Das Konsumklima sinkt. Händler warten vergebens auf Käufer. Rezession in Sicht?
Das hatten wir uns alle am Anfang des Jahres nicht so vorgestellt. Die guten Lohnabschlüsse sollten unser Portemonnaie füllen, dieses Jahr und auch nächstes. Und dann könnte man sich endlich wieder etwas mehr leisten als in den letzten 10 oder 20 Jahren. Ein begründeter Optimismus machte sich breit, der bei den Arbeitnehmern positive Erwartungen für die Entwicklung der kommenden Monate schürte.
Es sollte doch nur ein Strohfeuer von einigen Wochen werden. Die Abschlüsse in vielen Tarifbereichen erreichten die 4 und 3 % Marken. Die Teuerungsraten zogen jedoch seit April auf das gleiche Niveau mit. Das Einkommensplus war also schnell nivelliert. Hinzu kamen die noch immer wirksamen Effekte der Mehrwertsteuererhöhung um 3%. Und es wurde schnell sichtbar, dass die Energiepreiserhöhung ein weiterer Preistreiber für die allgemeine Inflation in diesem Jahr werden sollte. Gleich zweimal erhöhte sich in diesem Jahr das Niveau um 20 – 30%.
Woher soll man da noch Zuversicht nehmen, dass der Aufschwung weiter tragen wird? Gott sei Dank hat er auf dem Arbeitsmarkt eine starke lindernde Wirkung ausgelöst. Wir beklagen immer noch eine zu hohe Arbeitslosigkeit und vor allem Langzeitarbeitslosigkeit. Der eindeutige Effekt einer Senkung der Arbeitslosenzahlen von 5,1 Millionen auf derzeit 3,2 Millionen ist jedoch unübersehbar und hat viele in Brot und Lohn gebracht. Wenn auch nicht immer zu akzeptablen oder gar günstigen Bedingungen. Die Zahl der Beschäftigten ist auf eine Höhe von 40, 3 Millionen gestiegen. Das ist bundesrepublikanischer Rekord.
Neuerdings gibt es auch Einbrüche zu verzeichnen auf einem Gebiet, auf dem die Bundesrepublik bislang immer Weltmeister gewesen ist, und erst im vergangenen Monat von China abgelöst wurde, dem des Exports. Der vom deutschen Ifo-Institut berechnete Exportklima-Index ist so schlecht wie seit 15 Jahren nicht mehr. So kann es nicht wunder nehmen, dass, wenn beide Effekte zusammenlaufen, schwache Binnennachfrage und stotternder Exportmotor, dann die Rezession ihre Schatten voraus wirft. Die derzeitige Diagnose lautet jedoch erst einmal Stagnation, da aber dann schon im dritten Quartal.
Was bedeuten diese Zusammenhänge und die daraus resultierenden Einschätzungen für die Bürger?
Wie immer, und wie zu erwarten ist, verheißen sie nichts Gutes für Hartz IV Empfänger, aber auch für AN, die halbtags oder in Vollzeit im Niedriglohnsektor Arbeit haben. Auch die 20 Millionen Rentner der Republik sind hiervon betroffen. Ihre spärlichen Erhöhungen gleichen die gewaltigen Inflationssprünge bei weitem nicht aus. So berechnet das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg und Essen für das am wenigsten verdienende Bevölkerungsviertel ein Minus an Kaufkraft von 14% im Zeitraum von 1995 bis 2006. Bei einem 2 Personen Haushalt mit einem Einkommen von 1200 € entspricht das einem Verlust von 170 €, weiß Gott kein Pappenstiel! Darin eingerechnet sind noch nicht einmal die Kaufkraftverluste wegen gestiegener Nahrungsmittelpreise, Heizung und Sprit aus diesem und dem vergangenen Jahr.
Und die Prognose für 2009 fällt nicht viel optimistischer aus. Das diesjährige Wachstum von 2% hat immerhin die Arbeitslosigkeit auf 3,2 Millionen deutlich reduziert. Im kommenden Jahr dürfte es nur noch bei 1,2 % liegen, und leider die Zahl der Arbeitslosen nur noch auf 3,1 Millionen senken. Wenn die Inflation immer noch bei 3% verharrt, sind die Tariferhöhungen schon längst verbraucht. Und das schwächere Viertel muss mit weiteren Kaufkraftverlusten rechnen.
