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Interview
Was machen Sie, wenn Ihr Witz verreckt?
Interview: Was machen Sie, wenn Ihr Witz verreckt?
Schlimmer Verdacht: Ist Sebastian Pufpaff wahnsinnig geworden? FOTO: Sebastian Pufpaff 2012
Das Publikum ist ein launisches und unvorhersehbares Wesen. Doch wie bekommt der Künstler es in den Griff? Wir sprachen mit dem Kabarettisten Sebastian Pufpaff, 36, über Auftritte vor Hundezüchtern, Reinrufer und das „Hohoho“-Lachen. Von Sebastian Dalkowski

Warum werden Comedy-CDs immer bei einem Auftritt aufgenommen? Eine Band geht ja ins Studio.

Sebastian Pufpaff Humor entsteht nur mit Publikum, denn Lachen ist eine Reaktion. Wenn ich in einer relativ monotonen Stimme im Studio meine Witze erzählen würde und es lacht niemand, dann ist der Witz nicht erkennbar. Es würden sehr viel Charme und Atmosphäre auf der CD verloren gehen. Anders bei Musik, die kann auch alleine passieren.

Ingo Appelt hat tatsächlich mal in seiner erfolgreichsten Zeit ein Comedy-Programm im Studio aufgenommen. Er bereut es bis heute.

Das hat er wirklich gemacht? Das kann ich nicht begreifen. Das ist so, als würde ein Maler sein Bild in einem dunklen Raum aufhängen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Bei Sitcoms nerven uns die Lacher mittlerweile zwar, aber da wissen wir natürlich auch, dass die Lacher eingespielt sind. Die Käufer einer Kabarett-CD erwarten diese Lacher. Die meisten haben das Programm live gesehen und möchten sich mit der CD einen Teil der Stimmung mit nach Hause nehmen.

Welche Rolle spielt das Publikum?

Das ist ähnlich wie beim Tennis: Man ist immer nur so gut wie sein Gegner. Wobei das Publikum in dem Fall nicht mein Gegner ist. Aber das Publikum ist die Hälfte des Abends. Wenn du ein Publikum vor dir hast, das keinen Bock hat, das drei Stunden auf der Autobahn feststeckte, oder die Getränkepreise sind zu hoch, das merkst du sofort. Georg Schramm hat mal gesagt: „Der Abend mit einem Publikum ist wie Surfen. Du musst die richtige Welle abpassen und wenn du die richtig erwischst, dann kannst du den ganzen Abend auf ihr surfen.“

Können Sie mit einem Programm an einem Abend scheitern, mit dem Sie am Vortag noch begeistert haben?

Bei mir ist es so, dass ich die ersten fünf Minuten das Publikum abtaste. Die Kabarettisten, die seit Jahren auf der Bühne stehen, gehen sicherlich nicht mehr komplett baden, ich habe das mit meinem Programm auch noch nicht erlebt. Aber jeder Abend ist anders, jeder Auftrittsort ist anders, jede Region ist anders. Der Berliner lacht anders als der Westfale.

Wie denn?

Ein schönes Beispiel ist Ingolstadt. Dort hatte ich eine volle Hütte. Ich bin rausgegangen und hatte das Gefühl, es läuft. Trotzdem gab es keine Reaktion. Keine. Ein Raum mit verschränkten Armen, und in der Pause dachte ich kurz an Flucht. Am Ende gab es dann trotzdem Standing Ovations. Ich weiß nicht, ob es für ganz Bayern gilt, aber in Ingolstadt gucken die Leute erst mal. Die geben dir keine Vorschusslorbeeren. Die amüsieren sich köstlich, sagen dir das aber erst hinterher.

Das Rheinland dürfte da anders sein.

In Köln lachen die Leute schon, obwohl du noch nichts gemacht hast. Dann denkst du, du bist grandios, und dann kommen sie hinterher zu dir und sagen: „Das war einer der plattesten Abende, die ich je erlebt habe, aber danke für den Spaß.“ Der Berliner ist sehr, sehr kritisch. Der ist von seinen lokalen Künstlern sehr überzeugt, aber wenn du von außen dazukommst, dann musst du auch richtig abliefern. Der sieht sich das erst mal eine Viertelstunde an. Wenn du ihn bis dahin überzeugt hast, ist er dein bester Freund. Der Norddeutsche ist eher reserviert und will auch intellektuell gefordert werden. Der muss am Ende sagen können „Das war auch nicht für jeden was“. Aber vermutlich ist bei meinen nächsten Auftritten wieder alles genau anders. Sicher sein kann ich mir da nie. Ich muss immer darauf achten, wie das Publikum reagiert.

