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Menschen |  08.07.09 |  09:56  Uhr

Gerechtigkeit durch Liebe in Wahrheit. Benedikts Rezept gegen die Finanzkrise
von Josef Bordat | Berlin |  132 mal gelesen
Gestern wurde die Enzyklika Caritas in veritate der Öffentlichkeit vorgelegt. Mit ihr gelingt dem Papst die Fortschreibung katholischer Soziallehre.
Papst Benedikt XVI. hat den Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner am 29. Juni unterzeichneten Sozialenzyklika Caritas in veritate mit Bedacht gewählt: Heute beginnt im italienischen L’Aquila der G8-Gipfel. Die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Länder mit den seit Jahrzehnten stärksten Volkswirtschaften und – so sollte man daraus schließen – der größten Verantwortung für die globale Ökonomie treffen sich, um über Auswege aus der Finanzkrise zu beraten. Die Finanzkrise wirft unterdessen grundsätzliche Fragen im Hinblick auf unser Wirtschaftssystem auf, Fragen, die von der katholischen Kirche im Rahmen ihrer Soziallehre seit 150 Jahren in einer bestimmten Weise beantwortet werden: aus der Sicht des Menschen als Abbild Gottes, mit der Option für die Armen als Stellvertreter Christi und im Bewusstsein unserer Verantwortung für die Schöpfung. Um Benedikts neue Enzyklika zu verstehen, ist sie in den Kontext der Tradition der katholischen Soziallehre zu stellen.

I.
Die katholische Soziallehre entwickelt sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Basis idealistischer Liberalismuskritik und konkreter pastoraler Vorschläge. Der Einfluss der Idealisten auf die Ideengeber der katholischen Soziallehre ist mannigfaltig: die Staatslehre Fichtes beeinflusste Friedrich List, Hegels Philosophie die Historische Schule der Nationalökonomie und Schelling die Ideen der romantischen Staats- und Wirtschaftslehre Adam Heinrich Müllers. Diese eher akademischen Diskurse alleine waren jedoch nicht der Grund, auf dem die katholische Soziallehre aufbaute. Es brauchte Anstöße aus der konkreten Lebenssituation der Menschen, die nicht lange auf sich warten ließen. Zum philosophischen Einfluss des Idealismus trat bald der Einfluss der praktischen Bedingungen des Industrialisierungszeitalters hinzu, die mit „Zuspitzung der sozialen Frage“ nur unzureichend beschrieben sind. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, Frauen- und Kinderarbeit und katastrophale Wohnverhältnisse, das waren die herausfordernden Umstände, die im Revolutionsjahr 1848 zu drei unterschiedlichen Manifesten führten: dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, dem Manifest der Inneren Mission der evangelischen Kirche, das mit dem Namen Johann Hinrich Wichern verbunden ist, und dem Mainzer Manifest der katholischen Kirche, das auf dem ersten deutschen Katholikentag vom späteren Mainzer Bischof (seit 1850) und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Emmanuel von Ketteler entwickelt wurde. Auch wenn Ketteler in der Analyse der sozioökonomischen Situation sowie in der theoretischen Lehrentwicklung keine nachhaltigen Weichen stellte, war sein sozial vorbildliches Engagement als Bischof wichtig für die Ausprägung einer einheitlichen katholischen Soziallehre. Kein anderer Kirchenvertreter seiner Zeit hat „mit solcher Eindringlichkeit und in solcher Breite die sozialen Probleme analysiert und vor das christliche Gewissen gestellt wie Bischof Ketteler“ (Höffner). Dabei bleibt er nicht auf akademisch-distanzierter Ebene, sondern tritt im Alltag für die Armen seiner Zeit ein. Ketteler verbindet Glauben und soziale Frage, indem er Not und Elend der Massen auf Unmoral und diese wiederum auf Unglauben zurückführt. Dieser Unglaube entsteht für ihn aus dem sich auf allen Lebensbereichen ausbreitenden Liberalismus. Er unterscheidet jedoch sehr klar zwischen einer freiheitlichen Gesinnung, „die ebenso echt human wie christlich ist und im Christentum ihre volle Verwirklichung findet“ und dem christentumsfeindlichen Liberalismus, der mit seinem Materialismus und seiner mechanisch-rationalistischen Wirtschaftslehre zu „einer wahren Pulverisierung des Menschengeschlechts“ führt, da sie die personale Würde des Arbeiters verletzte, wenn sie ihn allein „als Arbeitskraft, als Maschine, als Sache“ in Betracht ziehe, die man „egoistisch ausbeutet“. Er macht deutlich, „daß nur Christus und das Christentum der Welt und insbesondere dem Arbeiterstande helfen kann“.

