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Düsseldorf
Andreas Gursky - Poet und Bildverdichter

Düsseldorf. In der Kunstsammlung NRW hat der internationale Star der Fotografie eine persönliche Ausstellung eingerichtet. Erstmals setzt er seinen Bildern den Sound von DJ Richie Hawtin zu. 20 Werke sind zu sehen, darunter acht neue. Von Annette Bosetti

"Es ist ein zeitdiagnostisches Bild, ein erschreckendes, kein schönes." Die Qualitätsmerkmale schreibt Andreas Gursky einer seiner jüngsten Fotoarbeiten zu. Ein Wimmelbild aus der Warenwelt ist "Amazon, 2016", etwa zwei mal vier Meter groß, mit Tausenden Einzelteilen, die sich wie Pixel des Kaufrauschs lesen lassen. Die Überfülle an Konsumgütern ist Merkmal unserer Zeit, nicht minder die ausgetüftelte Distribution der gigantischen Marktführer.

Das Thema interessiert Gursky immer noch. So ist er nach Phoenix gereist, um ein Bild zu komponieren, das er im Kopf hatte: In der Versandabteilung des Online-Händlers durfte er ansitzen, frei agieren an einem Tag, als die Bänder nicht liefen. Er fotografierte Schicht um Schicht, Ausschnitte, zoomte, laborierte. Die so gewonnenen Einzelbilder bearbeitete er in seinem Studio nach, ein Prozess, der monatelang dauern kann. Dank verschiedener digitaler Verfahren erreicht er eine Verdichtung der Perspektiven, Vordergrund und Hintergrund sind scharf. Es sind langwierige Arbeitsschritte, in denen der Bildverdichter um das gültige Foto ringt. Am Ende hat er seine Arbeit fast leid, kann sie nicht mehr sehen. "Ich muss mich neu mit ihr anfreunden", sagt er. Was ihm meist gelingt.

Dies alles erzählt Andreas Gursky gestern auf der Pressekonferenz in Düsseldorf, in seiner Stadt, in der er lebt, lehrt, arbeitet und Einfluss nimmt als einer der international wichtigsten Künstler der Gegenwart. Bestimmt hundert Journalisten sind gekommen, darunter Fernsehsender und noch einmal so viele Fotografen. In die Kunstsammlung hat ihn die Direktorin zur Soloschau eingeladen, etwa 20 große und kleinere Formate werden gezeigt, darunter acht neue. Einige treten in den Dialog zu den Meisterwerken der Sammlung. Da trifft Gurskys Aufnahme vom Mediamarkt in Neuss auf Dan Flavins Arbeit aus rosa Leuchtröhren. Sein goldglänzendes Bild "Katar" fängt sich in der mehrteiligen Installation von Joseph Beuys', "Palazzo Regale". Die Kunstsammlung wurde zur Wirkstätte des Fotografen.

Für ihn sei es ein ganz besonderer Moment, sagt er, und dass er bis zum Vorabend noch Bilder umgehängt hat. Ackermann erzählt von ihrer Begegnung, die Impulsgeber der Ausstellung ist. Fast zehn Jahre ist es her, dass sie und Gursky über Abstraktion ins Gespräch kamen. Ackermann brachte dabei Kandinsky ins Spiel, der zehn abstrakte Meisterwerke schuf. Gursky hatte die Abstraktion in der Fotografie längst vorangetrieben und ebenfalls seine Werke mit römischen Ziffern versehen. Über die Grade und Formen der Abstraktion tauschte man sich aus und über die Spannung zwischen Malerei und Fotografie. Aus diesem Dialog ist das Thema der Gursky-Ausstellung entstanden. Erst sollte das Wörtchen "abstrakt" in den Titel, daraus wurde aber "Andreas Gursky - nicht abstrakt". Weil seine Bilder nicht abstrakt sind. Darauf legt er Wert. "In letzter Instanz sind sie immer identifizierbar. Die Fotografie kann sich nicht vom Gegenstand lösen."

Was also hat Gursky mitgebracht und für das Publikum aufgebaut? Er hat kapitale Bilder seiner 35-jährigen Ausstellungstätigkeit gehängt. Beim Eintritt fängt der "Rhein" den Blick, kein Flussbild, sondern eine Paraphrase des Stroms, die weltberühmt geworden ist und auf dem Kunstmarkt mit 3,1 Millionen Euro einen unglaublichen Preis errungen hat. Und er setzt das goldglänzende Bild "Katar" in Szene, Sinnbild des Schatzes und des Kapitalismus.

Aus Baden-Baden wurde eines seiner vier Kanzlerbilder entliehen, Helmut Schmidt lebte noch, als es entstand. Der kürzlich verstorbene Alt-Kanzler sitzt mit Merkel, Kohl und Schröder vor einem roten Farbfeld-Gemälde von Barnett Newman. Die Kanzlerriege kehrt uns den Rücken zu, über Schmidt sind Rauchschwaden. Ein deutsches Requiem ist es schon jetzt.

Ganz neu hat Gursky ein Bild von Jackson Pollock fotografiert, nüchtern setzt er es in einen Passepartout. Sehr klein ist eine Bilduntersuchung ausgefallen, ein Stück von Van Goghs Weizenfeld. Gursky wollte wissen, wie sich die Materialität von Öl auf Leinwand verhält und was beim Foto-Akt davon bleibt.

Ein Masterpiece ist die gemäldegleiche Arbeit "Les Mées" aus diesem Jahr. Das Auge ist beschäftigt, Strukturen zu erkennen von Sonnenkollektoren, die sich brutal in eine romantische Landschaft schmiegen - Ausdruck von Zeitkritik? Gursky will nicht urteilen. "Ich bin kein Gesellschaftskritiker." Und doch ist jedes Bild ein Statement. Er spricht von Lieblingsbildern, den Tulpenfeldern etwa, Tausende Pflanzen ins Raster, in Serie gebracht. Schön ist das. Und dann die Toten Hosen, die Ernüchterung nach dem Konzert, wilde Gesten mit Licht verquirlt, seine Musiker-Freunde Breiti & Co. in Unschärfe animiert, in Ekstase versetzt. Um sein Brennen für seine Zeit noch zu verdeutlichen, hat Gursky Soundinstallationen bei DJ Richie Hawtin bestellt. Wo Worte versagen, um Bilder zu beschreiben, wirkt die Musik.

Quelle: RP
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