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Deutschland |  16.01.09 |  12:43  Uhr

18 Minuten!
von Zwillinge | Kaarst |  1885 mal gelesen
Mit Standard unter die Erde
Regen klatscht auf den Sarg, der Himmel ist grau und trübe, am Boden vermischt sich der Schneematsch mit dem Schmutz der Schuhe und Stiefel.

Passendes Wetter für eine Beerdigung.

Das Loch ist tief, sehr tief, in das der Sarg verschwindet. Ich weiß das, doch jedes Mal ist wieder schrecklich. Ich blicke auf die Blumen, die die Oberfläche der letzten Behausung verdecken und wende mich zum Gehen.

Mein Blick fällt auf meine Armbanduhr.

18 Minuten sind vergangen, seit die Trauerfeier begonnen hat.

18 Minuten!

Und dann war die Frau beerdigt. 18 Minuten, um ein immerhin 92-jähriges Leben abzuschließen. Das ist ein neuer Rekord. Ich habe schon an vielen Beisetzungen teilgenommen, aber so rasch habe ich noch nie jemanden in der Erde verschwinden sehen.

Warum muss man so schnell Abschied nehmen? Warum bekommt man einen Wortgottesdienst mit vorgefertigten Sprachschablonen über ein Leben, dessen Tragweite sowieso niemand ermessen kann? Warum wird noch nicht einmal ein Lied gesungen? Nur am Beginn und am Ende ertönt etwas Musik von der kleinen Orgel.

Das ist Standard für eine katholische Beerdigung, wenn die Angehörigen keine besonderen Wünsche haben, erfahre ich.

Eine Standard-Beerdigung. Merkwürdiger Ausdruck. Aber wahrscheinlich sehr geläufig unter Bestattungsunternehmern (und unter Priestern.) Ich erinnere mich an ein Gespräch wegen einer Beerdigung im Familienkreis. Der Bestatter sagte: "Mit dem Satz 'Ich möchte eine schöne Beerdigung' kann ich gar nichts anfangen. Ich brauche Fakten!"

Geschäft ist Geschäft. Arbeitslos wird man nie und die Konkurrenz ist groß.

Zurück zu der Frau, die nun ihren letzten Weg hinter sich gebracht hat, um in der kalten Erde zu ruhen. Ob der Standard in ihrem Sinne war?

Man weiß es nicht.

Der anschließende lang andauernde "Leichenschmaus" macht deutlich, dass die Angehörigen auf der Suche nach Trost und Beistand sind. Die Turbo-Beerdigung kann ihnen beides nicht bieten.

18 Minuten - mehr braucht es nicht. Es kommt mir vor wie eine Farce, eine Banalität, etwas Absurdes. Oder entspricht das dem Leben? Es ist eben banal. Und das Ende ist es auch.

Ich sollte wirklich irgendwann (?) Vorkehrungen treffen, damit ich nicht in 18 Minuten unter der Erde bin....denn am Ende der Beisetzung heißt es: "Wir beten für denjenigen aus unserer Mitte, der als erster dem Verstorbenen nachfolgt."

Gut, dass man nicht in die Zukunft blicken kann ...
 
Meinungen von Lesern zu diesem Artikel
Riolit | 23.01.09 |  12:02  Uhr
RE: 18 Minuten!
Hallo Elisabeth,

18 Minuten sind wahrlich nicht viel Zeit, um ein 92jähriges Leben Revue passieren zu lassen. Es kann doch aber wirklich sein, dass die Angehörigen das so gewünscht haben.

Mir persönlich ist wichtiger, dass man den Toten zu Lebzeiten Respekt und Ehre erwiesen, sich mit ihnen beschäftigt und mit ihnen gelacht hat. Was ich am meisten verabscheue, sind Lobhudeleien und tränenreiche Reden, obwohl die/der Verstorbene ein echter Arsch war oder obwohl die Angehörigen gar keinen Kontakt gepflegt haben.

Ich wünsche mir das so (egal, ob´s mich morgen, in zehn oder in 40 Jahren erwischt):

Es sollen Leute kommen, die mir wichtig waren und denen ich etwas bedeutet habe. Ein paar, die meinen, sie könnten das, dürfen über mich oder gemeinsame Erfahrungen erzählen. Dabei darf / muss auch Negatives genannt werden. Danach geht´s zu einem guten Italiener, es gibt Antipasti und Wein. Nach dem Essen werden die Tische zur Seite geräumt und es darf getanzt werden.
Als Todesanzeigenspruch hätte ich gern was Selbstgeschriebenes, ansonsten den lieben Eichendorff "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus".

Vielleicht lass ich diese Wünsche direkt vom dreistein notariell beglaubigen.

Es ist wichtig, dass wir uns mit Tod und Sterben beschäftigen. Das gehört zum Leben dazu.

Lieben Gruß,
Riolit

P.S. Wehe, jemand lässt "Time to say goodbye" bei meiner Beerdigung dudeln. Dem kündige ich posthum noch die Freundschaft.
kanelbulle | 20.01.09 |  00:59  Uhr
RE: 18 Minuten!
Es finden ja Gespräche statt zwischen den Angehörigen und dem Vertreter des Bestattungsunternehmens sowie - wenn gewünscht - einem Vertreter der entsprechenden kirchlichen Organisation. Da wird der Ablauf der Trauerfeier besprochen. Abgesehen davon, dass es auch ein finanzielles Problem ist, sollte man auch berücksichtigen, dass sich die Angehörigen in einer Extremsituation befinden, in der man bestimmt nicht unbedingt immer die richtigen Entscheidungen trifft.