II.
Und wer kann dem Christentum in der Welt helfen, diese Hilfe zu leisten? Im katholischen Verständnis das Lehramt der Kirche, also der Papst, indem er durch seine Verlautbarungen die entsprechenden Themen setzt und die Christen (seit Johannes XXIII. auch „alle Menschen guten Willens“) an ihre Hilfspflicht erinnert. Es dauert zwar noch einige Jahre, doch am Ende des 19. Jahrhunderts steht eine offizielle katholische Soziallehre, die deutlich die Handschrift Kettelers trägt. In der Enzyklika Rerum Novarum von 1891 entwirft Papst Leo XIII. die „Magna Charta“ des sozialen Katholizismus, die den Sozialismus ablehnt, das Naturrecht auf Privateigentum unterstreicht sowie Kirche und Staat in die soziale Pflicht nimmt.

Zuvor hatten bereits Pius IX. (1864) und eben jener Leo XIII. (1878) mit antisozialistischen Verlautbarungen die Position der Kirche verdeutlicht. Der Syllabus von Pius IX. richtet sich gegen die Irrtümer der Zeit und rechnet den Sozialismus dazu, weil er sich gegen die Familie und das Privateigentum wendet, die Enzyklika Quod Apostolici muneris Leos XIII. warnt vor dem christlichen Duktus des „anarchischen, Moral und Ehe verneinenden, das Eigentumsrecht mißachtenden, radikale Gleichheit fordernden Frühsozialismus“, der die Lehre Christi für seine Zwecke bewusst fehl deute und den es wie eine „todbringende Seuche“ oder eine „Giftpflanze“ auszurotten gelte. Es scheint, als habe der Kampf gegen den Sozialismus die Kräfte des Vatikan gebündelt und sich die katholische Kirche deshalb nur zögernd auf die soziale Frage eingelassen und mit den Leittragenden – den Arbeitern – beschäftigt hat.