Sie haben gesagt, es gibt eine Abtastphase. Worauf achten Sie in dieser Zeit?

Wenn wir vom Handwerk sprechen, dann ist es schon nicht schlecht, in den ersten Sekunden einen Lacher zu produzieren. Du weißt nach den ersten fünf Minuten noch nicht, welche Art von Humor die Leute haben, aber du merkst, wo die Vorlieben sind und was für ein Timing sie haben. Also wann du nach einem Lacher den nächsten Witz nachschieben kannst. Dass ein Abend gut läuft, merkst du nicht an den lauten Lachern, sondern an diesem fast schon beherrschten Kichern. Das zeigt: Die Leute haben Spaß, sie wollen aber nicht so laut lachen, dass sie die nächste Pointe verpassen.

Welche anderen Lacher kennen Sie noch?

Es gibt dieses „Hohoho“ bei Witzen über Nazis und Hitler und solche Themen. Dann gibt es die Gesinnungslacher, wenn es beispielsweise um die FDP geht. Das scheue ich aber, denn wenn du schon vorher weißt, welche Art von Lachen du mit deinem Witz erzeugst, dann ist das kein guter Witz. Humor ist etwas Unvorhersehbares. Deshalb finde ich es nicht richtig, Witze zu benutzen, um etwas Vorhersehbares zu produzieren.

Dann gibt es noch die Lachanfälle.

Das finde ich sensationell, wenn Leute aus ihrem Lachen nicht mehr herauskommen. Dann fange ich meist auch an zu lachen. Es gibt aber auch immer genau einen individuellen Lacher. Da sitzt einer im Publikum, der so lacht wie sonst niemand.

So wie die Frau, deren Lachen bei „Dinner For One“ so deutlich zu hören ist.

Genau.

Dieses „Hohoho“-Lachen mag ich nicht.

Ich gebe Ihnen insofern Recht, dass „Hohoho“ kein emotionales Lachen ist. Normalerweise kannst du Lachen nicht kontrollieren. Entweder lachst du und sagst hinterher „Oh, scheiße, darüber hätte ich nicht lachen sollen“. Oder du lachst eben nicht, weil du die Meinung nicht vertrittst. Wenn du „hohoho“ lachst, dann lachst du eigentlich fürs Umfeld. So zeigst du, dass du weißt: Darüber lacht man eigentlich nicht.

Für mich ist das ein typisches Lehrerlachen.

Es taucht auf jeden Fall häufiger bei älteren Semestern auf.

Noch schlimmer als das „Hohoho“ finde ich das Gesinnungsklatschen. Wenn Kabarettisten zum Beispiel kapitalismuskritisch werden und das Publikum durch Klatschen zeigt, dass es derselben Meinung ist.

Da stimme ich absolut zu. Ich nenne das Schlagzeilen-Kabarett. Aber alle setzen sich am Ende des Abends in ihren Mercedes, genießen ihre Pension, und ich sage bewusst Pension und nicht Rente, und denken „Jetzt habe ich mein Gewissen gerade erleichtert“. Das ist die Beichte des satten Mittelständlers, dem die Krise egal ist.

Es gibt auch diese Lacher, die in Klatschen übergehen. Ich habe noch nicht herausgefunden, wann genau das passiert.

Ich habe das auch noch nicht analysiert. Ich versuche ja Witze zu machen, die erst hintenrum kommen. Da ist dann das Zwerchfell schneller als der Kopf. Da merkt der Kopf erst viel später, wie witzig das war. Und dann wird geklatscht. Das zeigt dann „Wow, du hast mich überrascht, deshalb klatsche ich dann nochmal“. Nur Klatschen hingegen ist nicht so toll. Das bedeutet Abwägen und Analysieren und dann für gut befinden. Da ist viel los im Hirn.

Kabarettisten sind ja auf ihre feinsinnigsten Witze am stolzesten, die machen auch die meiste Arbeit. Trotzdem lacht das Publikum am lautesten über die plumpesten Scherze.