Wir haben uns bei der Beisetzung meiner Mutter mit Rücksicht auf unseren 83jährigen kranken Vater für eine kurze Trauerfeier ohne viel Sentimentalität entschieden, was bei den übrigen Anverwandten auch nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen ist.
Wir als engste Angehörige haben es nicht bereut. Man sollte eine solche Entscheidung respektieren.

Ich glaube nicht, dass der Ablauf einer Trauerfeier über die Köpfe der Anverwandten hinweg entschieden wird. Auch nicht in Kaarst. Wie im Kommentar von wjh51 schon gesagt.

lg
kanelbulle
FeZi | 18.01.09 |  15:24  Uhr
RE: 18 Minuten!
Beerdigungen sind - wie Weihnachtspredigten für einen Pastor eine tolle Gelegenheit zur Evangelisation, weil dann Menschen in der Kirche auftauchen, die sonst nicht kommen.
Wenn es mit mir demnächst so weit sein sollte, würde ich mich freuen, wenn ihr zu meiner Beerdigung kämet, aber vorsicht, es könnte rührend werden. Die Gestaltung überlasse ich denen, die diese "Feierlichkeit" überstehen müssen.
Und was ganz besonders klasse wäre, wäre ein Nachruf von Riolit (s. "Die Zeitung von gestern")
Herzliche Grüße von Femke
Mona Stephan | 18.01.09 |  13:29  Uhr
RE: 18 Minuten!
Wie recht Du mit diesem Artikel hast.
Wenn ein Mensch geboren wird, erwartet man ihn mit Freuden, wenigstens meistens. Er wird in den Arm genommen an das Herz gedrückt und viele gute Wünsche ausgesprochen für sein Leben.
Er hat die Welt sicher ein wenig besser gemacht.
(Auch in den meisten Fällen) und nun am Lebensende ?
Es sieht so aus, als wäre es uns fast peinlich da auch
liebevolle Gedanken auszusprechen und den Sterbenden oder Toten noch einmal in die Arme zu nehmen. Schade! Ich hoffe, mein eigenes Ende ist meinen Lieben etwas mehr als 18 Minuten wert.
Liebe Grüße von Mona aus Dormagen
RPostwendend | 17.01.09 |  19:47  Uhr
RE: 18 Minuten!
Das ist Standard für eine katholische Beerdigung, wenn die Angehörigen keine besonderen Wünsche haben, erfahre ich.

Und warum haben offensichtlich manchmal die Angehörigen keine besonderen Wünsche? Sind sie so unaufgeklärt, daß sie nicht wissen, daß sie auch Wünsche äußern können? Und daß sie sehr wohl längere Trauerfeiern haben können?
Silijo | 17.01.09 |  18:21  Uhr
RE: 18 Minuten!
Ach ja, noch etwas: Wir haben das Glück in unserem Ort einen Bestatter zu haben, für den sein Beruf eine wirkliche Berufung ist! Ich würde mir wünschen, es gäbe viel mehr von seiner Sorte!
Silijo | 17.01.09 |  18:15  Uhr
RE: 18 Minuten!
Nun, bei Regen von oben und kalten Füßen von unten wird bei vielen Trauergästen wohl auch keine rechte Andacht aufkommen!

Aber im Ernst:
Es kommt nicht auf die Länge an, sondern auf die Gestaltung? Mit Verlaub, was ist das für ein Quatsch? Wie soll man in 18 Minuten - inklusive Sarg in die Erde lassen! - eine würdige Trauerfeier gestalten? Das geht nun mal gar nicht.
Sicherlich kann man die Trauerfeier an sich auch aus dem Rahmen der Beisetzung herausnehmen und zu anderer Zeit und an anderem Ort eine angemessene Würdigung des Verstorbenen zelebrieren, dennoch finde ich dieses oftmals schnelle Verscharren sehr pietätlos.
Liebe Grüße
Sigi
Rosa Canina | 17.01.09 |  16:15  Uhr
RE: 18 Minuten!
Elisabeth - Glückwunsch!

Bestattung schlägt Dschungelcamp um Klicklängen;-))
Datt freut mich!
Liebe Grüße
Petra
Zwillinge | 17.01.09 |  15:53  Uhr
RE: 18 Minuten!
Vielen Dank an alle. Es kann aber nicht sein, dass ein Leben in so kurzer angemessen gewürdigt wird. Im übrigen bringt es nichts, das Thema zu verdrängen. Der Tod und seine Folgen gehören nun einmal zum Leben dazu.

Und danke an die Klicks vom Bestatterblog....;-)
GehDanke | 16.01.09 |  20:24  Uhr
RE: 18 Minuten!
Manch eine pompöse Beerdigung wirkte wie eine Beruhigung des schlechten Gewissens, das man sich zu Lebzeiten nicht mal 18 Minuten um den / die Verstorbene gekümmert hat.
Für Besuche, oder einen Brief keine Zeit fand.
Und plötzlich ist es vorbei.
Und man sorgt sich nur noch darum, was die ,,Anderen" sagen werden, wenn man den/die Tote einfach so unwürdig verscharrt.

Alles hat seinen Preis.
Gerade hier bei uns in Deutschland. Mit diesem schlechten Gewissen machen die Bestatter ihren Schnitt.
Habe gestern noch in einer Politsendung einen Bericht dazu gesehen, wie die trauernden Hinterbliebenen übers Leder gezogen werden.
Man hat keine Zeit für den Tod.
Er ist nichts für das Leben.
Und da wollen wir nach einer Beerdigung wieder hin.
Zurück bleiben nur Erinnerungen.
Oder das schlechte Gewissen.

Bedrückte Grüße

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