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Köln
Adele Superstar

Köln. Die Sängerin trat zwei Mal vor insgesamt 32.000 Fans in Köln auf. Adele bot eine charmante und großartige Show. Von Philipp Holstein

Man betrat also die Halle, und man sah auf der mächtigen Leinwand hinter der Bühne die geschlossenen Augen Adeles in schwarz-weißer Großaufnahme; man erkannte die aufgeklebten Wimpern und den schwungvollen Amy-Winehouse-Lidstrich. Manchmal lief ein Zucken über die Haut unter den Augen, man schaute Adele beim Schlafen zu, aber bald schon ging das Licht aus, ein Lied begann, es war das eine Lied, das jeder kennt, und als sein Titel genannt wurde, öffneten sich die Augen auf der Leinwand - Adele war wach, und das Publikum schrie: "Hello".

Der Clou war, dass die echte Adele noch gar nicht auf der Bühne stand, jedenfalls nicht auf der Hauptbühne, sie wurde nämlich aus dem Boden auf ein kleines Podest mitten im Zuschauerraum gefahren, sie stand in einem langen, schwarzen Glitzerkleid da und schmetterte ihre Ballade, und nach jedem Refrain applaudierten die 16.000 in der Arena. Sie konnten es nicht fassen, und Adele schaute auf das eigene, überlebensgroße Augenpaar auf der anderen Seite der Halle und sang -im Duett mit ihren Klimperwimpern sozusagen: "Hello from the other side."

Der 28 Jahre alte Superstar aus Großbritannien gab zwei Konzerte in der ausverkauften Kölner Arena, und dieser erste Abend wurde umwerfend, triumphal geradezu. Kurz vor Ende des Eröffnungssongs raffte Adele das Abendkleid, um besser laufen zu können. Man sah ihre Ballerinas, und dann stieg sie von der kleinen Bühne und huschte durchs Publikum auf die Hauptbühne, und dort tanzte sie ihr Lied nach Hause und begann gleich ein neues, es heißt "Hometown Glory", und dazu ließ sie Aufnahmen vom Kölner Dom auf die Leinwand projizieren.

Adele inszenierte sich als Star zum Anfassen, buchstäblich, es war ein bisschen, als kehre jemand heim, der anderswo sein Glück gemacht hat, und jetzt erzählt er, was ihm passiert ist. Adele ist auf eine Weise Superstar, wie man selbst gerne Superstar sein würde, wenn man Superstar wäre, sie ist unsere Stellvertreterin im Pop-Olymp.

Bisher war sie selten live zu erleben, eine Tour brach sie aus Liebeskummer ab, eine andere wegen Problemen mit der Stimme. Schon vor dem Konzert spürte man deshalb Aufgeregtheit in der Halle, da bahnte sich etwas Besonderes an. Es waren auffallend viele Paare da, sie tranken Sekt für 4,50 Euro das Glas. Männer streichelten Frauen über den Rücken, Freundinnen warfen das Haar in Position, weil sie sich mit Selfiestangen fotografieren wollten, und zwischen den Großen hüpften Kinder, die das erste Mal in einem Konzert waren - das Mädchen mit dem Prinzessinnen-Kleid etwa und der Junge mit der Trainingsjacke des TuS 07 Liedberg. Es roch nach Parfüm und Nachos, nach Bratwurst und Prosecco, nach der Verheißung des Wochenendes.

Adele erzählte vor jedem Song Geschichten. Ob man das kenne, dass man jemanden aus seinem Leben verabschiedet habe, aber dann kehre er doch immer wieder zurück? Ja, riefen viele. "Jeder hat so jemanden", bestätigte Adele, manche Typen werde man nicht los. Sie lachte dreckig und ziemlich englisch, hä hä, und dann sang sie "Send My Love (To Your New Lover)".

Sie schwärmte von ihrem dreijährigen Sohn Angelo und sang "Sweetest Devotion". Und sie holte die zehn Jahre alte A'lia und deren Mama auf die Bühne. Adele wollte wissen, wo man in Köln so hingehen könne, und A'lia antworte: "I don't know." Woher sie denn komme, wollte Adele wissen, und als das Mädchen sagte, dass es aus Düsseldorf stamme, buhten einige, und Adele rief: "Shut up!". Was die Leute gegen Düsseldorf hätten, fragte sie, und weil es natürlich keine gescheite Antwort darauf gibt, empfahl sie: "Kommt darüber hinweg."

Irgendwann wurde die Leinwand eingezogen, dahinter thronte eine 20-köpfige Band in gediegenem Ambiente, es gab Streicher und ein Piano. Lampen schickten feine Lichtfäden in die Halle, sie verknüpften sich zu einem leuchtenden Gewebe, und Adele stand da und sang. Ihre Besonderheit ergibt sich auch aus dem Gegensatz zu anderen Künstlerinnen in der Champions League des Pop: Da schwärmen keine muskelgeölten Boys um sie herum, da bläst keine Windmaschine das Haar aus ihrem Gesicht, und sie veranstaltet keinen zweistündigen Work-out. Sie orientiert sich am klassischen Entertainment einer Barbra Streisand. Just Adele.

Sehr schön war der Akustikteil, Adele brachte das rührende Lied "Million Years Ago" zur Gitarre, und manchmal, wenn sie über verflossene Liebhaber sang, verzog sie ihr Gesicht und machte Gesten, die den Glamour und den Feinsinn brachen, das war dann East London, bierselige Britishness - jedenfalls war es sehr sympathisch, weil authentisch, und überhaupt kann sie sehr herrlich fluchen, und meistens sagte sie auch gleich "sorry".

Ihren frühen Hit "Chasing Pavements" sang sie wieder auf der kleinen Bühne, sie klatschte die Fans ab, als sie durch die Reihen ging. Das Lied war toll inszeniert: Adele hinter einem Gaze-Schleier, auf dem man sie per Videoprojektion in Schwarzweiß doppelte. Schließlich ließ sie es regnen, da kam echtes Wasser herunter, aber Adele stand im Trockenen und sang "Set Fire To The Rain". Ein letzter Höhepunkt war nach etwas mehr als zwei Stunden die letzte Zugabe: "Rolling In The Deep" im Konfettiregen, völlige Ekstase, totale Zuneigung. Beim Rausgehen sagte eine Dame zu ihrer Freundin, dass das alles aber sehr schön gewesen sei.

Ja.

Quelle: RP
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