Das längst diskutierte Mittel von Steuersenkungen bringt natürlich Wirkungen. Aber vor allem bei den Durchschnitts- und Gutverdienern. Ihnen muss nun in dieser Situation nicht unbedingt geholfen werden. Mindestlohn hilft, wenn überhaupt nur denen, die Arbeit haben. Tendenziell trägt er aber zu Arbeitsplatzverlusten bei. Aufschwung stabilisierend könnte eine weitere Senkung der Lohnnebenkosten auf 3% oder darunter sein. Aber auch das wird nur die Zahl der Arbeitslosen senken, nicht das Budget der Schwächeren steigern.
Natürlich ist Erhöhung von Hartz IV, und zwar eine deutlichere als um 10 € angesagt. Weitere Maßnahmen wie Kindergelderhöhung sind im Gespräch. Auch Steuersenkungen sind unvermeidbar, um das Wirtschaftsgeschehen zu stimulieren. Dazu gehört sicher, die längst angepeilte Erhöhung der Pendlerpauschale.
Ein Allheilmittel stellt keines der hier angesprochenen Rezepte dar. Man wird sich nach zwei Jahren eines bescheidenen Aufschwungs leider auf Weniger einstellen müssen. Dabei ist wieder einmal ein Solidaropfer der Mittelschicht gefragt. Ohne ihre Unterstützung bricht das gesellschaftliche Wir-Gefühl auseinander. Das können wir uns schon in sogenannten normalen Zeiten nicht leisten. Um wie viel wichtiger wird dieser Gruppengeist erst in wirklich angespannten Situationen sein, die wir erst 2010 und 2011 zu erwarten haben.
So richtig positive Perspektiven kann ich guten Gewissens nicht ausmalen. Aber das Gefühl, dass es nicht viel schlechter kommen wird, dann doch. Und im Wahljahr wird wohl die eine oder andere lässliche Sünde an Wohltaten noch hinzukommen. Wir hoffen keine all zu großen. Aber den Versprechungen der Linken werden sich auch die Vertreter der großen Koalition nicht ganz und gar entziehen können.
Halt, doch! Vielleicht gibt es noch einen Lichtblick, der uns hoffen lassen kann. Der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, gibt dazu in einem Interview mit der Wochenzeitschrift ZEIT ONLINE allen Anlass. Ich zitiere:
"Der Ölpreis fällt wieder. Wenn er der Hauptgrund für die Vollbremsung unserer Wirtschaft war, muss er jetzt auch positive Wirkungen zeitigen. Eine könnte sein, dass sich schon im dritten oder vierten Quartal der Konsum verbessert. Das würde der Konjunktur wieder Fahrt geben."
Zitatende. Aus dem Interview mit Alexandra Endres ZEIT Nr. 32 vom 28.08.08
Und ein letzter zaghafter eigener Versuch könnte der Hinweis auf einen schwachen Dollar sein. Der übrigens im Gefolge so schlechter Nachrichten weiter fallen dürfte. Er stärkt die Absatzchancen unserer Exportindustrie. Das sichert in diesem Bereich Arbeitsplätze. Aber leider ist die Kehrseite ein Doping für die Inflation. Das wollen wir natürlich nicht. Es ist wie die Wahl zwischen Skylla und Charibdis. Manchmal weiß man nicht, welches Übel man bevorzugen sollte.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer könnte das neue Modell der SPD für die Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit sein. Die Finanzierung eines Ausbildungs- und Vermittlungspools. Wenn Lernen bei den jungen Leuten nicht mehr klappt, vielleicht nehmen es dieselben Bewerber am Arbeitsmarkt 10 Jahre später ernster, wenn sie erwachsen sind und wissen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Das Programm kostet leider Geld, das der Haushaltssanierung der BA dann nicht mehr zu Verfügung steht und auch nicht zur Beitragssenkung eingesetzt werden kann.
Und hier noch ein paar kluge Sprüche, von Leuten, die über Sparen nachgedacht haben:
Für den Normalbürger bedeutet Sparen: Er gibt das Geld, was er hat, zunächst nicht aus. Für den Staat bedeutet Sparen: Er gibt das Geld, was er nicht hat, nicht aus.
Fritz Süverkrüp, Honorarkonsul
Sparen: Wo Loch ist, soll Käse werden.
© Dr. phil. Manfred Hinrich, (*1926), deutscher Philosoph, Lehrer, Journalist, Kinderliederautor, Aphoristiker und Schriftsteller
Wer noch mehr lesen will über die spannenden Zusammenhänge von Konjunktur, Inflation und der Lage im eigenen Portemonnaie, der kann das tun und zwar
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Fotoquelle
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S. Hofschlaeger
Claudia Hautumn
schemmi
Lothar Heimbrock 2008