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Kunst & Kultur | Sprache 
Sprache |  26.01.10 |  12:33  Uhr

Verbale Auseinandersetzungen
von RPostwendend | Hamminkeln |  226 mal gelesen
Tagtäglich finden sie statt. Überall beim Lesen stößt man auf sie – und wird so Zeuge des tapferen Überlebenskampfs trennungsgeschädigter Verben in einschlägigen Texten.
In den letzten Jahren konnte aufmerksamen Lesern deutscher Texte eine Tatsache nicht verborgen bleiben: Substantive, die eigentlich eine Zusammensetzung bilden sollen, werden von ihren Verwendern einfach in ihre Einzelteile zerlegt. Ein Beispiel, sozusagen ein „tageszeitliches“, tut sich dabei in besonderer Häufigkeit und Aufdringlichkeit hervor: statt am Sonntagabend liest man dann am Sonntag Abend, statt am Mittwochmorgen heißt es oft am Mittwoch Morgen. Aber auch die Tomatensuppe ist vielen Schreibern offensichtlich schon zu lang (und zu mächtig) – und wird in zwei Portionen angeboten: Tomaten Suppe.

Die Ursache für dieses „word splitting“ liegt vermutlich hauptsächlich in der immer größer werdenden Anpassung und Anbiederung an die englische Sprache, in der es nun mal den Sunday evening, den Wednesday morning und die tomato soup gibt. Bei Wortkettengebilden wie z. B. „Feel Good Instant Tomaten Suppe“ erübrigt sich eine weitere Betrachtung, denn hierbei bewegt man sich wohl eher im (zumindest vermeintlichen) „künstlerischen“, und damit auch im regelunabhängigen oder –losen Raum. Aber es ging und geht ja auch den „ganz braven“ (und rein deutschen) zusammengesetzten Substantiven heftig an den Kragen (wie ich hier schon einmal ausführlich gezeigt habe).


Warum soll’s den Verben besser gehen?

Daß das dabei aktive Getrenntschreibvirus ganze Arbeit zu leisten gewillt ist, sieht man u. a. auch daran, daß es sich im Lager der Verben einen weiteren Verbreitungsherd geschaffen hat. Erbarmungslos setzt es dort sein Werk fort, indem es das befallene Verb in seine Bestandteile zerlegt, also gewissermaßen eine verbale Auseinandersetzung betreibt.

Warum tut es das, und warum bekommt es in der schreibenden Öffentlichkeit eine dermaßen große Unterstützung? Eine erste Vermutung ist die, daß eine größere Länge des Verbs zu unübersichtlich und damit vielleicht nicht mehr überseh- oder beherrschbar wäre.

Darum also nun lieber ...
Dateien herunter laden als herunterladen, die Treppe hinunter fallen statt hinunterfallen, ans andere Ufer hinüber schwimmen statt hinüberschwimmen, gute Traditionen aufrecht erhalten statt aufrechterhalten, im Unterricht dazwischen reden statt dazwischenreden, dem Partner entgegen eilen statt entgegeneilen, sich mit Problemen auseinander setzen statt auseinandersetzen?

Wären also die Verben im zusammengeschrieben Zustand (dem einzig richtigen), einfach zu lang? Zum Beispiel, weil schon allein der Erstbestandteil – mit über sechs Buchstaben – zu lang ist? Das kann’s nicht sein, denn den Verben mit sechsbuchstabigem Erstbestandteil geht’s ja auch nicht besser.

Da will man nämlich oft lieber...
zu Besuch vorbei kommen als vorbeikommen, sich ins Kämmerlein zurück ziehen als zurückziehen, die Erfolgsleiter hinauf steigen als hinaufsteigen.

Und selbst die fünfbuchstabigen Erstbestandteile sind vor der abtrennenden Auseinandersetzung nicht sicher.

Man möchte zum Beispiel oft eher ...
an jemanden heran kommen als herankommen, seine Bücher durch lesen als durchlesen, um den heißen Brei herum reden als herumreden, nichts hinzu fügen als nichts hinzufügen, einmal fremd gehen als fremdgehen.

Und die mit den vierbuchstabigen Erstbestandteilen? Nun, sehen Sie selbst:

Offensichtlich wollen viele ...
nicht mehr dazugehören, sondern dazu gehören, sich nicht mehr reinsteigern, sondern rein steigern, Vorhänge (und Opinio-Artikel) nicht mehr hochziehen, sondern hoch ziehen, in Streitfällen (und beim Fußball) nicht mehr nachtreten, sondern nach treten, in Lexika nicht mehr nachschlagen, sondern nach schlagen.

