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Politik & Gesellschaft | Europa | Großbritannien 
Großbritannien |  30.11.09 |  10:16  Uhr
Amadeus 57
Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
von Amadeus 57 | Wiesbaden |  225 mal gelesen
Elizabeth zum ersten: Die Verquickung der Religion(en) mit den Wonnen der Kriege, oder: Wo zu sehr geglaubt wird, ist das Schwert schnell bei der Hand
Der Staat der ersten Elizabeth (regiert von 1559 -1603) schafft es nicht, die Hypotheken abzutragen, die die Tudorfamilie seit der ersten „Reformation“ des Vaters angehäuft hatte. Da ist das Problem, wie sich alte Legitimität nun mit neuer Legalität verträgt, alter Herrschaftsgedanke mit neuer Politik. Elizabeth heiratet nicht und versucht, das Problem dadurch zu lösen, dass sie den Kult um ihre „jungfräuliche“ Person als Ablenkungsmanöver einsetzt. Zugleich delegiert sie die Regierungsgeschäfte an einen Mann, der dem Staat in ihrer Person treu ergeben ist.

Das religiöse Problem versucht sie dadurch zu lösen, dass sie, grob gesagt, die Staatskirche ihres Vaters mit Elementen des unter Halbbruder Edward schon einmal offiziell gewordenen Protestantismus verbindet. Damit wird England im schrillen Konzert der Mächte zu einer nominell protestantischen Macht, die gezwungen ist, ohne festen kontinentalen Partner auszukommen. In Schottland setzt sich beim „Volk“ die presbyterianische Variante des Kalvinismus durch, die Gemeinden bildet, die ihre Ältesten (Presbyter) und ihre Geistlichen (minister= Diener) wählt und eine eigene „nationale“ schottische Versammlung bildet. Sie entwickelt Feindseligkeit gegen die anglikanische Bischofskirche mit ihrer auf die Krone ausgerichteten Hierarchie.
Die katholische Mary Stuart kann dort ihre Herrschaft nicht mehr durchsetzen, als sie nach dem Tod ihres Gemahls, des französischen Königs, nach Schottland zurückkehrt und muss zu ihrer Verwandten nach England fliehen. Dort wird sie wie eine Gefangene gehalten, weil sie als potentielle katholische Monarchin eine natürliche Verbündete der katholischen Mächte auf dem Kontinent ist.

Ein Papst sanktioniert als friedensstiftende Maßnahme die Teilung der Welt in zwei Hälften zwischen den beiden einzigen zukünftig stabil katholischen und zugleich seefahrenden Monarchien Spanien und Portugal. Spanien gelingt es erfolgreicher, seine Kolonien auszuplündern. Schiff auf Schiff bringt im 16. Jahrhundert das südamerikanische Gold und vor allem Silber und hilft dem Königtum, immer mächtiger zu werden. Dieses fördert eine besonders grausame Variante des Katholizismus als Herrschaftsinstrument. In Spanien beginnt das Regiment einer barbarischer werdenden Inquisition, einer Art Glaubenspolizei und -justiz. Dann verleibt sich Philipp II. Portugal ein und schafft damit die erste sowohl nationale wie imperiale Supermacht nach dem Ende des römischen Reiches. Der Brückenkopf nach Osten sind die Niederlande, mit denen Frankreich zwischen zwei Fronten lebt, und von denen aus der Ärmelkanal kontrolliert werden kann und damit der englische Handel.

Ein Bündnis Englands mit Frankreich wird durch die Verbindung Frankreichs mit der katholischen Fraktion Schottlands verhindert, die bis ins 18. Jahrhundert reichen wird. Und die französische Krone wird es bis kurz nach 1685 schaffen, den - einen großen Teil der eigenen Bevölkerung umfassenden – eigenen Protestantismus fast auszurotten. Die Bartholomäusnacht 1572 mit ihrem grausigen Massaker an den „Hugenotten“ erst in Paris und dann auch in anderen Städten ist nur ein Anfang. Praktisch parallel dazu laufen englische Massaker an katholisch-irischer Bevölkerung, auf die dann Besiedlungsversuche mit protestantisch-englischen Siedlern folgen. Erst als die weithin scheitern, beginnt der englische Kolonialismus: Es sind auch gescheiterte Kolonisierer Irlands, die Virginia gründen und dann bald feststellen, dass die indianische Bevölkerung dort auch ungebärdig wird, wenn man ihr ihr Land wegnimmt, aber waffentechnisch erfreulich unterlegen ist. Die „Wilden“ Amerikas sind denen Irlands vorzuziehen. Die fast völlige Vernichtung der Bevölkerung eines Halbkontinents beginnt, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen wird.

