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Interview
Reden Sie nicht schlecht übers deutsche Fernsehen, Herr Kalkofe!
Interview: Reden Sie nicht schlecht übers deutsche Fernsehen, Herr Kalkofe!
Sprengmeister Kalkofe FOTO: Tele5
Oliver Kalkofe, der Kanonenschlag unter den deutschen Medienkritikern, geht seit einigen Wochen in "Kalkofes Mattscheibe" wieder auf das deutsche Fernsehen los. Wir sprachen mit dem 47-Jährigen über ins Bild hoppelnde Gestalten, den klügsten Satz von Spiderman und einen Trick, um den Fernsehgarten länger als zehn Minuten zu ertragen. Von Sebastian Dalkowski

Herr Kalkofe, lassen Sie uns einmal versuchen, eine halbe Stunde nicht schlecht über das deutsche Fernsehen zu sprechen.

Oliver Kalkofe Okay, aber wie sollen wir dann übers Fernsehen sprechen?

Zum Beispiel gut.

Das könnte das kürzeste Interview aller Zeiten werden.

Das macht nichts. Fangen wir an. Wann haben Sie das letzte Mal etwas Tolles im deutschen Fernsehen gesehen?

Das Problem ist: Da gäbe es schon das ein oder andere. Doch das gucke ich mir nicht mehr im Fernsehen an, wenn ich nicht muss. Das letzte, was ich im Fernsehen gesehen habe, waren die neuen Simpsons-Folgen. Aber auch da habe ich mich so geärgert, dass ich überlegt habe, ob ich mir das überhaupt nochmal antue. Das Intro haben sie geschnitten, hinten haben sie geschnitten. Das Fernsehen ruiniert eben auch die letzten Reste, die einem als bewusster Zuseher noch Spaß gemacht haben. Ich will nicht, dass da andere Gestalten reinhoppeln oder das Bild zersägt wird oder es irgendwo Pling macht. Deshalb sehe ich mir Serien oder Filme, die im deutschen Fernsehen laufen, im Pay-TV oder auf DVD an.

Nun haben Sie gleich in Ihrer ersten Antwort schlecht über das deutsche Fernsehen gesprochen.

Das war nur kritisch. Um es ins Positive zu wenden: Theoretisch haben wir eines der besten Fernsehsysteme der Welt. Es gibt nicht viele Länder, in denen es so viele frei empfangbare Sender gibt, die auch Möglichkeiten haben. Leider machen wir nichts aus den Möglichkeiten. Wir haben den Satz von Spiderman noch nicht verstanden: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung".

Schalten Sie privat überhaupt noch den Fernseher ein?

Nur, wenn ich es nicht vermeiden kann. Es gibt einige Momente, in denen ich auf die Öffentlich-Rechtlichen zurückgreife, obwohl ich sie an dieser Stelle eindeutig nicht loben möchte. Dann nehme ich mir dort schon mal einen Film auf, weil der dort wenigstens nicht ganz so verhunzt wird. Der "Tatort" kürzlich mit Borowski hat mir sehr gut gefallen. Das war nun eindeutig eine positive Aussage. Ausrufezeichen. Es gibt diese guten Formate. Kritisch, aber nicht negativ will ich dazu anmerken: Nur viel zu wenige.

Darüber müssen wir nicht diskutieren.

Vergleichen wir doch mal, was ARD und BBC machen. Die BBC macht auch nicht nur tolle Sachen, die haben da auch ihre Kaffeekranzsendungen und Heimatfilme. Manches sieht da aus wie vor 15 Jahren. Aber dazwischen bringen die eben Klassiker, die um die Welt gehen. "The Office", "Dr. Who"... Die denken jedes Jahr aufs Neue nach, wie die ihre Zuschauer überraschen können. Mal klappt es, mal nicht, aber das ist die Voraussetzung. Nur in Deutschland wird Innovation gestoppt. RTL fragt sich doch jedes Jahr bloß: Ist das Format im vergangenen Jahr so gut gelaufen, dass wir es in diesem Jahr nochmal genau so schaffen? Oder können wir ein Format aus dem Ausland mit weniger Geld nachmachen?

Wir versuchen, positiv zu bleiben! Wann hat das deutsche Fernsehen Sie denn zuletzt überrascht?

