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Havanna
Ackerbau zwischen Plattenbauten

Havanna. In Kuba hat der Staat die städtische Landwirtschaft eingeführt. In Havanna stammen zwei Drittel des Gemüses aus urbanen Gärten. Von Klaus Sieg

Ein Ochsengespann zieht tiefe Furchen in die rote Erde. Lange Reihen hellgrüner Lauchstängel leuchten in der Sonne. In Gewächshäusern sprießen Setzlinge. Männer in Gummistiefeln schieben Schubkarren voller Kohl- und Salatköpfe über den Weg in Richtung Verkaufsstand. Eine ganz normale Gemüsegärtnerei. Wären da nicht die löchrigen, von der Tropensonne gebleichten Hochhausfassaden aus Waschbeton, die aufgekratzten Kinderstimmen vom Schulhof und das Röhren der Linienbusse auf der breiten Straße, die aus dem Zentrum Havannas in Richtung Osten führt. Selten verirren sich Touristen nach Alamar, eine in den 1970er Jahren gebaute Plattenbausiedlung für 80.000 Bewohner am Rande der Hauptstadt. Dabei gibt es hier mit dem Organiponico El Vivero einen der besten urbanen Gärten Kubas zu besichtigen.

In Europa und Nordamerika ist das sogenannte Urban Gardening vor allem ein grünes Zukunftslabor für Aussteiger, alternative Stadtplaner, Spitzenköche oder Ökoaktivisten. Auf Kuba hat es die sozialistische Regierung in allen Städten der Insel eingeführt und institutionalisiert. Und das vor über 20 Jahren. Ohne die Menschen allerdings hätte das nie geklappt.

"Das war verrückt damals, alle geeigneten Flächen in der Stadt sollten plötzlich landwirtschaftlich genutzt werden", erinnert sich Norma. Die Phytomedizinerin ist ein alt gedientes Mitglied bei El Vivero. Sie konnte sich von Anfang an für die Idee begeistern. "Eigentlich waren auf der Freifläche zwischen den Hochhäusern Sportanlagen vorgesehen." Doch die schwere Versorgungskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erforderte besondere Maßnahmen.

Bis dahin hatte Kuba den Verbündeten Zucker geliefert und im Gegenzug Erdöl, Industrieprodukte und Lebensmittel erhalten. Das System und mit ihm auch die Agrarproduktion Kubas brachen zusammen. Verschärfend hinzu kam das Handelsembargo der USA. Es gab keinen Kunstdünger oder Pestizide. Was auf den Feldern reifte, konnte nicht in die Städte transportiert werden, weil der Treibstoff fehlte.

Urbane Landwirtschaft sollte die katastrophale Versorgungslage verbessern, organisiert in genossenschaftlichen und privatwirtschaftlichen Betrieben sowie in Gärten von Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Städtische Gärten schossen aber auch wild aus dem Boden von Brachen oder Parkplätzen, indem sich Nutzer einfach geeigneten Flächen aneigneten. Heute soll es auf der Insel urbane Gärten unterschiedlicher Größen auf einer Gesamtfläche von 50.000 Hektar geben. 70 Prozent des in Havanna konsumierten Gemüses wächst in der Hauptstadt. Der städtische Anbau auf der ganzen Insel produziert eine Million Tonnen Gemüse pro Jahr. Eine halbe Million Kubaner arbeitet in urbanen Gärten.

Der genossenschaftliche Betrieb von El Vivero zählt 170 Mitglieder. Fast 90 Prozent von ihnen wohnen so wie Norma in den Plattenbauten Alamars. Nicht alle arbeiten hier täglich - aber viele. Schließlich bewirtschaftet der Organiponico elf Hektar, auf denen knapp 250 verschiedene Pflanzen wachsen, von Kohl, Tomaten oder Bohnen bis hin zur glutenfreien Inka-Erdnuss. Am Verkaufsstand an der Straße herrscht reger Andrang. Täglich kaufen 1500 Menschen aus der Nachbarschaft hier ein, an den Wochenenden sind es doppelt so viele. Das freut die Genossenschaftler. Neben dem Grundgehalt erhalten sie eine Beteiligung am Gewinn, die nach der Dauer ihrer Mitgliedschaft variiert. Über die Höhe entscheidet die Vollversammlung, die auch über Neueinstellungen, Investitionen oder Anbaumethoden abstimmt. Trotzdem kommt wie überall auf Kuba auch hier niemand mit seinem Gehalt aus, selbst wenn es über den üblichen 20 Euro im Monat liegt, die ein Arzt, Lehrer oder anderer Staatsdiener verdient. Um so wichtiger ist für die Mitglieder, dass sie sich in dem Organiponico kostenlos mit Salat, Obst und Gemüse versorgen können. Und die Kunden profitieren von den einigermaßen niedrigen Preisen am Verkaufsstand von El Vivero.