Die Problematik des Spagats zwischen der Analyse der bestehenden Verhältnissen und möglichen sozialistischen Heilsentwürfen, die strikt abgelehnt werden, macht Leo XIII. deutlich, wenn er zu der mit Rerum Novarum verbundenen Aufgabenstellung sagt: „Die ganze Frage ist ohne Zweifel schwierig und voller Gefahren; schwierig, weil Recht und Pflicht im gegenseitigen Verhältnis von Reichen und Besitzlosen, von denen, welche die Arbeitsmittel, und denen, welche die Arbeit liefern, abzumessen in der Tat keine geringe Aufgabe ist; und voller Gefahren, weil eine wühlerische Partei nur allzu geschickt das Urteil irreführt und Aufregung und Empörungsgeist unter den unzufriedenen Massen verbreitet.“ Die Zielsetzung Leos XIII. mit Rerum Novarum ist eine dreifach: das Arbeiterelend beseitigen, die Konflikte in der Gesellschaft beilegen, den Kommunismus bekämpfen“. Das Vertrauen auf die Opferbereitschaft wohlhabender und wohlwollender Christen, wie sie Ketteler vortrug, weicht dabei sozialpolitischer Realität, d. h. der Forderung nach subsidiärer „Hilfe zur Selbsthilfe“ und strikter Gemeinwohlorientierung des Staates. Die Situation der Arbeiter soll durch höhere Löhne verbessert werden, die er jenseits des Marktmechanismus von Arbeiterorganisationen reglementiert sehen möchte, wobei er staatliche Unterstützung dieser Organisationen nicht grundsätzlich ablehnt: „Wenn also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch. Damit aber in solchen Fragen wie diejenige der täglichen Arbeitszeit die verschiedenen Arbeitsarten, und diejenige der Schutzmaßregeln gegen körperliche Gefährdung, zumal in Fabriken, die öffentliche Gewalt sich nicht in ungehöriger Weise einmische, so erscheint es in Anbetracht der Verschiedenheit der zeitlichen und örtlichen Umstände durchaus ratsam, jene Fragen vor die Ausschüsse zu bringen, von denen wir unten näher handeln werden, oder einen andern Weg zur Vertretung der Interessen der Arbeiter einzuschlagen, je nach Erfordernis unter Mitwirkung und Leitung des Staates.“ Dem marxistischen Klassenkampf in der gespaltenen Gesellschaft hält Leo XIII. das christliche Bild des Leibes entgegen, an dem „Kapital“ und „Arbeit“ einander bedürfende Glieder darstellen: „So wenig das Kapital ohne die Arbeit, so wenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen.“ Die Kirche führt beide zur natürlichen Harmonie, die entsteht, wenn – ganz im platonischen Sinne – jede Seite ihre Pflicht erfüllt. „Die Natur hat vielmehr alles zur Eintracht, zu gegenseitiger Harmonie hingeordnet; und so wie im menschlichen Leibe bei aller Verschiedenheit der Glieder im wechselseitigen Verhältnis Einklang und Gleichmaß vorhanden ist, so hat auch die Natur gewollt, daß im Körper der Gesellschaft jene beiden Klassen in einträchtiger Beziehung zueinander stehen und ein gewisses Gleichgewicht darstellen.“ Das Eigentum schließlich wird im Rückgriff auf Thomas von Aquin als „erlaubt“ und „notwendig“ bezeichnet, wobei für die Nutzung eine Einschränkung hinsichtlich der Rücksicht auf Bedürftige gemacht wird: „Fragt man nun, wie der Gebrauch des Besitzes beschaffen sein müsse, so antwortet die Kirche mit dem nämlichen heiligen Lehrer: ,Der Mensch muß die äußern Dinge nicht wie ein Eigentum, sondern wie gemeinsames Gut betrachten und behandeln, insofern nämlich, als er sich zur Mitteilung derselben an Notleidende leicht verstehen soll.‘“

Mehrfach wurde Rerum Novarum bestätigt. Vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen, inmitten der Weltwirtschaftskrise, folgt Quadragesimo Anno (1931) von Papst Pius XI. Die Enzyklika charakterisiert die Entwicklung in deutlichen und hochaktuellen Worten: „Der freie Wettbewerb hat zu seiner Selbstaufhebung geführt; an die Stelle der freien Marktwirtschaft trat die Vermachtung der Wirtschaft […] Im zwischenstaatlichen Leben aber entsprang der gleichen Quelle ein doppeltes Übel: hier ein übersteigerter Nationalismus und Imperialismus wirtschaftlicher Art, dort ein nicht minder verderblicher und verwerflicher finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des internationalen Finanzkapitals, das sich überall da zu Hause fühlt, wo sich ein Beutefeld auftut.“ Letzteres Übel hat das erste überdauert und stellt heute das zentrale Problem im Kontext der Weltwirtschaft dar.