…also... das Schwierige ist: Wenn ich jetzt etwas sage, dann hebe ich einzelne Dinge schon zu sehr hoch. Wie gesagt, der Borowski-Tatort hat mich überrascht. Aber ich habe da nicht gedacht "Deutsches Fernsehen, juhu!" Das war nur eine kleine, positive Überraschung. Aber wenn ich etwas nennen müsste, was mich wirklich umgehauen hat...

… "Der Tatortreiniger" wird immer wieder genannt.

Da kann ich jetzt nicht so sehr mitfeiern. Keine Frage, das ist toll gemacht, aber wenn ich sehe, wie der NDR das in seinem Programm versteckt hat, kann ich nicht stolz sein. Dasselbe gilt für "Walulis sieht fern". Ein ganz wunderbares Format, das die Öffentlicht-Rechtlichen von Tele 5 geholt haben, nachdem die Sendung einen Grimme-Preis gewonnen hat. Dann aber verstecken sie es bei EinsPlus. Das ist traurig und peinlich. Das müsste am Nachmittag in der ARD laufen gegen den ganzen Müll. Aber da bringen die eine Scheiß-Telenovela nach der nächsten.

Scheiße war kritisch gemeint, nicht negativ, oder?

Das war positiv gemeint. Vielleicht erkennt dann ja mal ein Sender, was er da für ein Programm fährt. Das habe ich nur leider noch nicht erlebt.

Gibt es weitere Formate, die Sender im Nachtprogramm oder auf ihren Spartenkanälen verstecken?

Es ist ein Unding, dass "Mad Men" auf ZDF Neo versendet wird. Die Serie gehört ins Hauptprogramm am Abend. Das ist intelligentes Fernsehen, das aber nicht so schräg ist, dass es niemand gucken will. Es ist ein Trauerspiel. Öffentlich-Rechtlich heißt doch: Wir zahlen alle dafür. Also sollten sie ein Programm machen, bei dem sich alle irgendwo wiederfinden. Sie richten sich aber seit Ewigkeiten an die gleichen Zielgruppen und verhindern jegliche Innovation. Sie setzen der Grütze der Privaten nichts Besseres entgegen, piefige Telenovelas und Boulevardmagazine in Endlosschleife sind keine wirklich bessere Alternative zu den gruseligen Scripted-Reality-Formaten. Vielmehr liefern sie ein Programm zum Gehirn abschalten. Die wollen, dass wir nicht mehr nachdenken. Nicht heiß, nicht kalt, einfach lauwarm einlullend. Man weiß nicht: Hat man die Füße im Fußbad oder hat man sich gerade eingestrullt?

Sie haben mal den schönen Satz gesagt "Alle Leute, die Fernsehen lieben, sehen nicht mehr fern" – was machen die denn dann?

Gute Programme sind ohne Fernsehen leider nicht möglich. Aber jeder, der Fernsehen liebt, sieht sich die Inhalte nicht mehr live im Fernsehen an, sondern auf der Festplatte, im Internet, auf DVD. Fernsehen gucken nur noch Leute, die darauf angewiesen sind. Alles, was ich mir momentan ansehe, kommt aus anderen Ländern. Das finde ich sehr traurig.

Ist es nicht ein bisschen unfair, zum Beispiel auf deutschen Serien herumzuhacken? Der Markt für englischsprachige Serien ist doch viel größer, deshalb haben die auch mehr Möglichkeiten.

Ja, deutsche Serien haben einen sprachlichen Nachteil. Trotzdem: Wenn eine Sendung wirklich gut ist, wenn man etwas konsequent und mit Liebe zum Produkt macht, dann bringt es auch was. Auch wenn bei uns eine gute Serie entsteht, hat sie Potenzial, weiterverkauft oder als Remake produziert zu werden – aber verständlicherweise hat man uns international kaum noch auf dem Schirm. Die erste Frage sollte immer sein: Was will ich mit einer Sendung erreichen und für wen mache ich sie? Die Einschaltquote existiert nicht wirklich, sie ist nur ein Schätzwert, und vor allem die Öffentlichlich-Rechtlichen sollten sich nicht davon leiten und verwirren lassen.

Ich versuche nochmal, Sie milde zu stimmen. Ihr guter Freund Bastian Pastewka ist mit seiner Sitcom immerhin gerade in die sechste Staffel gegangen.

