Über junge, aber zu alte Berufseinsteiger und Akademiker. Oder: Über den Versuch, Versuchskaninchen schneller zu machen.
Der Turbo wird zugeschaltet
Im Begriff
Turbo liegt eine schnelle, ein kraftvolle Bewegung, eine, die etwas antreiben, beschleunigen soll. Niemand weiß, wer ihn wann zuerst mit den altvertrauten Begriffen
Gymnasium und
Abitur verkuppelt hat. Aber nun sind sie da, als zwar eigentlich unschöne, aber doch praktische und abkürzende, also auch sprachbeschleunigende „Arbeitsbegriffe“ in Debatten und Diskussionen:
Turbo-Gymnasium und
Turbo-Abitur. Deutsche Gymnasiasten sollen ihre Hochschulreife nach dem so benannten System in der Regel nach acht Jahren („G8“) statt – wie früher – nach neun Jahren („G9“) erwerben.
Die Auswertung der Pisa-Ergebnisse im Jahre 2001 hatte nicht nur eine inflationäre Verwendung des Begriffs
Schock zur Folge; nein, sie führte auch zu Denkrichtungen und Maßnahmen, bei denen das eigentlich notwendige klare Folgedenken noch sehr von eben diesem Schock getrübt war. Polituren im Eiltempo waren angesagt, eine Husch-husch-Mentalität wurde bedient, dem Beschleunigungswahn gefrönt – und: der Turbo angeworfen.
Da waren’s nur noch acht
Die deutschen Landesregierungen nahmen gleichsam einen Prestigewettkampf auf um die schnellsten Maßnahmen. Schon bald sprach sich der Übergang von G9 zu G8 als eine angebliche Wunderwaffe herum, die nun jeder nach der Reihe besitzen und bedienen können wollte. Die letzten beiden Exemplare gingen inzwischen an die Länder Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz.
In der Regel bedeutet G8 zunächst: Der gesamte Stoff, der bisher in sechs Jahren, den Schuljahren 5 bis 10, behandelt wurde, soll nun ungekürzt in fünf Jahren „durch“ sein, in den Schuljahren 5 bis 9. Ob und wie die bisherige Oberstufe (Klassen 11 bis 13) von Änderungsmaßnahmen berührt werden könnte, wurde zunächst gar nicht bzw. unterschiedlich diskutiert. Gesichert scheint zunächst einzig ihre Umnumerierung (in Klasse 10 bis 12). In die Diskussion kommt aber auch verstärkt die (neue) Klasse 10, die – um es mal in PC-Anwendersprache auszudrücken – auch als „Auslagerungsdatei“ fungieren könnte; die eine Möglichkeit bieten könnte, „Altlasten“ aus den voraufgegangenen Turbo-Jahren entsorgen zu helfen. Sie würde allerdings damit in ihrer bisherigen Rolle als Orientierungsstufe oder als
die Gelegenheit für ein Auslandsjahr beschnitten.
Rechtfertigung von nicht recht Fertigem
Kann man den Ansatz, G8 „pisaisch“ zu rechtfertigen, noch dem oben erwähnten und offenbar immer noch Wirkung zeigenden Schock zuschreiben (der in der Regel ja alles zu entschuldigen geeignet ist), so sieht es mit dem anderen, dem meistangeführten Beweggrund bedeutend schwieriger aus. „Wir stehen unter einem internationalen Wettbewerbsdruck, weil unsere Akademiker zu alt sind“ stellte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff mahnend fest. Ein Jahr, ein einziges eingespartes, soll nun eine größere Rolle spielen als bewährte Bildungsqualitäten und Schlüsselqualifikationen? Der Verdacht liegt nahe, daß sogar die Lage der Rentenkasse hier (heimlich) ein Wörtchen mitredet. Dabei ist der Umstand, daß deutsche Berufseinsteiger „überaltert“ seien, eher von anderen Faktoren abhängig: von den teilweise unnötig langen Studienzeiten, von den zeitlichen Verzögerungen zwischen Abitur und Studienbeginn und von dem relativ hohen Einschulungsalter. Außerdem herrschen in den Ländern, die wegen ihrer kürzeren Zeiten bis zur Hochschulreife gerne als nachahmenswert angeführt werden, meist völlig andere Voraussetzungen (z. B. genereller Ganztags- oder obligatorischer Samstagsunterricht, kleinere Klassen ...). Innerhalb der Europäischen Union gibt es eine nicht eingeschränkte Hochschulreife nach 12 Jahren nur in Belgien.
