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Debatte | 11.10.09 | 16:11 Uhr
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Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Die freie Meinungsäußerung wird je nach Thema in Deutschland nicht gern gesehen. Man könnte ja Recht mit seiner Meinung haben.
Die Diskussionen um die jüngsten Äußerungen des früheren Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin schlagen immer höhere Wellen. Jetzt ereifert sich auch (mal wieder) der Zentralrat der Juden und stellt Herrn Sarrazin auf eine Stufe mit den Schwerstverbrechern Göring, Goebbels und Hitler.
Was war geschehen? Der in seiner Meinung nicht gerade zurückhaltende Herr Sarrazin hatte in einem Interview unter anderem seine Meinung über die Integrationsunwilligkeit mancher Ausländer geäußert: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Außerdem kritisierte er, dass ein großer Teil der türkischen und arabischen Einwanderer weder integrationswillig- noch fähig seien.
Man kann von Herr Sarrazin und diesen Äußerungen halten, was man will – sie waren sicher auch nicht sehr diplomatisch – und die Passage mit der Produktion kleiner Kopftuchmädchen war mehr als überflüssig, aber was hat Herr Sarrazin gemacht? Er hat seine Meinung geäußert, ein hohes Gut in einer Demokratie. Und unabhängig davon, ob er mit seinen Äußerungen im Recht oder Unrecht ist, das Recht auf eine eigene Meinung, auch die öffentliche und veröffentlichte, sollte eigentlich unstrittig sein, egal, ob es sich um einen Bundesbank-Vorstand oder einen Opinio-Autor handelt.
Wobei eine Tatsache ja nicht von der Hand zu weisen ist: Mit der Integration hapert es bei etlichen Ausländern, die freiwillig (!) in Deutschland leben. Und das liegt meiner Meinung nach nicht an der deutschen Politik, fehlenden Hilfsangeboten oder an den Deutschen, sondern an denjenigen, die in dieses Land einreisen und hier bleiben wollen. Denn integrieren sollten sich immer die Einwanderer – wer denn sonst? Angebote, die deutsche Sprache zu lernen, gibt es beispielsweise genug, nur werden die nicht von allen angenommen. Das gilt natürlich auch für Deutsche, die ins Ausland ziehen, die sollten sich dort auch integrieren, was leider auch nicht immer der Fall ist.
Aber nicht nur im aktuellen Fall Sarrazin, sondern auch bei einigen anderen Meinungsäußerungen von Leuten, die sich in der Öffentlichkeit bewegen - und leider auch hier bei Opinio -, habe ich verstärkt den Eindruck, dass die freie Meinungsäußerung in Gefahr ist. Äußert man eine Meinung, die nicht der politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Korrektheit entspricht, kann es einem leicht passieren, dass man in eine bestimmte Ecke, vorzugsweise der braunen, gestellt wird.
Das ist ein perfider Versuch, andere als die gesellschaftsfähigen Meinungen im Keim zu ersticken und die Meinungsäußerer mundtot zu machen. Es lässt sich ja auch trefflich darüber streiten, ob eine geäußerte Meinung nun polemisch vorgebracht wird oder nicht, aber Versuche, die Personen, die auch mal kontroverse Meinungen äußern, direkt persönlich anzugreifen, in die kriminelle oder braune Ecke zu stellen oder beruflich ins Abseits stellen zu wollen, finde ich mehr als bedenklich.
Wohin sind wir gekommen, wenn kritische Fragen nicht mehr gestellt werden dürfen? Wenn Ängste, Zweifel oder Probleme der Bevölkerung nicht mehr benannt werden dürfen oder – wie im Fall Sarrazin – auf Probleme mit ausländischen Mitbürgern tunlichst nicht hingewiesen werden sollte?
Natürlich kann und darf man Meinungsäußerungen, die einem nicht passen, kritisieren, sollte man sogar, denn auch das sind ja freie Meinungsäußerungen. Aber die Verdrängung von Problemen, die aus dem Zusammenleben verschiedener Kulturen entstehen können, sind eher kontraproduktiv. Wahrheiten auszusprechen, auch wenn sie nicht immer angenehm sind, ist mittlerweile schon fast ein Verbrechen und wenn es so weitergeht, ist es irgendwann soweit, dass Meinungen generell verboten werden, außer sie stimmen mit der herrschenden und den Herrschenden überein.
Irgendwann ist es dann soweit, dass sich niemand mehr traut, seine abweichende Meinung zu äußern und dann haben wir genau das, was eigentlich verhindert werden sollte: Es kommen die Strömungen an die Macht, die bestimmen wollen, welche Meinung das Volk zu haben hat.
