. Im Jahr darauf die Sache mit dem Kinderfahrrad. "Rippenbrüche sind überbewertet", sagt er nach dem Rennen und lässt sich nicht mal röntgen. Dafür lieben ihn die Fans, dafür schätzen ihn die Fahrer – wenn die Situation scheiße ist, trotzdem den Humor nicht verlieren. Er ist zwar ein Ausreißer, aber kein Außenseiter. Immer ein Lachen im Gesicht. 2011 fliegt er auf einer Etappe erst in einer Kurve die Böschung hinab. Ein paar Kilometer später knallt er auf den Asphalt. Selbstverständlich fährt er weiter. So wie er auch immer wieder noch eine Tour fährt, obwohl er doch längst hat aufhören wollen.

Dann gibt es noch Voigt, den selbstlosen Helfer. Der, der seine Kapitäne schwere Berge herauffährt, auch dann noch, wenn sein Akku längst leer ist. 2010 ist so ein Jahr. Auf der 9. Etappe, ein schweres Rennen in den Alpen, geht er früh mit einer Ausreißergruppe mit. Beim letzten Anstieg fällt er aus der Spitzengruppe heraus und wartet anschließend, bis sein Kapitän Andy Schleck aufgeschlossen hat, der zusammen mit Alberto Contador das Hauptfeld auseinandergefahren hat. Kaum sind die beiden da, hängt sich Voigts vor sie und zieht die beiden besten Bergfahrer der Welt den steilen Anstieg hoch, bis es einfach nicht mehr geht. Und dann noch ein Stückchen weiter. Ein englischer Fernsehkommentator sagt deshalb: "He is a man who will go out and die for a team." Der Youtube-Clip dieser Höllenfahrt ist unter dem Titel "Jens Voigt kills himself" abgespeichert.

Behandelt wie ein Landesverräter

Nur einmal werden ihm seine Helferdienste übelgenommen. Auf der 15. Etappe 2004 ist er mal wieder in einer Ausreißergruppe, als Jan Ullrich aus der Gruppe der Favoriten angreift und sie hinter sich lässt. Was die anderen auch anstellen, sie kommen nicht an Ullrich heran. Endlich, so scheint es, könnte der ewige Zweite den Träger des gelben Trikots, Lance Armstrong, ernsthaft gefährden. Doch dann bekommt Voigt das Signal von seinem Team, sich aus der Ausreißergruppe zurückfallen zu lassen, um auf seinen Kapitän Ivan Basso zu warten, der ebenfalls zu den von Ullrich Abgehängten gehört. Voigt steht fast am Straßenrand, sieht Ullrich vorbeisausen und weiß: Das wird schwer. Dann hängt er sich vor die Gruppe mit Basso, zu der auch Lance Armstrong gehört. Voigt fährt das Loch auf Ullrich tatsächlich wieder zu und hat nicht nur seinen Kapitän gerettet, sondern auch Armstrong. Und genau das ist das Problem. Beim Bergzeitfahren am nächsten Tag beschimpfen ihn deutsche Zuschauer am Straßenrand als Judas. Voigt ist verletzt wie noch nie in seinem Radsportlerleben. Als er im Interview mit dem ZDF die Kommentare des ARD-Reporters Hagen Boßdorf für die Beleidigungen verantwortlich macht, blendet der Sender das Interview aus.

Das ist vergessen. 2013 ist Jens Voigt neben Tony Martin der einzige deutsche Fahrer, der das öffentliche Interesse am Radsport hierzulande noch einigermaßen am Leben hält. Ist das denn nun wirklich seine letzte Tour? Nach 16 Jahren, zwei Etappensiegen, zwei Tagen in Gelb, Stürzen, Knochenbrüchen, Aufgaben, eine Million Liter Schweiß. "Schwer zu sagen", meint er, "aber es sieht wohl so aus."

Das heißt gar nichts.

Quelle: jco
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