Elizabeth schickt staatlich lizensierte Piraten wie Drake aus, spanische Handelsschiffe zu kapern und die spanischen Küsten zu überfallen und auszuplündern. Weltmächte fangen klein an und mit den Mitteln großer Gangster. Andererseits möchte die Königin den offenen Krieg mit der Weltmacht Spanien vermeiden, der England hoffnungslos unerlegen ist. Aber erst die von der Königin immer wieder hinausgezögerte militärische Unterstützung für Holland führt zum großen Schlagabtausch.

Die Reformation bringt zwei Republiken hervor. Die eine ist Genf, das die Vertreibung des bischöflichen Herrn über die Stadt letzten Endes mit Reformation verbindet. Die Stadtrepublik begründet sich bald religiös und wird zum Hort einer neuen Bürgerlichkeit von Finanziers, Händlern und Handwerkern. Die zweite Republik entsteht in Revolten gegen die spanische und katholische Herrschaft in den Niederlanden. Diese spalten sich dabei in einen nördlichen und kalvinistisch-protestantischen Teil, der zur holländischen Republik wird, und einen südlichen katholischen, dessen Reste von Napoleon viel später als „Belgien“ neu erfunden werden.

Spanien wird die Hoffnung der katholischen Opposition gegen Elizabeth, und das Einfallstor für eine Invasion bleibt das katholische Irland, nominell seit Henry VIII. ein Königreich in Personalunion mit der englischen Krone, tatsächlich weitgehend eigenständig und längst unter Kontrolle gälischer und anglo-irischer Warlords. Es kommt zu katholischen Verschwörungen gegen das Leben der Elizabeth und Aufständen, in die Mary Stuart ein wenig verwickelt ist, mit Achsen über Irland nach Spanien und über Schottland nach Frankreich - das anglikanische Parlament setzt ihre Hinrichtung durch. Das Drama ist nur indirekt eines von zwei Charakteren, es ist eher eines, in dem eine Monarchin ihr Leben der "Realpolitik" unterwirft, und sogar ihre Beziehung zum Earl of Leicester politisch versteht, während die andere die Politik ihrem Leben unterwirft, zu dem wohl auch die Mitwisserschaft beim Mord an einem Gemahl gehört, der einem Liebhaber im Wege stand.

Mit der etwa gleichzeitigen Unterstützung der holländischen Aufständischen mit Geld und Waffen nach der Ermordung ihres Anführers Wilhelm von Oranien durch einen Auftragsmörder der spanischen Krone gefährdet England den Seeweg von Spanien durch den Ärmelkanal. 1588 geht mit viel Glück für England die spanische Armada unter, die mit ihren Invasionstruppen drauf und dran ist, England zu erobern und einen spanischen Monarchen dort einzusetzen.
Indem England so einen Beitrag liefert zur Entstehung unabhängiger protestantischer Niederlande, schafft es sich einen neuen Hauptkonkurrenten auf den Seewegen. Dieser Machtkampf wird im 17. Jahrhundert in zahlreichen Kriegen ausgetragen werden, an deren Ende England dann als „Great Britain“ die zweite Supermacht auf dem Globus wird, bis ihr die USA im Ersten Weltkrieg diese Rolle entreißen, mit allerdümmlichster deutscher Unterstützung.