Siebzig Jahre nach Rerum Novarum geht es in Mater et Magistra (1961) von Johannes XXIII. um das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter, insbesondere aber um die Probleme der Entwicklungsländer, die erstmals explizit Thema einer Enzyklika werden. Es geht in Mater et Magistra nicht mehr nur um das Wohl des eigenen Volkes, sondern um eine globale Perspektive auf das Armutsproblem. Seine berühmte Friedensenzyklika Pacem in Terris (1963) nimmt einige dieser Gedanken auf und betont die Bedeutung der Gerechtigkeit für den Frieden. Ergänzt wird diese Phase der Rerum Novarum-Rezeption durch die Entwicklungs-Enzyklika Populorum Progressio (1967) Pauls VI., in der die Bedingung für den Forschritt der ehemaligen Kolonialstaaten Lateinamerikas, Süd-Ost-Asiens und Afrikas dargelegt wird: die internationale Solidarität.

Jener Paul VI. veröffentlichte 1971 mit Octogesima Adveniens ein sehr wirkmächtiges Apostolisches Schreiben, in dem er zu den politischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart deutlich Position bezieht. Er vertieft darin einige Themen, die bislang in den päpstlichen Sozialenzykliken eher am Rande vorkamen. Insbesondere betont Paul VI. einen Pluralismus politischer Überzeugungen in der Kirche und gesteht den Laien eine weitgehende Autonomie beim politischen Handeln zu, beansprucht jedoch für das Lehramt, Grenzziehungen aus Gründen des Glaubens oder der Sitten vorzunehmen (so bei Themen wie Abtreibung, Völkermord, Terrorismus und Organisiertem Verbrechen). Sehr aktuell liest sich eine Zusammenstellung von Positionen aus Populorum Progressio und Octogesima Adveniens: „In unserer augenblicklichen aufgewühlten und unsicheren Zeit hat die Kirche eine besondere Botschaft zu verkünden und den Bemühungen der Menschen, die ihre Zukunft in die Hand nehmen wollen und sich zu orientieren suchen, einen festen Halt zu geben. Seit der Zeit, in der die Enzyklika Rerum Novarum in lebendiger und eindringlicher Weise die unerträgliche Situation der Arbeiter in der werdenden Industriegesellschaft aufzeigte, wurde sich die geschichtliche Entwicklung, wie die Enzykliken Quadragesimo Anno und Mater et Magistra feststellten, anderer Auswirkungen und Ausmaße in der sozialen Frage bewußt. Das letzte Konzil hat sich seinerseits dafür eingesetzt, diese Fragen zu behandeln, besonders in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes. Wir selbst haben schon durch Unsere Enzyklika Populorum Progressio auf diese richtungweisenden Normen hingewiesen: „Die große Tatsache – sagten Wir – deren sich jeder heute bewußt werden muß, besteht darin, daß die soziale Frage weltweit geworden ist“ (Populorum Progressio, Nr. 3). Ein erneutes Bewusstsein der Forderungen des Evangeliums macht es der Kirche zur Pflicht, sich in den Dienst der Menschen zu stellen, um ihnen behilflich zu sein, das ganze Ausmaß dieses schweren Problems zu begreifen und sie zu überzeugen, sich in diesem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte dringlich zu vereintem Handeln zusammenzuschließen (Octogesima Adveniens, Nr. 5).“

Ein wirklich epochaler „Wendepunkt der Menschheitsgeschichte“ stellt der Revolutionswinter 1989/90 dar. Als am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor Menschen aus Ost und West tanzten und feierten, schien eine Ära mit utopischem Charakter anzubrechen, eine Zeit der Überwindung von Teilung und Trennung, eine Zeit des Friedens und der Zusammenarbeit im „globalen Dorf“ (Mc Luhan). Das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) schien nahe. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Johannes Paul II. im Jahre 1991 – zum hundersten Jahrestag der Enzyklika Rerum Novarum – die Enzyklika Centesimus Annus, in welcher der Papst die Lehre von Rerum Novarum würdigt und die Relevanz ihres Kerngedankens – Privateigentum und Marktwirtschaft in sozialer Verantwortung – für die Reformländer Osteuropas und die Entwicklungsländer des Südens betont. Immer wieder hat Johannes Paul II. hervorgehoben, dass der „Globalisierung des Profits und des Elends“ eine „Globalisierung der Solidarität“ entgegenzuhalten sei.

