Kapitel 2
Die Reise der beiden Novizinnen Majina und Violett geht weiter.
Am nächsten Morgen reichte der Schnee Violett bis zum Knie, doch sie hatten gar keine andere Wahl als sich dadurch zu kämpfen.
“Ich hoffe noch immer irgendwie, das es gestern Abend nur ein schlechter Traum war. Meinst du er wird uns wieder angreifen Violett?”, erkundigte sich die sonst immer so fröhliche Majina ernst.
“Ja, aber nicht auf unserer jetzigen Reise. Mach dir darüber keine Sorgen”, versicherte Violett ihrer Freundin und wechselte das Thema, “kannst du nicht alleine in den Tempel gehen? Ich werde in einer Taverne auf dich warten in Virhun.”
“Was hast du gegen den Gott Ophus? Du bist doch eine Magierin ganz im Gegensatz zu mir”, erwiderte Majina.
“Kein Mensch hat goldene Augen Majina. Irgendwer hat deine magischen Fähigkeiten verschlossen und diese können nur durch einen Hohepriester oder einer Hohepriesterin des Ophus geweckt werden.”
“Wie oft hast du mir das nun schon gesagt. Wieso kannst du das denn nicht?”
“Aus einem einfachen Grund, weil ich das Ritual nicht kenne.”
“Toll Violett und wenn du es nachlesen könntest?”, bohrte Majina weiter.
Die Angesprochene ging eine Weile schweigend durch den Schnee, dicht gefolgt von Majina.
“Darauf weißt du auch keine Ausrede mehr”, meinte Majina fröhlich.
Seufzend antwortete Violett: “Majina selbst wenn ich es nachlesen könnte, dürfte ich es nicht machen, denn nur die Diener des Ophus haben die Gnade magische Kräfte zu erwecken oder zu verschließen.”
“Okay, dann hat ein Priester also deine Kräfte in dir freigesetzt?”
“Nein.”
“Ist das der Grund warum du nicht in Ophus Tempel gehen möchtest? Oder liegt es daran das du eine Maihe bist?”, wollte Majina neugierig wissen.
“Wieso denkt eigentlich jeder ich wäre eine Maihe”, murrte Violett.
“Was bist du denn Violett? Wenn du keine Maihe bist, dann erkläre mir doch mal wieso du auf dem Schnee schwebst und keine Spuren hinterlässt ganz im Gegensatz zu mir?”
“Es ist einfach so May, dafür habe ich keine Erklärung.”
“Wieso hielt dich dann dieser Varhe von gestern für eine Maihe Io?”
“Danrah hielt dich ebenso für eine Maihe und du bist genauso wenig eine wie ich”, erwiderte Violett geduldig.
“Das schon, doch du sprichst varhenisch”, gab Majina nicht auf, “das kannst du nicht leugnen, aber eine Varhe bist du nicht, denn sonst würdest du dich von Blut ernähren.”
“Hast du mich jemals essen sehen?”, fragte Violett nach.
“Nein, aber trinken und zwar guten starken Kräutertee Io. Ich bleibe dabei du bist eine Maihe, dennoch hast du mir noch immer nicht genau gesagt wieso du den Tempel nicht betreten möchtest.”
“May, wenn Ophus merkt das ich sein heiligstes betrete, dann kannst du erleben, was es heißt den Zorn eines Gottes auf sich zu ziehen”, meinte sie leise.
“Ich gehe auf gar keinen Fall alleine in diesen Tempel!”, beharrte Majina stur, “er kann dich wohl kaum herauswerfen, nur weil du eine schwarze Magierin bist.”
“Hexe May - ich bin eine Hexe, das ist ein Unterschied”, korrigierte Violett ihre Begleiterin.
“Für mich gibt es da keinen Unterschied - Magie bleibt Magie!”
“Die Götter sehen dies jedoch nicht so”, murmelte Violett vor sich hin.
“Ich habe nichts verstanden Io, der Wind ist zu laut!”, schrie Majina.
Violett machte nur eine wegwerfende Geste mit der Hand.
Die beiden jungen Novizinnen brauchten noch weitere sieben Tage bis sie endlich das Stadttor von Virhun passierten. Hier bedeckte der Schnee nur noch leicht den Boden. Majina atmete erleichtert auf und war froh endlich wieder unter Menschen zu sein, denn mit Erreichen der Stadt war auch bald ihre Aufgabe beendet. Die Schwarzhaarige blühte so richtig auf und redete ohne Punkt und Komma, ganz im Gegensatz zu Violett, diese wurde immer stiller und verschlossener.