Die Kolonialreiche der iberischen Monarchien, von England und dann auch der Niederländer liegen weithin unter tropischer und subtropischer Sonne und erlauben Plantagenwirtschaft für neue Produkte wie Zucker, Tabak und später Baumwolle. Da viele „Indianer“ beider Amerikas nicht bereit sind, sich für die neuen Herren zu Tode zu schuften, sondern es vorziehen, dann lieber gleich zu sterben, die Kolonisten aber keine Lust haben, sich derart abzuplacken, kommt es zu einem noch nie dagewesenen Sklavenhandel als Teil eines weltumspannenden Handelskapitalismus. Daraus entwickelt sich die Verfrachtung so vieler Menschen von einem Kontinent auf einen anderen, dass schon im 18. Jahrhundert die ersten Gegenden nach dem Verschwinden der vorkolonialen Einwohner eine aus Afrika stammende Bevölkerungsmehrheit erhalten. Unnötig zu sagen, dass diese "schwarzen" Bevölkerungen die Religionen ihrer Herren aufgepfropft bekommen.

Der Machtkonflikt mit Spanien fördert einen englisch-protestantischen Nationalismus, der sich aus einem frenetischen Katholikenhass nährt. Das ganze Augenmerk richtet sich darauf, dass kein Katholik Nachfolger der jungfräulichen Königin wird. Der protestantische König James von Schottland, der seine Mutter Mary Stuart nie bewusst zu Gesicht bekam, wird dadurch an England gebunden, dass Elizabeth nie heiratet: Als nächster Verwandter kann er sich bei Wohlverhalten Hoffnungen auf den englischen Thron machen. England und Protestantismus wird zu einer festen Einheit.
Bei einem neuen spanischen Invasionsversuch in Irland kommt es zu einem weiteren irischen Aufstand, der erst nach Jahren blutig niedergeschlagen wird. Jetzt beginnt systematischere Siedlungspolitik in Irland, um die dortige Kultur zu zerstören, parallel zur Zerstörung der indianischen Kulturen auf dem nordamerikanischen Halbkontinent. England begibt sich auf den Weg, Great Britain zu werden. Die endgültige Zerstörung des gälischen Irland wird gleichzeitig betrieben mit der zunehmenden Zerstörung der noch keltisch geprägten und nicht anglisierten Teile Schottlands, wie der Highlands und der westlichen Inseln. Engländer, Schotten, Iren und Waliser werden nie ganz hinnehmen, dass sie ein einheitliches neues Staatsvolk werden sollen, sowenig, wie es auf Dauer gelingen wird, die regionalen Kulturen unter der kastilischen Zentralmacht völlig zu vernichten. Am Ende wird es nur der französische Zentralismus schaffen, aus der Zerstörung der regionalen Kulturen ein einheitliches Reich zu bauen. Das wird das Verdienst von Ludwig XIV und insbesondere des völlig entfesselten Nationalismus in der Französischen Revolution.

Der Weg Englands zur Weltmacht läuft also über einen religiös definierten Nationalismus, über brutalen Kolonialismus auf den britischen Inseln und dann in Übersee und das völlige Zuschneiden englischer Politik auf die Bedürfnisse des Handels. Der Verarmung und Verelendung immer größerer Teile der englischen Bevölkerung wird mit der Ausplünderung des übrigen Globus und seiner Bevölkerungen beantwortet, die die eigenen Armen wenigstens überwiegend überleben lässt. Seitdem ist nicht viel Neues unter der Sonne passiert.

(Im nächsten Teil geht es um den Ausbau der Staatlichkeit in England, anders gesagt, um weitere Ansätze der Verstaatlichung des Gemeinwesens)
 
Meinungen von Lesern zu diesem Artikel
Bärbär | 02.12.09 |  09:32  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
@SSS
Nein, SSS, bewundernswert ist dein aufrichtiges Engagement und Interesse. Davor zieh ich ganz tief den Hut, und es macht zugleich nachdenklich. Sehr sogar.

Grüß dich, B.
sweetsmilesunshine | 02.12.09 |  00:56  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Mein lieber Bär, auch deine Gedankenkritzelchen sind sehr bewundernswert und bringen mich zum weitergrübeln über eure Diskussionen zum Inhalt. :-)))

