Der Traum vom Kinofilm: Vorne kurz, hinten lang
VON CHRISTIAN HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 09.12.2007 - 14:05Ali Eckert und Daniel Acht hatten einen Traum: einen Kinofilm drehen. Eckert und Acht hatten aber ein Problem: keine Lust auf das Haifischbecken Filmindustrie. Mit einem trashig-genialen Konzept haben sie unter anderem Til Schweiger und Bela B. für "Video Kings" gewonnen.
Berlin (RP). In den USA gibt es die schönste Übersetzung für Vokuhila. Business in the front, party in the back, sagen Amerikaner zu einem Haarschnitt wie dem von Hotte. Vorne einen mönchs-mäßigen Pony, hinten hübsch onduliert, ein gnadenloses Frisurenverbrechen. Und damit perfekt für die Hauptrolle in der Trash-Komödie "Video Kings", ein Film, den es eigentlich nicht geben dürfte. Schließlich hat der Markt doch Gesetze.
Die Gesetzlosen, die den Markt und das Kino auf neuen Wegen erreicht haben, heißen Ali Eckert und Daniel Acht. Beide haben Kurz- und Werbe-Filme gedreht, beide haben 2003 das Projekt "Dark Ages" verwirklicht. Ein kurzer, praller Film, der eine Fortsetzung der Artus-Sage nach der gewonnenen Schlacht erzählt randvoll mit Pathos und mit einer extremen Wende. Nach diesen zwölf Minuten Meisterwerk ist "Video Kings" unausweichlich.
Es ist nicht mehr die Frage, ob Eckert und Acht einen Kinofilm machen wollen - sie müssen. Und zwar sofort. Da gibt es nur ein kleines Problem. Die beiden haben kein Geld, keinen Verleih, kein Studio und wollen keine Förderung, denn dann dauert der Vorlauf locker zwei Jahre. Die Konsequenz: Die beiden beschränken sich auf wenige Drehtage, ganz wenige Drehorte und hoffen, einen zu kennen, der einen kennt.
Philosophen in der Videothek
Derjenige heißt Wotan Wilke Möhring, hat unter anderem in "Das Experiment" und "Goldene Zeiten" gespielt und lacht sich beim Lesen des Drehbuchs halbtot. Möhring alias Hotte reicht das Buch weiter, so kreist es durch Berlin und die Republik. Fabian Busch ("Liegen lernen") meldet sich bei Eckert und Acht, dann Monika Nancy Wick und Hendrik Arnst alle bereit und willens "Video Kings" ohne Gage zu drehen.
Mit fertig besetzten Hauptrollen gewinnen die Regisseure Til Schweiger, Bela B. und Badesalz für die weiteren Figuren. "Und auch die wurden ausschließlich mit Buletten bezahlt", sagt Eckert. Der mit Abstand größte Posten im kleinen Budget ist das Catering. Eckert und Acht lassen jeden Tag einen Partyservice kommen und verputzen Unmenge leckerer Schweinereien.
Alles andere ist so günstig wie es aussieht. Die Regisseure haben in Berlin-Neukölln ein paar Quadratmeter mit Schaufenster gemietet, Sperrholzregale zusammengeleimt und von befreundeten Videohändlern VHS-Kassetten geschnorrt. Der Laden "Video Kings" wirkt so echt, dass immer wieder sehr seltsame Gestalten auftauchen und Videos leihen wollen. In den Film schafft es keiner von ihnen. Sie hätten zu gut gepasst.
Sie hätten jedes Klischee erfüllt, das die Regisseure mit ihrer Geschichte von Flo (Busch) und Hotte (Möhring) aufbieten. Die beiden Trash-Philosophen arbeiten in der Videothek und vor allem an ihrem Leben. Flos Ex-Freundin ist schwanger, der Vollstrecker sucht sein Geld, und Nachbarin Ramona ist einfach zu schön. Zum Glück hat Hotte für jedes Probleme eine Lösung. Die sind aber a) so gut wie seine Frisur und lassen sich b) überwiegend nachts realisieren.
Dafür bräuchten die Regisseure eine Drehgenehmigung, auf die sie aber nicht warten können. Also ist gutes Kopfrechnen angesagt: Wie viele Minuten haben wir mit voll beleuchtetem Set, bis die ersten Nachbarn sich beschweren? Fünf Minuten abgezogen und losgelegt. Schnell die Totalen gefilmt, dann nur noch so viel Licht wie für die Nahaufnahen nötig. Eckert und Acht arbeiten sehr schnell und brauchen trotzdem ewig.
Von der Idee bis zum 21. und damit letzten Drehtag vergehen nur sechs Monate, dann folgt die Postproduktion. Und Beiden wird klar, dass ihr Film zwar independent ist, aber sie nicht.
Der Mann, der "Video Kings" schneiden soll, arbeitet zwischendurch zwei komplette Spielfilme ab, er muss schließlich Geld verdienen. Nach den Männern für den richtigen Sound müssen die Regisseure mehr als ein Jahr suchen. Bei aller Verzweiflung bleibt eine Motivation: "Wir müssen allen, die mitgemacht haben, irgendwas zeigen."
Fans kommen in den Abspann
Fast drei Jahre nach Drehschluss verschicken Eckert und Acht endlich die Einladungen zur Teampremiere. In den Saal passen 500 Leute rein, als "Video Kings" beginnt, sind so viele Leute da, dass selbst Stehplätze in den Gängen nicht mehr zu haben sind.
"Es funktioniert", sagt Eckert. Nur wie erfährt die Welt davon? Von Marketing und Pressearbeit haben die Regisseure keine Ahnung, aber einen professionellen Verleih wollen sie nicht. "Wenn das einer vor die Wand fährt, dann wir."
Die Arctic Monkeys bringen die Lösung. Die Rockband hat es zum schnellst verkauften Debütalbum und zwei Brit-Awards gebracht, weil sie sich im Internet eine riesige Fangemeinde aufgebaut hat. Nach dem britischen Vorbild basteln sich die Filmemacher eine MySpace-Seite und eine Homepage (www.videokings.de) mit jeder Menge Firlefanz: ein Wettbewerb für das beste Liebesgeständnislied an Ramona (zu hören auf dem Soundtrack), ein Filmquiz mit den Hauptdarstellern und ein Hotte-look-alike-Contest - an dem drei Fans teilnehmen.
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