Nun, aber wenn der Erstbestandteil wirklich nur drei Buchstaben hat, hat er dann eine größere Chance, mit seinem Stammverb verbunden zu bleiben? Es sieht nicht so aus.

Warum will man wohl so oft ...
abends das Licht nicht mehr ausmachen, sondern es aus machen, in der Kneipe keinen mehr ausgeben, sondern einen aus geben, seinem Partner nicht mehr beipflichten, sondern bei pflichten, sein Geld nicht mehr einzahlen, sondern ein zahlen, Geiseln nicht mehr loskaufen, sondern los kaufen, sich nichts mehr vormachen lassen, sondern höchstens vor machen lassen, den Müll nicht mehr wegwerfen, sondern weg werfen?

Wie stark das Verbenzerteilungsvirus schon inzwischen verbreitet ist, sieht man auch daran, daß es nicht einmal vor Verben haltmacht, die mit an, ab oder zu beginnen, also das mit zwei Buchstaben kürzestmögliche Präfix aufweisen.

Immer wieder liest man von Leuten, die ...
bei Reisen nicht mehr ankommen, sondern an kommen, ihre Schuhe nicht mehr anziehen, sondern an ziehen, Risiken nicht mehr abwägen, sondern ab wägen, sich ins Ausland nicht absetzen, sondern ab setzen, einen Fehler nicht mehr zugeben, sondern höchstens zu geben, kein Auge zudrücken wollen, sondern nur zu drücken.


Sonderfälle mit höchstem Gefahrenpotential

Besonders leid tun können einem Verben wie teilnehmen, preisgeben und heimzahlen. Denn hat dort erst einmal das Trennvirus zugeschlagen uns daraus teil nehmen, preis geben und heim zahlen gemacht, fühlt sich meist gleich auch das Großschreibvirus wie magisch angezogen und restauriert die schon längst verblichenen Ex-Substantive zu neuen Hauptwörtern. Und so kommt es, daß dann da am Ende Teil nehmen, Preis geben und Heim zahlen steht. Natürlich gibt’s das so auch, aber so ist die Bedeutung eine total andere (man kann z. B. vom Ganzen einen Teil nehmen, dem Sieger einen Preis geben und für sein Heim zahlen).


Ja, aber ...

„Aber die neue Rechtschreibung fordert doch in all diesen Fällen die Getrenntschreibung!“, heißt es oft. Tut sie zwar nicht, aber wen interessiert das jetzt noch – nach sovielen Jahren der Desinformation und staatlich unterstützten Verwirrung? In allen oben geschilderten Fällen sind sich alte und neue Rechtschreibung immer- und weiterhin vollkommen einig: Es wird einfach zusammengeschrieben, was zusammengehört.

[Die letzte Stufe der Rechtschreibreform hat sogar noch ein paar weitere Zusammenschreibungen hinzugefügt, die es vorher noch nicht gab, zum Beispiel: pleitegehen, bankrottgehen, zugutehalten, zugutekommen, vonstattengehen, abhandenkommen.]


Aktuelle Ergänzung

Aus aktuellem Anlaß hier noch ein Schlenker von den schweren Fällen zum schweren Fallen. Auf der aktuellen OPINIO-Printseite (vom 21. Januar 2010) hat der Artikel von Nick Charles, im Original hieß er „Sommerhit im Winter“, einen neuen Titel bekommen: „Warum Joggen im Winter manchmal schwer fällt“. Nun könnte zwar ein Jogger beim Joggen schwer fallen, d. h. heftigst stürzen, aber da der Autor nach eigener Schilderung „mehr oder weniger sanft“ hingefallen war, kann er selbst schon mal nicht gemeint sein. Deshalb ist wohl gemeint, daß das Joggen dem Jogger im Winter manchmal Schwierigkeiten bereitet, ihm also schwerfällt. So, wie Zeitungsredakteuren gelegentlich die Rechtschreibung. ;-)



Bilder:
Tom Kleiner, Stephanie Hofschlaeger, Ernst Rose (alle Pixelio)
 
Meinungen von Lesern zu diesem Artikel
hierbinich | 02.02.10 |  17:51  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Lieber @Post wendend, „hier bin ich“ wie sieht das denn aus, he? Trotz dem hast du uns hier wie der eine wunder bar amüsante Deutsch Stunde er teilt. Die neue Recht Schreibung hatte in zwischen auch mich ver wirrt. Nun weiß ich end lich Be scheid.
Gruß, „hierbinich“ Einwort!
Linda Bohrmann | 26.01.10 |  16:44  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Du meine Güte, wer lesen kann, wird auch das Alte verstehen.

