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Mein Herz schlägt schneller: Der Egotrip des Bela B

VON GESA EVERS - zuletzt aktualisiert: 07.10.2009 - 00:01

Düsseldorf (RPO). Offen bekennt der Ärzte-Schlagzeuger Bela B, dass es auf seinem zweiten Soloalbum nur um ihn geht. Konsequent hat er jedes Lied selbst getextet und komponiert. Ein Gespräch über kreative Schübe, den Spaß am Widerspruch und das Verhältnis zu seinen Bandkollegen.

Sympathisch - Bela B hat zu tief ins Tuscheglas geschaut.  Foto: Label
Sympathisch - Bela B hat zu tief ins Tuscheglas geschaut. Foto: Label

Zuletzt muss es bei den Ärzten wirklich schlimm gewesen sein. Wenn Bela B an die vergangene Tour zurückdenkt, schüttelt es ihn regelrecht. „Es war ekelhaft harmonisch, an der Grenze zum Unsympathischen“, sagt er. Offenbar haben die drei Querköpfe Bela, Farin Urlaub und Rodrigo González nach Jahr-zehnten des Zusammenspiels ein derart blindes Verständnis füreinander entwickelt, das ihnen – gepaart mit einem Schuss Altersmilde – die Konflikte ausgehen.

Privat sieht es nicht viel besser aus. Der 46-Jährige ist seit kurzem Vater und „könnte nicht glücklicher sein“, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Für einen, der sich immer noch Punk nennt und entsprechend sperrige, an der Welt verzweifelnde Kracher schreiben möchte, sind das denkbar schlechte Voraussetzungen. Weil Bela aber drei Jahre nach seinem Solodebüt „Bingo“ unheimliche Lust hatte, wieder eine eigene Platte aufzunehmen, bastelte er sich aus seinem Glücklichkeits-Dilemma einfach ein knackiges Motto: „The Power of Widerspruch“. Das zumindest ließ er über den offiziellen Pressetext zu seinem Album „Code B“ schreiben, das in diesen Tagen erscheint.

Vernünftig: Bela B führt nebenbei eine Schirmfachgeschäft. Foto: Label

Tatsächlich ist das nicht nur ein werbewirksamer Slogan, sondern auch eine Grundidee mit enormem kreativen Potenzial. Sie fordert Brüche geradezu heraus, spielt mit Erwartungen, um sie dann definitiv zu enttäuschen, und schützt vorsorglich vor jeglichem Einordnen in Schubladen: Ist ja eh alles anders, als es scheint. Textlich kommt dabei ein charmantes Sowohl-als-auch heraus. In seiner Debütsingle beschimpft Bela die Liebe zwar als „Arschloch“, will sie aber trotzdem wiederhaben, irgendwie. Im Song „Schwarz/Weiß“ geißelt er vordergründig eben jenes Denken, bekennt sich aber schließlich dazu. „Es gibt halt Dinge, die ich mit Inbrunst schlecht finden muss, da gibt es keine Abstufungen.“

Beliebt: Bela B auf dem Geburtstag von Marilyn Mansons Kindern. Foto: Label

Mit besonderem Grauen erinnert er sich an eine künstlerische Durststrecke mit den Ärzten. Grund war der Start des eigenen Labels 1998. „Eigentlich wollten wir uns mit der Plattenfirma kreativ befreien. Stattdessen hatten wir plötzlich geschäftliche Dinge am Hals. Das hat uns gebremst“, erzählt er. Zumindest ihm habe beim Schreiben die Leidenschaft gefehlt, entsprechend unzufrieden ist er mit dem Ergebnis. „Das Album ,Geräusch’ ist eine Platte, auf die ich nicht besonders stolz bin.“

Damals entstand der Impuls, aus dem Band-Korsett auszubrechen und etwas anderes, eigenes auszuprobieren. Bela scharte musikalische Freunde und Produzenten um sich und veröffentlichte „Bingo“ (2006), ein opulentes Werk, das ihn neben Farin Urlaub als ernstzunehmenden Solo-Arzt etablierte, wenn auch kommerziell weniger erfolgreich.

Im Unterschied zum umtriebigen Songschreiber Urlaub steuerte er allerdings nur rund die Hälfte der Lieder bei. Das ist bei „Code B“ anders. „Alles stammt von mir, und ich bin auch das einzige Thema der Platte. Das Ganze ist nichts als ein gewaltiger Egotrip“, sagt er ohne einen Hauch von Ironie. Weil er diesmal für alles selbst zuständig war, ist das Album reduzierter, leiser, weniger bombastisch. Dennoch wirkt es auf sein engstes Umfeld zwingender als der Vorgänger. „Ich war selbst überrascht, aber fast alle haben gesagt, es klänge fetter als ,Bingo’“.

Besonders wichtig war ihm das Urteil seiner Bandkollegen. Rod tauchte überraschend bei einer kleinen Fan-Vorführung auf und hob den Daumen. Farin weilte im Urlaub und ließ sich das Werk zuschicken. Als Bela dessen Kommentar wiedergibt, schwingt Stolz in seiner Stimme: „Er hat gesagt, das ist der Bela, den er liebt.“ Bleibt noch das Urteil seiner Mutter, aber das ist eigentlich seit Jahren konstant: „Sie findet alles gut, so lange es erfolgreich ist.“

Wie sehr sich das auch der Sohnemann wünscht, ist ihm anzumerken. Noch nie, so scheint es, hat sich Bela mit einem seiner Werke so identifiziert. Selbst die abgedroschensten Promophrasen klingen bei ihm glaubwürdig. „Ich habe genau 14 Lieblingslieder, und die sind alle auf dem Album. Es sind meine Babys, die ich jetzt auf die Welt loslasse.“ Er hat sie aus insgesamt 26 Songs ausgewählt, das dritte Soloalbum ist also schon in Planung. Seine kreative Energie ist fast schon beängstigend. „Ich muss nur an einer Gitarre vorbeilaufen, und schon fällt mir was ein“, sagt er.

Trotz aller Euphorie ist ihm klar, wo er eigentlich hingehört. Anders als viele Solokünstler, die urplötzlich nichts mehr zu der Band sagen wollen, die sie groß gemacht hat, kommt er immer wieder auf die Ärzte zu sprechen. Bald werde es eine DVD mit Videos geben, darunter drei neue und „einigen anderen Kram“. Außerdem folgt in absehbarer Zeit ein neues Album. Wenn er von seinen Kollegen spricht, fallen beim selbsternannten Egomanen Begriffe wie Brüder, Familie. Wirklich ekelhaft.


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