Alle Witze machen gleichviel Arbeit. Ich mache ja diesen Gag „Da gehen zwei Schläfer an drei Wachen vorbei“. Dass der sofort zündet, passiert nie. Da muss ich Zeit lassen. Der Witz macht nicht mehr Arbeit als die eher platten. Aber wenn ich erzähle, dass ich mich häufig verspreche und dann sage: „Ich war mit einer Freundin in Paris und sagte zu ihr: Wenn du lieb bist, darfst du noch auf den Eichelturm“, dann bleibt das eben hängen, gerade weil das platt ist. Ich bin Entertainer, ich möchte unterhalten. Da ärgere ich mich nicht, wenn die flacheren Gags besser ankommen als die feinsinnigen. Es ärgert mich nur, wenn ein Witz überhaupt nicht ankommt. Letztlich entscheidet aber das Publikum, worüber es lacht. Das kann ich dem nicht vorschreiben. Und dann nehme ich Gags, die nicht ankommen, auch aus dem Programm.

Wenn Sie merken, dass es nicht so gut läuft – welche Möglichkeiten haben Sie, um zu reagieren?

Die desaströsen Abende habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Mein Programm basiert aber auf dem Baukastenprinzip. Das heißt, ich kann Bausteine flexibel nutzen, austauschen und variieren. Ich habe auch immer mehr im Repertoire, als ich an einem Abend zeige. Wenn ich merke, wie das Publikum tickt, kann ich das auch ein wenig bedienen. Ich verlasse meine Spur dabei aber nie komplett, sondern benutze Seitenarme, damit das Publik versteht, was ich meine. Ich würde also keinen „Hast-du-Möhrchen-Witz?“ erzählen oder auf der FDP herumreiten, nur um das Interesse des Mainstreams zu bedienen. Das wäre unfair, denn die Leute, die in mein Programm kommen, die wollen Pufpaff sehen.

Hat das Publikum immer Recht?

Ne. Um Gottes Willen. Ich habe mal bei Hundezüchtern gespielt. Als ich hinterher Fotos der Hundeführer-Staffel aus dem Dritten Reich gesehen habe, waren im Nachhinein manche Lacher falsch, denn sie vertraten eine vollkommen falsche Meinung. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich mich auf das Missionieren einstellen können und meine Botschaft entsprechend verpackt, so dass keine Missverständnisse auftreten.

Wenn nicht gelacht wird, ist also nicht immer der Kabarettist Schuld?

Das ist ein anderes Thema. Wenn ich zwei Stunden auf der Bühne stehe und keinen Lacher produziere, dann habe ich auf jeden Fall Schuld. Als Kabarettist sollte man wissen: Wo spiele ich? Wer sitzt da? Was will ich sagen? Das heißt, wenn ich vorne stehe und anhand einer Nummer etwas sage, mich zum Beispiel für demokratische Werte einsetze, und jemand aus dem Publikum ist eher der Meinung, eine Diktatur sei toll, dann habe mit Sicherheit nicht ich Unrecht.

Lässt sich die Qualität eines Programms nur nach den Lachern bewerten? So jemandem wie Serdar Somuncu geht es ja doch um etwas anderes.

Du musst das Publikum auch fordern, ich versuche das ja auch. Serdar Somuncu macht das durch Provokation. Ich halte ihn für einen der größten Künstler des Landes, wobei ich sagen muss: Nur Provokation ist auch blöd. Viele in seinem Publikum, und das ist Herrn Somuncu sicher auch nicht Recht, sitzen nur da und warten auf den Moment, in dem er jemanden beschimpft oder ausrastet. Dann geht die Message verloren, weil dann da doch wieder nur die dummen Klatschaffen sitzen, die sich über andere lustig machen. Solche Zuschauer sind so was wie Comedyunfallgaffer. Ich versuche auf jeden Fall, zwiespältige Momente beim Zuschauer herbeizuführen, in denen er sich in erster Linie unterhalten fühlt, aber auch intellektuell gefordert.

Was passiert dann?

Ich habe mal in Bayern über die Kirche gesprochen. Da hat einer gerufen „Machen Sie solche Witze bei sich zuhause“. Kurze Zeit später spreche ich dann über Kinder und Alkohol und wie die Erziehung zu Grunde geht. Da hat sich der gleiche Mann totgelacht. Da habe ich gesagt: „Das ist interessant. Wenn es gegen die Kirche geht, feinden Sie mich an. Wenn es aber gegen schlechte Erziehung geht, dann können Sie lachen.“ Das war mit Sicherheit kein einfacher Moment, aber die Leute haben gemerkt, dass sie gefordert werden.

Ist der Mann vorzeitig nach Hause gegangen?

Nein. Wäre er aufgestanden und gegangen, hätten ihn alle angeguckt. Aus dem Dunkeln reinbrüllen, können diese Leute. Aber aufstehen für ihre Meinung, können viele leider nicht.

Damit sind wir bei den Leuten angelagt, die sich berufen fühlen, Teil der Show zu werden, indem sie reinrufen.