III.
Nun schließt an diese Tradition – namentlich vor allem an Populorum Progressio – Papst Benedikt XVI. an, um zwei Begriffe zu betrachten, die mit Wirtschaft auf den ersten Blick wenig zu tun haben: Liebe und Wahrheit. Er fasst dabei die Wahrheit als Bedingung der Liebe auf – „Caritas in veritate“. Benedikt betont – wohlwissend um die „Entstellungen und die Sinnentleerungen, denen die Liebe ausgesetzt war und ist“ (Nr. 2) – die Bedeutung der Wahrheit für die Liebe: „Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe und kann glaubwürdig gelebt werden. Die Wahrheit ist ein Licht, das der Liebe Sinn und Wert verleiht. Es ist das Licht der Vernunft wie auch des Glaubens, durch das der Verstand zur natürlichen und übernatürlichen Wahrheit der Liebe gelangt: er erfaßt ihre Bedeutung als Hingabe, Annahme und Gemeinschaft. Ohne Wahrheit gleitet die Liebe in Sentimentalität ab“ (Nr. 3). Nur so kann die Liebe zum Leitmotiv von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden: „Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche. Jede von dieser Lehre beschriebene Verantwortung und Verpflichtung geht aus der Liebe hervor, die nach den Worten Jesu die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes ist“ (Nr. 2). Diese Liebe führt notwendig zu einer Remoralisierung der Wirtschaft, die nicht das abstrakte Ergebnis von Marktoperationen ist, sondern die konkrete Gemeinschaft von Menschen: „Die Soziallehre der Kirche ist der Ansicht, daß wahrhaft menschliche Beziehungen in Freundschaft und Gemeinschaft, Solidarität und Gegenseitigkeit auch innerhalb der Wirtschaftstätigkeit und nicht nur außerhalb oder ,nach’ dieser gelebt werden können. Der Bereich der Wirtschaft ist weder moralisch neutral noch von seinem Wesen her unmenschlich und antisozial. Er gehört zum Tun des Menschen und muß, gerade weil er menschlich ist, nach moralischen Gesichtspunkten strukturiert und institutionalisiert werden“ (Nr. 36).

Nur wenn Liebe und Wahrheit derart zusammenspielen kann das Hauptziel aller sozialen Betätigung des Menschen erreicht werden: Gerechtigkeit. In Anlehnung an Populorum progressio betont Benedikt die Bedeutung der Gerechtigkeit als „Mindestmaß der Liebe“ (Nr. 6) und stellt fest: „Die Gerechtigkeit ist der Liebe nicht nur in keiner Weise fremd, sie ist nicht nur kein alternativer oder paralleler Weg zur ihr: Die Gerechtigkeit ist untrennbar mit der Liebe verbunden, sie ist ein ihr innewohnendes Element [...] Wer den anderen mit Nächstenliebe begegnet, ist vor allem gerecht zu ihnen“ (Nr. 6). Doch ist die Liebe freilich mehr: „Die Liebe geht über die Gerechtigkeit hinaus, denn lieben ist schenken, dem anderen von dem geben, was ,mein’ ist“ (Nr. 6).

