Tagtäglich finden sie statt. Überall beim Lesen stößt man auf sie – und wird so Zeuge des tapferen Überlebenskampfs trennungsgeschädigter Verben in einschlägigen Texten.
In den letzten Jahren konnte aufmerksamen Lesern deutscher Texte eine Tatsache nicht verborgen bleiben: Substantive, die eigentlich eine Zusammensetzung bilden sollen, werden von ihren Verwendern einfach in ihre Einzelteile zerlegt. Ein Beispiel, sozusagen ein „tageszeitliches“, tut sich dabei in besonderer Häufigkeit und Aufdringlichkeit hervor: statt
am Sonntagabend liest man dann
am Sonntag Abend, statt
am Mittwochmorgen heißt es oft
am Mittwoch Morgen. Aber auch die
Tomatensuppe ist vielen Schreibern offensichtlich schon zu lang (und zu mächtig) – und wird in zwei Portionen angeboten:
Tomaten Suppe.
Die Ursache für dieses „word splitting“ liegt vermutlich hauptsächlich in der immer größer werdenden Anpassung und Anbiederung an die englische Sprache, in der es nun mal den
Sunday evening, den
Wednesday morning und die
tomato soup gibt. Bei Wortkettengebilden wie z. B.
„Feel Good Instant Tomaten Suppe“ erübrigt sich eine weitere Betrachtung, denn hierbei bewegt man sich wohl eher im (zumindest vermeintlichen) „künstlerischen“, und damit auch im regelunabhängigen oder –losen Raum. Aber es ging und geht ja auch den „ganz braven“ (und rein deutschen) zusammengesetzten Substantiven heftig an den Kragen (wie ich
hier schon einmal ausführlich gezeigt habe).
Warum soll’s den Verben besser gehen?
Daß das dabei aktive Getrenntschreibvirus ganze Arbeit zu leisten gewillt ist, sieht man u. a. auch daran, daß es sich im Lager der Verben einen weiteren Verbreitungsherd geschaffen hat. Erbarmungslos setzt es dort sein Werk fort, indem es das befallene Verb in seine Bestandteile zerlegt, also gewissermaßen eine
verbale Auseinandersetzung betreibt.
Warum tut es das, und warum bekommt es in der schreibenden Öffentlichkeit eine dermaßen große Unterstützung? Eine erste Vermutung ist die, daß eine
größere Länge des Verbs zu unübersichtlich und damit vielleicht nicht mehr überseh- oder beherrschbar wäre.
Darum also nun lieber ...
Dateien herunter laden als herunterladen, die Treppe hinunter fallen statt hinunterfallen, ans andere Ufer hinüber schwimmen statt hinüberschwimmen, gute Traditionen aufrecht erhalten statt aufrechterhalten, im Unterricht dazwischen reden statt dazwischenreden, dem Partner entgegen eilen statt entgegeneilen, sich mit Problemen auseinander setzen statt auseinandersetzen?
Wären also die Verben im zusammengeschrieben Zustand (dem einzig richtigen), einfach zu lang? Zum Beispiel, weil schon allein der Erstbestandteil – mit über sechs Buchstaben – zu lang ist? Das kann’s nicht sein, denn den Verben mit
sechsbuchstabigem Erstbestandteil geht’s ja auch nicht besser.
Da will man nämlich oft lieber...
zu Besuch vorbei kommen als vorbeikommen, sich ins Kämmerlein zurück ziehen als zurückziehen, die Erfolgsleiter hinauf steigen als hinaufsteigen.
Und selbst die
fünfbuchstabigen Erstbestandteile sind vor der abtrennenden Auseinandersetzung nicht sicher.
Man möchte zum Beispiel oft eher ...
an jemanden heran kommen als herankommen, seine Bücher durch lesen als durchlesen, um den heißen Brei herum reden als herumreden, nichts hinzu fügen als nichts hinzufügen, einmal fremd gehen als fremdgehen.
Und die mit den
vierbuchstabigen Erstbestandteilen? Nun, sehen Sie selbst:
Offensichtlich wollen viele ...
nicht mehr dazugehören, sondern dazu gehören, sich nicht mehr reinsteigern, sondern rein steigern, Vorhänge (und Opinio-Artikel) nicht mehr hochziehen, sondern hoch ziehen, in Streitfällen (und beim Fußball) nicht mehr nachtreten, sondern nach treten, in Lexika nicht mehr nachschlagen, sondern nach schlagen.