Nachtigall :-))
sweetsmilesunshine | 01.12.09 |  22:39  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Lieber Amadeus, melde mich wiedermal viel zu spät zu deinem gigantischen, atemberaubenden und rehistorischen-Geschichtsunterricht. Hoffe es gibt keinen Strich für mich in der Akte ;-)) Wie jedes Jahr bei uns in der Praxis zur Vorweihnachtszeit: Hektik,.... geplante Termine, Schmerzen zwischendurch, andere Fälle, Bonuspunkte im Heftchen zwischendurch schnell noch sammeln, weil man das ganze Jahr keine Zeit zum ZA. hatte und andere Notfälle mit chirurgischen Eingriffen.... Haushalt, Kind, Einkäufe, Freunde und Familie und nebenbei Opinio, wie es denkt, fühlt und schreibt ;-))) ..... für mich manchmal ganz schön schwierig und kraftreibend, in kürzester Zeit alles wohlwollend unter einem Hut zu bringen. Geht es manchen ähnlich wie mir?, frage ich mich des öfteren. Nunja, das zu meiner einzigen und wahren Verteidigung ;-))

Mit meinen!.... bewusst einfach,.... einfachen Worten..... :-))) ;-)
Zunächst zu deiner aufwendig, informativ gut gelungenen Fortsetzung, die mir immernoch sehr hilfreich für mein Verständniss ist und ich dir immer noch unendlich dankbar für solch' ein global komplizierte Geschichtswiedergabe, die du wunderbar, gekonnt zusammengefasst hast, die über mehrere Bücher geht, mein allerhöchsten Respekt der Annerkennung hiermit!!! :-))

Eure -professionell- teilweise auflockernd heiteren, bis nachdenklich überlegten Diskussionen, haben auch mich an bestimmten Stellen zum schmunzeln sowie auch am Ende zum Innehalten meines persönlichen Kommentars gebracht. Und das ist gut so! ;-))
JB's unterstützender und hilfreicher Hinweis zu dieser Folge, lieber Amadeus, und dein Feedback anschließend dazu, lassen mich ebenfalls wie G.S. , gespannt auf die nächste Fortsetzung fiebern. :-)))

Morgen werde ich mehr Zeit für die nächsten Folgen haben, denke und hoffe ich. :-)))

LG Aylin :-)))
Amadeus 57 | 30.11.09 |  11:56  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Klar Gerhard, die Art, wie ich schaue und denke, ist natürlich subjektiv. Und gewiss nicht "wahr", was ich von "richtig" unterscheide, was nicht die Art der Betrachtung meint, sondern nur den Stand der "Kenntnisse".
Innerlich beziehe ich, und in der Regel nur halb bewusst, immer stark die Seite derer, die nicht die Macher des großen Geschehens sind, sondern "nur" ihres kleinen Lebens. Ich gehöre ja zu ihnen. Deshalb mag ich mich auch nicht mit irgendetwas identifizieren, was in England geschieht, und mit der Entwicklung von Macht und Recht zu tun hat. Ich versuche es nur zu verstehen.
Gut und Böse sind für mich Begriffe des Augenblicks, und als solche taugen sie auch. Historischer Nachdenklichkeit widersprechen sie meines Erachtens oder auch: Sie verfallen dem Relativismus der Perspektiven. Ich entdecke in/bei der Betrachtung der Vergangenheit keinen moralischen oder philosophischen Sinn. Wenn ich ihn suchen würde, müsste ich nur noch mit dem Kopf schütteln.
Um an deinen Fabian anzuknüpfen: Ich bin nicht einmal in der derzeitigen Gegenwart mehr imstande, Partei zu ergreifen, was mir emotional eher nicht gut tut. Anders ausgedrückt: Aus der Kritik entwickelt sich mir kein Positivum mehr, sondern die Neigung zur Reduktion auf das Positive im kleinen Rahmen, was bleibt. Das ist aber persönlich und selten Thema meiner Texte.
Wenn ich etwas "Gutes" entdecke, bin ich aber durchaus imstande, es zu verteidigen. Sei es nur, weil es mir Vergnügen bereitet.
Amadeus in Quassellaune grüßt dich
GerhardSok | 30.11.09 |  11:20  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Aber ja doch, nur gibt es solche und solche Schärflein, und so ganz von der Kategorie Gut - Böse möchte mich denn doch nicht verabschieden, es würde ja mein ganzes Leben auf den Kopf stellen und da ich kaum mehr Zeit genug habe, mich anderen Versionen hinzugeben, müsste ich mit dem elenden Gefühl ins Grab steigen, mich selbst angeschmiert zu haben. har.