“Endlich wieder mehr Leben”, seufzte Majina erleichtert, “ich liebe dieses bunte Treiben auf dem Basar und das obwohl es eisig kalt ist.”
Es kam keine Antwort von Violett, denn diese hatte bereits den Tempel von Ophus gesichtet.
“Jetzt stell dich doch nicht so an Io”, meinte die Schwarzhaarige bestimmt, “Ophus wird dir wohl kaum den Kopf abreißen. Wovor hast du wirklich Angst?”
Wieder nur Stille von der Rothaarigen.
“Hallo! Sprichst du nun gar nicht mehr! Du bist eine angehende Kriegerin und hattest noch nicht mal Angst vor dem V...”
“Ich würde diesen Begriff hier nicht so unbedacht fallen lassen”, unterbrach Violett Majina ruhig.
“Wow es spricht!”, bemerkte Majina nur.
Gegen Nachmittag konnten sie den Besuch im Tempel nicht mehr länger aufschieben und Violett folgte Majina wohl oder übel. Sie wurden bereits von einer Hohepriesterin erwartet. Die Purpurgewandete begrüßte die Novizinnen herzlich.
“Willkommen im Tempel des Ophus Majina und Violett. Bitte folgt mir.”
“Woher weiß sie unsere Namen?”, flüsterte Majina zu Violett.
“Adran hat eine Nachricht vorausgeschickt”, erwiderte die Angesprochene ebenso leise.
“Na, ob diese angekommen ist bezweifle ich”, meinte Majina.
“Die Nachricht ist angekommen”, antwortete die Hohepriesterin lächelnd, “denn ich glaube nicht das ich sonst den Namen von deiner Begleiterin gewusst hätte Majina.”
“Wie meint Ihr das Hohepriesterin?”, erkundigte sie sich.
“Jedes Wesen hat eine Eigenart und dieses Merkmal steckt irgendwo im Namen und dies verrät einem wie man heißt. Ich sehe den Namen in der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft. Doch bei höheren Wesen ist mir das nicht möglich.”
Die braunen Augen der Hohepriesterin bohrten sich in Violetts grün-blauen.
“Hier ist das Zimmer für Violett”, sagte sie und öffnete eine Tür aus hellen Holz.
“Ich danke Euch Hohepriesterin”, meinte Violett leise.
Majina und die Braunäugige gingen zu den Novizenflügel. Dort bekam die Schwarzhaarige ein Zimmer. Sie verkniff sich die Frage, warum die beiden getrennt waren.
“Es hat alles seine Gründe Majina”, antwortete die Hohepriesterin auf die nicht gestellte Frage und ließ die junge Kriegerschülerin zurück.
Als die Hohepriesterin bei Violett anklopfte saß diese am Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Sie ließ die Tür aufspringen und die Hohepriesterin trat ein und schloss die Tür hinter sich.
“Du solltest den Tempel besuchen Violett”, meinte die Braunäugige sanft.
“Endra warum hast du mir das Gemach einer Hohepriesterin gegeben?”, fragte Violett, drehte sich zu ihr um und erhob sich in einer eleganten Bewegung.
“Du kannst nicht verleugnen was du bist Violett, auch wenn bei dir niemand die Macht geöffnet hat.”
“Führst du bei Majina das Ritual durch?”, stellte Io die nächste Frage.
“Ja es wird zwei Tage dauern. Du kannst in der Zeit die Bibliothek besuchen, ach und sieh mal in den Schrank Violett. Das was dort hängt solltest du anziehen.”
“Zu großzügig Hohepriesterin”, erwiderte sie ironisch.
Endra lächelte und ging wieder zu Majina. Violett öffnete “ihren” Schrank und besah sich die Purpurne Robe. Ohne irgendeine Miene zu verziehen schloss sie die Schranktür und verließ ihren Raum.
Majina lief unruhig in ihren Gemach hin und her. Jetzt wo Violett nicht mehr bei ihr war, wurde sie immer nervöser, da half auch nicht das beruhigende Zureden von der Hohepriesterin. Wollte sie wirklich eine Magierin werden? Eigentlich war Majina immer zufrieden gewesen und sehnte sich nicht nach “Macht”.
“Es hat einen Grund warum du gerade zu dieser schwierigen Zeit zu uns geschickt wurdest Majina. Dieses Ritual zur Erweckung deiner Magie dauert noch nicht mal einen Tag und ich werde dich führen.”
