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Pferdeliebe: Tiefe Verständigung ohne Worte

VON GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 13.02.2012 - 07:19

Düsseldorf (RP). Kann ein Pferd lieben? Jedes Mädchen, das schon einmal in einem Stall war, wird sagen: na klar. Mein Pony liebt mich, so wie ich es liebe. Von ganzem Herzen. Es kann gar nicht anders sein. Denn es kann gar nicht anders. Dass es sich nur um eine beiderseitige Schwärmerei handeln könnte: Dieser Gedanke ist abwegig. Dass es womöglich nur Gewöhnung und Egoismus sein könnten, die das Pferd veranlassen, die Ohren aufzustellen, zu wiehern und dem bekannten Menschen mit glänzenden Augen entgegenzublicken: Diese Möglichkeit wird erst viel später bedacht. Wenn aus dem Mädchen eine erwachsene, vielleicht sogar alte Frau geworden ist.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben das Verhältnis zwischen Menschen und Pferden so nachhaltig verändert, wie es all die gemeinsamen Jahrhunderte zuvor nicht vermochten. Maschinen verdrängten die Pferde, so wie sie heute den Menschen verdrängen. Niemand brauchte mehr die PS – weder auf den Äckern noch auf den Straßen oder beim Militär. Noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kämpfte eine Handvoll Deutscher darum, dass das Pferd nicht ausstarb – hierzulande. Es starb nicht aus, wurde im Gegenteil auf eine Art und Weise populär, die sich niemand vorgestellt hatte. Heute leben in Deutschland viel mehr Pferde als Menschen, die sie gebrauchen könnten. Denn gebraucht wird das Pferd noch immer nicht – obwohl zwei Millionen Deutsche reiten und weitere vier Millionen mit Pferden zu tun haben. Das Gebrauchstier von einst ist zu einem Kollegen, Freund, Sportpartner geworden, nutzlos im eigentlichen Sinne, und genau deshalb immer im Verdacht, purer Luxus zu sein.

Das heißt umgekehrt nicht, dass die Menschen früherer Jahrhunderte ihre Pferde nicht etwa wertschätzten. Zu einer der wichtigsten Erzählungen der Weltliteratur gehört Anton Tschechovs "Gram", die vom alten Droschkenkutscher Jona Potapow handelt, dem niemand zuhören mag in seiner Qual: Sein Sohn ist gestorben. Erst als er bei allen Menschen abgewiesen wird, erzählt er seinen Gram dem Pferdchen, das kaut und zuhört, ihn anschaut und beruhigt durch sein Vorhandensein. Auch moderne Menschen im Jahr 2012 wissen von dieser inneren Kraft des Pferdes und suchen sie. Kummer zerstreut sich neben dem warmen Leib des liegenden Pferdes. Das Pferd als Tröster: Diese Aufgabe hat es wohl schon immer gehabt und sich damit unsere ewige Treue gesichert.

Niemand hängt mehr von einem Pferd ab, und so hat der Mensch vieles verloren, das er früher lernen musste, wollte er überleben: Disziplin und Aufrichtigkeit gegenüber dem Pferd, Verantwortung und Selbstbeherrschung, Mut. Alles Tugenden, die sich der Mensch heute ohne das Pferd aneignen, um die er oft hart ringen muss. Werte, die die Lehrer vermissen und die Menschen vermissen lassen. Nur deshalb gibt es Reitunterricht als Schulsport: Dort nämlich, wo Verantwortliche verstanden haben, dass das Pferd all das lehrt, was Arbeitgeber neudeutsch als "Soft skills" zu bezeichnen pflegen. Das Pferd muss gepflegt und bewegt werden. Sonst wird es krank. Es muss ruhig und besonnen behandelt werden. Sonst wird es kopflos. Es muss richtig gefüttert und versorgt werden. Dann wird es tun, was der Mensch von ihm verlangt. Und wir wiederum sind fasziniert von der Größe, der Kraft, der Wucht, scheinbar so leicht und spielerisch uns zugewendet. Spätestens jetzt hat das Pferd unsere Zuneigung. Unsere Zusicherung, es als umsorgten Partner anzunehmen.

Darauf verstehen sich die Rösser längst – wie es der kirgisische Dichter Tschingis Aitmatow etwa erzählt. Sein Roman "Abschied von Gülsary" ist das berühmteste Stück Literatur, das die lebenslange Partnerschaft zwischen einem Pferd, dem Hengst Gülsary, und einem Menschen, dem Mann Tanabai, beschreibt. Alle wichtigen Stationen von Tanabais langem Leben hat der Hengst miterlebt, hat ihn zu seiner Liebsten und in den Krieg getragen. Der Rückblick zeigt: Ihre Leben sind nicht voneinander zu trennen, sie sind nicht einzeln vorstellbar. Es gibt keine Bedingung mehr für Trost, Treue und Zuneigung. Der Mann liebt das Pferd.

Es ist nicht immer nötig, ganze Leben miteinander zu verbringen oder die Welt gemeinsam zu durchstreifen, um ein Pferd lieben zu lernen, doch gilt – wie für jede Liebe: Keine gleicht der anderen. Mancher verliert sein Herz an eine wallende Mähne oder einen flammenden Blick. Ein anderer kann sich nicht sattsehen an einer eleganten Erscheinung, geschmeidigen Bewegung oder einer edlen Silhouette. Wieder andere lieben die inneren Werte: den Kampfgeist oder Lebensmut des Pferdes, sein Durchhaltevermögen und seinen unerreichbaren Stolz – jedes eine ganz eigene Persönlichkeit. Im Gegensatz zu manch anderen Tieren, ist das Pferd nicht devot. Niemals entwickelt es sich unter Zwang. Die Einsicht, etwas zu bekommen, das man sich nicht kaufen und nicht erzwingen kann, ist die größte Kostbarkeit, die das Pferd für den Menschen bereithält. Kein Nutzen, kein Sinn, kein Luxus: nur Geschenk. Wer Pferde erlebt hat, die versuchen, zu verstehen was der Mensch von ihnen will – der wird rettungslos mit dem "Pferdevirus" infiziert.

Wer allerdings die Pferdeliebe nicht kennt, dem wird sie unergründlich bleiben. Warum verbringt jemand jede freie Minute im Stall? Warum gibt er sein letztes Hemd für die Tierärzte? Warum tut er sich ein Hobby an, das es ihm verbietet, längeren Urlaub zu machen? Warum lässt er nicht ab vom Pferd? Die Antwort ist: Er kann nicht. Aus der Schwärmerei ist Liebe geworden, und immer aufs Neue braucht der Liebende eine frische Dosis – individuell auf seine Person abgestimmt. Während der eine nur pflegt und spazieren geht mit dem Pony, reizen den anderen die Springturniere oder Jagden. Wieder andere entwickeln sich zu Künstlern im Sattel oder Kentauren, scheinbar verwachsen, eins mit der Kreatur, hingegeben an die Bewegung zwischen Erde und Himmel.

Der Pferdemensch, ergraut, weiß nicht, ob das Pferd ihn liebt, lieben kann. Das wird er nicht ergründen. Er weiß aber, dass er das Pferd immer wird lieben dürfen. Diese Erkenntnis lässt ihn nicht mehr los, solange er lebt. Deshalb ist es oft das Pferd, für das sich der Liebende entscheidet, wenn sein menschlicher Partner so unbedacht sein sollte, ihn eines Tage vor die Wahl zu stellen: das Pferd, oder ...!

Quelle: RP/chk/areh


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