Herzrasen: Selten so gelacht
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 13.02.2010 - 00:01Mönchengladbach (RPO). Kennen Sie den schon? Unser Autor sammelt einen Monat lang Witze und wagt sich dann als Büttenredner auf eine Karnevalssitzung. Dort erfährt er, wie laut die Stille nach der Pointe ist. Eine Lektion in Sachen Humor.
Als der Mann vom Karnevalsverein hinter mich tritt und sagt, dass ich mit meiner Büttenrede zum Ende kommen soll, weiß ich: Das war so nicht geplant. Ich mache meinen letzten Spruch und rufe Alaaf. Der Vorsitzende des Elferrats bedankt sich und sagt: „Das ist erst seine zweite Büttenrede gewesen. Aber auch er kommt nicht ohne unseren Orden von der Bühne.” Ein Funkemariechen hängt mir das Metall um den Hals. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht für meine Rede ausgezeichnet werde, sondern für den Mut, sie gehalten zu haben. Es ist ein Samstag Ende Januar.
Die Geschichte von einem, der auszog, um einer Karnevalssitzung das Lachen beizubringen, beginnt Anfang Dezember. Ich habe beschlossen, eine Büttenrede zu halten. Zum zweiten Mal. Mit elf oder zwölf habe ich es schon mal versucht. Es war die Karnevalssitzung meiner Schule. Ich trug ein grünes Samtsakko. Ich las stockend Witze vor, die ich aus einem Buch abgeschrieben hatte. Das netteste, was jemand über meinen Auftritt sagte, war: „Schönes Sakko.” Diesmal sollen die Leute sagen: „Auf dich haben wir schon lange gewartet.” Eine Kollegin verspricht, mir einen Auftritt zu besorgen.
Ich bereite mich akribisch vor. Als erstes sehe ich mir Büttenreden im Internet an. Männer mit albernen Hüten oder Brillen erzählen einen fossilen Witz nach dem nächsten. Das Publikum tobt vor Lachen. „Die wenigsten Raucher sterben an Lungenkrebs die meisten erfrieren auf dem Balkon.” Das will ich besser machen. Also rufe ich kurz vor Weihnachten Jürgen Hilger-Höltgen an. Büttenredner seit fast 40 Jahren. Von 1990 bis 2000 Hoppeditz in Düsseldorf. Er erzählt, dass er bei einer Rede den Beschluss der Homo-Ehe vom Vortag in sein Programm eingebaut habe. „Dafür haben mich die Schwulen auf Händen getragen.” Ich stelle mir vor, wie mich mein Publikum auf Händen trägt. Er gibt mir Tipps: Die Qualität der Rede ist so wichtig wie die Qualität des Publikums. Ruhig mal einen platten Witz machen. Auf Spannungsbogen achten. Nicht länger als 15 Minuten reden. Und: „Ein Büttenredner, der noch nie gescheitert ist, lügt.” Es ist der einzige Hinweis, den ich ignoriere.
Dann mache ich mich an meinen Text. Da ich mir nicht alle Witze selbst ausdenken kann, lese ich Witzebücher. Was ich schon kenne und mich nicht zum Lachen bringt, fliegt raus. Auf 100 schlechte Gags kommt höchstens ein guter. Weil ich nicht einfach Pointen aneinanderreihen will, schaffe ich mir eine Figur, einen Außerirdischen. Da muss ich nicht umdenken. Dieser Außerirdische wird von seinem Herrscher auf die Erde geschickt, um zu prüfen, ob die Menschen gut sind. Falls nicht, würde der König sie mit seiner Wackelpuddingkanone vernichten. Kurz bevor der Außerirdische seinem Herrscher das Urteil mitteilen soll, kommt er auf die Bühne einer Karnevalssitzung und erzählt, was er erlebt hat. Dann kommen die Witze. Von platt bis anrüchig bis feinsinnig. Großartig. Mitte Januar sagt mir meine Kollegin, dass sie einen Auftritt für mich organisiert hat. Bei der Sitzung des Karnevalsvereins Ruett-Wiss Okerke in Mönchengladbach-Odenkirchen. Samstag, 30. Januar.
Ich rufe den Vorsitzenden Norbert Ohlig an. Er freut sich auf den Auftritt.
„Wie viele Leute kommen denn?”, frage ich.
