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Aufsteiger der Saison

Der Autor Philipp Winkler hat gerade erst seinen Debütroman "Hool" veröffentlicht und ist schon für den Deutschen Buchpreis nominiert. Von Klas Libuda

Ist sicher so, dass dieses Buch vielen gar nicht gefallen wird, die es nun kaufen, seitdem alle über Philipp Winkler sprechen und über seinen ersten Roman "Hool". Das Buch nämlich beginnt in medias res, es geht also gleich heftig zur Sache, die Hannoveraner treffen sich mit den Kölnern, irgendwo bei Olpe in der Pampa, und Heiko wärmt seinen Zahnschutz auf, aber "keines dieser Billo-Teile aus Massenproduktion", sondern "ein Top-Ding", sagt er. Heiko ist der, wenn man so will, Held dieser Geschichte, er ist mit Leuten unterwegs, die Ulf, Axel und Jojo heißen und deren Leben der Kampf ist. "I was born fucking ready", sagt sein Kumpel Kai, dann ziehen sie los in die Schlacht. "Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander." Drei Seiten später sind nur noch die Niedersachsen auf den Beinen. Die Kölner liegen erledigt am Boden.

"Hool" erzählt von einer Welt, in die man lieber nicht geraten möchte, von Fußballhooligans nämlich, von Menschen, die vor allem während Welt- und Europameisterschaften schlechte Nachrichten produzieren, aber sonst weitestgehend von der Bildfläche verschwunden scheinen, weil sie sich in der Zwischenzeit vornehmlich klandestin verabreden, zum Beispiel irgendwo bei Olpe. Der Autor Philipp Winkler hat diesen Roman über ein von der Literatur bislang unbeachtetes Milieu geschrieben, über Menschen, deren Beweggründe kaum zu verstehen sind. "Gäbe es eine Tür zur Szene, sie wäre fensterlos, stabil, hätte an der Außenseite keine Klinke", schrieb Winkler nach den Ausschreitungen bei der EM in einem Gastbeitrag für die "FAZ". Seit sein Roman erschienen ist, fragen sich viele, warum der Autor sich da eigentlich so genau auskennt, auch weil Winkler seinen Ich-Erzähler kräftig austeilen lässt, mit Fäusten, aber auch mit den richtigen Worten. Das wirkt alles hammerhart und irgendwie authentisch. Sollte "Hool" eines Tages verfilmt werden, dann bitteschön wackelig mit Handkamera.

Die Frage, ob das alles echt erlebt sei, könne er "eigentlich nicht mehr hören", sagt Philipp Winkler, finde sie aber "völlig legitim. Ich bin Debütautor, die Leute wissen noch gar nichts über mich."

Winkler kommt aus Hagenburg bei Hannover, also daher, wo sein Roman spielt, er ist 30 Jahre und Fan von Hannover 96, aber findet auch Bremen gut - das geht eigentlich gar nicht. Er kennt Leute aus der Fanszene von "96", auch "Ultras", die man aber nicht mit Hooligans verwechseln sollte. Winkler sollte man auch nicht für einen Gossenpoeten halten, er ist keiner, der sein Buch in drei Wochen im Vollrausch autobiografisch runtergepinnt hat. Er hat sich erst einmal an der Uni Hildesheim zum Schriftsteller ausbilden lassen und wohnt nun in Leipzig, weil dort seine Freundin lebt und er sich bei den dortigen Mieten ein Atelier leisten kann, sagt er. Er hat vier Jahre am Roman gearbeitet und "ein halbes Jahr recherchiert, bevor ich überhaupt ein Wort geschrieben habe". Seine Danksagung am Romanende gilt denn auch "Herrn Gleitze und Herrn Watermann". Der eine ist Fanbeauftragter der Hannoveraner Polizei, der andere vom Fußballverein.

Nun hat es Winkler aus dem Stand auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft, mit Autoren wie Bodo Kirchhoff und Thomas Melle, der schon zweimal nominiert war. Der Jury gefiel, dass Winklers Roman "nichts verherrlicht", dass er "hart ist, traurig und manchmal auch komisch". Eigentlich gehört Winkler allein dafür ausgezeichnet, dass er das Wort "Billo" in die deutschsprachige Literatur eingeführt hat. Für Eingeweihte heißt das soviel wie billig.

Es werden Leser über diese Sprache stolpern, über diesen Neo-Naturalismus, aber der ist wichtig, weil "Hool" eigentlich nicht nur von den Hooligans erzählt, sondern vom Mitte-20-jährigen Heiko Kolbe und mit seinen Worten von den Umständen, in denen er in die Welt geraten ist. Von der Mutter, die die Familie einfach so verlässt - "Mach's gut, Heikolein" -, vom Vater, den er an den Alkohol verliert, von den Freunden, die sich irgendwann mal von der Szene lossagen wollen, außer Heiko. Heiko hat sonst nichts. "Ich habe null", sagt er. Das ist ganz schön bitter.

An den Hooligans hätte ihn die Frage fasziniert, "warum das Leute machen", sagt Winkler. Heiko fühlt bei den Aufeinandertreffen "Helium in der Bauchgegend". "Aus literarischer Sicht fand ich die Dynamiken und Hierarchien in dem Milieu spannend", sagt Winkler. Für Heiko sind die "Hools" der letzte Halt vorm Erwachsenwerden.

Philipp Winkler, Jahrgang 86, ist ja gerade selbst 30 geworden, er hat also die magische Schwelle überschritten, danach geht es ja schon stramm auf die 40 zu, also irgendwann tatsächlich mal aufs allerhärteste Erwachsenenleben. Schlimm gewesen sei der 30. nicht, sagt Winkler, allein eins stört ihn: Er hat sich vorgenommen, zum Geburtstag mit dem Rauchen aufzuhören. Daran aber ist gerade nicht zu denken, sagt er, "total unmöglich". Zurzeit ist einfach zu viel los. Er hat eine Woche ohne Zigaretten ausgehalten.

Quelle: RP
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