Autorin Juli Zeh im Interview: "Amokläufer sind voll verantwortlich für ihr Tun"
zuletzt aktualisiert: 09.04.2010 - 17:37(RP). Juli Zeh über ihr Theaterstück "Good Morning, Boys and Girls", das am Samstag am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wird
Wenn ein Amoklauf geschieht, fragt die Öffentlichkeit bestürzt nach dem Warum. Wie lautet Ihre Antwort?
Zeh Ich habe über das Thema alles gelesen, was ich bekommen konnte. Doch je mehr man sich mit Amokläufern beschäftigt, desto klarer wird einem, dass es auf die Frage nach dem Warum keine eindeutige Antwort gibt. Das ist natürlich unbefriedigend, aber es gibt keine eindeutigen individual-psychologischen Ursachen, man muss die Gesellschaft mit in den Blick nehmen.
Auf welche üblichen Erklärungsmuster sind Sie denn gestoßen?
Zeh Es gibt so ein paar Stereotype. So wird immer gefragt: Aus welchem Zuhause kommt der Täter? Waren die Eltern geschieden? Wurde er misshandelt? Man sucht also in den Elternfiguren den Täter hinter dem Täter. Das ist aber eine Überbetonung der Elternschaft, die letztlich von der Verantwortung der Täter ablenkt. Viele Amokläufer kommen ja gerade aus heilen Familien, so entscheidend kann deren Rolle also nicht sein. Der zweite Reflex ist, zu fragen: Welche Musik hat der Amokläufer gehört? Hat er Gewaltfilme geschaut? Computerspiele gespielt? Aber auch das ist eine pauschale Schuldzuweisung.
Gerade hinter der Fassade einer heilen Familie können sich aber Abgründe auftun.
Zeh Wieso Fassade? Das ist genau die falsche Sichtweise. Wahrscheinlich trifft man bei jeder Familie auf Abgründiges, wenn man nur lange genug hinschaut. Das erklärt nichts! Dann wäre jeder Mensch ein potentieller Amokläufer. Nach 100 Jahren Freud sind wir zu sehr darauf fixiert, die Kindheit als Quell allen Übels anzusehen.
Bei Schul-Amokläufern ist noch nicht viel mehr geschehen als Kindheit.
Zeh Das halte ich für eine Fehleinschätzung. In unserer Gesellschaft werden 15-Jährige zu Unrecht behandelt wie kleine Kinder, man traut ihnen keinen eigenen Charakter zu. Aber Jugendliche haben durchaus genug Persönlichkeit, um eigenständig zu entscheiden, zum Verbrecher zu werden.
Manche Amokläufer verbinden ihre Taten mit Kapitalismuskritik – auch in Ihrem Stück. Was sagt das?
Zeh Diese Anflüge von Gesellschaftskritik, die Amokläufer in ihren Abschiedsbriefen oder Blogs äußern, sind Teil ihrer Selbstinszenierung. Sie spielen den Rächer, rekurrieren auf Hollywood-Filme, in denen einsame Kämpfer sich gegen das große Böse wehren. Einfach zu sagen, ich werde in der Schule gemobbt und die Mädchen wollen nichts von mir, ist wenig heroisch. Darum brauchen Amokläufer diese Inszenierung als Opfer des Systems. Doch sie bedienen sich nur eines Stereotyps. Im Kern sind ihre Verbrechen Nachahmungstaten. "Der Amokläufer" ist inzwischen eine festausgeprägte gesellschaftliche Rolle geworden, und in die schlüpfen die Täter hinein.
Im neuen Stück spielen Sie mehr mit Handlungsebenen und mehrdeutigen Figuren als noch in "Corpus Delicti".
Zeh Ja, das bot sich an, weil der Amokläufer ja in zwei Welten lebt: in der realen, in der er 15 Jahre alt ist, einen bürgerlichen Namen hat, und in einer fiktiven, in der er Kampfnamen trägt und sich in seinen Krieg als Rächer und Held hineinfantasiert.
Wie ein Künstler?
Zeh Das ist eine gemeine Frage. Formal ja, aber wenn man das so sagt, wird man öffentlich hingerichtet, wie der Komponist Stockhausen, der den 11. September ein Kunstwerk genannt hat. Aber wenn wir uns nur auf das Formelle beziehen, darauf, dass Amokläufer ihre Tat monatelang planen, fiktiv überhöhen und dann aufführen, dann ist das ein künstlerisches Vorgehen. Aber eben nur in der Inszenierung. Bei Kunst dürfen nach unserem Verständnis keine Menschen sterben, und so sehe ich das natürlich auch.
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