Wollen Sie das? Ich nicht, und deshalb plädiere ich dafür, dass man in diesem Land, unabhängig von seiner Stellung in der Gesellschaft, seine Meinung frei äußern darf (außer sie bewegt sich im strafrechtlichen Bereich), ohne befürchten zu müssen, in irgendeine Ecke gestellt oder persönlich angegriffen zu werden. Sachliche Kritik ist ja in Ordnung und auch erwünscht, aber Diffamierungen, Berufsverbote oder Beleidigungen sind völlig fehl am Platze.
Foto: vom Autor
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Meinungen von Lesern zu diesem Artikel
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
ich finde übrigens die kommentare von rpostwendend wegen ihrer analytischen sprich wörtlichen inanspruchnahme der aussagen und der daraus resultierenden logik so ziemlich das beste was opinio im moment zu bieten hat
es ist einfach logisch
sprache sollte aber nicht immer nur analysiert werden sondern auch der hintergrund also das was man sagen will sollte beachtet werden
also auch hieer ist schein und sein unterschiedlich
seine kommentare sind durchweg gut und entsprechend analytisch aber helfen auch nicht immer wirklich
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Nöö, geschätzter Magistrator (für deinen Mut zur Meinung), ich glaube nicht, dass du hiermit richtig gelegen hast. Was man nur braucht, ist Mut zur Meinung, das wird einem hier aber sehr leicht gemacht, man muss überhaupt kein Held sein, um meinungsmutig zu sein. Du kannst nur nicht verlangen, für jede Meinung gleich gefeiert zu werden, das ist ja wohl auch ein bissken viel verlangt. Du bist frei zu äußern, was du meinst, du musst nur bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Hier im Forum sind ein paar Leute mit Grips unterwegs (mit mehr Grips als meiner aufbietet, kein fishing for compliments). Denen kannst du nicht böse sein, wenn sie sich mit dir auseinandersetzen, ganz im Gegenteil, du musst sie eigentlich dafür lieben, sie schenken dir ihre Zeit.
Oder worum ging es dir genau?
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Jeder sollte seine Meinung frei äußern dürfen und sollte das auch tun. Wir bestimmen mit, was in unserem Land geschehen soll oder geschieht.
Dafür müssen wir aber auch als Erstes mal von unserem Wahlrecht gebrauch machen. In anderen Ländern bringen sich die Menschen dafür um!
Danke für den Artikel
es grüßt Dich Mona
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Ich mag das gar nicht mehr lesen.
Wenn hier keine Meinungsfreiheit mehr herrscht, wo dann?
Ich hab manchmal eher den Eindruck, dass wir zuviel davon haben – denn wer sich in diesem Land wie verbreiten darf, ist schon manchmal kaum mehr auszuhalten. Mag sein, dass auch meine Äußerungen manchmal dazu gehören – jeder halt nur so, wie er kann. Hier, bei uns, darf man das.
Gebe einfach mal zu bedenken, dass die Aufmärsche der „Glatzköpfe“ Meinungsäußerungen darstellen. Spätestens dann, wenn Spruchbänder mit „Deutschland den Deutschen“ vorgezeigt werden. Werden die verboten? Einschränkungen? Hier bei uns?
Und die braune Ecke? Wenn mich jemand dahin stellt, ist das seine Meinung, oder? Muss ja nicht richtig sein, ist aber Teil der Meinungsfreiheit. Wo also ist das Problem?
Vielleicht ist es so, dass manche Leute gar nicht mehr protestieren, wenn sie dahin gestellt werden? Vielleicht wird „es war nicht alles schlecht“ langsam wieder salonfähiger?
Davor sollten wir Angst haben. Und es sagen – noch dürfen wir es. Ungestraft.
Ich habe dem Autor, der gerne „unsere „Zustände“ beklagt, schon mal die Frage nach seinen „Einschränkungen“ gestellt. Er hat diese Frage nicht beantwortet.
Auch mit diesem Beitrag nicht.
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Nicht ohne Grund empfinden wir derzeit als Verbraucher, Familien, Arbeitnehmer, Rentner, Arbeitslose, Ausländer, Unternehmer und als Menschen ein Unbehagen an der Politik:
Es wird über unsere Köpfe hinwegregiert. Mit systematisch inszenierten Werbe-Kampagnen, als Solches bezeichne ich es ganz bewusst, wird die öffentliche Meinungsäußerung ferngesteuert. Öffentliche Meinungsbildung und damit auch die politischen Entscheidungen werden so konkret wie Werbung gestreut. Das Gemeinwohl hat sich aufgelöst, das Profitinteresse triumphiert in der Wirtschaftskrise und mit strategisch geplanten Kampagnen wird uns gezielte Desinformation verkauft, suggeriert und auf fast allen Kanälen
und so permanent ausgelegt wie Fischfutter, bis
wir alle diese Botschaft gefressen und verdaut
haben, und wir am Haken derer hängen und nur
noch abgefischt werden müssen von denen, die
uns nachweislich benutzen wollen, nach Ihrer
Pfeife zu tanzen. Bis zum Schluss selbst die
Fachleute nicht mehr dagegen schwimmen
und nicht mehr nachdenken. Dann ist die
freie Meinungssäusserung ersetzt durch die,
die man allgemein hin als derzeitige Volks-
meinung bezeichnet.
ie man uns andient.Systematisch geplant und durchorganisiert.