Nicht alle Kubaner allerdings können sich die Lebensmittel aus den urbanen Gärten leisten. Viele hängen von den monatlichen Lebensmittelgutscheinen ab, die sie nur in den staatlichen Geschäften einlösen können. Dort ist Frisches nach wie vor Mangelware. Trotz großen landwirtschaftlichen Potenzials - theoretisch könnte sich jede der 15 Provinzen der Insel autark ernähren - hängt das Land zu sehr von Lebensmittelimporten ab. Schuld daran ist auch die immer noch starke Ausrichtung auf Zucker und Reis in großen Monokulturen.

Die Waren am Verkaufsstand von El Vivero kommen nicht nur auf kürzestem Weg frisch aus dem Beet, sondern sind auch noch biologisch produziert, ohne Verwendung von Pestiziden oder chemischem Dünger, wie in fast allen urbanen Gärten auf Kuba. Zwischen den Beeten blühen gelbe Tagetes-Blumen, Sorghum, Mais, Oregano oder Sonneblumen, um Insekten zu vertreiben oder anzuziehen und so die Schädlinge aus den Nutzpflanzen fernzuhalten. Wirksam gegen Schädlinge helfen auch Jauche aus Tabakrispen oder den Zweigen des Neembaums. Für die Bodenfruchtbarkeit sorgt Wurmkompost. In langen Kompostbeeten fressen sich rote Würmer durch Mist und Pflanzenabfälle. Jeder verdaut am Tag die Hälfte seines Köpergewichtes. Hinten heraus kommt ein äußerst wirksamer Dünger, der mit Reisspelzen und reifem Kompost vermischt auf die Beete gebracht wird. Das ermöglicht dem Team von El Vivero immerhin einen Ernteertrag von 20 Kilogramm pro Quadratmeter, trotz überwiegend händischer Bearbeitung und einem hohen Anteil an Salat.

Die biologischen Methoden waren zunächst eine reine Notlösung in der Periodo especial, wie die Katastrophe der 1990er Jahren genannt wird. Heute begreifen Produzenten und Verbraucher den Wert biologisch produzierter Lebensmittel. Einige städtische Bauern gehen sogar noch viel weiter in Sachen naturnaher Anbau als die Genossenschaftler von El Vivero.

So wie Rolando. Schwungvoll kommt er mit einer roten Jawa auf das Gelände seines drei Hektar großen Gemüsegartens El Cohon gefahren. Der 54-Jährige stellt den knatternden Motor ab, setzt den Helm vom Kopf und streicht sich über das kurze graue Haar. "Hier lag überall Müll herum", sagt er mit ausladender Geste. Vor fast 20 Jahren hat er mit seiner Frau Elizabeth das nur 20 Gehminuten von Alamar in Richtung Stadtzentrum gelegene Gelände an der Küste im Stadtteil Cojima übernommen. Der Rumpf eines Kutters zeugt von der alten Nutzung als Schiffsfriedhof. Rolando und seine Frau haben nicht nur den Müll weggeschafft sondern rund 30 Zentimeter fruchtbaren Boden auf das Grundstück geschüttet. Vier Jahre lang haben sie den Boden mit Mulch und Kompost aufgebaut.

Auf den ersten Blick sieht es in El Cohon chaotisch aus: In einem rostigen Container lagern Gartengeräte. Ein Haufen Kokosnussschalen wartet auf den Verfall. Pflanzen verrotten auf einigen brach liegenden Beeten. Und auf den Wegen zwischen den Beeten liegt zerquetschtes Zuckerrohr. "So verhindern wir eine zu große Verdichtung des Bodens und machen uns die Füße nicht schmutzig, zudem verrottet das Zuckerrohr und bringt Nährstoffe in den Boden." Auf engem Raum gedeiht eine möglichst große Vielfalt, die Natur soll ihre ganze Palette ausspielen, die Böden werden schonend behandelt. Wächst das richtige beieinander, sind Obst, Gemüse und Salat gegen Schädlinge und Krankheiten geschützt, gedeihen und schmecken gut. "Wir treten für eine gesunde und vielfältige Ernährung ein, viel zu viele Kubaner essen immer noch überwiegend Reis, Bohnen und Fleisch." Die Nachfrage ist da, und viele der urbanen Bauern wollen ihren Anbau ausweiten. Vorausgesetzt, die Öffnung Kubas beschert Havanna nicht einen Immobilienboom, der alle diese Gärten hinwegfegt wie ein Tropensturm.

Quelle: RP
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