| 07.20 Uhr
Mein Herz schlägt schneller
Haldern – die Popwelt zieht aufs Land
Mein Herz schlägt schneller: Haldern – die Popwelt zieht aufs Land
Haldern ohne Regen - hoffentlich auch in diesem Jahr. FOTO: Endermann
Rees (RPO). Ausverkauft statt Ausverkauf: Das Festival in der niederrheinischen Provinz geht am 11. August in die 28. Runde. Mal wieder fehlen die großen Namen. Die 5000 Tickets waren trotzdem bereits im Januar weg, so früh wie noch nie. Was ist da los? Von Sebastian Dalkowski

Diese Geschichte kann überall beginnen. Sie ist überall so wahr und schön. Zum Beispiel hier: Mitte Januar 2011 stellen die Veranstalter des Haldern Pop Festivals fest: Oh, alle Tickets verkauft. 5000 Stück. Mitte Januar 2011 haben die Veranstalter noch keinen Künstler bekanntgegeben, bis zum Beginn des Festivals sind es noch fast sechs Monate. Trotzdem ist es bereits ausverkauft. So früh wie noch nie.

Wie konnte das passieren?

Es gibt große Festivals. Auf denen stehen sich 50.000 Besucher im Weg, auf fünf Bühnen spielen 140 Bands, darunter immer die Toten Hosen oder Limp Bizkit, vom Zeltplatz zur Bühne liegt ein Fußmarsch von einer halben Stunde, und Bungee-Jumpen kann man auch. Es gibt kleine Festivals. Auf denen stehen 1000 Leute herum, auf einer zusammengezimmerten Bühne spielen sieben Bands, davon fünf aus dem Nachbarort und eine Emorock-Band aus Recklinghausen.

Dann gibt es das Haldern Pop. Das Festival in Haldern, einem 5000-Einwohner-Ort in der Nähe von Rees in der Nähe von Wesel, läuft am Wochenende zum 28. Mal, von Donnerstag bis Samstag. Auf einem alten Reitplatz zwischen Feldern und Kuhwiesen kommen die Menschen zusammen aus Haldern, aus der Region, aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, England, USA. Diese Menschen sind Teil des Mythos Haldern, denn das Publikum steht in dem Ruf, besonders offen für neue Musik zu sein, jedem Künstler zu applaudieren und auch für die belgische Indierock-Band um 14 Uhr schon vor der Bühne zu stehen.

Ein Konzert mit Tränen in den Augen

Das hat auch damit zu tun, dass das Veranstaltungs-Team um den Halderner Stefan Reichmann in dem Ruf steht, tolle Bands zu buchen, bevor diese berühmt werden. Es ist nicht so, dass jede Band berühmt wird, die dort spielt. Es haben auch schon Bands dort gespielt, als sie bereits berühmt waren. Zum Beispiel Travis oder Mando Diao oder Franz Ferdinand. Aber Muse haben dort gespielt, als sie noch niemand kannte. Die Sportfreunde Stiller. Phoenix. Starsailor. Kate Nash. Mumford & Sons.

Als legendär gelten aber andere Konzerte. Im Jahr 2000 spielte die dänische Rockband Kashmir ein sehr spätes Konzert vor gar nicht mehr so vielen Zuschauern, denen aber stand nachher das Wasser in den Augen, weil während des Auftritts irgendetwas passierte, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. 2006 trat Samstagnachmittag die amerikanische Rockband „The Wrens“ auf, vier Kerle, die ewig brauchten, um ihr Album aufzunehmen, weil sie tagsüber einem normalen Beruf nachgingen. In Haldern aber spielten sie nach eigener Aussage vor so vielen Leute wie nie zuvor. Ihre Euphorie sprang auch aufs Publikum über, das in Haldern meist eher zuhört, als abgeht, bei diesem Konzert aber war das anders. Am Ende holte die Band sogar zwei Dutzend Zuschauer auf die Bühne.

Diese Geschichte kann überall weitergehen. Zum Beispiel damit, warum das Haldern Festival ohne das Dorf Haldern nicht sein könnte. In den 70er Jahren gibt es einen Kaplan in Haldern, er heißt Wilhelm Olschelwski. Er ist das Gemeckere seiner Messdiener leid, dass in ihrem Ort nichts los sei. „Dann stellt doch etwas auf die Beine“, sagt er. Der erste Schritt ist ein eigener Raum im Jugendheim, der „Raum 3“. Um den sollen sich die Jugendlichen selbst kümmern, dürfen dafür aber auch bestimmen, was dort gemacht wird – und welche Musik läuft. 1981 haben 14 Messdiener die Idee, eine Disco unter freiem Himmel zu veranstalten. Auf einem Reitplatz. Beim dritten Mal, 1983, kommen 1500 Menschen. Nun wollen sie Live-Musik. Weil dafür viel Geld nötig ist, verkauft die Gruppe Aktien, 500 DM das Stück. Der Chorleiter nimmt eine, Eltern der Messdiener, 46 Aktionäre aus dem ganzen Ort. Die Gründungsveranstaltung ist im „Raum 3“. So heißt bis heute der Veranstalter des Festivals. Als sie Holz für eine Bühne brauchen, reißen sie für einen Schreiner ein Haus ab und dürfen den Dachstuhl behalten. Als sie Masten benötigen, bekommen sie auch die von einem Bewohner. Ein anderer stellt den Anhänger. Die Dienstwege sind kurz, wenn die Aktionäre aus dem Dorf stammen und immer einer jemanden kennt, der jemanden kennt.