G.S. der meint, dass Geschichte Ansichtssache ist, und dass mir bisher die deine sehr gut gefallen hat.
Amadeus 57 | 30.11.09 |  10:17  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Lieber Gerhard, ich schreibe diese Serie von Texten zwar in gnadenlosem Tempo runter, aber ich schau mir jeden Text, wenn er fertig in der Internet-Maske ist, wenigstens noch vier bis fünf mal an und überlege, was stimmt und was nicht. Für meine Verfassungsgeschichte spielt die Kritik von Bordat eine geringe Rolle und der Brautwerbungsabschnitt über den achten Heinrich eher gar keine, aber Fehler ist Fehler und das war definitiv einer. Ich habe die Rolle des Papsttums, weil ich nicht genau hingeschaut hatte, sondern drauflos geschrieben habe, so formuliert, dass sie falsch aussieht, und Fehler, die ich selbst mache, sind schwer beim eigenen Noch-Mal-Durchlesen zu entdecken. Die der anderen findet man leichter. Deshalb bin ich Bordat für seine Kritik dankbar.
Ich mache überhaupt den Versuch, in meiner Darstellung weder Freund noch Feind zu entdecken, sondern das, was passiert ist, vermittels hinschauen so zu verstehen, dass ich davon profitiere.
Die Passage war eigentlich keine Fehlinterpretation, es war überhaupt keine Interpretation, sondern eine üble Schlamperei. Ich schätze es zwar, mich keinem akademischen Stil verpflichten zu müssen, aber richtig sollte das, was ich schreibe, deshalb nicht weniger sein.
Und Gerhard, es handelt sich damals wie heute nicht um einen ewigen Kampf zwischen gut und böse, sondern um Menschen, die in einer immer rasanteren Entwicklung, die sie mitbetreiben, wobei sie nie den Punkt verstehen, an dem sie gerade sind, ihr Scherflein beitragen. Das ist doch gerade das Schöne an der Vergangenheit, dass man sie gelassener sehen kann als die Gegenwart, obwohl die Engländer um 1600 uns schon so ähnlich sind.
Mit ganz freundlichen Grüßen, Amadeus
happynow | 30.11.09 |  09:40  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Und wie damals die Engländer und andere aus dem europäischen Abendländle mit deihren und den fremden Leuten umgingen, halten die es aus dem Morgenland doch noch heute so, da geht es auch noch immer fälschlicherweise um das alte Testament 'Auge um Auge, Zahn um Zahn', da sie ja das neue Testament wohl niemals lesen werden 'Schlägt dich einer auf deine rechte Wange, so halte ihm auch deine linke hin'

herzliche GRüßchen von happynow
GerhardSok | 30.11.09 |  09:02  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Lieber Amadeus, ich bin entsetzt. Diese deine Fehlinterpretation hätte uns allen doch um ein Haar ein total schiefes Bild des Papstums vermittelt. Womöglich wäre uns diese christliche Istitution noch verruchter erschienen, als all das andere hochherrschaftliche Verbrechergesindel; und da hätten wir ihr doch unrecht getan, dieser christilichen Institution. Nicht wahr?