Freundliche Grüße Siglinde
Bogitt | 26.01.10 |  16:36  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Sorry :
vor lauter Hingabe habe ich ein "g" vergessen........

LG B.Bo.
Bogitt | 26.01.10 |  16:32  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Lieber RPw.,

ich werde jetzt loslaufen
und mir ein Los kaufen,
eines zum Aufmachen -
und Dich nicht auslachen,

denn dies war wieder eine perfekte Lektion die,
wie man den Kommentaren entnehmen kann,
angekommen ist.

Herzliche Grüße
Boitt.-
aha! | 26.01.10 |  14:21  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Wie recht du hast!
Vor allem durch Blogs, Websites und Schreib Portale im Internet wird es auf fälliger, dass die zusammen gesetzten Verben und Sub Stantive seit der Rechtschreib Reform fast jedem (außer dir und Herrn Duden) Schwierig Keiten be reiten.

Ich glaube allerdings nicht, dass die Engländer dran schuld sind. Es dürfte mehr die Bequemlichkeit sein, die viele Schreiber davon abhält, jedes einzelne verdammte zusammengesetzte Verb nachzuschlagen.*

Hier ein Artikel von 1999(!) , in dem sämtliche zukünftigen Zweifelsfälle (also die heutigen) sauber aufgelistet waren. Siehe Aufzählung unter 1. 2. und 3.

*Das Rechtschreibprogramm im Browser kritzelt hier 'nachzuschlagen' als falsch an. Wenn ich jetzt den Vorschlägen folgen würde, dann hätte ich 'nach zuschlagen' oder 'nach-zuschlagen' schreiben müssen.
Uarrrgh.
Irritation ist überall. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und nun müssen wir mit den Folgen leben.

Mit trüben Grüßen,
aha!
happynow | 26.01.10 |  13:51  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
ach du armer, armer Dichter du ;-) ich möcht nicht wissen wie fiele diser dumen Vehler in Meine artikel sint, hahaha
GerhardSok | 26.01.10 |  13:34  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Ein Glück, dass es bei Opinio keine Lehrer gibt, ich meine Lehrer, die bei den Usern den Rotstift ansetzen. Der arme Dichter könnte dann keine einzige Dichtung veröffentlichen, ohne dass sie sich durch die Rechtschreibung als Nonsens entlarvte. har

Respektvolle Schülergrüße, G.S.
happynow | 26.01.10 |  13:25  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Jetzt wo du es sagst, da fällt`s mir auch wie Schuppen von den Augen ;-))
Stimmt, ich erwische mich oft dabei das ich überlegen muss wie es geschrieben wird, wogegen ich früher einfach drauflosschreiben konnte. Dank dir schön, jetzt kann ich aufgrund deines Artikels auch ruhig wieder mal drumherumschreiben, oder so ^_^
Wie immer, gut durchdacht und ein wunderbar gelungener Beitrag von dir.

liebe Grüßchen von happynow
Micasa | 26.01.10 |  13:09  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
An Deine Rechtschreibkenntnisse heranzukommen dürfte wohl inzwischen fast allen hier richtig schwerfallen. Entgegen Deiner Annahme, dass gegen das verbale Trennungsvirus kein Kraut gewachsen ist, möchte ich Dir zu folgendem Sud raten:

Ein Prise Drüberweggucken zusammenmischen mit 3 Löffeln Toleranz. Das Ganze gut umrühren, 10 Minuten ziehenlassen, alles überdenken, in kleinen Schlucken zu Dir nehmen. Vielleicht hilft es ja.

Und jetzt hätte ich gerne, dass Du mir die Möglichkeit einräumst, sämtliche Kommentare und PNs an Dich überarbeiten zu dürfen.

Verunsicherte Grüße ;-))
Micasa

PS: Saubere Arbeit mal wieder!
Roberto Bianco | 26.01.10 |  13:09  Uhr
RE: Verbale Auseinandersetzungen
Diese Tendenz ist mir in den letzten Monaten auch aufgefallen. Ich habe das mit dem Textprogramm Word ausprobiert. In vielen Fällen werden beide Varianten akzeptiert. In so fern ist getrennt schreiben manchmal einfacher.
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