Darf’s ein bißchen weniger sein?
Sehr Uneinheitliches hört man über eine angebliche Verschlankung bzw. Kürzung der Gesamtstundenzahl. Die jetzige Bundesbildungsministerin Annette Schavan hatte, als sie noch ihrem baden-württembergischen Kultusministerium vorstand, schon versichert, man werde auf keine Unterrichtsinhalte verzichten. Ähnliches bekam man auch bei der Einführung von G8 in Nordrhein-Westfalen (wie in den meisten Bundesländern) zu hören: keine einzige Stunde solle verlorengehen. Aus Niedersachsen aber kam die mahnende Stimme des Ministerpräsidenten Wulff, der seinen in den Vorjahren an die Kultusministerkonferenz gerichteten Rügen eine weitere hinzufügte; es werde „schon zu lange über eine Verkürzung der vorgeschriebenen 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur debattiert“. Wulff forderte dabei sowohl eine Verringerung der Unterrichtsstunden als auch eine Entrümpelung der Lehrpläne.
Über konkrete Formen solcher „Entrümpelungen“ ist noch sehr wenig zu erfahren, wahrscheinlich auch noch zu weniges spruch- und druckreif. Zu vermuten ist allerdings in diesem Zusammenhang ein Gezerre unter den Vertretern der verschiedenen Fächer. Kunst, Musik, Sport, Religion – so ist zu vermuten – stehen dabei nach wie vor im Verdacht, weiterhin Spitzenplätze in der potentiellen Streichliste zu belegen.
Auszug aus der Mängelliste
Nach Kritikpunkten, die das Unternehmen G8 in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen, die ihm gar ganz konkrete Vorwürfe machen, muß man nicht lange suchen; weder in direkten Gesprächen mit Schülern, Eltern und Lehrern noch im Internet. Vorausschauende Pläne werden da vermißt, klare Konzepte, gesicherte Rahmenbedingungen (wie z. B. eine Anpassung der Lehrwerke oder die Sicherstellung von Mahlzeiten vor den vermehrt notwendig gewordenen Spätstunden); eine Einschränkung der „aufsteigenden Durchlässigkeit“ von anderen Schultypen wird bemängelt. „Konzeptionslos, überstürzt und dilettantisch eingeführt“ ist das Turbo-Abitur nach Auffassung von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. Und zu allem gesellt sich (nach wie vor) der gravierendste Stichpunkt: daß der Lehrermangel nicht vorrangig behandelt wird. Wobei der Begriff „Mangel“ sich nicht nur auf die zu geringe Anzahl vorhandener Lehrer bezieht, sondern immer mehr auch auf die Art und Weise ihres Wissentransfers sowie auf ihr(e) Kooperationsvermögen und -bereitschaft.
Der deutsche Lehrerverband (DL), die Bundesschülerkonferenz (BSK) und der Landesschülerverband NRW sind sich in ihrer durchweg ablehnenden Haltung gegenüber dem so eingeführten Turbo-Abi einig. Die Rheinische Direktorenkonferenz und die Landeselternschaft an Gymnasien nehmen eine eher beschwichtigende und um Geduld und Verständnis bittende Rolle ein, fordern aber Nachbesserungen und mehr Informationen. Derweil übt sich Staatssekretär Günter Winands vom NRW-Kultusministerium im Schönreden: „G8 ist nicht so schlecht wie sein Ruf“ (was noch zu beweisen wäre) und „überhaupt müsse bei der Lernphilosophie umgedacht werden“.
Die direkt Betroffenen: die Schüler
Um wen geht’s denn hier überhaupt? Es gab immer einige Schüler, die die Schule ohne nennenswerte Probleme durchlaufen haben, einfach ihren Weg gegangen sind; die das, was ihnen die Schule nicht (mehr) geboten, nicht (weiter) erklärt und vermittelt hat, selbst zu ergänzen wußten, und die darüber hinaus auch noch großzügige sportliche Trainings-, musikalische Übe- und/oder zusätzliche Lernzeiten für schon vorhandene Spezialgebiete abzweigen konnten. Für sie gab es bisher stets die Möglichkeit des Klassenüberspringens, also eines individuellen G8-Erlebnisses. Um die gegenwärtigen Schüler dieser „Klasse“ geht’s hier nicht. Daß es nach wie vor auch Schüler gibt („Vleicht komm ich auch auf Ginnasium“), die trotz fehlender Eignung „irgendwie doch“ auf die gymnasiale Schiene gelangt sind (nach entprechend manipulierter Weichenstellung), die eigentlich irgendwo anders besser aufgehoben wären, wenn (insbesondere) ihre Eltern es wirklich gut mit ihnen meinten, ist ein Problem eigener Art, das einer eigenen Behandlung bedürfte. Das allerdings unter G8 zu einem noch größeren werden könnte.
