Für alles gibt es ein erstes Mal – für viele wird der Blick auf diese gut gehütete Seite unserer Ordnungshüter ganz bestimmt das allererste Mal sein.
Aus einem Internetprojekt namens „Polizei-Poeten“ entstand ein Buch, das den Lesern und Leserinnen spannenden Einblick in die sonst eher sorgfältig verdeckte, gefühlvolle Seite der Polizisten und Polizistinnen gewährt.
Volker Uhl, der Herausgeber dieser großartigen Anthologie, erzählt in „Wie alles begann“, warum er mit dem Schreiben anfing und wie es zur Gründung der Polizei-Poeten kam. Ein mit leichter Hand und sicherlich viel Abstand geschriebener Text – sogar in der Einleitung, die uns mit „seiner“ ersten Leiche konfrontiert, und der langen Liste weiterer dramatischer „erster Male“ bleibt der Verfasser seinem Stil treu.
Wenn Polizisten Täter werden: „Der Zirkusbesuch“ und der daran anschließende Bericht über einen jungen Beamten, der sich am Misserfolg der Fahndung schuldig fühlt, greift den Fall eines Mörders auf, der zur Vorbereitung seiner Banküberfälle auch vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckte – nicht einmal seine eigene Familie sollte vor ihm sicher sein. Umso bemerkenswerter die sachliche Beherrschtheit, mit der Volker Uhl – selbst dreifacher Vater – das Thema behandelt.
„Die Frau in Rot“ (aufgezeichnet von Volker Uhl). Ein Mann, eine Frau und eine Tiefgarage – wenn die menschlichen Tragödien ihren Lauf nehmen, müssen die Beamten auch mal den Sterbenden zur Seite stehen. Ein Engel in Uniform...
Einen unterhaltsamen Einstieg in das Buch liefert „Biest“ von Steffen Pudimat. Wer bislang Polizisten als „Bullen“ diffamierte, wird hier schlauer: In diesem Mann steckt eindeutig ein Wolf. Oder gibt es Wer-Bullen? Wer-weiß?
„Nachtschicht“, ebenfalls von Steffen Pudimat, ist eine temporeiche Geschichte mit einem zum Glück guten Ende, dem aber der mögliche schlechte Ausgang eindrucksvoll angefügt wird. Ein begabter Schreiber, von dem ich gerne mehr lesen würde.
„Zehn Frauen und ein weißer Kadett“ von Karin Stark und „Anna und ihr Vater“ von Jörg Schmitt-Kilian sind zwei Texte, die sich engagiert und einfühlsam mit Sexualstraftaten auseinandersetzen.
Alle 37 Geschichten an dieser Stelle zu besprechen, würde den Rahmen einer einfachen Rezension schnell sprengen. Insgesamt ist das Buch eine gelungene Mischung aus Drama und Komödie, von dem man nicht erwarten darf, dass man es mal so nebenbei in einem Rutsch durchliest. Hat man eben noch über ein echtes Schelmenstück gelacht, bleibt einem das Lachen bei der tragischen Entwicklung in der nächsten Story gleich wieder im Halse stecken. Nicht eine der Geschichten lässt den Leser unberührt und bei mancher schnürt sich die Kehle zusammen, bis man vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen verstehen kann, was diese Männer und Frauen täglich erleben und empfinden müssen.
„Man kann mehr tun, als man vielfach glaubt und sollte die Chance, sich als Mensch zu zeigen, niemals ungenutzt lassen.“
Helmut Lukas, „Der schwerste Gang“
Diese polizei-poetische Betrachtung nehme ich als meine persönliche Lieblingsstelle aus dieser Anthologie mit. Es wäre schön, wenn möglichst viele Menschen sie zu beherzigen lernten.
Ergänzt wird die Ausgabe im übrigen noch durch die stimmigen Schwarzweiß-Fotos der Fotografin Suzanne Eichel, deren Bilder wie sensible Kommentare zu den Geschichten wirken.
Wer also mehr über die Menschen in Uniform erfahren möchte, tut mit diesem Buch sicher einen sehr guten Griff. Und mit dieser Meinung stehe ich eindeutig nicht alleine da: Nach der Erstveröffentlichung im September 2005 hat diese ungewöhnliche Variante des Polizeiberichts es innerhalb von nur zwei Monaten bereits zur dritten Auflage gebracht. Herzlichen Glückwunsch und weiter so viel Erfolg!
Die erste Leiche vergisst man nicht
Polizisten erzählen
Herausgegeben von Volker Uhl
Mit Fotos von Suzanne Eichel
Vorwort von Dietz-Werner Steck ("Kommissar Bienzle")
© 2005 Piper Verlag GmbH, München
SP 4503
224 Seiten
EUR 8,90
ISBN-13: 978-3-492-24503-6
ISBN-10: 3-942-24503-X
(verkürzte Überarbeitung meiner eigenen im Internet veröffentlichten Rezension)