Aufgeregte Grüße, G.S.
Amadeus 57 | 30.11.09 |  07:08  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Peter Bordat, ich sitze gerade beim Frühstück, hab das einmal überflogen und habe jetzt verstanden, worum es Ihnen geht. Ja, meine Formulierung ist eine schlampige Flapsigkeit, die daher rührt, dass ich mich mit dem iberischen Kram hier seit Jahrzehnten nicht mehr befasst habe. Und mit dieser Zeit in Spanien nie ausführlicher.
Angesichts der Rolle des Papsttums gegenüber den englischen Königen und der Unmöglichkeit, Koalitionen dagegen zuwege zu bringen (und Philipp II vertritt Eigeninteressen) und der Macht, die kontinentale Fürsten gegenüber den Päpsten zu Felde bringen, gebe ich dem Papsttum mit der Formulierung, wie auch immer, eine viel zu starke Rolle im Weltgeschehen.
Das ergibt zweifellos ein schiefes Bild.
"Sie überschätzen insoweit die Bulle": Bei Ihrem ersten Kommentar habe ich gedacht, ist der Bordat ein Pfennigpfuchser? Jetzt verstehe ich, dass mein Satz einen falschen Eindruck erweckt. Ich habe überhaupt nicht wahrgenommen, dass das passieren würde. In dem Vergleich pästlichen Einflusses um 1500 und um 1550 und um 1580 habe ich kurz mal vergessen, dass dieser schon lange vorher im Rückgang begriffen war.
Die Entwicklung, die ich im Kopf hatte, war eine, die die Exkommunikation der Elizabeth fast wirkungslos macht. Die Entwicklung vor Henrys "Reformation" hatte ich dabei ignoriert.
Also einverstanden und dankeschön: Der Fehler meinerseits liegt für mich vor allem in dem "Höhepunkt päpstlicher Macht". Das ist rückwärts gesehen von später und nicht vorwärts gesehen vom Hochmittelalter her. Ich hab nicht so sehr die Bulle eigentlich überschätzt, sondern bei dem Tempo, in dem ich schreibe, insgesamt einen falschen Eindruck vermittelt.

Die Verkürzung bei dem Friedensaspekt hingegen war mir bewusst: Die Frieden stiftende Rolle des Papsttums insgesamt sehe ich an sich eher viel früher, 10./11.Jahrhundert, als zivilisierenden Einfluss überhaupt, katholischer Friede ist inzwischen nur noch ein (originär christliches) Argument der Päpste, um in den sich überstürzenden Entwicklungen nicht auf der Strecke zu bleiben.
Schlamperei soll keine Ausrede sein. Ist auch keine gute.

Ich werde den "Höhepunkt päpstlicher Macht" durch eine Formulierung ersetzen, die adäquat ist und seine Rolle bei der Teilung der Welt ebenfalls reduzieren.
Ich grüße zurück, Amadeus, dankbar für so viel Mühe Ihrerseits
Josef Bordat | 30.11.09 |  03:09  Uhr
RE: Macht Gegen Macht - Glaube Gegen Glauben VIII
Lieber Amadeus, ich will nicht nerven, aber so wie Sie es jetzt schildern, scheint mir doch ein etwas tieferes Missverständnis hinsichtlich der Bedeutung päpstlicher Bullen in der Kolonialfrage der 2. Hälfte des 15. Jh. und deren Verhältnis zu Verträgen zw. E und P vorzuliegen. Ich muss da ein bisschen ausholen, in der Hoffnung, dass Sie mir folgen mögen.

Mein „Nein“ bezieht sich ausschließlich auf den hier hergestellten Zusammenhang zwischen dem Papst und dem Vertrag von Tordesillas. Der ist eindeutig zu „glatt“, um es mal wohlwollend zu sagen. Ich bin übrigens auf die Stelle im Rahmen einer Internetrecherche gestoßen. Über Ihren Text bzw. die Serie selbst bzw. dessen/deren Grundaussage/n möchte ich damit nichts gesagt haben, schon deshalb nicht, weil ich ihn/sie weiter gar nicht gelesen habe.

Also: Ihre zentrale Behauptung „Der Papst hat geteilt und zwei Staaten haben das vertraglich besiegelt.“ ist leider nicht nur etwas oberflächlich oder in der Darstellung nicht ausführlich genug (allein deshalb hätte ich mich nicht gemeldet!), sondern historisch gleich doppelt falsch.

1. weil die erste Aufteilung der Einflusssphäre der beiden Länder bereits im Vertrag von Alcáçovas (1479) erfolgt ist, der durch den Vertrag von Tordesillas (1494) aufgehoben wurde – ungeachtet der dazwischen erlassenen päpstlichen Bulle Inter cetera (1493).
2. weil von „besiegeln“ keine Rede sein kann, da im Vertrag von Tordesillas nicht einfach nur die päpstlichen Vorstellungen „abgenickt“ und formal bestätigt, sondern da völlig neue Bedingungen aufgenommen wurden.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die zwei Staaten haben geteilt, nämlich im Vertrag von Alcáçovas, und der Papst (Sixtus IV.) hat besiegelt, nämlich mit der Bulle Aeterni regis (1481).