In den USA ist das ja fast eine Kultur, dort heißt das „Heckling“. Als Stand-Up-Comedian solltest du damit umgehen können. Ich sehe das sportlich und liebe solche Momente. Meistens sind die Leute aber nicht unsympathisch, sondern einfach nur übermotiviert. Das ist nicht verkehrt, das darf auch sein.

Irgendeinen richtig schlimmen Störer müssen Sie doch gehabt haben.

Als ich mit Nightwash getourt bin, gab es an einem Abend jemanden, der richtig dicht war. Der hat dann mein zehnminütiges Programm komplett über den Haufen geworfen. Ich habe mir gedacht: Okay, dann bist Du ab jetzt mein Programm. Hat funktioniert. Meistens reicht es, kurz mal zurückzuschießen. Dann sind die Leute ruhig. Wichtig ist, sympathisch bleiben und nicht vergessen: Wir sind Unterhalter, also sollte das Publikum unterhalten werden. Die meisten Störer stören nicht mich, sondern das Publikum. Ich muss dann auch sehen, wie die anderen Leute reagieren. Diesem Zuschauer, der meine Kirchennummer nicht mochte, dem hat der Rest des Publikums auch nicht zugestimmt. Daran sieht man aber auch: Während meiner Show sende ich viel weniger, als dass ich zuhöre.

Macht es einen Unterschied, ob Sie vor 100 oder 1000 Leuten auftreten?

Ja. Lachen ist ansteckend. Bei 1000 Zuschauern reicht es angeblich, wenn zehn davon laut anfangen zu lachen, um einen Schneeball-Effekt in Gang zu setzen. Wobei schon eine Art Witz vorher erzählt worden sein muss. Vollkommen losgelöst funktioniert das wohl kaum. Bei Massen weiß man allerdings nicht, worüber gelacht wird. Lachen sie über den Witz? Lachen sie darüber, dass der andere lacht? Oder lachen sie darüber, weil sie merken, dass das eine Stelle zum Lachen zu sein scheint.

Und kleines Publikum ist schwieriger?

Auf jeden Fall ehrlicher. Das Worst-Case-Scenario ist: Du spielst als Künstler auf einer zu großen Bühne, gerne ein Theater. Die Bühne ist zehn Meter breit und fünf Meter tief. Die Leute sitzen in Sesseln ähnlich wie im Kino, mit Kopfteil, und sie versinken darin. Dann sitzen in diesem Saal mit 200 Plätzen nur sechs Leute, und das Licht ist nur gedimmt, so dass jeder jeden sehen kann. Die Leute sind also schon in der Schlummerphase. Sie haben Mitleid mit dem Künstler, weil er nicht so viele Leute zu ziehen scheint. Das heißt für das Publikum, der kann ja gar nicht gut sein. Dann sitzen sie auch noch alleine da wie auf einem Präsentierteller und trauen sich nicht zu lachen. Wenn du dort als Künstler Standing Ovations produzierst, bist du der größte deiner Art. An dieser Stelle möchte ich anmerken: Es ist mir noch nicht passiert, dementsprechend auch noch nie gelungen.

Dann lieber kleinere Säle.

Oh ja. Stellen Sie sich das vor: 100 Leute passen rein, 120 sind gekommen, es ist arscheng und total heiß. Aber das Publikum sitzt im Dunkeln und du stehst auf einem höchstens 30 Zentimeter hohen Podest und am besten nur 30 Zentimeter vom ersten Knie entfernt. Das ist Stimmung, da ist Atmosphäre. Dann hast du sehr sehr gute Chancen, einen unvergleichlichen Abend zu genießen.

Trotzdem haben auch Sie sicher Momente erlebt, in denen Sie Ihren eigenen Witz haben sterben sehen.

Klar, aber dann kommt es darauf an, wie ich als Künstler damit umgehe. Dann muss ich sagen: „Guckt mal, Freunde. Das ist ein Riesenbrüller, dachte ich zumindest und nun funktioniert der überhaupt nicht.“ Dann merken die Leute, dass ich damit klarkomme. Mir sind schon einige Lacher krepiert, aber dadurch sind noch viel mehr Lacher entstanden. Das Publikum und ich schaffen jeden Abend zusammen einen neuen Witz. Eigentlich bin ich nur der Zuschauer und das Publikum der Künstler.

Das aktuelle Programm von Sebastian Pufpaff heißt „Warum!“. Es ist gerade auf CD erschienen. Die aktuellen Tourtermine gibt es hier.

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