Im KZ spielten sie um ihr Leben: Auschwitz-Oper in Gladbach löst Diskussionen aus
VON SEBASTIAN FELDMANN - zuletzt aktualisiert: 14.09.2006 - 18:30Düsseldorf (RP). Am Samstag wird die Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“ im Theater Mönchengladbach uraufgeführt. Ein Buch gibt Auskunft darüber, wie es damals wirklich war. Im Mittelpunkt steht die Geigerin Alma Rosé, die das Ensemble leitete.
Das Frauenorchester von Auschwitz wurde verschiedenartig genannt: Mädchenorchester von Auschwitz, auch Frauenorchester von Birkenau und Mädchenorchester von Birkenau. In der Tat war sein Sitz das zu Auschwitz gehörende Nebenlager Birkenau. Zur Verwirrung trägt ebenfalls bei, dass es in Auschwitz selbst auch noch ein Männerorchester gab.
In fast allen Konzentrationslagern gab es Orchester. Auschwitz hatte schon ab Januar 1941 das Männerorchester; das Frauenorchester wurde 1943 gegründet und existierte praktisch bis zum Anmarsch der Roten Armee.
Die Aufgabe von KZ-Orchestern war in erster Linie durch Kultur und Unterhaltung die Stützung der guten Laune bei den SS-Schergen. Der Besitz eines KZ-Orchesters gehörte sozusagen zum guten Ton. Neben den bereits erwähnten Orchestern gab es in Auschwitz noch weitere: nämlich in den Lagern Monowitz, Golleschau und Blechhammer.
Die SS bei Laune halten
Über die Aufgabe hinaus, die SS bei Laune zu halten, gehörte es zu den Orchester-Aufgaben, die Ankömmlinge aus den Waggons an der Selektions-Rampe zu empfangen. Die Musik diente zu deren Beruhigung und Ruhigstellung. Die Ankömmlinge sollten glauben, dass es im Lager schon nicht so schlimm sein werde, wenn da eine Musi spielt. Für die meisten der Ankömmlinge waren es freilich die letzten musikalischen Töne ihres Lebens, bevor sie „ins Gas“ geschickt wurden.
In der ersten Zeit waren Juden in den Orchestern nicht zugelassen. Da aber der Bedarf immer größer wurde, ebnete man auch den Juden den Eintritt. Im Frauenlager Auschwitz-Birkenau wurde sogar eine Jüdin die Orchesterleiterin und Dirigentin: Alma Rosé; dazu später.
Die Musikerinnen waren ein wild zusammengewürfelter Haufen aus aller Herren Ländern. Wenige Berufsmusikerinnen mischten sich mit vielen Laien. Für alle aber war es ein unglaubliches Glück, ins Orchester aufgenommen zu werden: Das Essen war besser, die Kleidung, die Unterkunft, das Ansehen bei der SS. Und Frau Rosé fand auch noch einen wunderbaren Trick, Frauen, die nicht gut genug spielen konnten, zu halten: Sie beschäftigte sie als Noten-Kopistinnen, die das rare Notenmaterial abschreiben durften. In der Tat war die Überlebenschance für Orchestermusikerinnen und -musiker in allen Konzentrationslagern besser als für die zwangsarbeitenden Insassen.
Alma Rosé war eine damals berühmte Geigerin; Nichte von Gustav Mahler und Tochter des jahrzentelangen Primarius der Wiener Philharmoniker, Arnold Rosé. 1930 heirateten Váa Píhoda, ein noch berühmterer Geigenvirtuose - ein Böhme -, und Alma in Wien. Die Ehe wurde aber 1935 geschieden.
"Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas"
Alma tourte mit ihrem berühmten Orchester „Wiener Walzermädeln“ durch Europa bis zum „Anschluss“ Österreichs. Sie emigrierte mit ihrem Vater nach London, reiste aber nach Holland, wo sie viel auftrat, bis die Deutschen die Niederlande eroberten. Da tauchte sie unter, wurde dennoch verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Als sie, im Argwohn, ermordet zu werden, noch einmal ihre Geige spielen wollte, wurde eine Lagerleiterin auf sie aufmerksam, schickte sie nach Birkenau.
Als Orchesterleiterin dort war sie ziemlich streng. „Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas“, stellte sie fest. Die Frauen spielten buchstäblich um ihr Leben. Und was? Anspruchsvolles von Bach über die Klassiker bis zur Operette. Dazu auch Märsche sowie eine Art von den Nazis gerade noch genehmigten Schmuse-Swing.
Als Alma am 5. April 1944 starb - absurderweise vermutlich an einer Lebensmittelvergiftung -, hatte sich der berüchtigte KZ-Arzt Dr. Josef Mengele noch um sie gekümmert. Sie wurde - einmaliges Privileg - sogar feierlich aufgebahrt, so dass die Musikerinnen von ihr Abschied nehmen konnten. Selbst die SS gab ihr die Ehre.
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