Herzrasen: Nie mehr Ich liebe dich
VON CHRISTIAN HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 09.09.2008 - 08:34Düsseldorf (RPO). Herzrasen versucht sich an der Königsdisziplin, dem Liebesgedicht. Es hilft: der Berliner Dichter Jan Wagner, der mit einer extraharten Lektion beginnt und mit einem schönen Trost endet.
Jan Wagner braucht zweieinhalb Verse, dann hat er einen. Und die gehen so: „schafe sind wolken, die den boden lieben“ und „der wind tritt durch mein fenster und befühlt/ die pflanzen“. Der Mann, der so wunderbare frische Bilder schafft, scheint perfekt zu sein, einem das Liebesgedicht-Schreiben beizubringen.
Lektion 1: Was gar nicht geht
Warum eigentlich dichten? Ein schöner Liebesbrief tut es doch auch.
JanWagner Grundsätzlich, weil ein Gedicht die größtmögliche Freiheit auf engstem Raum ist. Mit dem Satz ,Ich liebe dich’ ist allerdings noch nichts gesagt. Was man ausdrücken will, steckt eher in Metaphern und Bildern. Die Gefühle sind verschlüsselt, aber gerade dadurch für den Leser besonders deutlich. Gedichteschreiben hilft immer, seiner Freude, Ergriffenheit, Liebe Herr zu werden. Ob das auch für andere genießbar ist, ist eine andere Frage.
Woran erkenne ich denn, ob es genießbar ist?
Wagner Schwer zu sagen. Leichter ist es zu sagen, was man unbedingt vermeiden sollte.
Was?
Wagner Vor allem sprachliche Klischees, die so genannten abgelutschten Bilder, also Wendungen, die jede Sprengkraft verloren haben. Wenn Augen wie Sterne leuchten oder Herzen hart wie Diamanten sind, dann wurde dies im 17. Jahrhundert zwar mit Begeisterung verwendet, bloß kann sich heute keiner mehr darin wiederfinden. Allgemein sind alle Wörter, hinter denen im Duden ,poetisch’ steht, mit Vorsicht zu genießen. Aber solche Klischees bieten auch Chancen.
Welche denn?
Wagner Wer sich vor dem Geschmacklosen fürchtet, den holt der Frost, hat Pablo Neruda einmal gesagt. Statt aus Angst vor dem Klischee zu erstarren, kann man ihm einen kleinen Dreh geben und es so wieder aufladen.
Lektion 2: Was gehen könnte
Wo finde ich die passenden Bilder für mein Gedicht?
Wagner Überall. Je unscheinbarer eine Sache, desto größer ihr Potential, große Gefühle zu speichern. Man sollte sich lieber auf einen Kronkorken konzentrieren, den man auf der Straße findet, auf die genaue Beschreibung, als auf das Allgemeine und die großen Wörter. Die Bilder liegen also oft wortwörtlich auf der Straße.
Sollte ich wirklich versuchen zu reimen?
Wagner Das war lange verpönt, und originelle reine Reime sind auch wirklich nicht leicht zu finden. Wenn man aber die Herz-Schmerz-Falle umgeht, können Reime sehr effektiv sein - zum Beispiel, indem man unreine, schräge Reime verwendet, also zum Beispiel Natur auf Natter reimt. Dazu kommt, dass das vermeintlich starre formale Korsett und der Reim die Gedanken und die Bilder in ganz neue, unvermutete Richtungen lenken können.
Hat das Herz als Bild überhaupt eine Chance?
Wagner Ich denke schon, aber das Wort ist so heikel, dass man schon sehr kleine Schritte machen muss, um allen Fettnäpfchen auszuweichen.
Wie viel Kitsch ist erlaubt?
Wagner Gar keiner. Kitsch ist ein Versagen des Gefühls. Sentimentalität mag notwendig sein, aber Kitsch ist eine Überorchestrierung, bei der man vor lauter Effekt das Gefühl nicht mehr erkennt.
Lektion 3: Was ziemlich sicher geht
Darf ich im Gedicht das „Du“ verwenden?
Wagner Wenn man mit seinem Gedicht tatsächlich jemanden ansprechen will, ist das Du sogar ziemlich hilfreich. Es ist bei den Gefühlen, über die wir sprechen, ja sowieso immer vorhanden. Also sollte man es auch nehmen. Ob man auch den Namen nennt, ist ja jedem selbst überlassen.
Darf ich für mein Liebesgedicht den Computer nutzen oder muss es auf Papier entstehen?
Wagner Bei einem Vers am Tag wäre es Energieverschwendung, den Computer einzuschalten. Ein gutes Gedicht braucht Geduld und Zeit. Für den privaten Liebesschwur reicht es, ihn im Rausch der Gefühle aufzuschreiben und abzuschicken, für den poetischen Liebesschwur aber sollte man möglichst nüchtern sein.
Lektion 4: Was immer und auf jeden Fall geht
Sie springen mit Ihren Sätzen viel über Vers- und Strophenenden hinweg. Eine Technik, die ich mir abgucken sollte?
Wagner Auf jeden Fall. Wenn die Gefühle jeden Rahmen sprengen, dann sollten es die Sätze auch tun. Gerade überlieferte Formen des Gedichtes, die mit Versmaß und Strophe arbeiten, darf man unterwandern, um ihnen neues Leben einzuhauchen.
Hilft die Lektüre anderer Dichter?
Wagner Selbstverständlich - berauscht von der Lyrik anderer, bewunderter Dichter will man doch sofort selbst zum Stift greifen. Für mich war Dylan Thomas so ein Dichter, erst das Hörstück „Unter dem Milchwald“ und dann natürlich die Gedichte in der Übersetzung von Erich Fried.
Lektion 5: Was zur Rettung auch noch geht
Und wenn es denn nun trotz allem so gar nicht klappt, gibt es dann noch einen unbekannten Meister, bei dem sich ein paar gute Verse leihen lassen?
Wagner Dafür eignen sich vielleicht fremdsprachige Dichter, die hierzulande weniger anthologisiert sind - Tu Fu zum Beispiel, ein chinesischer Dichter der Tang-Dynastie, der verblüffend zeitgemäß ist, obwohl er im achten Jahrhundert geschrieben hat.
BUCHTIPPS Jan Wagner hat drei Gedichtbände veröffentlicht: „Probebohrung im Himmel“, 12 Euro; „Guerickes Sperling“, 16 Euro; „Achtzehn Pasteten“, 16 Euro.
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