Lieder unseres Lebens: Lullaby (The Cure)
VON KERSTIN PETERMANN - zuletzt aktualisiert: 01.12.2009 - 12:24Leipzig (RPO). In unserer neuen Serie „Lieder unseres Lebens“ erzählen Autoren, mit welchen Songs sie besondere Erlebnisse verbinden. Unsere Autorin Kerstin Petermann beginnt mit „Lullaby“ von The Cure.
Meine früheste musikalische Erinnerung von Bedeutung ist „Lullaby“ von The Cure. Ich war etwa sieben Jahre alt und das Lied war auf einer Kassette, das mein Bruder mir vom Radio aufgenommen hatte. „Lullaby“ war dort zusammen mit Münchner Freiheit, Europes „The Final Countdown“ und Alice Coopers „Poison“. Nicht, dass ich den Text verstanden hätte oder auch nur gewusst hätte, das poison Gift heißt. Ich sang Fantasiewörter mit und fand Alice Cooper klasse.
Heute macht er Werbung für Saturn und hat dabei noch denselben Kajal unter den Augen wie damals. Ich frage ich mich, ob diese Werbung vertretbar ist und kann deshalb seine Lieder nicht mehr ohne Vorurteile hören. Aber damals hat Alice Cooper einfach Musik gemacht, zu der ich mitsingen konnte, wenn auch in meiner Fantasiesprache.
Aus diesem Grund hat mich auch Robert Smiths Frisur nie abgeschreckt. Er war auch nur ein Mann mit ungekämmten Haaren und Kajal unter den Augen, der Lieder sang, die mich mit sieben Jahren faszinierten. Wer „Lullaby“ kennt, weiß, dass man dazu nicht wirklich mitsingen kann, auch nicht in einer Fantasiesprache. Was also hat mich daran fasziniert? Genau, das Video. Robert Smith liegt im Bett und Spinnen krabbeln über ihn und spinnen ihn ein. Es werden immer mehr Spinnweben. Wie eine Duschhaube umschließen sie seinen Kopf. Immer wieder versinkt er im Schlund einer besonders großen Spinne.
Mit sieben Jahren kannte ich das Video nur aus Erzählungen, hatte es aber nie gesehen. Es wurde aber gemunkelt, dass es ab und zu bei der DDR-Jugendsendung „1199“ laufen sollte. Je länger ich die Sendung schaute, ohne das Video zu sehen, desto faszinierender wurde es. Irgendwann kam die Wende und „1199“ wurde abgesetzt. Ich hatte meine Chance auf das Spinnenvideo verpasst, denn Internet und Viva gab es noch nicht. Erst Jahre später habe ich mir auf YouTube angeschaut, wie Robert Smith von einer Riesenspinne aufgefressen wird.
Heute verbinde ich mit The Cure vor allem die Erinnerung, wie leidenschaftlich man sich für ein Lied begeistern kann und wie lange man sich mit einem Lied beschäftigen kann. Eine Leidenschaft, die mich noch heute begleitet.
Vor allem konnte ich von The Cure lernen, Bands und Lieder aus den richtigen Gründen zu lieben. So wie Alice Cooper waren auch The Cure für mich daher nie das, was sie für die Bravo waren. The Cure waren für mich nie Gallionsfiguren des Gothic. Nie habe ich zu „Charlotte Sometimes“ meinen Liebeskummer ertränkt. Nein, The Cure waren immer die mit dem Spinnenvideo und die mit dem ersten Lied, für das ich mich begeistert habe. Eventuell waren sie auch die Band, die im Video zu „Boys Don‘t Cry“ die Idee kopierten, die Pulp im Video zu „Little Soul“ Jahre später erfinden sollten: Die Bandmitglieder werden von kleinen Jungen dargestellt.
Vielleicht wäre ich ohne The Cure nie zu Pulp gekommen und hätte somit eine der Bands verpasst, deren Lieder ich immer noch alle mitsingen kann. Und dann hätten The Cure immerhin so etwas wie einen musikalischen Grundstein gelegt.
Vielleicht hört man aber in verschiedenen Phasen des Lebens einfach unterschiedliche Musik, die nur zufällig miteinander verbunden ist. So wie „The Final Countdown“, das ja auch mit The Cure zusammen auf dem Tape war. Jahre später haben Tocotronic die Trompeten in „Let There Be Rock“ gesampelt – eine Band, deren Lieder ich auch immer noch alle mitsingen kann.
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