Aber was ist mit dem „Hauptfeld“, der großen Menge der Schüler zwischen den Ausreißern und den schon früh (oder zu früh) Abgehängten? „Die können sich nicht mehr engagieren, weil sie pauken müssen“ sagt Horst Wenzel, der Landesschülervertreter NRW, über seine Leidensgenossen. Und „Die tun uns leid“ sagen G-Neuner über die G-Achter. Für die Mehrzahl der Schüler sind die Grenzen der Belastbarkeit erreicht; einschließlich Hausaufgaben und Vorbereitung für Klassenarbeiten kommen sie auf eine 50-Stunden-Woche. Wer will sich da noch an Projekten der Jugendarbeit beteiligen, wer hat noch Gelegenheit, in ehrenamtliche Tätigkeiten hineinzuwachsen, die doch nach wie vor besonders von Politikern immer so hoch angepriesen werden? Hinzu kommt, daß in diese Jahre der Mehrbelastung auch noch ihre Pubertät fällt.
Die Mitbetroffenen: Eltern und Lehrer
Eltern, die mit ihren älteren Kindern auch noch G9 er
leben durften, stellen krasse Unterschiede fest („G9 war entspannter und kindgerechter“). Sie sind öfter und mehr gefordert, unterstützend einzugreifen, manchmal bis in die späten Abendstunden. Der Bedarf an Nachhilfestunden wird größer – und damit auch die Bereitschaft der Eltern, solche zu ermöglichen. Zumindest ab dem Anforderungsstand, bei dem ihre eigene Kompetenzen und/oder Möglichkeiten ausgereizt sind.
„Die meisten Schulen sind bei der G-8-Umstellung sträflich alleingelassen worden“ bemängelt Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklung in Dortmund. Das bekommen insbesondere auch deren Lehrer zu spüren, die der mehr und mehr schwindenden Zeit zum Wiederholen und Vertiefen nachtrauern und sich in der Zwangslage, den Lehrbuchstoff gnadenlos durchziehen zu müssen, äußerst unwohl fühlen.
Abseh-, Feststell- und Beklagbares
Die Anzahl der Schüler, die in der Erprobungsstufe Schwierigkeiten bekommen bzw. schon scheitern, hat sich merklich erhöht. Dazu trägt u. a. auch die frühe zweite Fremdsprache bei. Gleichzeitig wird das Angebot, später noch eine dritte Fremdsprache zu erlernen, weniger in Anspruch genommen. Die freiwilligen Arbeitsgemeinschaften der Schulen (Sport, Theater, Tanz, Orchester, Musical ...) verzeichnen weniger Zulauf. Ganz deutlich erhöht haben sich als Folge dieser absehbaren Schwierigkeiten die Anmeldezahlen bei den Gesamtschulen, die weiterhin in 13 Jahren zum Abitur führen.
In Sportvereinen und Musikschulen ergibt sich eine völlig neue Situation. Nicht nur, daß wegen der oft weit in die Nachmittage hineindauernden Schulstunden die Inanspruchnahme bestimmter Trainingszeiten und Musikstunden eingeschränkt ist und oft in die späteren Stunden verschoben werden muß, auch für das regelmäßige persönliche Zusatztraining und für die notwendigen Übezeiten bleibt immer weniger Raum. Man nimmt also eine enorme Einschränkung in Kauf, und das gerade in solchen Bereichen, die ausgesprochen persönlichkeitsbildend sind und soziale Kompetenz fördern.
Klaus Kühn vom saarländischen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bedauert, daß Praxen mittlerweile „zu Reparaturwerkstätten einer krankmachenden Schule“ geworden seien. Besonders unter Siebt- und Achtkläßlern zeigen sich vermehrt Streßsymptome wie Eß- und Schlafstörungen sowie Bauchschmerzen.
