Neue Arbeitszeiten: Liegen lernen
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 30.01.2008 - 11:12Die dänische B-Society fordert das Ende des normalen Arbeitstages und einen späteren Schulbeginn. Sie hat gute Argumente, doch die neue Freiheit gefährdet die Freizeit.
Kopenhagen (RP). Das wird passieren: Die Arbeit, wie wir sie kennen, macht es nicht mehr lange. Wer in Zukunft noch von 8 bis 17 Uhr arbeitet, kommt ins Museum. Das ist passiert: Im Januar 2007 gründet die Dänin Camilla Kring einen Klub und nennt ihn B-Society, die B-Gesellschaft. Die B-Society forderte nicht weniger als die Revolution der Arbeitszeit: "Wir wollen den Aufstand gegen die Tyrannei des frühen Aufstehens, wir wollen eine bessere Welt, in der die verschiedenen Tagesrhythmen anerkannt und respektiert werden."
Camilla Kring sagt: "Der Mensch sollte das Recht haben, sich auszusuchen, ob er morgens seine Ruhe haben möchte." Das heißt: Schluss mit Arbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr. Schluss mit faulen Kompromissen wie Gleitzeit.
Die Forschung hilft der B-Society beim Argumentieren. Diese hat herausgefunden, dass es drei Arten von Mensch gibt: Die A-Menschen (Lerchen), die früh aufstehen und früh ins Bett gehen und nach denen sich der Normalarbeitstag richtet. Die B-Menschen (Eulen), die spät aufstehen und spät ins Bett gehen. Und die Menschen, die irgendwo zwischen A und B liegen.
Schuld sind die Gene
Das hängt zu einem großen Teil mit den Genen zusammen, die bestimmen, wie die innere Uhr tickt. Die Psychologin Brigitte Kudielka von der Universität Trier fand heraus, dass A-Menschen mehr Stresshormon Cortisol produzieren als B-Menschen, wenn sie früh aufstehen. Das erklärt, warum B-Menschen um sieben nicht fröhlich aus dem Bett springen.
Wer gegen seine innere Uhr lebt, tut sich keinen Gefallen. Er baut ab, weil ihm der Schlaf fehlt. Buchautorin und Nachteule Carolyn Schur hat mal versucht, wie ein A-Mensch zu leben: Sie wurde krank. Eine Studie der Duke University in North Carolina ließ Menschen Karten spielen. Ergebnis: Durch Schlafentzug funktionieren bestimmte Teile des Gehirns schlechter.
Die B-Society hat noch weitere Argumente. Wenn nicht alle gleichzeitig zur Arbeit fahren, gibt es keine Staus mehr. Eltern können ihre Kinder zur Schule bringen, wenn der Arbeitsbeginn nicht festgeschrieben ist. Ein anderes Arbeitsmodell ist nicht nur nötig, sondern auch möglich.
Im Mittelalter musste der Bauer früh aufstehen, weil er zum Beispiel die Kühe melken musste. Im Industriezeitalter musste der Mensch früh raus, weil die Stechuhr es so wollte. Das ist vorbei.
Das Zauberwort heißt Flexibilität
Die Studie "Creative Work" des Zukunftsinstitutes prophezeit, dass 2015 mehr als drei Viertel der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor tätig sind. Weil da viele Menschen am Computer arbeiten, ist es häufig egal, wann sie arbeiten. Das Zauberwort heißt Flexibilität. Imke Keicher, eine der Autorinnen der Studie, sagt: "Es ist eine Kernkompetenz im Umfeld von Creative Work, zu wissen, wann man am leistungsfähigsten ist."
In den USA hat ein Unternehmen die Forderungen der B-Society radikal umgesetzt, noch bevor diese sie überhaupt gestellt hatte. 2003 beginnt die Elektronikhandelskette "Best Buy", nach Anregungen zweier Mitarbeiterinnen die festen Arbeitszeiten in ihrer Zentrale abzuschaffen. Die Idee heißt Rowe (= Results-only work environment). Was zählt, ist das Ergebnis, nicht die aufgewendete Arbeitszeit.
Die beiden Erfinderinnen Jody Thompson und Cali Ressler sagen: "Jeder Person ist es selbst überlassen, was sie tun will und wann sie es tun will, solange die Arbeit gemacht wird." Der Arbeitsberater Joe Robinson ist begeistert: "Dieses System ist der Weg zu mehr Leistung. Man hat keinen wachen Geist, wenn man zwölf Stunden am Tag wie eine Statue an seinem Schreibtisch sitzt."
Gegenstimmen
Reinhard Dombre, Mitglied des DGB-Bundesvorstandes, warnt jedoch vor solchen Vertrauensarbeit-Modellen: "Das ist meist im Interesse der Unternehmen, weil die Leute tendenziell mehr arbeiten als vorher. Was als Mündigmachung bezeichnet wird, ist ein Korsett. Die Leute müssen vor einer individuellen Überbeanspruchung geschützt werden."
Wenn es keine festen Arbeitszeiten gibt, gibt es auch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Das Schöne an der Freiheit ist, dass sie die Mauer einreißt, die den Menschen einschränkt. Das Blöde an der Freiheit ist, dass das auch die Mauer ist, die den Menschen geschützt hat. Zum Beispiel vorm eigenen Ehrgeiz, zum Beispiel vor den Kollegen, zum Beispiel vorm Chef. Wer garantiert, dass der die Messlatte für die zu erledigende Arbeit nicht allmählich höher legt?
Die neue Freiheit auch in Schulen
Wenn es nach der B-Society geht, kommt die neue Freiheit auch in die Schulen. Die Forschung steht erneut auf ihrer Seite. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder um acht Uhr morgens außer zum Schlafen zu nicht viel in der Lage sind. Schlafforscher Jürgen Zulley sagte 2002 in einem Interview: "Gerade Kinder brauchen Schlaf. Im Schlaf wachsen sie, das Lernen wird gefestigt."
Günter Woog vom deutschen Spätaufsteher-Verein "DELTA t" sagt über seine Schulzeit: "Es wundert mich, dass ich die Klausuren überhaupt bestanden habe." Auf Anregung der B-Society testet eine dänische Schule gerade ein Pilotprojekt. Ist das erfolgreich, wird ab August 2008 eine Klasse eingerichtet, die erst um zehn Uhr beginnt. Ole Vadmand, Mitarbeiter der Schule, erklärt: "Für mich gibt es keinen logischen Grund für den Schultag von acht bis drei. Die Informationsgesellschaft ist 24 Stunden täglich geöffnet."
Doch wie weit soll die Freiheit gehen? 2005 gründete der Inder Krishnan Ganesh "TutorVista". "TutorVista" vermittelt indische Tutoren, die amerikanischen Schülern Nachhilfe per Webcam anbieten. Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Bildungsminister vorschlägt, feste Unterrichtszeiten und Schulgebäude abzuschaffen und den Unterricht ins Internet zu verlagern? Dann dauert der Tag für einige weiterhin von acht bis fünf, für andere ist Mittag dann erst um Mitternacht.
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