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
@Arno: Habs gelesen. Na und? Sind doch Rappertexte - und die sind nach geltender Meinung nicht so schlimm und gehören zu unserer "Kultur"....
Nicht das ich den "Autor" als Maßstab ansehen würde, aber von der Sorte werdens halt immer mehr.
Und noch eines: Nimm denen ihre Zielgruppe weg und sie finden eine andere....die Qualität der "engagierten Fußballfans" ist in weiten Teilen auch nicht höher.
Vor allgemeinem Protestgeschrei: Es dürfte klar sein, dass ich nur bestimmte Gruppierungen meine.
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Die SPD-Mitglieder sind dort vermutich je zur Hälfte auf der Seite "rot,rot,grün" und "schwarz,rot". Für beide Seiten gibt es gute Argumente.
Und selbst da, innerhalb von ein und derselben Partei, wo man doch zumindest einen Konsens in den selbstverständlichsten Gepflogenheiten einer sachlichen Diskussion erwarten könnte, hört man in der Öffentlichkeit unsachliche Angriffe und persönliche Unterstellungen.
Das Grundgesetz bestätigt nach wie vor lediglich, daß man zur freien Meinungsäußerung das Recht hat. Ob man mit einer Aussage aber auch recht hat, ist eine ganz andere Frage. Leider ist dieser Unterschied immer noch nicht allen bewußt.
PS: Jeder möge sich mal erinnern, wann in seiner Schulzeit im schulischen Rahmen wirkliche Gelegenheiten bestanden, kontroverse Diskussion zu führen. Oder einmal prüfen, wie und wo so etwas heute in den Schulen gepflegt wird. Auch so etwas läßt sich lernen und trainieren. Ich halte gerade das für einen wesentlichen Teil von Bildung.
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Ein schönes Besipiel dafür, wie freie Meinungsäußerung fast in einen "Krieg" ausarten kann, ist der interne Streit der SPD in Thüringen um die Richtungsentscheidung von Christoph Matschie.
Die SPD-Mitglieder sind dort vermutich je zur Hälfte auf der Seite "rot,rot,grün" und "schwarz,rot". Für beide Seiten gibt es gute Argumente.
Wenn ich SPD-Mitglied bin (oder wie hier bei Opinio Autor zu strittigen Themen) muß ich mich am Ende im Kommentar für eine Seite entscheiden oder ich enthalte mich gänzlich der Stimme.
Am Ende gewichte ich meine Argumente und wenn ich einer Seite meine Stimme gebe darf ich nicht vergessen, daß ich damit automatisch den Widerstand der anderen Seite herausfordere.
Auf einer Kur lernte ich mal einen Mann kennen, der nach Malaysia ausgewandert war und nur wegen der guten ärztlichen Versorgung nach Deutschland kam. Dort hatte er es sich zur Regel gemacht, in seiner Wahlheimat niemals eine Meinung zu Religion oder Politik zu äußern. Damit war er gut gefahren.
Dort ist es nämlich noch üblich "Andersdenkenden" - vorwiegend auf den Polizeirevieren - eine empflindliche Tracht Prügel zu verpassen wenn jemand meint, partout seine eigene (z.B. politische) Meinung äußern zu müssen.
Genau deshalb sollte es in Deutschland nicht dazu kommen, daß eine Meinungsäußerung, wenn sie nicht gerade gegen Gesetze verstößt (z.B. Volksverhetzung), gleich staatsanwaltlich verfolgt wird.
Das ist bei mir das Hauptmotiv gewesen bei der Bundestagswahl die Piratenpartei zu wählen ... LG. Michael
aha! | 12.10.09 | 00:21 Uhr
RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Viele verwechseln freie Meinungsäußerung auch mit 'Was sagen können ohne Gegenrede oder Konsequenzen’.
So ist dieses Grundrecht nicht aufzufassen.
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RE: Freie Meinungsäußerung? Denkste!
Wie grenzenlos frei die Meinungsäußerung tatsächlich ist, dazu ein Lesetipp: autorenweb.de, Veröffentlichung vom 10.10.09: "Nie über den Anfang hinaus - durch Herrn S. wiederentdeckt (Romananfang)", Autor Michael Köhn. Da habt ihr die Folgen von Sarrazins Interview. Ein Damm ist gebrochen ... Wacht doch endlich auf.
Arno Abendschön
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