Nichts dazugelernt? – Hausaufgaben für alle
Ist das Chaos, das die Kultusminister in den Jahren der Rechtschreibreform mit eben dieser zu verantworten hatten, schon vergessen? Nachdem sie dieses Unsummen verschlingende und in dieser Form völlig unnötige Projekt weitgehend hinter verschlossenen Türen und gegen den Mehrheitswillen des Volkes durchgezogen hatten (was letztlich nur unter Einsatz von Tricks und täuschenden Maßnahmen und nach notdürftigen und aus fadenscheinigen Gründen abgebrochenen Reparaturarbeiten möglich war), hatten sie damals immerhin nachträglich kleinlaut eingestanden, daß es ein Fehler war, sich in diese Angelegenheit einzumischen. Nur „aus Gründen der Staatsräson“ sei die Reform letztlich durchgezogen worden, so bestätigte die damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Johanna Wanka, dann hinterher.
Staatsräson! Welch großes Wort! Welche Werte soll man ihr denn noch opfern? Die Parallelen sind unübersehbar. Wenn da nun beim Projekt „Turbo-Gymnasium“ nicht anstelle weiteren halbherzigen Herumdokterns sehr bald, glaubhaft und wirkungsvoll vieles geschieht, an ergänzenden, begleitenden (Politikersprache: „flankierenden“) oder auch alternativen Maßnahmen, und das (wenigstens hier!) in enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit Leuten aus der Praxis, werden sich die Damen und Herren Politiker bald vorwerfen lassen müssen, auch hier unter Einbringung grober Inkompetenz wieder etwas unnötig in den Sand gesetzt zu haben. Wieder das Tempo des Durchziehens anderen längst als wichtiger erkannten Faktoren übergeordnet, wieder berechtigte Einwände von Kritikern in den Wind geschlagen und wieder einmal leichtfertig Kinder und Jugendliche als Versuchskaninchen benutzt zu haben. Solange man von Schülern verlangt, daß sie ständig dazulernen (insbesondere aus Fehlern) und ihre Hausaufgaben machen, sollte man das von den politischen Entscheidungsträgern auch verlangen dürfen.
Ein Nachwort zum Nachdenken
In der Sprache der alten Römer, die sich in deutschen Gymnasien wieder steigender Beliebtheit erfreut, gibt es das Wort
turbo – als erste Person Singular von
turbare. Für die Nicht-, Nichtmehr- oder Nochnichtlateiner: es bedeutet
Verwirrung anrichten, Unruhe stiften, (zer)stören, bestürzt machen. So gesehen sollte uns der Begriff
Turbo-Gymnasium doch zu denken geben – mehr und auch anders als bisher. Unsere Schüler sollten zu Recht, in Anlehnung an den archimedischen Spruch „Noli
turbare circulos meos“, fordern dürfen: „Zerstört uns unsere Kinder- und Jugendzeit nicht!“ Und sich dabei der Unterstützung ihrer Lehrer und Eltern gewiß sein können. Bei den Politikern bleiben diesbezüglich berechtigte Zweifel.
ANHANG
Die von mir im Beitrag verwendeten Bezeichnungen „Schüler“, „Lehrer“, „Politiker“, „Minister“ und „Römer“ sind nicht geschlechtsspezifisch gemeint. Sie umfassen
gleichermaßen alle männlichen wie weiblichen Vertreter(innen) – keinesfalls allerdings VertreterInnen – der erwähnten „Gattungen“.
Bild: Dianvo-Design
Serienidee: Leaser (Lothar Heimbrock)
Bisher erschienene Folgen der Serie „Schule und Lernen“:
Teil 1: Schule und Lernen (Leaser)
Teil 2: Kindergarten, ein besonderer Ort (Gekka)
Teil 3: Grundschule – Erziehung durch Lehrer (Rockin’ Robin)
Teil 4: Jungen lernen anders (sally50)
Teil 5: Legasthenie (Dianvo)
Teil 6: Warum die Finnen erfolgreicher lernen als wir (sally50)
Teil 7: Übertritt in die Sekundarstufe (rußwölkchen)
Teil 8: Ist die Hauptschule tot? (Thäo)
Teil 9: Gesamtschule – eine Schule für alle? (hexe-liesbeth)
Teil 10: Förderschulen oder integrativer Unterricht? (teamchefgott)
Teil 11: Ganztagsschule – ein notwendiges Übel? (Thäo)