Song des Spieltags: Tribünengäste
VON ANDREAS BUCHBAUER - zuletzt aktualisiert: 20.02.2012 - 11:28Düsseldorf (RPO). Unser Autor Andreas Buchbauer stellt an jedem Montag den Song des Spieltages und seine Geschichte vor. Denn an jedem Wochenende lehren die TV-Kommentatoren : „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball“ – und jede hat einen Soundtrack verdient. Diesmal: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ von Connie Franics.
Die Nachricht schlug vermutlich selbst im Kanzleramt ein wie ein Turmspringer beim Bauchplatscher: Otto Rehhagel geht nach Berlin. Man hat die Bilder vor sich; man sieht, wie sich Angela Merkel erst mal hinsetzen und zwicken lassen musste, ehe sie „Auch das noch“ seufzte. Erst ist der Kanzlerin in Christian Wulff der zweite Bundespräsident binnen einer Legislaturperiode abhanden gekommen, dann schnappte ihr Michael Preetz auch noch Otto Rehhagel weg. König Otto, den Philosophen! Den Mann, bei dem jedes Interview so staatstragend wirkt wie eine Weihnachtsansprache. Der sich mal „Rubens“ auf das Türklingelschild an der heimischen Villa meißeln ließ. Den sie an der Akropolis und im Akropolis-Grill um die Ecke liebevoll „Rehhakles“ nennen. Den Joker im Bundespräsidentenpoker, der wie kein anderer geeignet gewesen wäre, die Griechen mit Angela Merkel auszusöhnen. In Athen ist sie derzeit ja so beliebt wie Peter Zwegat auf Hausbesuch. Aber König Otto entschied sich anders. Hertha statt Angela. Trainerkabine statt Bellevue. Der Song des Spieltages ist deshalb „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ von Connie Francis.
Es ist ohnedies erstaunlich, wie sehr sich Trainer- und Bundespräsidentensuche in den vergangenen Tagen ähnelten. In Interviews übten sich die Fraktionsspitzen auffällig gerne in Bundesliga-Floskeln. Namen von Kandidaten wurden zunächst zurückhaltend kommentiert oder dezent dementiert. Einziger Unterschied: Die Frage „Käme auch eine ostdeutsche Frau infrage?“ hätte in der Bundesliga niemand diskutiert.
Andererseits war es bedauernswert, dass es in Schloss Bellevue nicht mal bei der Rücktrittserklärung von Christian Wulff eine Tribüne gab. Man hätte sich umsehen können, wer vielleicht gerade dort saß. Also rein zufällig, natürlich. So blieb zunächst das mühsame Spiel, die üblichen Verdächtigen durchzudeklinieren.
Bange Frage: Kann Lothar Matthäus Bundespräsident? Er ist viel rumgekommen in der Welt – kurzum: ein Mann von Welt – und er weiß, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist. Außerdem würde er wohl auch eine scharfe Glamour-Braut mitbringen. Loddars Nachteil: Man müsste ihm eine ganze Schar von Dolmetschern zur Seite stellen („My English is not so good“), damit es nicht zu außenpolitischen Fisimatenten kommt. Da war es gut, dass es Alternativen gab: Peter Neururer zum Beispiel wäre frei gewesen. Der ebenso beredte wie volksnahe Pädagoge hat als Kurventänzer einen Hüftschwung gezeigt, mit dem er auch auf den mitunter glitschigen Bühnen der Berliner Republik auf den Beinen bleiben könnte. Allerdings hat er bei seinen bisherigen Stationen noch keine Legislaturperiode überstanden. Alleine deshalb war er kein Mann für Merkel. Allenfalls Außenseiterchancen wurden Jürgen Röber und Andreas Brehme eingeräumt. Wobei letzterer wüsste, mit diplomatischen Fehltritten umzugehen („Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß“). Eine Ideallösung für Bellevue sieht dennoch anders aus.
Am Ende ist es dann doch kein Kind der Bundesliga geworden. Joachim Gauck soll in Bellevue einziehen. Dort soll endlich wieder Kontinuität einkehren. Bei Hertha BSC ist das anders: Otto Rehhagel gilt als Übergangslösung bis zum Sommer. Dann will Michael Preetz schon wieder auf Trainersuche gehen. Er dürfte froh sein, dass ihm Angela Merkel keinen Kandidaten weggeschnappt hat.
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