„Wir haben bisher 130 Karten verkauft”, sagt Herr Ohlig.
Auch 130 Leute können mich auf Händen tragen.
„Und wie ist das Publikum?”
„Es macht jeden Spaß mit.”
„Wann trete ich auf?”
„Sie sind gleich zu Beginn dran.”
Eisbrecher also der hat es schwer, damit es die nach ihm leicht haben. Egal. Ich schicke ihm meine Rede zu. Eine Woche vor dem Auftritt antwortet er: „Wir freuen uns.”
Ich übe jeden Tag. Dann ist es noch eine Dreiviertelstunde. Ich stehe in dem Saal, sehe auf die Bühne. Herr Ohlig sagt, dass ich nicht nervös sein soll. Ich bin nicht wirklich nervös, ich bin bloß konzentriert. Ich bin überzeugt, dass die Menschen gleich so laut lachen werden, wie Elefanten trompeten. „Haben Sie auch Witze für eine Zugabe?”, fragt ein Mitglied des Karnevalsvereins kurz vorm Auftritt. Natürlich.
Drei Minuten später ahne ich zum ersten Mal, dass ich die nicht unbedingt brauche. Ich habe drei Witze gemacht, das Publikum hat leise gelacht. Höchstens. Startschwierigkeiten, denke ich. Die besten Witze kommen ja noch.
Sagt die Ehefrau: „Liebling, morgen verreise ich zu meiner Mutter. Kann ich noch was für dich tun?” Ehemann: „Nein danke, das genügt.”
Höre ich da ein Lachen? Eher nicht.
Osama bin Laden und seine Freundin haben sich gestritten. Sie wohnen jetzt wieder in getrennten Höhlen.
Stille. Hallo, das war ein Witz. Terroristen leben in Höhlen. Verstehen Sie?
Neulich war ich bei einer Familie zu Besuch. Da sagt die Tochter: „Papa, ich will einen Trainingsanzug.” Sagt der Vater: „Du bist elf, geh‘ nach Taiwan und mach‘ dir selbst einen.”
Den fanden alle gut in meiner Familie. Der muss funktionieren nein. Der Tusch der Band erinnert die Leute daran, dass sie eine Pointe verpasst haben. So geht es Minute um Minute, Gag um Gag. Manchmal lacht einer, manchmal mehrere. Leute im Publikum beginnen, sich zu unterhalten. Verwandeln sich meine Worte auf dem Weg zu ihnen durch Luftwirbel in Auszüge aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch? Ich komme mir vor wie ein Fußballtrainer, der denkt, er habe seine Mannschaft optimal aufgestellt und dann wird sie doch überrollt.
Klar, die Rede ist kein Meisterwerk, aber auch nicht schlecht. Ich spreche deutlich, ich habe was für jeden Geschmack, ich leiere nichts runter. Vielleicht ist die Rahmenhandlung zu kompliziert, vielleicht sind es einige Witze auch, vielleicht kann ein Eisbrecher nur verlieren, vielleicht fehlt mir Erfahrung. All das würde eine verhaltene Reaktion erklären, aber nicht das. Später werden die Menschen bei anderen Rednern über Witze lachen, die ich aussortiert habe.
Ich habe keine Ahnung, warum ich gescheitert bin. Norbert Ohlig wird bloß sagen, dass ich mal eine Pause hätte machen sollen, als das Publikum brummelte. Auch Freunde, die sich den Auftritt angesehen haben, wissen es nicht so recht. Ich mache an diesem Abend einfach weiter. Ich halte den Kopf oben. Ich erzähle sie alle, meine Witze, von denen ich dachte, dass sie unmöglich alle verfehlen könnten. Dann tritt der Mann an mich heran. „Bitte kommen Sie zum Ende.” Es ist derselbe, der mich nach der Zugabe gefragt hat.
Nach dem Auftritt gehe ich mit Freunden in eine Bar. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Imbiss vorbei. Auf der Fensterscheibe klebt ein Zettel, dass die Räume zu vermieten sind. „Den hat bestimmt das Gesundheitsamt dichtgemacht”, sagt einer. „Ich fand das da immer ganz lecker”, sage ich. Meine Freunde lachen so laut, wie Elefanten trompeten. Ich habe keine Ahnung, warum.
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