Wie wird der philosophische Kernbegriff „Gerechtigkeit“ von Benedikt ausgedeutet? Auch hier keine Überraschung: „Klassisch katholisch“ unterscheidet der Papst „ausgleichende“ und „verteilende“ bzw. „soziale“ Gerechtigkeit: „Der Markt unterliegt den Prinzipien der sogenannten ausgleichenden Gerechtigkeit, die die Beziehungen des Gebens und Empfangens zwischen gleichwertigen Subjekten regelt. Aber die Soziallehre der Kirche hat stets die Wichtigkeit der distributiven Gerechtigkeit und der sozialen Gerechtigkeit für die Marktwirtschaft selbst betont, nicht nur weil diese in das Netz eines größeren sozialen und politischen Umfelds eingebunden ist, sondern auch aufgrund des Beziehungsgeflechts, in dem sie abläuft. Denn wenn der Markt nur dem Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter überlassen wird, ist er nicht in der Lage, für den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, den er jedoch braucht, um gut zu funktionieren. Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen“ (Nr. 35). Das bedeutet für die Wirtschaft als ganzes, dass sie zuvörderst auf die Erlangung des Gemeinwohls gerichtet sein muss. Der darauf folgende Satz ist wohl in der Phase der Überarbeitung nach dem Bekanntwerden der Finanzkrise ergänzt worden: „Heute ist dieses Vertrauen verlorengegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust“ (Nr. 35)

Wie geht es angesichts dieser Vertrauenskrise nun weiter? Benedikt empfiehlt die Rückbesinnung auf die Quelle der Liebe und die Manifestation der Wahrheit: auf den Gott, der Mensch wird und damit ins Soziale der Welt eingreift, denn: „Ohne Gott weiß der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen, wer er ist. Angesichts der enormen Probleme der Entwicklung der Völker, die uns fast zur Mutlosigkeit und zum Aufgeben drängen, kommt uns das Wort des Herrn Jesus Christus zu Hilfe, der uns wissen läßt: ,Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen’ (Joh 15, 5) und uns ermutigt: ,Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt’ (Mt 28, 20)“ (Nr. 78). Für die Kirche beinhaltet dies einen bleibenden Auftrag: „Angesichts der Arbeitsfülle, die zu bewältigen ist, werden wir im Glauben an die Gegenwart Gottes aufrechterhalten an der Seite derer, die sich in seinem Namen zusammentun und für die Gerechtigkeit arbeiten“ (Nr. 78).
 
Meinungen von Lesern zu diesem Artikel
henkipenki | 08.07.09 |  10:12  Uhr
RE: Gerechtigkeit durch Liebe in Wahrheit. Benedikts Rezept gegen die Finanzkrise
Was die Wahrheit anbetrifft, gilt es, im Vatikan aber noch einiges aufzuarbeiten :
"Er war auf dem Weg, Kardinal zu werden, als die größte Privatbank Italiens Pleite ging. Danach ging es abwärts. Der emeritierte Kurienerzbischof Paul Casimir Marcinkus (84) wurde am Montag abend tot in seinem Haus im US-Bundesstaat Arizona aufgefunden. Der Erzbischof starb an Herzversagen.

Paul Casimir Marcinkus wurde am 22. Januar 1922 in Cicero – einer Vorstadt von Chicago – geboren. Er war der Sohn eines litauischen Einwanderers, der sein Geld als Fensterputzer verdiente.

1947 wurde er für die Erzdiözese Chicago zum Priester geweiht. Er war kurz Vikar in einer Pfarrei in Chicago. 1950 zog er nach Rom und studierte Kirchenrecht an der Jesuitenuniversität Gregoriana.

Danach arbeitete er im Staatssekretariat, wo er Erzbischof Giovanni Battista Montini kennenlernte, der später als Paul VI. den päpstlichen Thron bestieg.

Sodann war Mons. Marcinkus im diplomatischen Dienst des Vatikan tätig, zuerst in Bolivien und dann in Kanada. 1959 kehrte er nach Rom zurück, wo er die nächsten dreißig Jahre verbrachte.

Im Dezember 1968 ernannte Papst Paul VI. Mons. Marcinkus zum Erzbischof.

Seine vatikanische Karriere verdankte er vor allem seiner Freundschaft mit Paul VI. Dieser schätzte die Sprachgewandtheit von Mons. Marcinkus, der neben Litauisch, Englisch und Italienisch auch Spanisch und Französisch sprach. Außerdem hatte er sich als Organisator der päpstlichen Reisen bewährt.