“Kann nicht Violett dabei sein?”, fragte Majina leise.
Seufzend erhob sich Endra, die schon die ganze Nacht auf Majina einredete. Wie sollte sie nun erklären, dass Violett sich hüten würde gerade bei diesen Ritual dabei zu sein.
“Nun selbst wenn ich Violett fragen würde, bezweifle ich das sie zustimmen würde”, meinte Endra vorsichtig. Nun war es an Majina zu seufzen.
“Kann ich sie denn vorher noch mal kurz sehen?”, wollte sie dann wissen.
“Dem soll nichts im Wege stehen, wenn sie denn im Haus ist.”
“Ich gehe dann mal eben schnell zu ihr Hohepriesterin”, erwiderte Majina fröhlich.
“Meinst du nicht das sie um diese Uhrzeit schläft?”
“Dann wecke ich Violett eben.”
Majina eilte aus dem Raum zum Gebäude der Hohepriester. Als sie vor Violetts Tür ankam, trat sie ein ohne anzuklopfen. Wie so oft war das Zimmer leer. Seufzend ließ sich Majina auf das Bett fallen.
“Wieso kannst du nicht einmal da sein?”, murrte die Schwarzhaarige leise vor sich hin.
Erst drei Stunden später als es langsam heller wurde kam Violett zurück und fand eine schlafende Majina vor. Violett riss das Fenster auf und ließ den kalten Wind hinein. Majina saß mit einen Satz senkrecht im Bett.
“Kannst du einen nicht einmal normal wecken?”, brummte sie, “schön das du auch noch mal kommst Io!”
“Wie gut das ich nie abschließe”, meinte Violett nur.
“Wo warst du?”, wollte Majina neugierig wissen.
“Unterwegs.”
“Geht es auch noch ein bisschen genauer”, grummelte die Schwarzhaarige.
“Ja, ich war weg”, gab Violett mit einem Lächeln wider und wechselte das Thema, “hast du etwa Zweifel am Ritual?”
“Steht mir das etwa auf der Stirn geschrieben Io?”
“Zumindest nicht sichtbar. Es sind doch nur fünf Hohepriester um dich und eine die dich durch das Ritual leitet.”
“Warum weißt du mehr als ich?”, beschwerte sich Majina.
“Keine Ahnung May, vielleicht hast du diesen Teil überhört. Es ist nicht schlimm - glaube ich zumindest.”
“Kannst du nicht dabei sein?”
“Bin ich eine Hohepriesterin May?”
“Nein?”, seufzte die Angesprochene leise.
“Nun lass Endra nicht länger warten, denn ich habe keine Lust hier wochenlang zu bleiben. Zögere nicht zu lange May und denke an unsere eigentliche Aufgabe. Einen Tag brauchen die Hohepriester um sich auf das Ritual vorzubereiten und einen halben Tag um es durchzuführen. Die Priester sind bereit May.”
“Danke für den Hinweis und dein Mitgefühl”, meinte Majina ironisch.
“Du brauchst kein Mitgefühl May, sondern nur jemanden der dir sagt das du es machen sollst.”
“Vielleicht hast du recht”, murmelte Majina und ließ Violett zurück.
Mit mulmigen Gefühl zog Majina das weiße Gewand an und ließ sich von Hohepriesterin Endra zum Zeremoniesaal führen. Die anderen fünf Hohepriester hatten schon einen Kreis gebildet und ließen Majina in ihre Mitte. Majina fühlte sich so verletzlich zwischen den ganzen purpurnen Roben. Endra schloss den Kreis und das Ritual begann. Majina hörte viele leise Stimme, doch ihre wurde gesagt das sie nur auf die helle Stimme von Endra hören sollte, die nun einsetzte. Die Schwarzhaarige ließ sich führen zu ihrem Inneren und durchbrach mit Hilfe von den anderen Hohenpriestern und Endra ihre Barriere zu ihrer Kraft. May war überrascht als die Barriere plötzlich nachgab und Licht durch ihr Inneres strömte. Sie hätte nicht gedacht, dass sie so leuchten konnte.
Nun bekam sie noch eine Unterweisung wie sie ihre Magie einzusetzen hatte, damit hatte sie das Ritual erfolgreich überstanden. Majina fühlte sich vollkommen erschöpft und müde, doch Endra gönnte ihr keine Ruhepause, sondern begann direkt mit den Unterricht. Sie hatte noch nie so viel über Magie gelernt wie am heutigen Tag und dabei war es erst später Nachmittag.