Es freut mich für ihn und die Zuschauer, weil es eine tolle Sendung ist. Andererseits ist es erbärmlich, wie Sat.1 damit umgeht. Da haben sie ein eigenes Highlight im Programm und versenden es unregelmäßig und viel zu spät, als wüsste man nicht, was man überhaupt damit anfangen will. Es ist wirklich zum Weinen. Sat.1 hat wirklich schon alle vergrault, und einen Star nach dem anderen verheizt. Harald Schmidt wegen mangelnder Quoten gehen zu lassen, eines ihrer letzten Sendergesichter, das immer noch hundert mal mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als jede ihrer Nachmittagssendungen, war das Blödeste, was ich seit langem erlebt habe. Bis auf Pastewka und Engelke haben die nicht mehr viel. Sollen die mit Britt werben oder Annica Hansen? Die haben ihre Seele verkauft und ihr Profil verloren. Aus eigener Doofheit.

Ich blättere mal durchs Fernsehprogramm. Da läuft zum Beispiel auf Vox "Familie Kratz – jetzt geht's um die Wurst". Heute: Marbellas Würstchenkönig ist über beide Ohren verliebt. Manchmal will man so was aber doch sehen.

Ja, das kann vorkommen, und es darf auch solche Sendungen geben. Nur gibt es leider momentan fast nur solche Sendungen. Ob das der Würstchenkönig ist, oder Hausenblas, der Staubsaugervertreter, oder die olle Katzenberger. Solange die Mischung stimmt, habe ich gegen keine Art von Programm etwas einzuwenden. Da habe ich auch nichts gegen Schwachsinn. Aber momentan geht es eben nur nach dem Prinzip "Noch eine Stufe blöder". Das Fernsehen hat sich selbst zerstört. Früher habe ich scherzhaft gesagt "Fernsehen macht doof". Nun ist es kein Witz mehr.

Dann brauche ich ja nicht einzuschalten.

Leider ist das Fernsehen für die meisten noch immer das Fenster zur Welt und die primäre Quelle der Unterhaltung. Und wenn man im Fernsehen die ganze Zeit nur Leute sieht, die keinen geraden Satz auf die Reihe kriegen und sich verhalten wie geisteskranke Asoziale, dann denkt der Zuschauer: So sind die anderen also wirklich. Aha, dann ist das wohl normal – und so ändert sich auch das eigene Verhalten. Dabei entspringen diese Lebenswelten im Fernsehen ja nicht der Realität, sondern nur irgendwelchen kranken Redakteursgehirnen. Und wenn das Hirn des Zuschauers nie gefordert wird, dann verkümmert es langsam.

Was tun?

Ich plädiere mit vollem Ernst dafür, Medien als Schulfach einzuführen. Damit wir verstehen, wie wir betrogen werden, und lernen können, vernünftig mit ihnen umzugehen.

Herr Kalkofe, wir kommen zum Ende des Gesprächs. Wir haben es ja eindeutig geschafft, quasi kein schlechtes Wort über das Fernsehen zu verlieren.

Richtig, das war nur konstruktive Kritik und versteckte Lobhudelei.

Deshalb sollten wir wenigstens am Ende noch etwas lästern. Mein Lieblings-Hassformat ist der ZDF-Fernsehgarten. Den ertrage ich nie mehr als zehn Minuten. Wie hält man länger aus?

Als ich in den 90ern mit meiner Mattscheibe angefangen habe, da waren Sendungen wie der Fernsehgarten die Krone des Wahnsinns. Heute haben solche Formate eher was von Streichelzoo: Ach guck mal, da sind die noch. Ich dachte, die sind schon alle tot. Die hopsen ja immer noch rum wie im Schlumpfdorf, wie niedlich, gib ihnen eine Schokolade.

Das heißt, ich muss bloß noch schlechtere Formate sehen, um den Fernsehgarten zu ertragen?

Genau. So gruselig und furchtbar das ist, es ist mir noch allemal lieber als alle Gruselformate wie "Pures Leben" oder "Mitten im Leben". Bevor ich einer dicken Frau dabei zusehe, wie sie auf dem Rücken einer anderen dicken Frau in eine Mülltonne klettert, um dort weggeworfene Torte mit den Händen zu fressen, weil sie angeblich fett und geizig dazu sein soll, gucke ich lieber Fernsehgarten. Da kann man sich schon am Sonntagmorgen schön einen in den Kopf dübeln und in eine andere Welt abgleiten.

"Kalkofes Mattscheibe" läuft jeden Freitag, 20 Uhr, auf Tele 5.

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