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Serie Junge Künstler Im Rheinland (3)
Apokalyptische Landschaften

Düsseldorf. Die Düsseldorfer Künstlerin Anna Vogel hat bei Thomas Ruff und Andreas Gursky studiert. Verfremdend setzt sie fotografische Motive neu zusammen. Eines ihrer Themen sind Erinnerungen, die verloren gehen. Von Bertram Müller

Anna Vogel fotografiert nur dann, wenn sie die benötigten Motive nicht im Internet findet oder selbst am Computer erschaffen kann. Die Details solcher Vorlagen sind zweitrangig, denn unter den Händen der Düsseldorfer Künstlerin verändern sich Motive gefundener Landschaften bis zur Unkenntlichkeit. Sichtbar sind oft nur mehr flackernde horizontale Linien. Rein mathematische Geometrie ist Anna Vogels Sache nicht. Ihre unregelmäßigen Linien erscheinen wie Lebenslinien - Erinnerungen, die allmählich verloren gehen.

Mit solcher Kunst, die am Computer, vor allem aber am Zeichentisch in Handarbeit entsteht, hat sich die 34-jährige Künstlerin bereits einen Namen gemacht. Sie hat bei Thomas Ruff, Christopher Williams und Andreas Gursky an der Düsseldorfer Akademie studiert, bekam 2012 den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Bildende Kunst und 2013 das dhsc-Stipendium des Düsseldorfer Kunstvereins. Sie stellte in den Galerien Conrads, Sprüth-Magers und im Schmela-Haus der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW aus und ist bis zum 4. Oktober innerhalb einer Gruppenschau im Museum Marta Herford zu Gast. Vom 5. Dezember an wird sie im Kunstverein Recklinghausen neue Werke vorstellen.

Zur Kunst fühlte sich Anna Vogel erst spät berufen. Sie zählte nicht zu denen, die schon als Kind durch Malen und Modellieren auffielen oder sich durch Bildbände arbeiteten. Stattdessen interessierte sie sich für die Schwarzweißfotografie ihres Vaters, lernte in ihrer Jugend in einem Dorf in Süddeutschland einen Fotografen kennen und eignete sich bei ihm die handwerklichen Grundlagen seiner Profession an. Als sie sich an der Kunstakademie Düsseldorf bewarb und sofort aufgenommen wurde, war sie überrascht. Aus heutiger Sicht sagt sie dazu: "Ich war naiv, wusste nicht, was da auf mich zukommen würde." Und: "Ich musste erst mal ganz viel über Kunst lernen." Sie landete in der Klasse Thomas Ruff, wechselte zu Andreas Gursky und fand in ihm ihren wahren Lehrer: "Da habe ich erst richtig losgelegt." Vorher habe sie viel beobachtet, Gursky aber habe geweckt, was in ihr steckte, und ihr das Gefühl vermittelt: Das, was ich mache, ist schon mal nicht falsch.

Was Anna Vogel interessiert, war von vornherein nicht das Aufnehmen von Wirklichkeit mit Hilfe einer Kamera, sondern das Verfremden bereits vorhandener Fotos. Schon als sie kleinformatige Landschaften zu collagieren begann, hatte sie aufgehört, selbst zu fotografieren. Sie übermalte und bekratzte fotografisches Material und schuf solchermaßen um die Jahreswende 2012/2013 eine Serie apokalyptischer Szenen, in denen rote Nebelschwaden über verödeten Landschaften aufsteigen. "Ignifer", Feuerträger, lautet der Titel dieses Zyklus. Die Sonne dringt nicht mehr durch das Dickicht der Wolken, Schlieren ziehen sich wie eine Bildstörung über die bewaldeten Hügelketten.

Später stellte Anna Vogel in der Düsseldorfer Galerie Conrads ihre neue Werkgruppe "Strategie für Trabanten" vor. Dafür griff sie dann doch wieder zur Kamera. Die Bilder zeigen rätselhafte Zwitterwesen. Helme werden zu glatten eiförmigen Objekten im Schwebezustand, kopflose menschliche Körper erscheinen durch glänzende Schutzanzüge verfremdet und formieren sich zu einem galaktischen Ballett. Was Anna Vogel an solchen Inszenierungen reizt, sind die Atmosphäre und zugleich die Frage, wie wir Dinge wahrnehmen. Ihre Bilder öffnen eine Ebene jenseits der Zeit. Man mag darin seine Erinnerungen spazieren führen oder einfach das Vergehen der Minuten spüren.

Fragt man sie in ihrem Atelier in Düsseldorf-Flingern nach Künstlern, die ihr etwas bedeuten, so nennt sie neben ihrem Lehrer Gursky die lettische Malerin Vija Celmins, deren Werken sie vor vier Jahren im Kölner Museum Ludwig begegnete, die US-amerikanische Malerin Agnes Martin (1912-2004), auf deren ungegenständliche Bilder sich zurzeit auch zahlreiche andere Künstler berufen, und Gerhard Richter. Er hat mit seinem Werk auch Anna Vogel gezeigt, wie viel Neuerung vom Medium Fotografie noch immer zu erwarten ist.

Die Serie im Überblick

Teil 1: Tobias Nink: Möbel werden zu Figuren

Teil 2: Louisa Clement: Kunst aus Giftgas

Teil 3: Anna Vogel: Apokalyptische Landschaften

Quelle: RP
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