Die im Kontext von Tordesillas fragliche „Schenkungs- bzw. Teilungsbulle“ Inter cetera spielte in den bilateralen Beziehungen zwischen E und P keine Rolle (anders als „innenpolitisch“ – der Schenkungsaspekt in Inter cetera war in E ein wichtiger Bestandteil der Legitimation, sogar vom Kritiker Las Casas anerkannt!). Sie wurde aber in den Verhandlungen zw. E und P schlicht ignoriert. Schatz stellt fest: „Die Diplomatie ging einfach über Inter cetera hinweg. Die Verhandlungen zwischen Madrid und Lissabon liefen weiter als sei nichts geschehen.“ (Von der europäischen Christenheit zur Weltkirche. Durchblicke durch die Missionsgeschichte der Neuzeit 15.-20. Jh. Frankfurt a. M. 1983, S. 13). Nur so ist ja überhaupt zu erklären, dass man einfach mal so die Teilungsbedingungen ändert.

Sie überschätzen insoweit die Bulle Inter cetera, die auf der einen Seite sicherlich für die spanische Krone eine funktional-machtpolitische Bedeutung zur Absicherung des Herrschaftsanspruchs in Amerika hatte, in den Beziehungen zwischen den einzigen „Supermächten“ E und P keine Rolle spielte. Im übrigen auch nicht im Verhältnis Spaniens zu Frankreich, das nicht qua Inter cetera zum Verzicht auf Ansprüche im überseeischen Raum bewegt werden konnte, sondern mit territorialen Zugeständnissen zu entsprechender Neutralität verpflichtet werden sollte. So waren die Spanier bereit, Mailand an Frankreich abzutreten, wenn sich dieses zu einem Verzicht auf Kolonien in Amerika durchringen könnte. Hätte E nicht mit der Bulle als verbindlichem Druckmittel gewuchert, wenn das möglich gewesen wäre, wenn also diese Bulle verbindlich gewesen wären? In Wirklichkeit hatte die Bulle Inter cetera keine rechtliche Bindungskraft, die auch nur annähernd mit der „völkerrechtlicher“ Verträge mithalten könnte (Pietschmann: Staat und staatliche Entwicklung am Beginn der spanischen Kolonisation Amerikas. Aschendorff 1980, S. 61 f.).

Im Gegenzug fühlte sich Spaniens Katholisches Königspaar Isabel und Ferdinand an keine päpstliche Verlautbarung gebunden, die portugiesische Herrschaftsanspruch legitimierte. Auf die „Schenkungsbulle“ Romanus pontifex (1455) von Papst Nikolaus V. (die keinen Passus zur Teilung enthielt, sondern mit der lediglich – jetzt bin ich mal oberflächlich – Afrika an die Portugiesen verschenkt wurde), folgte nicht etwa zähneknirschendes Stillschweigen, sondern eine ernste Auseinandersetzung mit zahlreichen Gebietskonflikten, die erst mit dem Vertrag von Alcáçovas (1479) endete, der (wie gesagt) erstmals eine Interessensabgrenzung (Gebietsteilung) zw. E und P enthielt. Dass die Inter cetera überhaupt Aussagen zur Aufteilung von Gebieten zwischen E und P enthält, obwohl sie sich (als „Schenkung“) ausschließlich an E richtet, ist der damit nötig gewordenen Korrektur von Aeterni regis geschuldet, die ja nichts weiter war als ein „Absegnen“ des Vertrags von Alcáçovas.

Lange Rede, kurzer Sinn: Spanien und Portugal fühlten sich nicht an irgendwelche „Verteilungsbullen“ gebunden, sondern haben immer eigene Verträge geschlossen, die z. T. den päpstlichen Vorstellungen widersprachen. So geschehen im Vertrag von Alcáçovas, so geschehen im Vertrag von Tordesillas. Zu diesem hatte der Vatikan, der in Kolonialfragen zw. Spanien und Portugal eher nachvollzog als das Tempo zu bestimmen, ausdrücklich geraten, das ist wohl richtig, aber nicht um „seine“ Vorstellungen aus vorab erlassenen Bullen umgesetzt zu sehen, sondern allein, um den (Welt-)Frieden zu wahren.

Herzliche Grüße,
Josef Bordat

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