So findet 1984 das erste richtige Haldern Pop Festival mit Live-Musik statt. Im Laufe der Jahre haben viele geholfen: Bauern, Hausfrauen, Unternehmer. 2006 pumpt die Feuerwehr das Gelände leer, als es im Regen versinkt. Als das Festival 2008 zum 25. Mal stattfindet, kommen die Bewohner des Altenheims, um Röschen für den Kranz zu binden. Das gehört sich so auf dem Land. Knapp 300 freiwillige Helfer sind bei jedem Festival im Einsatz.

Das Festival macht das Dorf bekannt

So hat sich Haldern Pop ins Dorf eingefügt, ohne es zu überschatten. „Wir sind nicht wichtiger als der Gesangverein“, sagt Reichmann. Aber das Festival hat Haldern in Deutschland und der Welt bekannt gemacht bei allen Menschen, die sich für anspruchsvolle Gitarrenmusik interessieren, die nicht ständig im Radio läuft. Der Erfolg hat die Macher des Festivals nicht größenwahnsinnig gemacht, weil sie wissen: Das wäre das Ende. Die Zahl der Tickets, die in den Verkauf gehen, ist seit Jahren unverändert, das Festival versucht nicht, Event zu sein, indem es ein großes Drumherum aufbaut. Es gibt kein Bungeejumpen, keine riesigen Werbebanner, keine Kolonnen an Handy-Flyer-Verteilern. Die Sponsoren halten sich eher im Hintergrund. Das Festival ist nicht darauf ausgelegt, Gewinn zu machen, es soll bloß kein Verlustgeschäft werden.

Trotzdem hat sich das Haldern Pop Festival entwickelt. Allmählich. Natürlich. Aus dem Zwei-Tages-Festival ist ein dreitägiges geworden. Die Zahl der Bands hat zugenommen, mittlerweile wehren sich die Macher nicht mehr gegen elektronische Musik, aber sie muss greifbar sein, noch immer irgendwie live. Die Künstler spielen nun auch in einem nostalgischen Spiegelzelt aus Belgien, das allerdings den Nachteil hat, dass viele hineinwollen, aber nicht alle hineinpassen. Es ist bei den Besuchern deshalb heute noch umstritten. In diesem Jahr spielen erstmals Musiker des Festivals in der katholischen Kirche des Orts. Und eine eigene Bar hat das Festival auch. Ganzjährig. Die Haldern Pop Bar war früher eine Traditionsgaststätte. Dann zog das Festival dort ein, behielt aber einen Großteil der Einrichtung, damit sich auch die älteren Halderner dort wohl fühlen. Das ganze Jahr über spielen dort Bands, die im benachbarten Drostenhof kostenlos übernachten, dafür aber auch gratis spielen. Nach dem Konzert geht der Hut rum, das Geld bekommt die Band. Haldern hat zwei Vorteile: Es hat einen guten Ruf und liegt zwischen Paris und Berlin. Da legen Musiker gerne einen Zwischenstopp ein.

Aufwachsen mit dem Festival

Diese Geschichte kann auch von Marius Bubat erzählen. Marius Bubat ist 15 Kilometer vom Festival entfernt aufgewachsen. Für Rockkonzerte musste er in seiner Jugend immer ins Ruhrgebiet fahren oder nach Köln, nur einmal im Jahr war Haldern Pop. Da spielten die Bands, die er sehen wollte, in seiner Provinz. Natürlich hatte er auch eine Rockband, Unisono. Mit der spielte er 2004 auf dem Festival, er war richtig nervös vor dem Auftritt. Kurze Zeit später ließ sein Interesse an Rockmusik nach, die Band löste sich auf und Marius gründete mit einem Bandkollegen Coma, ein Elektronik-Duo. Das spielt beim diesjährigen Haldern Pop Festival am späten Donnerstagabend. Es ist der erste Auftritt von Coma in der Gegend, in der es Club-Musik schwierig hat, weil man auf dem Land am besten eine Cover- oder eine Metalband gründet. „Wir können da keinen Club-Gig spielen“, sagt Marius. Also will er zumindest Gesang einbauen.

Diese Geschichte, die Geschichte vom Haldern Pop Festival, kann überall beginnen, sie kann überall weitergehen, aber sie kann nicht überall enden. Genau genommen: nirgendwo.

Das Festival ist zwar ausverkauft, auf www.haldern-pop.de gibt es aber noch eine Ticketbörse. Erfahrungsgemäß werden auch vor dem Festivalgelände noch Karten von privat angeboten.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar