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Emil Bulls
„Wir haben eine Zeitlang vom Ersparten gelebt“

Emil Bulls: „Wir haben eine Zeitlang vom Ersparten gelebt“
Christoph von Freydorf (2. v.r.) ist mit seinen Emils Bulls in die Top 10 der deutschen Charts eingestiegen. FOTO: Gerald von Foris
Die Metalband Emil Bulls war mal fast weg vom Fenster und landete nun mit dem achten Album "Sacrifice To Venus" erstmals in den Top 10 – ein Interview mit Sänger Christoph von Freydorf über Helene Fischer, Altersvorsorge und den tiefsten Tiefpunkt. Von Sebastian Dalkowski

Das überraschendste an Eurer Chartplatzierung war für mich: Euch gibt's ja noch – warum eigentlich?

Christoph von Freydorf Weil wir Typen sind, die eine unfassbare Leidenschaft zur Musik haben, dass sie auch in den Momenten, in denen jeder andere aus Vernunft das Handtuch geschmissen hätte, weitergemacht haben. Manchmal kamen wir uns wie die Hinterbliebenen vor, die einem Traum hinterher jagen, der nicht realisierbar ist. Aber wir sind nach jeder Bedenkzeit zu dem Ergebnis gekommen: Wir können das nicht an den Nagel hängen.

Mit Platz 6 ist Euch die beste Platzierung der Bandgeschichte gelungen. Verkauft Ihr einfach mehr Platten als früher oder die anderen bloß noch weniger?

Jeder verkauft weniger Platten als noch vor zehn Jahren. Die Charts geben schließlich nur ein Verhältnis an. Ich war selber überrascht von den Verkäufen in der ersten Woche. Schön, dass wir die Großen mal ärgern konnten.

Die Konkurrenz an Neuerscheinungen war allerdings in dieser Woche auch nicht so groß.

Das ist immer ein Roulette, weil du vorher nicht absehen kannst, wer noch veröffentlicht. Wenn wir in der Woche drauf veröffentlicht hätten, wären wir sogar auf Platz 4 gewesen. Eine Garantie für unfassbar viel verkaufte Platten ist ein Platz in den Top 10 nicht, das wissen wir.

Verkauft Ihr denn absolut auch mehr Platten als früher?

Nein, früher haben wir mehr verkauft. Von unserem Album "Angel Delivery Service" haben wir so 70.000 bis 80.000 verkauft...

… damals kamt Ihr auf Platz 48...

...mit der neuen Platte sind wir momentan bei 20.000.

Das ist eine illustre Gesellschaft in den Top 10. Helene Fischer, Eric Clapton, Beatsteaks, die Amigos, Ed Sheeran, Xavier Naidoo.

Es ist einfach schön, mal nur ein paar Plätze hinter Helene Fischer zu landen, weil es einfach so absurd ist. Uns trennen musikalisch schließlich Welten.

Vielleicht hat Helene Fischer in dieser Woche zum ersten Mal Euren Namen gelesen.

Oder Ihr Management.

Das wäre doch mal eine schöne Kooperation. Emil Bulls feat. Helene Fischer.

Ähem... ja, ich sage mal nichts dazu und halte mich diplomatisch raus.

Es gibt nur eine Seite im Internet, auf der dein Alter steht. Kannst du bestätigen, dass du 37 bist?

Das Alter liegt immer im Auge des Betrachters.

Dann sage ich als Betrachter: 37. Wie oft siehst du deinen Arzt?

Ich gehe nur zum Arzt, wenn es gar nicht mehr geht. Zum letzten Mal war das eine fiese Wurzelbehandlung vor drei Jahren. Ich weiß, ich komme langsam in ein Alter, in dem man sich mal untersuchen lassen sollte. Sänger sind sowieso Hypochonder, die ständig Hustenbonbons lutschen.

Aber du hast sicher Tinnitus.

Ich bilde mir ein, dass ich keinen habe. Das liegt aber auch daran, dass ich seit zehn Jahren mit In-Ear-Hörern arbeite, die gleichzeitig auch ein Gehörschutz sind. Vorher gab es Shows, nach denen ich im Bus lag und nur Pfeifen im Ohr hatte.

Das klingt vernünftig. Du hast bestimmt auch eine private Rentenversicherung abgeschlossen.

Meine Mum hat tatsächlich so was für mich gemacht. Neulich habe ich da was von ihr gehört.

Gehen wir mal an den Anfang des Jahrtausends zurück. Mit dem Album "Angel Delivery Service" von 2001 wurde Deutschland erstmals auf Euch aufmerksam. Ihr wurdet als deutsche Nu-Metal-Band eingeführt. Habt Ihr Euch damals zu etwas drängen lassen?

Ich gebe dir Recht, wir wurden als deutsche Nu-Metal eingeführt, sonst hätte unser Label uns gar nicht unter Vertrag genommen. Wir haben schon zu Anfangszeiten 1995 gedacht: "Mein Gott, es gibt so viele Bands wie Korn, da würden wir in Deutschland total gut reinpassen. Warum suchen die deutschen Labels nicht auch im eigenen Land nach Bands?" Das haben sie dann erst fünf Jahre später gemacht. Aber so ist das in Deutschland: Erstmal abwarten, was die Amis machen, und gucken, ob es funktioniert. Wir passten also ins Raster, haben uns aber zu nichts drängen lassen. Tatsächlich hatten wir die totale Freiheit.

Klingt zu schön, um wahr zu sein.

Wenn ich irgendwas rückgängig machen würde, dann das Video zu "Take On Me", dem Cover von A-ha. Das haben wir schon ewig auf unseren Konzerten gespielt. Als "Angel Delivery Service" erschien, haben wir klar gesagt, dass wir den Song nicht auf dem Album haben wollen, damit wir nicht darauf reduziert werden. Bei der ersten Auflage war die Version deshalb nicht enthalten. Weil die aber so schnell ausverkauft war, gab es eine zweite Auflage, und da hat uns dann die Plattenfirma nahegelegt, "Take On Me" draufzupacken. Das haben wir dann gemacht und noch ein Video dazugedreht. Das hat noch mal so eine Welle gemacht, dass viele Leute erst dadurch auf uns aufmerksam wurden und uns falsch einsortiert haben. Da waren wir zu grün hinter den Ohren, weil wir den Negativeffekt nicht abschätzen konnten. Wir schämen uns nicht dafür, aber es hat denselben Effekt, als wenn man heute bei DSDS teilnehmen würde.

Ihr wart bei Universal. Hat die Plattenfirma Euch irgendwann rausgeworfen?

Nach "Angel Delivery Service" begann der Einbruch der Musikindustrie. Das Sublabel, zu dem wir gehörten, Island Records, wurde aufgelöst. Wir wurden zu Motor zwangsumgesiedelt. Dort haben wir plötzlich mit Leuten zusammengearbeitet, denen wir aufs Auge gedrückt wurden. Wir waren das fünfte Rad am Wagen. Die Veröffentlichung vom nächsten Album "Porcelain" wurde um drei Monate verschoben, es gab nur ein Video. Das war zum Scheitern verurteilt. Danach schickte uns das Label per Brief ein Angebot für eine weitere Platte, und das war so beschissen, dass es sich wie ein Rausschmiss las. Danach haben wir die Zusammenarbeit beendet.

Das muss eine harte Zeit gewesen sein.

War es. Für die anderen waren wir eine entlassene Majorband. Das machte es sehr schwierig, ein neues Label zu finden. Dann ist auch ein Bandmitglied ausgestiegen, dem war das zu riskant geworden. Wir wussten, wir wollten eine neue Platte machen, hatten aber keine Ahnung, wie wir die finanzieren sollten. In dieser Zeit haben wir ein Album namens "The Southern Comfort" aufgenommen, das auf einem kleinen Münchener Indie-Label erschienen ist und sich lächerlich verkaufte, die Besucherzahlen auf den Konzerten gingen zurück...

… Lächerlich heißt?

So knapp 6000. Das ist okay, aber nicht, wenn du von einem Major kommst und vorher 70.000 verkauft hast.

Ich las, nach diesem Album war der tiefste Tiefpunkt erreicht.

Absolut. Das war die Phase, in der wir überlegt haben, ob das überhaupt noch Sinn macht. Und als wir zu dem Ergebnis kamen, dass es noch Sinn macht, haben wir was komplett anderes gemacht, eine Akustikplatte, ein Best-Of der vergangenen drei Alben, das wir in einem Bierzelt beim Stadtfest aufgenommen haben. Diese Platte kam relativ gut an, wir haben fast ein halbes Jahr lang nur akustisch gespielt. Als die Tour vorbei war, lief unser Label-Deal aus und unser Management-Vertrag. Das war der Punkt, an dem wir völlig frei waren. Die Akustiktour war eine Seelenreinigung. Wenn du nach einem halben Jahr wieder eine E-Gitarre in die Hand nimmst, ist das so, als wenn du ein halbes Jahr nur Lastwagen fährst und dann in einen Sportwagen steigst. Alles war so leicht. Wir haben dann eine unfassbar harte Platte gemacht. Es war ein Befreiungsschlag. Die Konzerte wurden wieder voller, wir wurden wieder im Radio gespielt.

Hättest du damals eine Alternative gehabt?

Ich habe zwei Semester Medizin studiert. Aber ein Medizinstudium machst du ganz oder gar nicht. Als wir das Angebot für einen Plattenvertrag bekamen, war ich der erste, der sein Studium aufgegeben hat.

Das heißt, du hattest keine Alternative?

Das ist richtig.

Musstest du denn in der schlechten Zeit jobben?

Wir hatten von Anfang an das Glück, dass unser Management unfassbar gut auf unser Geld aufgepasst hat. Wenn eine andere Band mit einem Nightliner angereist ist, haben die uns einen Sprinter geschickt. Das rechne ich denen hoch an.

Ihr habt eine Zeitlang vom Ersparten gelebt?

Absolut.

Kehren wir mal in die Gegenwart zurück. Geht es bei Euch im Backstagebereich heute nach dem Konzert ruhiger zu als früher?

Wir sind noch immer keine Kinder von Traurigkeit, aber wir vertragen einfach nicht mehr so krass viel wie früher. Früher haben wir jeder eine Flasche Jägermeister am Abend geschafft. Heute wäre dann nach einem Tag die Tour vorbei. Wir sind keine Singer/Songwriter mit Akustikgitarre, das sind zwei Stunden Sport auf der Bühne.

Ihr trinkt also Tee und Wasser?

In dem Tee ist ein Schuss Rum drin.

 
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