Nun, aber wenn der Erstbestandteil wirklich nur
drei Buchstaben hat, hat er dann eine größere Chance, mit seinem Stammverb verbunden zu bleiben? Es sieht nicht so aus.
Warum will man wohl so oft ...
abends das Licht nicht mehr ausmachen, sondern es aus machen, in der Kneipe keinen mehr ausgeben, sondern einen aus geben, seinem Partner nicht mehr beipflichten, sondern bei pflichten, sein Geld nicht mehr einzahlen, sondern ein zahlen, Geiseln nicht mehr loskaufen, sondern los kaufen, sich nichts mehr vormachen lassen, sondern höchstens vor machen lassen, den Müll nicht mehr wegwerfen, sondern weg werfen?
Wie stark das Verbenzerteilungsvirus schon inzwischen verbreitet ist, sieht man auch daran, daß es nicht einmal vor Verben haltmacht, die mit
an, ab oder
zu beginnen, also das mit
zwei Buchstaben kürzestmögliche Präfix aufweisen.
Immer wieder liest man von Leuten, die ...
bei Reisen nicht mehr ankommen, sondern an kommen, ihre Schuhe nicht mehr anziehen, sondern an ziehen, Risiken nicht mehr abwägen, sondern ab wägen, sich ins Ausland nicht absetzen, sondern ab setzen, einen Fehler nicht mehr zugeben, sondern höchstens zu geben, kein Auge zudrücken wollen, sondern nur zu drücken.
Sonderfälle mit höchstem Gefahrenpotential
Besonders leid tun können einem Verben wie
teilnehmen, preisgeben und
heimzahlen. Denn hat dort erst einmal das Trennvirus zugeschlagen uns daraus
teil nehmen, preis geben und
heim zahlen gemacht, fühlt sich meist gleich auch das Großschreibvirus wie magisch angezogen und restauriert die schon längst verblichenen Ex-Substantive zu neuen Hauptwörtern. Und so kommt es, daß dann da am Ende
Teil nehmen, Preis geben und
Heim zahlen steht. Natürlich gibt’s das so auch, aber so ist die Bedeutung eine total andere (man kann z. B. vom Ganzen einen Teil nehmen, dem Sieger einen Preis geben und für sein Heim zahlen).
Ja, aber ...
„Aber die neue Rechtschreibung fordert doch in all diesen Fällen die Getrenntschreibung!“, heißt es oft. Tut sie zwar nicht, aber wen interessiert das jetzt noch – nach sovielen Jahren der Desinformation und staatlich unterstützten Verwirrung? In allen oben geschilderten Fällen sind sich alte und neue Rechtschreibung immer- und weiterhin
vollkommen einig: Es wird einfach zusammengeschrieben, was zusammengehört.
[Die letzte Stufe der Rechtschreibreform hat sogar noch ein paar weitere Zusammenschreibungen hinzugefügt, die es vorher noch nicht gab, zum Beispiel:
pleitegehen, bankrottgehen, zugutehalten, zugutekommen, vonstattengehen, abhandenkommen.]
Aktuelle Ergänzung
Aus aktuellem Anlaß hier noch ein Schlenker von den schweren Fällen zum schweren Fallen. Auf der aktuellen OPINIO-Printseite (vom 21. Januar 2010) hat der Artikel von Nick Charles, im Original hieß er „Sommerhit im Winter“, einen neuen Titel bekommen: „Warum Joggen im Winter manchmal schwer fällt“. Nun könnte zwar ein Jogger beim Joggen
schwer fallen, d. h. heftigst stürzen, aber da der Autor nach eigener Schilderung „mehr oder weniger sanft“ hingefallen war, kann er selbst schon mal nicht gemeint sein. Deshalb ist wohl gemeint, daß das Joggen dem Jogger im Winter manchmal Schwierigkeiten bereitet, ihm also
schwerfällt. So, wie Zeitungsredakteuren gelegentlich die Rechtschreibung. ;-)
Bilder:
Tom Kleiner, Stephanie Hofschlaeger, Ernst Rose (alle Pixelio)