Während der Reise von Paul VI. in die Philippinen im Jahr 1970 gehörte der 1.94 cm große athletische Monsignore zu denen, die Paul VI. vor dem Messerangriff eines verwirrten Bolivianers schütze.

1969 wurde Erzbischof Marcinkus zum Sekretär und 1971 zum Präsidenten der Vatikanbank ernannt, obwohl er keine entsprechende Ausbildung oder Kenntnisse im Finanzwesen besaß.

Er selber erklärte, daß seine einzige Erfahrung mit Geld in der Verwaltung der Sonntagskollekte bestand. Trotzdem galt Mons. Marcinkus als effektiver Manager und Organisator.

Papst Johannes Paul II. erhob ihn im September 1981 zum Pro-Präsidenten der Päpstlichen Kommission für den Vatikanstaat. In dieser Funktion wäre der Erzbischof unter normalen Umständen schon bald Kardinal geworden.

Doch dann kam 1981 der Zusammenbruch der größten italienischen Privatbank – des Mailänder Finanzinstitutes ‘Banco Ambrosiano’ –, das der Bankier Roberto Calvi leitete. Calvi wurde in Italien wegen seiner Nähe zum Vatikan auch der „Bankier Gottes“ genannt.

Er hatte mit seiner Bank ein aggressives und zwielichtiges Finanzimperium aufgebaut. Calvi war auch Mitglied der Freimaurerloge P2.

Als sein Finanz-Kartenhaus zusammenbrach, klaffte ein Schuldenberg von 1.3 Milliarden US-Dollar. Calvi flüchtete mit Hilfe der italienischen Unterwelt nach London, wo er im Juni 1982 unter einer Themse-Brücke erhängt aufgefunden wurde.

Die Behörden glauben heute, daß der Bankier ermordet wurde.

Als Direktor der Vatikanbank hatte Erzbischof Marcinkus mit Roberto Calvi im großen Stil zusammengearbeitet. Er war dadurch in dessen Finanzabenteuer verwickelt.

Mons. Marcinkus hatte zum Beispiel für einige Briefkastenfirmen von Calvi Garantien ausgestellt, in welche der Bankier Geld aus seiner maroden Bank rettete.

Der anschließende Finanzskandal schädigte den Ruf der Katholischen Kirche enorm und zog sich über zehn Jahre dahin, obwohl sich der damalige Staatssekretär im Jahr 1984 gegen den Willen von Mons. Marcinkus und anderer Verantwortlicher im Vatikan bereiterklärte, den Geschädigten der ‘Ambrosianischen Bank’ – freiwillig – 406 Millionen Dollar zu bezahlen.

Damit war die Sache aber nicht zuende. 1987 stellten die Mailänder Untersuchungsbehörden gegen Mons. Marcinkus einen Haftbefehl aus.

Deshalb verließen der Erzbischof und zwei seiner Mitarbeiter den Vatikan für längere Zeit nicht mehr, weil die Gefahr bestand, daß sie auf italienischem Boden verhaftet würden.

Schließlich entschied ein Appellationsgericht, daß italienische Gerichte wegen der Lateranverträge aus dem Jahr 1929 keine Jurisdiktion über den Vatikan besitzen.

1990 trat Erzbischof Marcinkus als Pro-Präsident der Päpstlichen Kommission für den Vatikanstaat zurück und zog sich in die Stadt Sun City, einer Vorstand von Phoenix im US-Bundesstaat Arizona, zurück.

Dort arbeitete er als Vikar in der Pfarrei St. Clemens und bewohnte ein einfaches Haus am Rande eines Golfplatzes. Bei seinen Pfarreiangehörigen war der Erzbischof sehr beliebt.

Seit längerem litt der Erzbischof an Herzproblemen."
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